30.07.1990

SerienmörderFleischwolf im Zimmer

Überdurchschnittliche Intelligenz, Hang zu Tagträumen und Bettnässen: FBI-Kriminologen haben typische Merkmale von Lustmördern ermittelt.
Alfred Hitchcock hat den authentischen Fall noch milde präsentiert. Sein nägelkauender "Psycho"-Held Norman Bates schlüpfte nur in die Kleidung der verstorbenen Mutter und schlich mit grauer Perücke zum Duschbad.
Der wahre Bates, Ed Gein, 1957 in dem Dorf Plainfield (Wisconsin) verhaftet, beließ es nicht beim Mummenschanz. Er hatte seine Mutter ausgestopft und zwölf Jahre lang im Schlafzimmer aufgebahrt. Als die Polizei das Holzhaus des Autowäschers, Babysitters und netten Nachbarn stürmte, fand sie zehn Schrumpfköpfe im Schrank, das Herz des letzten Opfers lag in der Kaffeekanne. 1984 starb Gein 76jährig in einer psychiatrischen Anstalt.
Auch Peter Lorre, der mondgesichtige Kinderschänder aus "M - Eine Stadt sucht einen Mörder", konnte sich an Vorbildern orientieren. An Peter Kürten etwa, der 1929 neun Menschen mit Hammer, Dolch und Schere umbrachte. Ein anderer Triebtäter, der Berliner Bruno Luedke (mindestens 54 Opfer), lief während der Premiere des Fritz-Lang-Films noch unentdeckt in der Stadt herum.
Erst recht in den USA, der Heimat unzähliger Grusel- und Metzelfilme, können sich Drehbuchautoren reichlich in der Wirklichkeit bedienen. Von den 160 Serienmördern, die in den letzten 20 Jahren weltweit gefaßt wurden, kamen 120 aus den Vereinigten Staaten. Die bisher größte Vernichtungsschneise schlug in den siebziger Jahren der Menschenjäger Henry Lee Lucas, der mit dem Auto kreuz und quer durchs Land fuhr und nach eigenen Angaben über 360 Menschen zerfleischte.
Die aktuelle Situation ist nicht minder bedrohlich. Robert Heck, Experte des US-Justizministeriums, rechnet mit derzeit "35 oder mehr" frei herumlaufenden chronischen Killern, "von denen jeder 20 bis 30 Menschen umbringt".
Basis für solch haarsträubende Schätzungen ist die US-Kriminalstatistik, die eine ständige Zunahme von "Morden aus unbekanntem Motiv" ausweist. Wurden 1976 nur 8,5 Prozent aller Tötungsdelikte als motivlos aufgeführt, so _(* Janet Leigh in Hitchcocks "Psycho". ) kletterte ihr Anteil bis 1986 auf 22,5 Prozent ( = 4638 Morde). Diesen "dramatischen Anstieg" (FBI-Kriminologe Robert Ressler) erklären viele Experten mit einer zunehmenden Aktivität von Serienmördern.
Einer von ihnen, der sogenannte Zodiak-Killer, terrorisiert derzeit New York. Vor Monaten hatte der Unbekannte angekündigt, in astrologischer Folge zwölf Menschen mit unterschiedlichen Tierkreiszeichen umzubringen. Nach Revolverschüssen auf je einen Skorpion, Stier, Zwilling und Krebs versucht eine 50köpfige Sonderkommission der Polizei fieberhaft, den horrorskopischen Mordplan zu entschlüsseln.
Den nächsten Anschlag hatten die FBI-Sterndeuter für Donnerstag nacht letzter Woche vorausgesagt - wahrscheinliches Opfer: ein Löwe. Unzählige Streifenbeamte patrouillierten und überprüften Verdächtige. Doch die "Operation Watchdog" erwies sich als Fehlschlag. Der Maniak trat nicht in Aktion.
Mit schier unvorstellbarer Brutalität gehen Serientäter ans Werk. Es wird gemetzelt, gekocht, zerschnitten, zertrümmert. Auffällig dabei ist eine Vorliebe für archaische Waffen. Meist sind die Mörder mit Messern, Hämmern, Äxten ausgerüstet, selten dagegen, ergaben Untersuchungen, wird von der Pistole Gebrauch gemacht.
Die Polizei steht dem Phänomen weitgehend ratlos gegenüber. Über nachvollziehbare Mordmotive - etwa Gewinnsucht, Familienstreit, Beseitigen von Zeugen und Mitwissern - läßt sich bei diesen Delikten nie eine Brücke zum Täter bauen. Lustmörder kennen ihre Opfer meist nur oberflächlich oder gar nicht. FBI-Experte Ressler: "Sexuelle Gewaltverbrechen ereignen sich meist blindlings und wahllos."
In der Bundesrepublik laufen gegenwärtig mindestens fünf Serienmörder frei herum, auf deren Konto 22 Tötungsdelikte gehen. Die Kripo Darmstadt etwa sucht seit acht Jahren einen Mann, der sechs Jugendliche greulich zurichtete und deren Leichen anschließend in Abwässerkanäle warf. In Himmelpforten bei Stade hat ein unbekannter Kapuzenträger drei alte Frauen vergewaltigt und ihnen die Rippen gebrochen. Zwei der Opfer starben.
Die Bestialität, mit der Lustmörder häufig zu Werke gehen, sehen viele Psychologen indes nur als graduelle Abweichung vom Normalgemüt. Schon Hans von Hentig, der Stammvater der deutschen Kriminologie, betrachtete den Mord als "vulkanischen Ausbruch", der die Menschheit über ihre wirkliche Natur belehre. Das Fachblatt Psychologie heute fragt in seiner jüngsten Ausgabe gar, ob nicht "in uns allen ein monströses sadistisches Potential" ruht.
Weiterführende Informationen über den rätselhaften Typen des "multiplen Killers" werden von der FBI-Akademie in Quantico (US-Staat Virginia) gesammelt. In einem "Programm zum Ergreifen von Gewaltverbrechern" wurde erstmals versucht, Charakterzüge von chronischen Triebmördern statistisch zu erfassen.
Insgesamt 36 Sexualmörder (darunter 29 Mehrfachtäter) füllten umfangreiche Fragebögen aus. Der typische Wiederholungskiller, so das Ergebnis der Studie, ist männlich, 20 bis 40 Jahre alt; er kommt als erstes Kind der Familie zur Welt und versteigt sich bereits im Knabenalter in sadistische Phantasien.
Besonders auffällig, wundert sich Projektleiter Ressler, sei "der hohe Intelligenzgrad von Serienmördern". 80 Prozent aller Befragten wiesen ein überdurchschnittliches Denkvermögen auf. Dennoch hatte die Hälfte der Täter die High-School nicht bestanden. 69 Prozent von ihnen waren im Berufsleben ohne feste Anstellung geblieben. "Sie sind aufgeweckt, jedoch wenig gebildet, manche mit einem IQ von 140", resümiert Verhaltensforscher Ressler.
28 der befragten Sexualtäter nannten sich selbst chronische Lügner, sie hatten große Anstrengung darauf verwendet, ihren todbringenden Triebdruck nach außen zu verschleiern. Eine "gespenstische Schlauheit im Dienst eines vormenschlichen Triebwahns" hatte der Philosoph und Psychologe Theodor Lessing schon dem (1925 hingerichteten) 24fachen Knabenmörder Fritz Haarmann aus Hannover attestiert.
Entsprechend raffiniert ist die Logistik, mit der Serienkiller ihre Anschläge planen. Listig und vorsätzlich, so die FBI-Studie, würden die Täter geeignete Orte (Singlebars, Parkplätze, Schulhöfe) nach Opfern ausspähen und die Zielperson über lange Zeit observieren.
Typisch ist ein Fall, der eine Sonderkommission der Polizei Lüneburg beschäftigt. Letzten Sommer waren im niedersächsischen Staatsforst Göhrde zwei Paare ermordet worden. Beim zweiten Anschlag hatte der Täter der Frau das Gesicht zertrümmert. Der Mann wurde erschossen, Patronenhülsen wurden nicht gefunden. Seit die Fahndung auf Hochtouren läuft, läßt sich der Täter nicht mehr blicken.
Daß die vier Waldmorde sexuell motiviert waren, will die ermittelnde Staatsanwaltschaft nicht recht glauben. Die weiblichen Opfer seien zwar teilweise entkleidet gewesen, Spuren geschlechtlicher Betätigung hinterließ der Täter nicht. Im Lichte der FBI-Studie scheint ein Lustmord dennoch wahrscheinlich. Nur etwa jeder zweite Serienmörder, fanden die US-Forscher heraus, vergewaltigt sein Opfer. Die andere Hälfte befriedigt sich auf andere Weise.
Das hilflose Herumtappen der Polizei verschafft vielen Serienmördern zusätzliche Gefühlsspannung. Jeder zweite, ergab die FBI-Statistik, verfolgte in den Medien genüßlich den Irrlauf der Fahnder. Manche Täter würden sich sogar in die polizeilichen Ermittlungen einmischen oder hätten "die verscharrten Leichen wieder ausgebuddelt", um nicht um ihre "Show" betrogen zu werden, wie der Bonner Psychologe Rolf Degen in Psychologie heute berichtet.
Bei der Wahl der Opfer springt der Lustmörder häufig auf ganz bestimmte Schlüsselreize an. Theodore Bundy, ehemaliger Jurastudent und Mitglied der Republikaner, zerschnitt in den siebziger Jahren nur Frauen, die lange, dunkle und in der Mitte gescheitelte Haare trugen. Die Quantico-Studie nennt einen Täter, der nur "alleinfahrende Frauen in einem bestimmten Autotyp" überfiel.
Dennoch geht der Serienmörder eine enge Beziehung zu seinem Opfer ein. Die ihm fremde Person dient meist als Ersatz für wichtige Bezugspersonen seiner Kindheit. Richard Rappaport, Psychologe an der Northwestern University, glaubt hingegen an einen Spiegeleffekt: Der Serienmörder suche Opfer mit Merkmalen, "die er in sich selbst sieht".
Der von Gewaltphantasien Besessene hat seinen Mordplan häufig schon jahrelang in Gedanken durchgespielt und bis ins Detail festgelegt. Ist die moralische Hemmschwelle durchbrochen, der erste Mord vollzogen, beginnt nach Ansicht des US-Psychologen Robert Prentley eine vernichtende Dynamik.
Wie ein Maler, der mit immer neuen Pinselstrichen sein Idealbild zu realisieren versucht, lasse sich der Täter "auf eine Folge von immer exakter werdenden Versuchsläufen ein, in dem Verlangen, die ursprüngliche Phantasie wahr zu machen. Da die Versuchsläufe jedoch niemals genau an die Phantasie herankommen, entsteht das Bedürfnis, die Szene mit immer neuen Opfern auszuführen".
Unansprechbar, entrückt und wie abgeschottet sei der Täter gewesen, berichten viele Opfer von Sexualdelikten. Den US-Mediziner Joel Norris erinnert dieser Bewußtseinszustand an die Aura, die sich vor epileptischen Anfällen einstellt. Die Wahrnehmung ist explosionsartig gesteigert, das Zeitgefühl eingefroren. In etwa 50 Prozent aller Fälle, ermittelten die FBI-Verhaltensforscher, war der Täter zusätzlich durch Alkohol berauscht.
Nach der Tat verfliegt der Lustwahn schlagartig. Im Nu, weiß Psychologe Degen, "sackt der Mörder in den Abgrund einer profunden affektiven Leere zurück", um, ernüchert, die Spuren seiner Tat raffiniert zu verwischen.
Ihre Unfähigkeit zu echtem Kontakt und menschlicher Nähe - Hauptmerkmal der analysierten Triebtäter - hatten die Männer bereits in der Kindheit entwickelt. 71 Prozent von ihnen gaben an, in der Familie isoliert gewesen zu sein. Jeder dritte beging als Kind Tierquälereien, zwei von drei litten an Bettnässen und schweren Alpträumen.
Fast alle 36 befragten Sexualmörder entstammen zerrütteten Familien. Die Eltern hatten Probleme mit Alkohol (70 Prozent), Kriminalität (50 Prozent) oder psychischen Erkrankungen (53 Prozent). "In vielen Fällen war die Mutter durch psychiatrische Behandlung von der Familie getrennt" (FBI-Studie). Jeder zweite Vater verließ das Haus, noch bevor der Sohn 13 Jahre alt war.
Aus diesem Chaos flüchtet das Kind in eine meist sadomasochistisch aufgeladene Traumwelt. Schon vor der Pubertät war die überwiegende Zahl von ihnen mit sexuellen Perversionen vertraut: Fetischismus, Voyeurismus, Transvestismus. An der Spitze stehen jedoch Tagträume und zwanghaftes Onanieren - Ersatz für fehlende Zuwendung.
Über einen Abgrund von Einsamkeit berichtete auch der Metzgergeselle Jürgen Bartsch, der als Jugendlicher vier Kinder in einem alten Luftschutzbunker zu Tode folterte. Bereits mit 15 Monaten hatten ihn martialische Waisenhausaufseher stubenrein getriezt. Die Adoptivmutter schlug Kleiderbügel an ihm kaputt und verbot ihm, mit anderen Kindern zu spielen. Der Vater verachtete und schikanierte den tumben Ziehsohn. Im Gefängnis klagte Bartsch: "Das Fehlen _(* Im selbstentworfenen Clownskostüm vor ) _(seiner Entdeckung. ) des wirklichen Geborgenseins hat mir immer sehr weh getan."
Ein Symptom der Moderne, anonymer Großstädte oder gar der demokratischen Staatsform, wie die Welt noch in den sechziger Jahren vermutete, ist der Serienmörder nicht. Zahllose Giftmischerinnen und Triebkannibalen verbrannten auf mittelalterlichen Scheiterhaufen. Ihre schrecklichen Taten fanden Eingang in die Märchenwelt, etwa in das Märchen von Hänsel und Gretel oder die Sage vom Ritter Blaubart.
Erschütterungen von kulturgeschichtlichem Ausmaß löste der französische Edelmann Gilles de Rais aus. Der Feldherr und Mitstreiter von Jeanne d''Arc ließ zwischen 1426 und 1440 unzählige Kinder auf seine Schlösser verschleppen. Als die Mordserie aufflog, kam es zu "einem der erschütterndsten Prozesse aller Zeiten", wie der Philosoph Georges Bataille in seiner jüngst auf deutsch erschienenen Rais-Biographie schreibt.
Fünf Wochen dauerte der Prozeß gegen das "heilige Ungeheuer" (Bataille), aufwendig geführt von der Kirchenjustiz und der Inquisition. Die Ankläger warfen dem hochmögenden Herrn vor, "140 oder mehr Kinder . . . gewürgt und massakriert" zu haben. Die grauenhaften Details, bebte der Bischof von Nantes, werde er "am rechten Ort in lateinischer Sprache" nachreichen.
Wissenschaftliche Aufmerksamkeit wird dem zivilisationsbedrohenden Lustmörder erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zuteil. Typologien und Kausalitäten wurden gehäuft, Ursachen und Normen gesucht, die den chronischen Morddrang erklären sollen.
Der Naturwissenschaftler Guerry etwa stellte 1864 ein "thermisches Gesetz" auf, um Mordlust und Physik zu koppeln. Sein Kollege de Quiro brachte hingegen die Meteorologie ins Spiel: "Man nehme die Durchschnittstemperatur des Monats, und man multipliziere sie mit sieben. Man zähle die durchschnittliche Feuchtigkeit hinzu und multipliziere nochmals mit zwei." Das Resultat, so de Quiro, ergebe exakt den Blutzoll des laufenden Monats.
Cesare Lombroso, ein italienischer Psychiater, formulierte als Darwin-Anhänger biologische Konstanten. Lustmörder, meinte er, würden sich durch "asymmetrische Schädel, starke Unterkiefer und fehlendes Barthaar" verraten und seien gleichsam durch die Maschen der Zivilisation auf eine frühere Kulturstufe zurückgefallen.
Die Atavismus-These schien besonders attraktiv: Zu augenfällig sind die kannibalischen Riten, Zerreißungs- und Verschlingungsorgien, zu denen Sexualmörder imstande sind. Friedrich Nietzsche, der solcherlei taumelnde Entgrenzung unter dem Begriff des Dionysischen in die Philosophie einführte, gab den unverdaulichen Brocken an die Psychoanalyse weiter, die ihn als Regression beschreibt.
Die vorweltliche Phantasie der Täter scheint keine Grenzen zu kennen: *___Jack the Ripper zerstückelte sein letztes Opfer und ____arrangierte die Fleischstücke wie ein Puzzlespiel im ____Zimmer. *___Triebmörder wie Theodore Bundy oder Jürgen Bartsch ____schlugen ihren Opfer bei lebendigem Leib Gliedmaßen ab. *___Fritz Haarmann tötete Knaben durch Bisse in die Kehle ____("Wenn ich wild wurde, dann biß ich mich fest . . . Ich ____machte mir dann schwarzen Kaffee") und hatte einen ____Fleischwolf auf dem Zimmer.
An Totemmahlzeiten primitiver Stämme erinnert auch der Speiseplan des schlesischen Landwirts Karl Denke, der bis 1918 mindestens 31 Handwerksgesellen erschlug, ihr "Schlachtgewicht" in ein Buch eintrug und aus der Haut der Opfer Hosenträger schnitt. Trotz "süßlicher Küchengerüche", so der Kriminologe Günther Bauer, sei den Nachbarn kein Verdacht gekommen.
Um die Vielfalt der Perversionen zu ordnen, haben die US-Juristen Ronald Holmes und James Burger neben dem reinen Lustmörder weitere Typen von Serienmördern unterschieden: *___Der "visionäre Typ" fühlt sich durch Eingebungen und ____Stimmen zum Morden gedrängt. Die Psychiatrie nennt ____solcherlei Wahn paranoide Psychose. *___Der "missionarische Typ" dagegen richtet seine ____Aggressionen auf eine ganz bestimmte Gruppe, die er für ____allerlei Menschheitsübel verantwortlich macht. Unter ____diese Kategorie würde etwa der jüngst gefaßte ____Hammertäter von Frankfurt fallen, dessen Wut auf ____Stadtstreicher und Homosexuelle zielte.
Psychotische Menschen, bei denen sich Wahn und Wirklichkeit aufs engste verschlungen haben, machen jedoch nur einen geringen Teil der Serienmörder aus. Für den US-Psychologen Parc Elliott Dietz ist es ein gefährlicher Irrglaube, daß Triebtäter "Schaum vorm Mund haben müßten".
Solche Vorurteile hat die Quantico-Studie nun auch statistisch ausgeräumt. Sie beschreibt den Serienmörder als extrem gefühlskalten Zwangscharakter, der wie ein dämonischer Schauspieler in hohem Maße Anteilnahme heucheln kann, sich freundlich und gutnachbarlich gibt. Von den 36 befragten Mördern begann die Mehrzahl mit bürgerlichem Leben.
Beispiele für perfekte Tarnungen gibt es zuhauf: *___Landwirt Karl Denke galt in seiner Heimatstadt ____Münsterberg als eifrigster Kirchgänger des Sprengels. *___Fritz Haarmann genoß das Vertrauen der Polizei in ____Hannover und arbeitete als deren V-Mann. *___Der Hamburger Triebtäter Fritz Honka tat als Wachmann ____Dienst. Vor Gericht erschien er ordentlich gekämmt und ____rasiert, bei jedem Verhandlungstag wechselte er den ____Anzug. *___John Wayne Gacy (33 Knabenmorde) verdiente sein Geld ____als smarter Geschäftsmann in Chicago. Psychologe ____Rappaport kam nach 65stündiger Befragung zu dem Urteil, ____sein Delinquent sei "fleißig, gutaussehend, ja ____charmant".
Auch Freud-Schüler Rappaport nennt Mißhandlungen und seelische Grausamkeiten der Eltern als Ursache der Entwicklung von Lustmördern. Die später gemetzelten Opfer sind gleichsam symbolische Hüllen, an denen unbewältigte Kindheitskonflikte ausgelebt werden. Die amerikanische Analytikerin Alice Miller hat diesen Projektionsprozeß am Fall Bartsch beschrieben: _____" Es erregte ihn besonders, in die verängstigten Augen " _____" seines Opfers zu blicken, in denen er sich selbst " _____" begegnete und mit denen er die Vernichtung seines Selbst " _____" immer wieder durchspielte - diesmal nicht als hilfloses " _____" Opfer, sondern als mächtiger Verfolger. "
Eine zentralen Rolle bei der fulminanten seelischen Fehlentwicklung scheint die Mutter zu spielen. 72 Prozent aller Quantico-Befragten nannten _(* Beim Lokaltermin; die Beamtin spielt ) _(die Rolle des Opfers. ) die Mutter herrisch, den dominanten Elternteil in der Familie.
"Hypertrophe Mutterbindungen" hatten Gerichtsmediziner auch Fritz Honka und Joachim Georg Kroll attestiert, einem achtfachen Frauenmörder, der, wenn er nicht mordete, ersatzweise Gummifiguren strangulierte. Kindermörder Bartsch wurde noch als 19jähriger von der Mutter gebadet ("Sie wollte lieber eine Puppe haben"). Haarmann, bereits verurteilt, rief den Geschworenen zu: "Macht''s kurz, Weihnachten will ich im Himmel bei Muttern sein."
Doch um die Grenze zwischen normal und krank schärfer ziehen zu können, favorisieren viele Forscher mittlerweile biologische Defekte als Ursache des Mordwahns. Nicht seelische, sondern körperliche Degenerationen, glauben sie, steckten hinter der Blutgier.
An Fritz Honka stellten Ärzte einen Hirndefekt fest. Auch bei Joachim Kroll entdeckten sie einen "diffusen Gehirnschaden" als Folge einer schweren Typhuserkrankung. Bei Haarmann wiederum, das zeigten Obduktionen, war das Gehirn an mehreren Stellen mit der Schädeldecke verwachsen.
Die bisher einzige systematische Untersuchung zu dem Thema legte der US-Mediziner R. Langevin vor. In einer vergleichenden Analyse untersuchte er je 13 Lustmörder, Sadisten und einfache Totschläger mit Hilfe eines Computertomographen. Sowohl die Sadisten als auch die multiplen Killer wiesen dabei zu 30 Prozent eine Abnormität des rechtsseitigen "temporalen Horns" auf. Bei Einfachmördern hingegen zeigte sich der Schaden in keinem Fall.
Das temporale Horn ist direkt mit dem Hippokampus verbunden, einem stammesgeschichtlich alten Bezirk der Großhirnrinde. Warum dieser Defekt eine so spezifische Verhaltensweise wie Serienmordlust hervorrufen sollte, ist jedoch völlig unklar. Psychologe Degen: "Das entspräche einem Textcomputer, der nach einem Schlag mit dem Hammer Drohbriefe zu verfassen beginnt."
Der Polizei bleibt nur, mit enormem Aufwand ihre Rasterfahndungen anzukurbeln und weitmaschige Netze auszuwerfen. Im Fall des Frankfurter Hammertäters streiften jede Nacht 80 als Penner verkleidete Polizisten durch den Stadtpark. Die Soko Lüneburg schickte getarnte Liebespaare in den Wald.
Beide Aktionen schlugen fehl. In Frankfurt alarmierte ein Parkanwohner die Polizei, der Göhrde-Mörder ist flüchtig. Ohne Wirkung ist solch ein Aufwand dennoch nicht. Er verschreckt den Übeltäter und macht sein Terrain unsicher. Sexualmörder, das zeigen Aussagen gefaßter Delinquenten, hemmt nur eins: Angst vor Entdeckung.
* Janet Leigh in Hitchcocks "Psycho". * Im selbstentworfenen Clownskostüm vor seiner Entdeckung. * Beim Lokaltermin; die Beamtin spielt die Rolle des Opfers.

DER SPIEGEL 31/1990
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