12.11.1990

Der lange Abschied

„Nouvelle Vague“. Spielfilm von Jean-Luc Godard. Frankreich/ Schweiz 1990. 89 Minuten; Farbe.
Irgend etwas ist schiefgelaufen in der Filmgeschichte: Als das Kino erfunden wurde, war Godard noch nicht geboren, und als Godard endlich geboren wurde, war das Kino über 30 Jahre alt. Als Godard dann aber selber auf die 30 zuging - da blieb ihm nichts anderes übrig, als den Tod des alten Kinos zu verkünden. Denn nur das gab ihm die Chance und die Rechtfertigung, das Kino noch einmal neu zu erfinden.
Das war vor 30 Jahren, in der guten alten Zeit. Damals hatte Godard noch Freunde und Mitstreiter, die hießen Truffaut, Rohmer, Chabrol. Sie wollten keinen Unterschied machen zwischen dem Filmen und dem Leben, dem Filmen und dem Denken, dem Filmen und dem Fühlen. Und das Publikum erkannte in den Filmen das eigene Fühlen, Denken, Leben wieder. Weil aber große Worte damals nicht populär waren, gab man dem neuen Kino einen schlichten Namen: "nouvelle vague", neue Welle.
Heute, klagt Godard, fühle er sich einsam. Die Freunde sind fremd geworden oder gestorben, das totgesagte alte Kino lebt. Godard aber, der im Dezember 60 wird, ist nicht müde und zum Kämpfen nicht zu alt. Unverzagt arbeitet er weiter am Kino der Zukunft, trotzig hat er seinem neuesten Film einen altbekannten Titel gegeben: "Nouvelle Vague".
Für Fans klingt dieser Titel schon wie ein Versprechen. Und als bekannt wurde, daß Alain Delon, der Star, die Hauptrolle spielen würde - da hoffte mancher, daß Godard nun, nach ein paar sehr kryptischen Filmen, endlich wieder eine richtige Geschichte erzählen werde, wie einst in "Außer Atem".
Godard aber erzählt drei Geschichten gleichzeitig, und wie er das Erzählen versteht, das hat er vor Jahren so beschrieben: Ein Film müsse einen Anfang haben, eine Mitte, einen Schluß - aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
"Nouvelle Vague" ist die Verfilmung von Chandlers Roman "The Long Goodbye" - nur daß die Kamera die Rolle Philip Marlowes übernommen hat. Der Film ist eine Variation über den Mythos von Tristan und Isolde - nur daß der Liebestrank aus Zelluloid besteht. Und schließlich ist der Film die Paraphrase auf einen Essay von Kleist: Er handelt von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Gucken.
Ein Mann und eine Frau, die komplizierteste aller Geschichten: Sie (Domiziana Giordano) ist sehr schön, sehr reich und als Konzernchefin sehr beschäftigt. Er (Alain Delon) hat nicht viel, nur viel Zeit, und also nicht viel zu verlieren. Sie hat ihn auf der Straße aufgelesen, ihn mit nach Hause genommen, sie hat ihn zu ihrem Geliebten gemacht und verwöhnt ihn, so gut sie kann. Er aber langweilt sich, und die Melancholie schwindet niemals aus seinen Blicken.
Eines Nachmittags rudern sie hinaus auf den See, er fällt ins Wasser, sie rührt keine Hand. Ein paar Monate später ist der Mann wieder da, gibt sich als sein eigener Bruder aus, und die Geschichte fängt noch einmal an: Die beiden rudern hinaus auf den See, sie fällt ins Wasser. Und er reicht ihr seine Hand.
Das Ganze könnte man in einer halben Stunde erzählen - wenn es dem Regisseur ums Erzählen ginge und sein Film ein Werk des alten Kinos wäre. Godard aber hat überhaupt nichts zu erzählen (deshalb taucht auch sein Name im Vorspann nicht auf), er läßt seine Helden sprechen. Die stehen viel herum, blicken einander an, und dann sprechen sie in Zungen: Sie zitieren Jean Paul und Aristoteles, Jules Renard und Arthur Rimbaud, Franz Kafka und Howard Hawks. Godard ist stolz darauf, daß kein Satz im Film von ihm selber stammt - so mancher Zuschauer aber mag sich fragen, ob "Nouvelle Vague" nur ein Rätselspiel für die gebildeten Stände sei.
In Wirklichkeit will Godard das Gegenteil. "Nouvelle Vague" ist eine Attacke aufs abendländische Denken, ein Angriff auf die Hierarchien unseres Sprechens, Schreibens und Begreifens.
"Laß die Dinge einen Augenblick ohne Namen", sagt einmal eine Nebenfigur, und an diese Aufforderung hält sich der Film. Godard will den Wörtern die Macht rauben und den Dingen ihre Unschuld zurückgeben. Er filmt einen Stein nicht anders als ein menschliches Gesicht, und auf der Tonspur ist das Rauschen der Wellen ebenso wichtig wie jene Geräusche, welche die Menschen beim Reden machen. "Nouvelle Vague" handelt von der Sprache der Wirklichkeit und spielt in der Wirklichkeit der Sprache. Der Film will die Welt lesbar und die Wörter sichtbar machen. Deshalb sollte man den Regisseur beim Wort nehmen.
"Ich habe diesen Film nicht gemacht", sagte Godard neulich auf einer Pressekonferenz - und meinte es ernst: Diesen Film hat Godard geträumt. o

DER SPIEGEL 46/1990
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