12.11.1990

KinoZen-Mystik in Bildern

„Warum Bodhi-Dharma in den Orient aufbrach“. Spielfilm von Yong-Kyun Bae. Südkorea 1989. 135 Minuten; Farbe.
Bei der Weltpremiere in Cannes, im Mai 1989, verließen viele Kritiker vorzeitig das Kino. Yong-Kyun Bae, 39, der südkoreanische Regisseur, war darüber so erbost und traurig, daß er beinahe die laufende Vorstellung abgebrochen hätte, um heimzureisen. In acht einsamen Jahren hatte der Kunstprofessor und Maler seine filmische Meditation fertiggestellt - vom Drehbuch bis zur Lichtsetzung, vom Schnitt in Heimarbeit bis zur Tonmischung alles allein und kompromißlos.
Es geht um große Begriffe, um Leid und Vergänglichkeit, um die Einheit von Leben und Tod, die Harmonie zwischen Mensch und Natur und um die Überwindung von Raum und Zeit. Ein alter Zen-Meister, der sich in die Berge zurückgezogen hat, sein Schüler und ein Waisenkind sind die Protagonisten auf der Suche nach Vervollkommnung. Realität und Träume, Erinnerungen und Visionen vermischen sich in der Schilderung ihres Daseins.
Abseits von der Filmindustrie konnte der Autodidakt und Perfektionist Bae eine eigene Sprache entwickeln: Unter Verzicht auf eine traditionelle Geschichte macht er in den Grenzbereichen des Lichts Menschen und Natur mit kontemplativen Kamerafahrten und klaren Detailaufnahmen sinnlich erfahrbar und verklärt sie zugleich zu archetypischen Zeichen.
Bodhi-Dharma war nach der Legende ein Mönch, der nach Ostasien aufbrach, um den Menschen das Glück zu bringen: Löst euch von den Leidenschaften, und ihr werdet die Welt so sehen, wie sie ist! Rund 1400 Jahre später, nachdem die Menschen noch immer nichts verstanden haben, unternimmt Bae einen ähnlichen Versuch: die Botschaft der Weisheit mit Bildern zu verbreiten, wo Wort und Intellekt nicht reichen.
Bei den Festspielen in Locarno, drei Monate nach Cannes, wurde der Film mit dem "Goldenen Leoparden" geehrt, der Regisseur als einzig legitimer Nachfolger Tarkowskis gefeiert. Ein wenig hoch gegriffen, dennoch: "Bodhi-Dharma" erschüttert leise, wie ein Zittern der Erde, kurz vor einem Beben.

DER SPIEGEL 46/1990
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