22.10.1990

RundfunkDabeigewesen

Dagobert Lindlau vom Bayerischen Rundfunk hat einen Roman über eine Fernsehanstalt geschrieben. Sein Sender will nichts davon wissen.
Die Herren Eberau, Vanzin und Kerz sind ziemlich weit oben und wissen wenig. Aber weil sie alle nach Macht und Einfluß in dem Rundfunksender streben, für den sie arbeiten, gehen sie keiner Intrige aus dem Weg.
Charlie Fulcher ist ziemlich weit unten und weiß alles. Der Mann am Ende der hierarchischen Leiter kann sich selbst in geschlossene Räume hineinversetzen und in Personen hineindenken, so daß ihm nichts entgeht im Spiel um Macht und Einfluß.
Dagobert Lindlau ist ziemlich weit draußen und weiß auch viel. Doch der bisherige Wiener Korrespondent der ARD, der erst kürzlich auf seinen alten Posten als Chefreporter ohne Geschäftsbereich beim Bayerischen Rundfunk zurückgekehrt ist, unterliegt dem Loyalitätsgebot seines Hauses. So kann er nur wenig von dem erzählen, was er weiß.
Weil es aber irgendwie schade wäre um das Wissen, hat er nun ein Buch geschrieben, in dem er in Romanform kleidet, was in einer deutschen Rundfunkanstalt alles passieren kann. In diesem Roman lernt man die Herren Eberau, Vanzin, Kerz und Fulcher kennen und viele andere noch dazu*.
Die Rundfunkanstalt heißt "Tele IV", ist bereits gesamtdeutsch und liegt doch irgendwie im Süden der Republik. Im Vorwort schreibt der Autor, daß es sich um einen erfundenen Sender handele. Weil es sich dann aber vielleicht gar nicht lohnen würde, das Buch zu lesen, versichert Lindlau, daß man "leider heutzutage fast nichts mehr erfinden könne, was es nicht so ähnlich wirklich gibt".
Lindlau hat - neben seiner Erfahrung beim Bayerischen Rundfunk seit mehr als 35 Jahren - zwei Passionen: die Beschäftigung mit dem organisierten Verbrechen und die Liebe zu den Schußwaffen und zur Jagd. Beides hat er in seinen Roman eingebaut: Der Fernsehsender wird vom Erzähler Charlie Fulcher immer wieder mit den Sitten der Mafia in der Stadt Corleone verglichen (wobei die Sizilianer nicht schlecht abschneiden). Und der ruhende Pol inmitten der etwas verwirrenden Handlungsstränge ist der Laden des Büchsenmachers Stephano Bomkin, bei dem Fulcher all seine Erlebnisse und Kümmernisse vom "Soldatenhügel", so das Synonym für die Sendeanstalt, los wird.
Was da passiert, ist vor allem der Kampf darum, die Veröffentlichung einer Studie zu unterdrücken, die vom Sender selbst mit Millionenaufwand unterstützt worden war. Deren Erkenntnis: Wahlergebnisse kommen vor allem den Dummen zugute. Dafür würde zwar in Bayern niemand Geld ausgeben, aber Lindlau baut darum eine lange Geschichte zwischen Mullahs - seine Bezeichnung für die Mitglieder der machtvollen Herrscherpartei _(* Dagobert Lindlau: "Rakket - Ein Hit ) _(von Charlie Fulcher". Hoffmann und ) _(Campe; 320 Seiten; 36 Mark. ) - und den Intriganten von Medienkommission, Programmdirektion und Chefredaktion.
Wem das alles etwas überzogen vorkommt, der kann nach den Anspielungen über den Betrieb einer real existierenden Rundfunkanstalt fahnden. So weist der schmallippige Chefredakteur Vanzin eindeutig Parallelen zu Lindlaus Chef und Intimfeind Wolf Feller auf. Aber aufschlußreicher sind die Schilderungen, wie Sendungen entstehen oder verhindert werden, welche Schlachten um die Plätze auf dem Bildschirm stattfinden, wer wann nach "Timbuktu" geschickt wird oder wie die wechselseitigen Beziehungen zwischen Sendeleitung und Staatspartei funktionieren.
Zu den Fehlleistungen seines Senders zählt Charlie Fulcher auch die Episode, wie beinahe ein Neo-Nazi Fernsehdirektor geworden wäre. Das ist wiederum so eine Geschichte, die der Autor dem Leben abgelauscht hat. 1981 hatte der damalige stellvertretende Chefredakteur Franz Schönhuber die Beförderung für sich reklamiert, nicht zuletzt bestärkt durch Gratulationen des Intendanten und so manchen Freundes aus der CSU zu einem Buch, das Schönhuber gerade veröffentlicht hatte.
Ausgerechnet Lindlau war es damals gewesen, der die Wende in der Beurteilung des Bekenntniswerkes "Ich war dabei" einleitete. Empört hatte er auf einer Redaktionskonferenz aus der Rezension der Deutschen National-Zeitung zitiert, die Schönhubers Reinwaschung der Waffen-SS bejubelt hatte. Kurz darauf ließ der Bayerische Rundfunk den ehemaligen Intimus von Franz Josef Strauß fallen. Der rächte sich nicht nur durch die Gründung der Republikaner, sondern auch mit der Veröffentlichung eines Schlüsselromans über den Bayerischen Rundfunk. In dem 1984 erschienenen Buch "Macht", das schon im Titel an Feuchtwangers Münchner Sittengemälde "Erfolg" erinnern sollte, konnten sich die Personen leichter wiedererkennen als in Lindlaus Roman jetzt.
Damals ignorierte der Bayerische Rundfunk das Buch. Keiner im Sender oder in der CSU vermißte eine Rezension des Werkes. Aber auch kein Redakteur wollte sich für das mißlungene Feuchtwanger-Imitat stark machen.
Als am Donnerstag vorvergangener Woche das Team der Münchner Parade-Klatschsendung Leo''s von Lindlaus Buchvorstellung Aufnahmen machen wollte, da stoppte Fernsehdirektor Feller mit einem Hinweis auf eine hausinterne Anordnung, über Bücher von Kollegen nur mit Zurückhaltung im Programm zu berichten, das Vorhaben.
Die Anordnung ist neun Jahre alt. Mit ihr war damals der Rausschmiß von Franz Schönhuber aus dem Bayerischen Rundfunk eingeleitet worden.
* Dagobert Lindlau: "Rakket - Ein Hit von Charlie Fulcher". Hoffmann und Campe; 320 Seiten; 36 Mark.

DER SPIEGEL 43/1990
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