26.11.1990

SegelnHeroische Nonne

Frankreich feiert die Siegerin einer Atlantik-Regatta als neue Nationalheldin.
Florence heroIque", die Heldin, propagierte Paris Match, einen "Stern der Meere" beobachtete L'Equipe. Die linke Liberation entdeckte eine Art Rosa Luxemburg der Weltmeere, und das Massenblatt France Soir rief für die Fünfte Republik gar eine Teilmonarchie aus, krönte die "Königin der Meere".
Staatspräsident Francois Mitterrand und sein Premier Michel Rocard diktierten Glückwunschtelegramme. Und selbst die härtesten Seemänner Frankreichs applaudierten. Starskipper Halvard Mabire ist überzeugt: "Das wird die Geschichte des Segelsports prägen."
Dabei hat Florence Arthaud, 33, der all die Lobeshymnen gelten, nur eine Regatta gewonnen. Doch die "Route du Rhum", eine 3500-Meilen-Wettfahrt von Saint-Malo in der Bretagne nach Pointe-a-Pitre auf der Antilleninsel Guadeloupe, gilt als "Grand Prix des Atlantik" (so das Fachblatt Voiles), eine "Formel 1 der Meere", also Männersache, Macho-Konkurrenz.
Und es paßt auch sonst alles so wunderbar ins Weltbild der Männer mit den filterlosen Gitanes: Die Französin siegte als erste Frau bei der Route du Rhum, schneller als sie segelte noch nie ein Mann. Und die schlanke Florence, 1,63 Meter groß, 55 Kilo schwer, entspricht so gar nicht dem herkömmlichen Image einer muskelbepackten Hochleistungssportlerin.
Die neue Nationalheldin traf zudem den Nerv ihrer Landsmänner, als sie verkündete, nun habe sie den "Beweis" erbracht, "daß selbst für eine Frau alles möglich ist". Da war die Emanzipation auf französisch nicht mehr zu stoppen. "Das Meer ist eifersüchtig", notierte Liberation, "und hat immer die Kerle vorgezogen." Aber nur bis jetzt Florence kam.
Von Nonnen im feinen 16. Stadtbezirk von Paris erzogen, entfloh die Verlegerstochter nach einem Autounfall, den sie ohne Führerschein verursachte, dem bürgerlichen Umfeld. Sie wollte sich, auf dem Wasser, "in der Welt der Herausforderung, des Mutes und der Bescheidenheit", behaupten.
Mit 21 Jahren startete sie erstmals bei der Route du Rhum, 21mal überquerte sie den Atlantik, brach dabei den Rekord im Einhandsegeln. Sie kenterte, lief auf ein Riff, erreichte 1986 Guadeloupe mit einem blauen Auge, geplatzten Lippen und zerschlagenem Zahn.
Doch Florence Arthaud fühlt sich auf hoher See "in meinem Universum". Selbst wenn 15 Meter hohe Wellen ihren zehn Millionen Franc teuren Trimaran zur Achterbahn werden lassen, ist er ihr "Planet, auf dem ich mich sicher fühle". Dennoch hatte der Le Monde-Kolumnist vor dem Start gespottet: "Die träumt, die Kleine, das schafft sie nie."
Eine Fernseh-Crew, die die einsame Seglerin von einem Flugzeug aus geortet hatte, begleitete Florence die letzten Stunden bis zum Sieg. Scheinwerfer leuchteten ihr Schiff aus, als es bei Dunkelheit über die Ziellinie fuhr - und die Nation war live dabei. Publikumswirksam berichtete die neue Jeanne d'Arc, wie sie sich, allein auf dem Atlantik, der Ohnmacht und "dem Tod sehr nahe" gefühlt habe - starke Unterleibsblutungen hatten sie geschwächt.
Da stieg - Tausende Kilometer von Guadeloupe entfernt - eine andere prominente Französin gleich mit ins Boot: Edwige Avice, beigeordnete Ministerin im Außenministerium, hörte im Autoradio eine Reportage aus der Karibik und sagte: "Ich kann einfach nicht bestreiten, ich bin, als Frau, stolz auf sie." o

DER SPIEGEL 48/1990
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