22.10.1990

HochschulenProfessor mit Pappnase

Lothar Späth gründet in Mannheim die erste Show-Hochschule.
Die Einsicht kam nach einer Überdosis Schlager. Ein Dutzend Sangeskünstler wie Drafi Deutscher, Nicki und die Flippers hatten in der Böblinger Sporthalle vorgesungen und dafür die "Goldene Stimmgabel" bekommen, eine Art "Bambi" für das deutsche Liedchen.
Der mitleidende Lothar Späth spürte, daß im heimischen Schaugeschäft ein Mangel an gediegener Grundausbildung herrsche.
Der Stuttgarter Ministerpräsident gab sich darum aufgeschlossen, als er hernach im Hotel Bristol mit Moderator Dieter Thomas Heck und Stimmgabel-Trägerin Caterina Valente am Tisch saß und von einem langgehegten Valente-Wunsch hörte: einer eigenen Hochschule für Entertainer, Schlagersänger und Musical-Mimen.
Das war im September 1988. Jetzt ist das Projekt kabinettsreif: In Mannheim will Späth die erste deutsche Show-Hochschule einrichten.
Vergleichbare Ausbildungsstätten gab es bislang vorwiegend in privater Regie. Staatlich offerierte Unterhaltungsstudien sind nur an der Hamburger Hochschule für Musik und darstellende Kunst möglich, als dreiwöchige Crash-Kurse für angehende Popmusiker und Chansonetten, und vom nächsten Monat an in einem neuen "Studiengang Musical/Show" an der Berliner Hochschule der Künste.
Späths "nordbadische Vergnügungs-Uni" (Frankfurter Rundschau) will beides zusammenfassen und von Herbst 1991 an "eine regelmäßige grundständige Ausbildung für Musical- und Showberufe anbieten" (Kabinettsvorlage). 120 Studenten sollen in den Fächern "Show/Musical" und "Jazz/Pop" ausgebildet werden - mit Späths Duzfreundin Caterina Valente, 59, als Akademie-Direktorin.
Die Show-Diva, die 1937 in Stuttgart mit sechs Jahren ihr Bühnen-Debüt gab, gilt in Fachkreisen als Idealbesetzung. Niemand sonst, meint der Berliner Theaterwissenschaftler und Show-Forscher Wolfgang Jansen, 39, habe derzeit einen "solchen Überblick" über die Unterhaltungsszene und ähnlich weltläufige Erfahrungen. Eine Show-Schule, sagt Musical-Manager Bernhard Kurz, 39, dessen "Phantom of the Opera" seit kurzem in Hamburg läuft, sei "in Deutschland längst überfällig".
"Toll" findet auch der Düsseldorfer Künstler-Agent Siegfried Riese-Burghardt Späths Projekt samt Direktorin Valente. Burghardt, 48, der in seiner Kartei 30 000 Artisten vom namenlosen Clown bis hin zu Charles Aznavour führt, kritisiert indessen die Beschränkung auf Schlager und Musical. Weil Bedarf auch an Jongleuren und Bauchrednern bestehe, plädiert er für eine "Artistenschule, wo man alles lernen kann".
Die Schmalspur-Ausbildung an der Mannheimer Anstalt soll im ehemaligen Tulla-Gymnasium residieren und nur mit einem jährlichen Minimal-Etat von 1,3 Millionen ausgestattet werden. Das alles weckt denn auch den Argwohn, daß hier vornehmlich ein neuer Daseinszweck für entbehrliche Schulräume und ergrautes Lehrpersonal erwachsen soll.
Den Vertretern der seichten Muse verursacht die Artistenausbildung in einem staatlichen Schulbetrieb, die Heranziehung von Diplom-Entertainern oder staatlich geprüften Rockmusikern, womöglich promoviert ("Dr. pop."), ein leichtes Frösteln.
"Ich finde so was eher tödlich, wenn das so 'nen staatlichen Touch kriegt", sagt Holger Klotzbach, 44, Mitglied des Anarcho-Kabaretts "Die 3 Tornados" und Mitinhaber des neuen Berliner Unterhaltungsetablissements "Quartier".
Klotzbach wittert eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für marktferne Lebenszeit-Lehrkräfte: "Das ist dann so was für verknöcherte Professoren, die setzen sich 'ne Pappnase auf und machen 'ne Schule für Clowns." o

DER SPIEGEL 43/1990
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