12.11.1990

Sprach-Orgie aus Rußland

Viktor Jerofejew, 43, Sohn eines hohen sowjetischen Diplomaten, war zehn Jahre lang vom Schriftstellerverband ausgeschlossen. - Die Slawistin Elsbeth Wolffheim, 56, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in Hamburg.
In Moskau soll ein neues Denkmal errichtet werden. Doch kein Marx oder Lenin, auch kein Dichter soll auf dem Sockel thronen, sondern ausnahmsweise etwas Weibliches. Genauer: jene Partie des Weibes, die in der Vulgärsprache mit F anfängt. Davon träumt Ira, Heldin von Viktor Jerofejews Roman "Die Moskauer Schönheit", ehe sie aus dem Leben scheidet. Im Alexander-Garten soll es stehen, "ohne überflüssige Schnörkel, wie eine Rose", mit Blumen und Flieder drumrum, "als Gegengewicht zum Ruhm der Krieger". "Heldin der Arbeit" könnte das Denkmal heißen, denn mit dem Original hat die Besitzerin weidlich gerackert. Und darauf ist sie so stolz wie auch auf den Ehrentitel, den einer ihrer Lover, ein hohes Tier mit dem Kosenamen Leonardik, ihr verliehen hat: "Genius der Liebe".
Die Natur hat Ira mit blendender Schönheit ausgestattet und mit nimmermüdem Appetit, vor allem aber mit der nötigen Zielstrebigkeit, um ihrem ödprovinziellen Geburtsort zu entfliehen und in Moskau Karriere zu machen: "So richtig geliebt habe ich nur wichtige Leute, auf ihren Gesichtern lag der fette Glanz von Leben und Ruhm, vor dem ich machtlos war, ich war Feuer und Flamme - aber auch ich war fähig, Wunder zu vollbringen."
Eines dieser Wunder: ihr zeitweiliger Favorit, ebenjener schon recht betagte Leonardik, der jedesmal außer sich gerät, wenn sie seinem "Lazarus" eine angemessene Auferstehung bereitet. Doch eines Tages kostet ihn eine dieser kraftraubenden Ekstasen das Leben. Noch im Jenseits aber verzehrt er sich so lange nach seiner (doppelten) Auferstehung, bis sie ihm gewährt wird und er, wie in alten Zeiten, wieder auf der Wunderheilerin Platz nimmt.
Dieser letzte Besuch hat Folgen: Ira wird schwanger, und seither duftet ihr "Bergamottgarten" nicht mehr, sondern riecht nach Leiche. Das ist das Ende ihrer Liebeskarriere. Und so finden wir sie zu Beginn des Romans im Gynäkologenstuhl, der Doktor Albertowitsch fummelt an ihr herum und gratuliert zum freudigen Ereignis: Das hätte er der "Veteranin der russischen Abtreibung" nicht mehr zugetraut. Natürlich will er wissen, wer der glückliche Vater ist. Aber sie schweigt "wie ein Fisch in Aspik", aus Angst, daß man sie für verrückt erklärt, wenn sie mit der Wahrheit herausrückt. Daß es ein Junge wird, steht für sie fest. Er wird ihr Rächer, beschließt sie, er soll der Welt heimzahlen, was die der Mama angetan hat. "Ich werde euch ein solches Ungeheuer gebären, das mich rächen wird wie Hitler oder sonst irgendeiner . . . ich will nicht für euch leiden, leidet allein . . . ihr Arschkriecher und du mein geliebtes Volk."
So läßt die Ich-Erzählerin Ira alles aus sich herauspurzeln, was ihr durch den Kopf schießt: mal Betterinnerungen - einschließlich einer gepflegten Tracht Prügel, denn erst dann kommt Leonardik richtig in Fahrt -, mal wüste Beschimpfungen, zum Beispiel gegen dessen Gattin, diese "überfütterte Truthenne". Mal Lamentationen über ihre "Gottverlassenheit", mal witzige Seitenhiebe auf die oberen Zehntausend, die Privilegien genießen und sich den Teufel um das Wohl des Volkes scheren.
Virtuos inszeniert Jerofejew den Plapper-Monolog seiner Heldin, und kongenial hat seine Übersetzerin Beate Rauch den sprachlichen Feuerzauber wiedergegeben. Warum der Autor uns freilich einreden will, die unermüdliche Ira schreibe dies alles nur für ihre nach Frankreich verzogene Busenfreundin Ksjuscha auf, bleibt unerfindlich: eine überflüssige Spitzfindigkeit der Romankonstruktion. Ab und zu kehrt Ksjuscha im rosaroten Wagen in die Heimat zurück, und dann "heben" die beiden Damen regelrecht "ab": Übers Lesbische geht Ira nichts. Dazwischen als Einlage Liebe zu dritt (oder waren's vier?).
Ira, die bereits in ihrem Heimatnest zwei Ehemänner abserviert hat, will in Moskau das große Glück machen, will geheiratet werden von einem dieser reichen Pinkel. Einen Job hat sie übrigens auch, aber welchen, bleibt unklar. Jedenfalls bezieht sie ein festes Salär von einer Unterhaltungsbühne oder etwas Ähnlichem. Dann aber reitet sie der Übermut, gleich zweimal, und sie fliegt raus. Der eine Sündenfall: Sie hat ihren "Bergamottgarten" von einem schwulen Fotografen ablichten lassen, und der hat damit im Ausland Geld gemacht. Und: Sie hat bei einem hochfeinen Konzert einen japanischen Dirigenten und sein Orchester mit Apfelsinen bombardiert.
In bezug auf das Foto, das natürlich in der sowjetischen Nomenklatura die Runde macht, hat Ira ein gutes Gewissen: "Ich konnte mir diese ehrenhafte Gesellschaft lebhaft vorstellen, die Sorte mit Hosenträgern und Bärtchen, die sich mit Vergrößerungsgläsern um den Tisch drängt." Und das Apfelsinenscharmützel hat sie bloß gereizt, weil sie ihren Leonardik brüskieren wollte. Der hat versprochen, sie zu heiraten. Doch zögert er das wegen der "Truthenne" und wegen seiner "Reputation" ungebührlich hinaus. Weshalb Ira ihm in aller Öffentlichkeit unbedingt eins auswischen mußte, "besitzt" sie doch, wie sie gravitätisch versichert, "Selbstachtung" und läßt sich nicht wie ein Flittchen behandeln.
Überdies wird ihr angekreidet, daß der beim Sado-Maso-Spiel verblichene Leonardik blaue Flecken und andere Wundmale davongetragen hat. Sie wird auch vernommen deswegen, aber die Untersuchungsrichter müssen sie freisprechen: Der als "Kämpfer" und "Sämann" Betrauerte ist schlicht "an Entzücken" gestorben. Er war "glücklich wie ein Grünschnabel" und starb "mit einem würdevollen Schrei".
Sosehr man ihr auch zusetzt, sie habe die Ehre der Nation befleckt, weil "unzulässige Dinge passiert sind, in Form von Männern" - Ira verspürt keine Reue. Ist sie denn schuld daran, daß ihr die Liebe über alles geht? Schuld ist im Grunde der zweite Ehemann, ein Fußballer. Der lag zu lange im Krankenhaus, naiv wie er war: "Ich wäre froh gewesen, ihn nicht betrügen zu müssen, aber er hat ja selbst in mir dieses Feuer entfacht, was habe ich mich zusammengenommen . . . und konnte doch nicht ruhig sitzen: Statt von Moskau träumte ich nur noch von Schwänzen, massenhaft, wie die Pilze, ich wachte von oben bis unten schweißgebadet auf, grauenhaft!"
Nicht Reue, wohl aber Angst befällt sie allmählich. Es geht bergab. Das werdende Baby, Produkt einer "postumen Lüsternheit", dazu Mangel an Geld und neuen Eroberungen treiben sie in die Sackgasse. Um den "Volkszorn" zu besänftigen, schlagen ihr irgendwelche "neuen Freunde" vor, sie müsse sich opfern, als "Jeanne d'Arc" von Rußland, um ihr Vaterland zu retten, das sie angeblich glühend liebt.
Der um dieses Motiv geknüpfte Handlungsstrang ist nun allerdings für den westlichen Leser befremdlich. Er wird ihn nur begreifen, wenn er sich vor Augen hält, daß seit geraumer Zeit in der Sowjetunion Okkultismus, Aberglaube, Wahrsagerei und allerlei unvergorene Mystik die Köpfe vernebeln. Selbst der blitzgescheite Jerofejew scheint nicht frei davon.
Zwar könnte man es als Verspottung des Mystizismus verstehen, wenn er die nackte Ira dreimal über ein altes Schlachtfeld jagt, um sie als neue Jeanne d'Arc in den Armen des Todes vergehen zu lassen. Aber irritierenderweise beschreibt Jerofejew die Szene, in der Ira "zum Spielfeld für metaphysische Kräfte" wird, keineswegs aus der Distanz, sondern behauptet in einem Interview, beim Schreiben sei er "gleichsam zum Medium" geworden, durch das "energetische Ströme" hindurchgeflossen seien.
So bizarr, wie das ganze Buch sich liest, geht es auch mit Ira zu Ende. Vergebens hat sie den heroischen Schlachtentod gesucht, vergebens in der Kirche um himmlisches Heil gefleht. Da bleibt der Freitod, den sie, halb weinerlich, halb genüßlich, am Ende des Buches detailliert ausmalt.
"Die Moskauer Schönheit" ist der erste Roman des 1947 in Moskau geborenen Autors. So viel Sprachwitz, gepaart mit Situationskomik und Entlarvungsstrategie, hat Rußland schon lange nicht mehr zu bieten gehabt. Zudem rückt der Roman ein Thema in den Mittelpunkt, das überhaupt noch nicht in der russischen Literatur präsentiert worden ist: weibliche Erotik. Bei der staatlich verordneten Prüderie war an Laszives in der Literatur nicht zu denken. Um so erfreulicher ist nun diese geballte Ladung.
Aber nicht nur die ausschweifende Lust am bisher Verbotenen macht die Lektüre des Romans zu einem ungetrübten Vergnügen, sondern auch der Witz seiner literarischen Anspielungen, die Satire auf die Funktionärssprache und vor allem eine feine Ironie, die noch die deftigsten Szenen ins Komische wendet.
Jerofejew, der seine Kindheit teilweise im Ausland verbracht hat, kennt sich in der westlichen Literatur vorzüglich aus; Joyce und Nabokov, aber auch de Sade haben ihn nach eigener Auskunft besonders beeinflußt. Wegen seines Engagements für den aufmüpfigen Almanach "Metropol" vom Schriftstellerverband ausgeschlossen, wurde er erst 1988 rehabilitiert. "Die Moskauer Schönheit" kam in der Sowjetunion in einer Auflage von 100 000 Exemplaren heraus, die innerhalb von zwei Tagen verkauft waren. An einigen brisanten Stellen mußte der Autor Pünktchen in Kauf nehmen.
Aber das hat Jerofejew wenig gekümmert. Ohnehin ist er der Meinung, daß "die sowjetische Literatur", auch die nun zu hohem Ansehen gekommene sogenannte Anklageliteratur, ausgedient hat. Was ihm vorschwebt, ist eine "alternative Literatur", die Spaß am Wort hat, der das Sujet und die Sprache wichtig sind und nicht die Schablonen einer (wie auch immer gearteten) Ideologie. In der Literaturnaja gaseta vom 4. Juli 1990 hat er temperamentvoll für eine Literatur plädiert, die sich nicht nach dem "rent-a-car"-Prinzip einen "Stil mietet", um eine moralische Botschaft zu verkünden, sondern autonom ist, eben Wort-Kunst, "nicht mehr, aber auch nicht weniger".
*GESCHICHTE-1 *
*VERLAGSHINWEIS:
Viktor Jerofejew: "Die Moskauer Schönheit". Aus dem Russischen von Beate Rauch. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 352 Seiten; 38 Mark.
Von Elsbeth Wolffheim

DER SPIEGEL 46/1990
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