30.07.1990

Der wilde Hund von Reichenhall

Unter den bayerischen Volkshelden ist er einer der komischsten, ein "Kasperl" eben, wie er manchmal selber von sich sagt. Wenn er aber gesenkten Hauptes im donnernden Beifall seiner Zuhörer zum Mikrofon hinschlurft, wenn er die Gitarre vor dem mageren Leib zurechtrückt und wartet, bis das Pfeifen und Grölen im Saal aufhört, versucht er, so ernst und unbeeindruckt auszusehen, wie er nur kann. Hans Söllner mag keine Siegergesten mit erhobenem Arm und verkneift sich auch das Grinsen der Polit-Tribunen.
Der Jubel noch vor dem ersten Wort scheint den Sänger nur zu irritieren. Weil sein glühendster Verehrer auch dann noch weitermacht mit dem Geschrei, als die anderen ringsum verstummt sind, blafft der Liedermacher den Fan von der Bühne herab mit boshafter Aggressivität an: "Bist du prall, oder was ?"
Der Schreihals ist blamiert, der Saal tobt vergnügt, und der Söllner Hans hat es mal wieder allen gezeigt. Er ist ein Schwieriger, das wissen die Anhänger, und so ist das, was sich hier an einem Sommerabend in der Münchner Vorstadt abspielt, der ganz normale Auftakt eines gewöhnlichen Söllner-Konzerts. Nach einer vergleichsweise artigen Begrüßung, die auch alle im Raum anwesenden Zivilpolizisten freundlich einschließt, jene "Herren, die ihre Uher-Tonbandgeräte immer unterm Jackett verstecken", berichtet Söllner von seinem letzten Auftritt vor Gericht.
Ob er noch was zu sagen habe, wurde er da gefragt, und seinem Einwand "Ich kann aber kein Hochdeutsch" begegnete der Richter mit dem legeren Satz, das mache nichts. "Ja", habe er da gesagt, "aber genau deshalb sitz' ich ja hier, Herr Richter!"
Der Lacherfolg dieser Anekdote ist groß, die Stimmung im Bürgerhaus zu Unterschleißheim, einer postmodernen Kulturscheune mit rustikalem Dachgebälk, ist trotz Bierverbots eines bayerischen Volksfestes würdig. Ist der Liedermacher, dessen Konzerte "über ein Jahr lang" (Söllner) von der Polizei observiert wurden, eine verfolgte Unschuld? So ganz wohl nicht, denn nach dem eher harmlosen Vorgeplänkel legt der Künstler richtig los. Zunächst geht es gegen seinen Lieblingsfeind, "den Gauweiler, kennt's ihr den?" So wie der CSU-Mann und einstige Strauß-Zögling die Schwulen mit seinen Aids-Maßnahmen drangsaliert habe, vermutet Söllner, sei der wohl selber ein "verkappter Homosexueller" und ein "Asozialer" noch dazu. Nicht verschont bleiben im weiteren Verlauf auch Norbert Blüm, Thomas Gottschalk und Helmut Kohl; "blöde Sau" ist noch eines der zaghafteren Schimpfwörter aus Söllners Repertoire.
Ein Bayer sieht rot: Hans Söllner, 34, dem Bauarbeitersohn aus Bad Reichenhall, wird auch von Freunden nachgesagt, daß er "ein Wahnsinniger" sei. Einer, der seine Zunge nicht im Zaum halten kann. Doch die große Wut des Söllner Hans, so scheint's, zahlt sich aus: Denn sie hat dem Liedermacher nicht nur diverse Gerichtsverfahren eingebracht und die regelmäßigen Konzertbesuche diensttuender Polizisten, sondern ihm auch einen Kult-Status beschert, von dem der leidlich auf der Gitarre schrubbende Unterhalter in nachdenklicheren Minuten sagt, daß "es mir selber manchmal ganz unheimlich wird bei soviel Leuten vor der Bühne".
Ein "Phänomen" nennen verblüffte Kritiker den plötzlich so erfolgreichen Primitiven, und ein genialischer Volksmaulheld ist er tatsächlich, ein proletarischer Großkotz der unverschämtesten Sorte. Söllner ist ordinär, ungerecht, manchmal auch dumm - aber er verhilft dem unbestimmten Zorn seiner Anhängerschaft zum Ausbruch.
1600 Zuhörer hat er kürzlich in Rosenheim gehabt, und 3500 waren es vor wenigen Wochen in München beim "Tollwood"-Festival - für einen aus der stagnierenden Liedermacherzunft eine erstaunliche Resonanz. Doch mit dem ehrbaren Handwerk so altgedienter Klampfbarden wie Franz Josef Degenhardt und Hannes Wader hat der Erfolg des süddeutschen Wüterichs wenig zu tun, mit der sanft aufklärerischen Kabarett-Tradition Dieter Hildebrandts oder Hanns Dieter Hüschs verbindet ihn nichts. Auch sind die Zuhörer, die zu Söllners Auftritten in Zelten, Wirtshaushinterzimmern und Gemeindehäusern kommen, kaum identisch mit dem typischen Kleinkunst-Publikum aus der sozialdemokratisch-alternativen Kuschelecke. Nicht Lehrer und Studenten, sondern Schüler und Lehrlinge drängeln sich vor der Bühne.
"Die mögen mich, weil ich das aussprech', was die meisten sich nicht sagen trauen", glaubt Söllner, und daß er "ein wuida Hund" sei, der sich "was traut", ist denn auch das gewichtigste Argument seiner Bewunderer. Konzertbesucher Franz, gerade mit der Spenglerlehre fertig, trägt einen spärlichen Schnauzbart im Gesicht und schwere Westernstiefel mit knallenden Absätzen zur Blue jeans: "Der Söllner sagt halt das, was wahr ist, sonst hat keiner den Mut." Nur die Nummer im bayerischen Traditionsbeinkleid solle sich der Liedermacher besser sparen, "denn der paßt in keine Lederhosen".
Dem Idealbild des Paradebayern aus den Prospekten der voralpenländischen Fremdenverkehrswerber ist Söllners Äußeres nun wirklich ziemlich fern. Die langen, dunkelblonden Haarzotteln trägt er auch auf der Bühne so verstrubbelt wie im wirklichen Leben, das kräftige, weit vorspringende Kinn ist schon seit Tagen nicht rasiert, am Leib trägt er ein gründlich zerknautschtes Unterhemd und eine ebensolche Hose.
Daheim in Reichenhall, berichtet Söllner den Zuhörern, nennen sie ihn oft einen "Schmuddel", "Penner" oder "Asozialen" (ein Lieblingswort des Liedermachers), und das Lederhosen-Tragen möchten sie ihm schlicht verbieten: Weil er auf dem Cover seiner jüngsten Platte "Hey Staat!" in einer Lederhose mit dem Wappen des heimischen Trachtenvereins "Marzoll" posiert, möchten die Brauchtumsfunktionäre ihn vor Gericht zitieren. Dabei sei schon sein Großvater in diesem Verein aktiv gewesen, klagt Söllner, "wenn ich seine Hose trage, ist das mein gutes Recht". Weshalb er sich auf der Bühne erst mal aller Kleidung entledigt, um zu demonstrieren, wie er auftreten müßte, wenn sie ihm das Hosentragen verböten - der bayerische Wilde als Stripper, eine Lachnummer, in der Hans Söllner den illegitimen Enkel des Brachialclowns Jango Edwards mimt.
Daß er sich vor gerichtlichen Auseinandersetzungen nicht fürchten muß, ist dem Liedermacher Söllner längst klar. Denn die bayerische Justiz hat seinen Ruhm zwar nicht begründet, aber doch nicht unwesentlich befördert. Immer wieder wurde er wegen Verbalinjurien verdonnert, den Refrain seiner "Politessen-Hymne" läßt er mittlerweile vom Publikum allein singen, "weil mich das jedesmal 400 Mark kostet". Zuvor zitiert er aber, das ist juristisch zulässig, aus den Prozeßakten: "Mama, ziag die Schürzn aus", beginnt der Reim, und er endet mit der Behauptung, "bei unserer Polizei" seien "scho Blödere" etwas geworden.
Subtil ist Söllners Humor nicht, doch diesen Mangel ersetzt der Mann durch Grobheit und Direktheit. Das Münchner Amtsgericht etwa würdigte im Dezember 1988 einige Söllner-Auftritte mit einem Strafbefehl über 15 000 Mark, da er auf der Bühne unter anderem gesagt habe: "Der Gauweiler sieht so aus, als ob wir die Reichskristallnacht noch vor uns hätten." Auch habe der Liedermacher Söllner den bayerischen Ministerpräsidenten Strauß zu dessen Lebzeiten einen "dreckigen Faschisten" geheißen. Auf sechs Schreibmaschinenseiten stellt der Strafbefehl den Unflat des Barden zusammen, und apodiktisch heißt es: "Da sich der beleidigende Inhalt dieser Äußerungen bereits aus deren Form ergibt . . . können Sie sich nicht auf das Grundrecht der Kunstfreiheit nach Art. 5 GG berufen."
Genau das aber taten Söllner und sein Anwalt natürlich: Sie argumentierten mit dem Artikel 5 des Grundgesetzes und wollen, so der Liedermacher, "notfalls bis zum Verfassungsgericht". Zwar hatte sich das Amtsgericht nach Söllners Einspruch gegen den Strafbefehl noch mit einer Verwarnung begnügt, doch in zweiter Instanz wurde die Strafe vom Landgericht München auf 8400 Mark festgelegt, der Rechtsstreit läuft weiter. Es gehe nämlich "ums Grundsätzliche", weiß Söllner mittlerweile, auch ahnt er: "Wenn die vorher gewußt hätten, was sie sich mit dem Prozeß einhandeln, hätten sie's wahrscheinlich bleibenlassen."
Denn kaum hatten die Münchner Staatsanwälte den Kleinkünstler Söllner ins Visier genommen, da solidarisierten sich Kollegen und Freunde mit dem wilden Mann aus Reichenhall. Szene-Größen wie Gerhard Polt und Dieter Hildebrandt, Georg Ringsgwandl und Herbert Achternbusch unterzeichneten einen Aufruf, in welchem der Strafbefehl gegen Söllner als Demonstration "hirnloser Macht" bezeichnet wird, und verlangten "die Aufhebung der Zensur gegen die Auftritte von Hans Söllner". Die Süddeutsche Zeitung sekundierte, indem sie ihre Leser in der Kunst landesüblicher Interpretation unterwies: "Wer meint, Lieder seien schon deshalb obszön, weil in der Nachbarschaft der Politiker, Pfaffen und Polizisten textlich vorzugsweise Arschlöcher und Drecksäue wohnen, der hat noch nie den feinen Gesang der Axt beim Scheiterspalten vernommen."
Die bayerischen Rechtspfleger haben dem Liedermacher Söllner das Selbstwertgefühl entschieden gestärkt. Daß er "ein Wilderer" sei und somit dem legendären Wildschütz Jennerwein nicht unähnlich, das hat sich Hans Söllner schon immer zugute gehalten, seit er, zwölf Jahre ist's her, zum erstenmal auf eine Bühne gestiegen ist. Das war in der "Liederbühne Robinson", einem mittlerweile verblichenen Münchner Musiklokal, und der Sänger erinnert sich daran, daß er damals "total versagt" habe: "Ich hab' keinen Text auswendig gekonnt und konnte nicht anständig Gitarre spielen, gerade drei Griffe."
Im Grunde sind solche Mängel bis heute nicht behoben, noch immer bekennt Söllner auf der Bühne, er könne zwar "nicht Mundharmonika spielen, aber es paßt gut dazu", und mit der Gitarre verhalte es sich ähnlich, "doch das macht ja auch nichts". Überhaupt sind seine musikalischen Qualitäten nicht das Wichtigste an seinen Konzertauftritten, auch sein mit roher, manchmal meckernder Stimme vorgetragener Gesang ist es nicht.
Wichtiger sind seine gesprochenen Zwischentexte, die er mit großer Geschwindigkeit herausschleudert, als fürchte er, man werde ihn nicht ausreden lassen. Da schimpft er dann über die Politiker, über "Matschrüben" und "Grattler", die "unser Geld" an "die DDRler" verschleudern, statt es "an alle Asylanten, auch die aus Afrika" zu verteilen.
Und er erzählt von seiner Abneigung gegen bayerisches Bier und andere harte Drogen, wogegen er "ab und zu ganz gern a Marihuana" rauche. Das Lied vom "Marihuana-Baam", das einerseits von der Reggaebegeisterung des regelmäßigen Jamaika-Besuchers Söllner kündet und zum anderen die (fiktive) Geschichte eines bejahrten Liedermachervaters erzählt, der die Freuden des "Gras"-Rauchens entdeckt hat, gehört zu Söllners populärsten Hits.
Die Wege, auf denen das Liedgut des Reichenhaller Rebellen Verbreitung findet, sind verschlungen. Im Bayerischen Rundfunk jedenfalls, der aller CSU-feindlichen Umtriebe unverdächtig ist, spielt man seine Songs nur im Ausnahmefall. "Die Texte kursieren eben in Schulklassen und werden nachgesungen", vermutet Achim Bergmann, Chef der Münchner Plattenfirma "Trikont", wo Söllners jüngste Platte "Hey Staat!" aufgelegt wurde. 50 000 Exemplare hat Bergmann vom neuen Werk seines Schützlings bayernweit schon verkauft, "wenn man die Zahlen auf die ganze Bundesrepublik umrechnet, müßten wir längst eine Goldene Schallplatte haben". Dem allerdings steht entgegen, daß das Reichenhaller Idiom den Ohren norddeutscher Fans fast unzugänglich ist, selbst Söllners Kollege Ringsgwandl, der aus der gleichen Ecke Bayerns stammt, kultiviert da einen vergleichsweise hochdeutschen Dialekt.
Bergmann hat für die Schöpfungen des Liedermachers Söllner die schöne Gattungsbezeichnung "Bayerntrash" parat, was als Verweis sowohl auf die geographischen wie auch auf die ästhetischen Begrenztheiten des Künstlers verstanden werden darf.
Den Vorwurf mancher Kritiker, er reflektiere nicht, sondern spreche bloß aus, was sich "die anderen" denken, hält Söllner für ein Kompliment. Die dumpfe Wut der Sprachlosen, die resigniert an Wirtshaustischen brüten, will er artikulieren, "ich zieh' da droben auf der Bühne einen Stammtisch auf für zwei Stunden, nix anderes", sagt er, und darauf, "nur einen Volksschulabschluß" zu haben, sei er stolz.
Koch hat Hans Söllner nach der Schule gelernt, dann war er ein paar Monate bei der Bundeswehr und hat dort den Kriegsdienst verweigert, nach dem Zivildienst im Behindertenheim ging er noch mal in die Lehre als Kfz-Mechaniker. Mit dem Liedermachen verdient er mittlerweile so viel Geld, daß er sich einen "100 000-Mark-Mercedes" kaufen konnte, und mit der Story, wie er an einem heißen Sommertag in Reichenhall barfüßig beim Autohändler eintrat, um sein Cabrio zu kaufen, bestreitet er bei jedem Konzertauftritt eine bejubelte Viertelstunde.
Ein Streifen in den Reggaefarben rot, gelb, grün ziert Söllners schwarzen Luxusschlitten, und aus dem bordeigenen CD-Player pult er sein nächstes Opus heraus, eine bayerische Reggaeplatte von einem Trio namens "Bayerman Vibration" - "saustark", verspricht er, während er die CD-Scheibe dem Besucher überreicht. Warum er soviel Wert lege auf sein Gefährt, wieso er seinen Fans so ausführlich von dieser teuren Anschaffung erzähle? "Nur um zu zeigen: Jeder Depp kann so ein Auto fahren."
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 31/1990
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