24.09.1990

HistorikerHäßliche Streifen

Ein altgedienter SED-Funktionär vertritt die westdeutschen Geschichtswissenschaftler international - zum Ärger der Zunft.
Der Altphilologe Jürgen Dummer, 55, sollte an der Ost-Berliner Humboldt-Universität unterrichten. Doch sein Chef, der Leiter des Zentralinstituts für Alte Geschiche und Archäologie an der Akademie der Wissenschaften der DDR, legte sich quer: Aufgrund seiner religiösen Einstellung sei Dummer als Professor untragbar.
Auch dem Fachkollegen Klaus Wachtel wurde eine Vorlesung angeboten - an der Freien Universität in West-Berlin. Wieder lehnte der Leiter des Zentralinstituts ab: Wachtel sei "kaderpolitisch" für Reisen in den Westen nicht geeignet.
Dasselbe Schicksal traf Gerhard Perl, 63. Der Altphilologe hatte eine ehrenvolle Einladung zu einem Seminar in der Schweiz erhalten. Auf Geheiß des Leiters des Zentralinstituts mußte Perl in Ost-Berlin bleiben. Nicht einmal bedanken durfte er sich für die Einladung.
Dummer, Wachtel, Perl und viele Kollegen haben unter demselben Mann gelitten: unter Professor Joachim Herrmann, 57, bis zur Wende Vorsitzender des Nationalkomitees der Historiker der DDR, Nationalpreisträger und, seit 1981, "Held der Arbeit".
Die höchste internationale Ehrung aber widerfuhr dem SED-Professor jetzt, zehn Monate nach der Wende: Auf der Generalversammlung des Internationalen Komitees der Geschichtswissenschaften in Madrid wurde Herrmann in das neunköpfige "Bureau" gewählt, und das schon zum zweiten Mal für fünf Jahre. Ein alter Honecker-Vasall gehört damit als einziger Deutscher dem höchsten Gremium dieser Dachorganisation aller Historiker an.
Ein "starkes Stück" nennt Wolfgang J. Mommsen, westdeutscher Delegierter auf der Generalversammlung, die Herrmann-Wahl. "Wir Deutschen", empört sich der Düsseldorfer Professor, "könnten gut ohne einen Vertreter im Büro leben - aber nicht mit dem ranghöchsten SED-Historiker überhaupt."
In der gegenwärtigen Lage, hatte Mommsen in Madrid vorgebracht, wäre ein Rücktritt Herrmanns "die verdammte Pflicht und Schuldigkeit jedes Ehrenmannes". Doch der Angesprochene zeigte sich uneinsichtig.
Mit Fleiß und konspirativem Geschick nahm der ehemalige SED-Funktionär vielmehr den internationalen Historikerverband für sich ein. Und da sich das erlauchte Gremium für schnöden politischen Streit ohnehin nicht interessiert, wurde der nette Kollege aus Ost-Berlin mit einem vorzüglichen Wahlergebnis bis 1995 im Amt bestätigt.
Historiker aus Ost und West halten nun den bundesdeutschen Delegierten ein allzu diplomatisches Auftreten vor. Doch eine Gegenkandidatur wäre laut Mommsen zwecklos gewesen: "Gegen Herrmann hätten wir keine Chance gehabt."
Herrmann selbst will den Unmut der Zunft gar nicht begreifen. Er sei doch nur als Person, also als "kompetenter Wissenschaftler", gewählt worden und "nicht als Repräsentant irgendeines Landes". Und außerdem, so ließ er Mommsen kürzlich "mit kollegialen Grüßen" wissen, habe er sich nie mit der "SED-Historie identifiziert".
Tatsächlich hat der Experte für Ur- und Frühgeschichte die gesamte Weltgeschichte vom Neandertaler bis zur Dampfmaschine nach Marx und Engels interpretiert und umgebogen.
1988, als Präsident der DDR-Volksbildungsorganisation Urania, machte er einen tiefen Kotau vor Erich Honecker. Bei einem Festakt gelobte Herrmann, mit allen "propagandistischen Aktivitäten dafür zu wirken, daß die politischen Einsichten der Bürger weiter so wachsen, wie es zur Verwirklichung der Beschlüsse des XI. Parteitages der SED unverzichtbar" sei.
Heute hält Herrmann solche Sätze für Leerformeln, "die man so oder so interpretieren konnte". Auch von einem "hindernden Einfluß" auf die Karrieren seiner 180 Mitarbeiter könne bei ihm "keine Rede" sein. Er selbst hingegen sei wegen dieser Fürsorge bei den Mächtigen des SED-Staates angeeckt.
"Da kommen mir ja die Tränen der Rührung", kommentiert die Herrmann-Kollegin Isolde Stark, 45. Für die Wissenschaftlerin aus dem Zentralinstitut war Herrmann ein "despotischer Statthalter des Regimes", der seine Untergebenen alltäglich schikanierte.
Der Ober-Genosse habe unqalifizierte Mitarbeiter ins Institut geholt, nur weil sie SED-Mitglieder waren. Ein Kollege, berichtet der Altphilologe Perl, sei sogar gemaßregelt worden, weil er sich Radiergummis aus dem Westen beschafft hatte - DDR-Radiergummis hinterlassen häßliche Schmierstreifen auf historischen Quellen.
Dieser "entmündigenden und entwürdigenden Behandlung" (Perl) machten immerhin die Mitarbeiter letzte Woche ein Ende. Die Personalvertretung zwang Herrmann zum Rücktritt von der Institutsleitung.
Doch der clevere SED-Professor gibt nichts auf, was nicht schon längst verloren ist. Das Mammutinstitut wird in den kommenden Monaten ohnehin in einzelne Arbeitsbereiche aufgelöst. Herrmann selbst dagegen bleibt Persönliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und schmiedet bereits große Pläne für eine neue wissenschaftliche "Kommission" unter seinem Vorsitz.
Der Start in die Zukunft könnte durchaus gelingen. Stolz verweist Herrmann schon auf die westdeutsche Volkswagen-Stiftung, die demnächst Fördermittel in seine ur- und frühgeschichtliche Abteilung fließen läßt.
Auch den ehrenvollen Posten im internationalen Historikerkomitee will er so lange behalten, bis ihn die Kollegen aus England, Frankreich und anderswo zum Rücktritt nötigen - was wenig wahrscheinlich ist.
Die westdeutschen Geschichtswissenschaftler dagegen haben bereits Konsequenzen gezogen. Zu dem in dieser Woche stattfindenden Historikertag in Bochum sind zwar auch die ehemals so staatstragenden Kollegen aus der DDR eingeladen. Eine Fusion des westdeutschen "Verbandes der Historiker Deutschlands" mit der von Herrmann und Genossen beherrschten Historiker-Gesellschaft der DDR steht jedoch nicht auf der Tagesordnung.

DER SPIEGEL 39/1990
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