12.11.1990

Gruselig und komisch

Manche Kritiker haben Gert Hofmanns Roman vom "Kinoerzähler" als irrwitzig komisches Buch empfunden und empfohlen. Andere, so zum Beispiel Frankfurts Ex-Kulturdezernent Hilmar Hoffmann, als unendlich trauriges Buch. Hoffmann bemüht für Hofmann Vokabeln wie hilflos, heillos, ratlos, trostlos - die mögliche Hoffnung müsse sich der Leser selbst konstruieren. Laut Frankfurter Allgemeiner dagegen ist der "Kinoerzähler" "erschreckend komisch" und das "amüsanteste Stück deutsche Prosa" gleich der letzten Jahrzehnte. Wie denn nun, was denn nun?
Die Wahrheit ist, daß sowohl die Trübsalbläser zu Hofmanns Ehren wie auch diejenigen, die sich über seine Prosa kaputtlachen wollen, recht haben. Beide. Und zwar völlig.
Hofmann erzählt die Geschichte seines Großvaters, der in einem kleinen sächsischen Nest Kinoerzähler war - das heißt: Er wühlte zu den Stummfilmen der zwanziger Jahre, die noch bis in die dreißiger dort liefen, in den Klaviertasten und erläuterte mit einem Zeigestock den Leuten die Handlung. Doch weh und ach, es kommt der Tonfilm. Opa, ein Künstler an sich, der nichts gelernt hat, als Filme zu erzählen, wird brotlos. Das schiebt er dem jüdischen Filmtheaterbesitzer Theilhaber in die Schuhe, weil der auf den schrecklichen neuen Ton setzt.
Da nun die dreißiger Jahre auch die Zeit der Nazis sind, landet der arbeitslose Opa bei den braunen Rächern der Enterbten: Hofmanns Buch, aus der Erinnerungsperspektive des Enkels mit gnadenloser Liebe erzählt, führt als eindringlich realistisches Sprachkunststück vor, wie die apolitischen Provinzler Mitläufer, ja Mittäter wurden, ohne es auch nur zu kapieren. Und das ist in der mitleidslosen Genauigkeit schon geradezu gruselig anheimelnd und schrecklich komisch oder besser: schrecklich und komisch zugleich.

DER SPIEGEL 46/1990
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