22.10.1990

Unantastbar, doch gefährdet

Der Friedensnobelpreis, der vom norwegischen Komitee in Oslo verliehen wird, hatte schon häufig die Funktion, den Geehrten demonstrativ in einer für ihn gefährlichen Lage zu unterstützen, ihn durch die Auszeichnung gewissermaßen unantastbar zu machen.
Das war 1936 bei dem Pazifisten Carl von Ossietzky der Fall, dem Herausgeber der Weltbühne, den die Nazis ins Konzentrationslager gesteckt hatten und unter dem Druck der durch die Preisverleihung ausgelösten weltweiten Aufmerksamkeit freilassen mußten. Die Rettung kam für ihn jedoch zu spät. Er starb an den Folgen der durch KZ-Schergen erlittenen Folter.
Auch für Michail Gorbatschow, den Präsidenten der Sowjetunion, so muß man fürchten, ist eine Rettung kaum noch möglich. Zwar genießt er weltweit höchstes Ansehen (Hans-Dietrich Genscher: "Baumeister Europas"), doch wird über seine Zukunft im eigenen Land entschieden. Und dort ist er mit Problemen konfrontiert, neben denen sich die eines Sisyphos gering ausnehmen. Da hilft dann eine noch so außergewöhnliche Ehrung kaum etwas.
Gleichwohl hat es an Beifall nicht gefehlt, weil ein so bedeutender Staatsmann den Preis bekommen und nicht nur gnädig, sondern sichtlich gerührt angenommen hat. Er war es, der gleich nach seiner Wahl zum Generalsekretär der KPdSU den ersten sowjetischen Friedensnobelpreisträger, Andrej Sacharow, aus der Verbannung zurückholte, in die Breschnew ihn geschickt hatte. Er war es, der die nukleare und konventionelle Abrüstung wirklich in die Tat umsetzte und dadurch den Kalten Krieg beendete.
Schließlich war er es, der die osteuropäischen Staaten in die Selbstbestimmung entließ und den Weg für die Beendigung der Teilung Deutschlands freigab. Wie kein anderer hat er das Gesicht der heutigen Welt geprägt. Daß er sich dabei von den Ereignissen weiter forttragen ließ, als er vielleicht anfangs vorgehabt haben mag, darf man annehmen.
Man wird, weil mittlerweile gleichsam "marxistischer", also nicht mehr so personenbezogen, sondern eher in Strukturen gedacht wird, sehr wohl argumentieren können: Hätte nicht Gorbatschow gehandelt, dann ein anderer. Auch bei seinem Vorgänger Lenin hieß es schon: Wenn nicht er, dann eben ein anderer.
Aber so ganz gewiß ist das bei Lenin nicht. Ohne Zweifel hat doch auch er das Jahrhundert bestimmt. "Den Staat, den Lenin uns hinterlassen hat, haben wir verschissen", beklagte sich ein gedemütigter Stalin 1941 nach dem Überfall Hitlers bei seinen engsten Vasallen. Es war in der Tat Lenins Staat, doch "verschissen" ist er erst jetzt.
Michail Gorbatschow, der diesjährige Friedensnobelpreisträger, ist sicher ersetzbar, so wie jeder Mensch ersetzbar ist. Ob aber ein Nachfolger "Mühsal, Tränen und Schweiß" (wie es Winston Churchill am 10. Mai 1940 den Briten prophezeite) mit derselben Eindringlichkeit von seinen Landsleuten verlangen könnte wie er?
Er hat sich zum Ziel gesetzt, die schier ausweglosen ökonomischen Probleme der Sowjetunion innerhalb von zwei Jahren zu lösen, obwohl er in Wahrheit mindestens 20 Jahre dazu benötigte. Man lese den Roman "Das Dorf" des ersten russischen Literaturnobelpreisträgers Iwan Bunin, erschienen 1910, dann lernt man diesen Teil der zaristischen Hinterlassenschaft kennen, der auch in sieben Jahrzehnten Sowjetherrschaft nur verschlimmert werden konnte.
Der Grund aber, weshalb alle die gefährliche Schubkraft der Entwicklungen in Gorbatschows Vielvölkerstaat unterschätzt haben, war die ethnische Frage, auch sie eine Hinterlassenschaft der Zaren. Sie birgt so viel Sprengstoff, daß gar nicht erkennbar ist, wie einer unter einem derartigen Ansturm der Probleme noch normal, also ohne Knute, arbeiten kann. Würden etwa die Ukraine und die baltischen Staaten ihre Selbständigkeit durchsetzen, stünde jeder sowjetische Präsident vor dem Abgrund.
Gorbatschow riskiert ein klägliches Scheitern. In der Sprache von Bild wäre es ein "Wunder", wenn er Erfolg hätte. Nachdem er die radikalen Veränderungen in Gang gesetzt hat, könnte er ihr prominentestes Opfer werden. Bisher gab es für einen Politiker immer einen Ersatz, wenn er sich verbraucht oder verkalkuliert hatte. Hier sieht man keinen, der die Ökonomie und die Fliehkräfte des Staatenbundes noch handhaben könnte. Einen Bürgerkrieg kann man sich aber ebensowenig vorstellen.
Es ist wohl der Sinn dieser Ehrung aus Oslo, aller Welt klarzumachen, daß in den Beziehungen zwischen den Großmächten Entscheidendes unwiderruflich zu Ende ist: der Krieg aus Schwäche wie auch der Krieg aus Stärke.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 43/1990
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