22.10.1990

NACHRUFLeonard Bernstein

Als er sich Mitte der sechziger Jahre mit seinem Taktstock aus Rosenholz auch in Europa durchzuschlagen begann, da wirkte er auf der abendländischen Tonerde wie ein fremdartiges Gewächs, ähnlich exotisch wie einst Chewing Gum und Lucky Strike. Als sprengte John Wayne auf seinem Western-Hengst mitten ins Wiener Burgtheater, so platzte dieser Mr. Leonard Bernstein damals in die kultivierten Gaue des Herbert von Karajan: L. B., so terrible American wie L.A.
Lebenslauf und Laufbahn, die ihn daheim geradezu adelten, machten ihn bei den europäischen Kunstverwesern eher verdächtig: Sohn eines jüdisch-ukrainischen Kosmetikhändlers, mit 25 durch einen Schnupfen von Bruno Walter ans Pult der New Yorker Philharmoniker und von dort an die musikalische Macht gekommen, als Filmkomponist der "Faust im Nacken" mit Hollywood gemein, mit der "West Side Story" auf dem Broadway läufig - so einer mußte in den Stammlanden der Thomas-Kantoren und Gesamtkunstwerker wie ein philharmonischer Irrläufer erscheinen: geradezu taktlos, einfach so auf klassischem Mutterboden anzutanzen.
Jawohl - antanzen. Denn Swinging Lenny schaukelte das Podium zum Trampolin auf, führte beim Dirigieren die kesse Sohle ein und vor, steppte, schunkelte selbstverliebt mit seinem drallen Klangkörper, hopste, wenn die Partitur ihn high stimmte, auch beidbeinig in die Höhe und lockerte so Toccaten und Fugen mit ein wenig Entertainment aus der Neuen Welt des Fred Astaire auf. Argwöhnisch verfolgten die schöngeistigen Stammkunden an den hiesigen Musikstätten, wie sich dieser mannshohe Vibrator aus Lawrence im US-Staat Massachusetts in die Elfenbeintürme ihrer liebgewonnenen Stabwedler drängte.
Mein Gott, und wie unseriös, dieser Mr. Promoter von drüben. Küßte und schmatzte nach dem Schlußakkord eine ganze philharmonische Hundertschaft ab - wer sah jemals Karajan auch nur Wange an Wange mit einem Violinisten? Dieser Bernstein schwitzte die heißen Nummern des Repertoires aus allen Poren und durch jeden Frack - aber transpirierte Herr von Karajan nicht unsichtbar? Dieser Bernstein ließ sich tatsächlich, wie vor ihm Heidi Kabel und Knut Kiesewetter, vom Schnulzensender Europawelle Saar mit der "Goldenen Europa" dekorieren - hat sich Karajan auch nur ein einziges Mal so billig gemacht? Und wieso ließ sich dieser Bernstein überall Lenny nennen - es sagte doch auch keiner zu Karajan Heri oder Bert.
Nachdem Bernstein 1968 bei der Generalprobe des Wiener "Rosenkavalier" glückstrahlend geheult hatte, weil er vom wunderbar welken Zauber der Marschallin Christa Ludwig übermannt wurde, gab er ihr bei der Premiere die Einsätze mit Kußhändchen - Maestro spumante. Faxen? Klar. Mache? Sicher. Macken? Auch. Und doch ließ sich erst Wien und dann das restliche Musik-Europa von diesem todernsten Schelm und diesem lausbübischen Grübler, der Musik immer nur mit Haut und Haaren betrieb, auch mit Haut und Haaren fesseln. Im Vergleich zu dieser geballten Ladung Töne, diesem komponierenden, dirigierenden, dozierenden und fabulierenden Mammutbaum der Szene war Karajan fast ein Bonsai im Gärtlein der erhabenen Tonkunst.
Viele ungeliebte Haydn-Sinfonien veredelte Bernstein zu klassischen Kabinettstücken. Als erstaunlich empfindsamer Pianist machte er aus Mozarts B-Dur-Konzert Köchel-Verzeichnis 450 eine Art "CosI" für Klavier und Orchester. In seinen Beethoven-Interpretationen formierten sich viel Freiheitsdrang und Friedensbewegung, und Gustav Mahler, den er für das zeitgenössische Musikleben entmottet hat, war ihm mit aller orchestralen Hochstapelei und aller psychologischen Schieflage vielleicht der nächste, sicher der liebste.
Doch egal, was er dirigierte - dieser sinnenfrohe, emotional hochtourige und intellektuell hellwache Bernstein war immer berauscht: von der "Eroica" oder den Wiener Philharmonikern oder den 100 Zigaretten täglich oder vom Bourbon oder von sich selbst. Was er auf dem Podium durchmachte, empfand er als Paarung mit den Klängen, nannte er "Liebesakt".
Während Kollege Karajan im Gewölk seiner göttlichen Begabung vor allen Schandflecken des irdischen Jammertals die Augen schloß und sich so ungestört an seiner Erscheinung weidete, stellte sich Bernstein gern mit großen Gesten an die Klagemauer und auf die Anklagebank.
1959 vergrätzte er die Kreml-Herren, als er dem Moskauer Publikum den historischen Rang des von der Partei tabuisierten Exilanten Strawinski erläuterte. Mit durchaus internationalem Widerhall lieferte er Begleitmusik zu Jimmy Carters Wahlfeldzug. Er nahm, zusammen mit Robert Redford, Reagans Hochrüstung unter Beschuß. Zum 40. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroschima spielte er vor Ort, auf verstrahlter Erde und mit verkitschtem Sendungsbewußtsein. Kaum war Ende 1989 die Mauer offen, da schlug er im weihnachtlichen Berlin Beethovens schönen Götterfunken und, wie bei derlei Highlights des Kalenders üblich, auch ganz schön Gagen und Tantiemen aus seinen werbewirksamen Platzkonzerten.
Aber er ließ sich auch nicht lumpen. Wer ihn um Hilfe anging, dem war er Ratgeber und oft auch Wohltäter. In den Klingelbeutel von Amnesty International, überhaupt von humanitären Organisationen, hat er oft dicke Schecks gesteckt. Leonard Bernstein starb vorletzten Sonntag mit 72 Jahren in New York an den Folgen eines Lungenleidens.

DER SPIEGEL 43/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NACHRUF:
Leonard Bernstein