26.11.1990

SoldatenZu sechst im Kabuff

Die aus Osteuropa und Ostdeutschland abziehenden Sowjettruppen landen in Zeltlagern, in Arbeitslosigkeit und Elend.
Wer als sowjetischer Soldat fern vom heimatlichen Wolgastrand stationiert ist, beispielsweise in Nauen, Wünsdorf oder im "Alten Lager" vor den Toren der märkischen Kleinstadt Jüterbog, kann seine Zukunft in Borowka besichtigen.
In diesem Dorf unweit des Städtchens Lepel im Nordosten Belorußlands wuchs seit dem Frühjahr eines der versteckten Zeltlager heran, in denen die Enkel der Befreier von Budapest und Prag zusammengepfercht werden, seit die Enkel der Befreiten sie nicht länger dulden.
2250 ehemals in Ungarn stationierte Soldaten leben nun schon neun Monate in Borowka - 30 Mann in einem Zelt. Die Truppe ist tagsüber zum Bau von Wohnhäusern kommandiert, aber bislang ist noch keins fertig geworden. Hoffnungen, den kommenden Winter im Warmen zu verbringen, schwinden.
Es fehlt an Baumaterialien, technischer Ausrüstung und geschulten Arbeitskräften. "Wenn Wohnungsbau so leicht wäre wie das Verschrotten von Raketen, hätten wir hier kaum Probleme", murrt einer der Rückkehrer.
6000 Mannschaften und Offiziere sind allein aus Ungarn in die Sowjetunion zurückgekommen. Bis Mitte des kommenden Jahres soll die gesamte, ehemals 60 000 Mann starke Garnison abgezogen sein. Die ungarische Regierung würde den letzten fremden Waffenträger gern noch früher gehen sehen, aber das sei "technisch nicht machbar", ließ Abzugsstratege General Matwej Burlakow, Chef der Südgruppe der Sowjetstreitkräfte, bereits verlauten.
Die Moral der Truppe leidet. In Borowka sind die meisten Soldaten Wehrpflichtige, die sofort nach ihrer Einberufung das schöne Ungarn kennenlernen durften. "Wir hatten vorher keine Vergleichsmöglichkeit", klagt ein ukrainischer Rekrut, "aber als wir hierherkamen, war uns der Unterschied klar."
Ein Kamerad fühlt sich gar in eine "andere Welt" versetzt: "Dort haben wir uns mit Militärtechnik beschäftigt, hier schwingen wir Hacke und Spaten und leisten nichtqualifizierte Arbeit." Kaum einer von ihnen will nach Ablauf des Wehrdienstes in der Armee bleiben.
Die Zivilbevölkerung reagiert mit Unmut auf die neuen Nachbarn in Uniform. Selbst kaum mit dem Nötigsten versorgt, empfindet sie die Heimkehrer als zusätzliche Belastung. Wladimir Gontschar, Bürgermeister von Lepel, kritisiert den Truppenabzug aus Osteuropa als "vorschnell und unvorbereitet": In seiner Stadt mußte die gesamte Infrastruktur im Hauruck-Verfahren dafür umgemodelt werden.
Schiere Existenzangst breitet sich unter den höheren Dienstgraden aus, die in die krisengeschüttelte Heimat zurückbeordert wurden. Schon heute suchen 200 000 Offiziere in der Sowjetunion für sich und ihre Familien eine Wohnung, allein in Moskau mehr als 10 000. Und in den nächsten Monaten soll die Gesamtzahl der Sowjetoffiziere ohne Obdach noch um 25 000 anwachsen.
Appelle an die Stadtverwaltungen, Quartiere zur Verfügung zu stellen, blieben weitgehend erfolglos: Moskaus Stadtsowjet wollte nur 16 Wohnungen freigeben. Auch in Leningrad müssen die Heimkehrer weiter in einem Barackenlager nahe dem Museumsstädtchen Puschkin auf eine Behausung warten. Die baltischen Republiken, früher bevorzugtes Ziel von Armee-Ruheständlern, verweigern inzwischen generell die Aufnahme.
In Borowka lebt das Führungspersonal in umgebauten Schulgebäuden - pro Familie ein ehemaliges Klassenzimmer. Alleinstehende bis hinauf zum Major teilen sich zu sechst ein Kabuff in einer alten Kaserne: am Ende des Flurs zwei Toiletten und Duschen für 75 Männer. Die Leitungen sind verrottet, Wasser gibt es nur dreimal am Tag. Schul- und Kindergartenplätze reichen nicht aus. Der Hort ist hoffnungslos überbelegt, 150 Kinder stehen auf der Warteliste.
Manche hält die Hoffnung aufrecht, es könne sich nur um eine kurze Übergangszeit handeln. Aber den meisten dämmert, daß dieses Provisorium auch Jahre dauern kann.
Viele wollen deshalb wie Feldwebel Walerij Fitel den Dienst so rasch wie möglich quittieren: Der Unteroffizier möchte in die ukrainische Heimat zurück und wieder als Bergmann arbeiten. Das Leben der immerzu für bessere Arbeitsbedingungen streikenden Kumpel erscheint ihm heute attraktiver als jeder Dienst in Uniform. "Alles ist besser als das hier", meint seine Frau Nadeschda.
Ob Fitels Entlassungsgesuch entsprochen wird, ist allerdings fraglich. Nur wenigen gelingt der Ausstieg: Das Moskauer Verteidigungsministerium fürchtet eine unkontrollierbare Sogwirkung, wenn es seine Streitkräfte allzu großzügig demobilisiert.
Wem das Abmustern gelingt, der hat Mühe, im Zivilleben zurechtzukommen. Der ehemalige Feldwebel Dmitrij Puschkin, 39, ist einer jener durchtrainierten Kämpfer, die früher im militarisierten Sowjetalltag als Vorzeigemänner galten. Heute hockt er an jedem vierten Tag 24 Stunden lang im Wachhäuschen eines Moskauer Ausländerwohnhauses.
Der sinnlose Lungerjob langweilt ihn, die Wachzeit vertreibt er sich mit Radiohören und Lektüre, wobei er das Zeitunglesen längst aufgegeben hat: "Was da drin steht, ist ja doch gelogen."
Der müde Held Puschkin war Offizier aus Überzeugung und Familientradition: Nach Abschluß der Militärschule diente er 18 Jahre in der Sowjetarmee, davon lange Zeit im Ausland. Mit dem allgemeinen Exodus aus den ehemaligen Bruderstaaten kehrte er im Juni nach Moskau zurück - aus Brandenburg an der Havel.
Nun empfängt er 150 Rubel Pension im Monat, das sind bestenfalls ebensoviel Mark, und muß sich ein Zubrot verdienen. Der Arbeitsmarkt bietet wenig für einen, der "nur Soldatsein gelernt hat".
Der Vorschlag der SPD, in Ostdeutschland stationierte Sowjetsoldaten, solange sie noch da sind, auf einen Zivilberuf und marktwirtschaftliche Verhältnisse vorzubereiten, stimmt Puschkin bitter: "Auf so was müssen Ausländer kommen, unser Verteidigungsministerium macht sich keine Gedanken um uns." Er irrt: Das Moskauer Ministerium fürchtet einen Verlust der Kampfkraft per Umschulung.
Wie Puschkin aber denken Tausende von Sowjetsoldaten, die als unerwünschte Fremdlinge in ein Land zurückkehren, wo die einst schimmernde und verhätschelte Wehr als äußere Verkleidung innerer Armut so entschieden demontiert wird wie sonst nirgends auf der Welt. An Privilegien und gesellschaftliches Ansehen gewöhnt, fühlen sich inmitten allgemeinen Mangels gerade jüngere Offiziere als die eigentlichen Opfer der Perestroika.
Auf dem sozialen Abstellgleis, im Biwak von Borowka, sind die finanziellen Einbußen Dauerthema der Diskussionen: Während seiner Abordnung nach Ungarn bekam beispielsweise ein Nachwuchsoffizier monatlich 450 Rubel in Forint plus Soldfortzahlung in der UdSSR. Daheim muß er mit 295 Rubel pro Monat auskommen.
Die Geldnot zwingt inzwischen auch die Ehefrauen mitzuarbeiten - ein Opfer: In der Sowjetunion, wo 90 Prozent aller erwerbsfähigen Frauen arbeiten, galt es stets als Vorrecht der gutversorgten Offiziersfrau, sich auf Haushalt und Kindererziehung zu konzentrieren.
Der Abschied vom erhebenden Supermachtanspruch der UdSSR trifft auch die Frauen empfindlich. "Wir Offiziersfrauen", schimpft die mit einem Fähnrich verheiratete Jelena Agapowa, "haben ein Hundeleben." Die Ansiedlungspolitik des Verteidigungsministeriums sei ein Mißgriff: "Es ist nicht schön, aus einem Land mit vergleichbar hohem Wohlstand in eine Kaserne in der Taiga oder in die Wüste geschickt zu werden - von Budapest oder Berlin nach Wladiwostok."
Kaum einer der Betroffenen glaubt daran, daß die von Bonn für Umsiedlung, Unterbringung und Umschulung ausgelobten zwölf Milliarden Mark ihnen auch wirklich in absehbarer Zeit zugute kommen. Noch ist nicht einmal der erste Spatenstich in Sicht: "Wir führen zur Zeit Verhandlungen mit den zuständigen Republiken und Regionen über die Bereitstellung von Bauland", verlautbart vage Nikolai Grjasnow von der Wohnungsbehörde des Verteidigungsministeriums.
Wie den anderen sowjetischen Traditionseliten, welche die Perestroika als Bedrohung ihres sozialen Status erleben, gilt auch der Truppe Zivilist Michail Gorbatschow als Hauptschuldiger. Der Präsident der UdSSR sei, wie es der polnische General Tadeusz Pioro in einer Solidaritätsadresse an die sowjetischen Kameraden voller Mitempfinden formulierte, der erste Staatschef ohne praktische Kriegserfahrungen und bringe folglich "den Militärs nur bescheidene Gefühle und Loyalität entgegen".
Vorletzte Woche gelobte Friedensfreund Gorbatschow im zentralen Moskauer Armee-Theater unverzügliche Besserung: Vor 1047 uniformierten Abgeordneten lokaler, regionaler und überregionaler Parlamente, die laut Bericht des Verteidigungsministers Dmitrij Jasow ihren "negativen Stimmungen, Spannungen und Unzufriedenheiten" Luft machten, versprach er den zornigen Militärpersonen eine tragende Rolle: im Kampf wider den Zerfall des Reiches.
Reformideen von einer stark verkleinerten Berufsarmee oder landeseigenen Verbänden der diversen Sowjetrepubliken können auf seine Zustimmung nicht rechnen: "Ein so ausgedehntes Land", multinational wie die Sowjetunion, brauche für seine Sicherheit "eine effektive Armee und mächtige Streitkräfte".
Das Machtwort des Präsidenten fand mageren Beifall. Ein Oberst aus dem Unions-Sowjet urteilte hernach im knappen Stil des Generalstäblers über seinen Oberbefehlshaber: "ein Mann mit großer Vergangenheit".

DER SPIEGEL 48/1990
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