12.11.1990

Traum von der ewigen Mutter

Als der Sohn von der Krankheit der Mutter erfährt, geht er auf die Straße und holt die Mülltonne herein. Es gibt keine Hoffnung mehr; die Ärzte, hat der Bruder ihm am Telefon gesagt, haben festgestellt, daß die Bauchhöhle schon ganz verkrebst ist. Der Sohn rettet sich ins Schreiben, beginnt, schreibend, noch vor ihrem Tod von der Mutter Abschied zu nehmen: als ob er sie "unter Worten begrabe", noch während sie lebt. Wie soll man damit fertig werden, daß jemand stirbt, der nie ein Leben hatte? Er hätte gern eine andere Mutter gehabt, aber "wenn du tot bist, bin ich nirgends mehr daheim".
Schreiben als Akt des Widerstands, Auflehnung gegen ein Leben, das nur ein langsames Sterben ist - das war immer Ludwig Fels' Thema, seine Poetik, in "Ein Unding der Liebe" und "Rosen aus Afrika". In "Der Himmel war eine große Gegenwart" aber ist der Tod kein Symbol mehr, keine grausame Metapher, Literatur wird, vor der Realität des Sterbens, zur Ausrede, nachgetragenen Empfindung, "Gehirndreck". Statt die Sterbende zu besuchen, gar zu pflegen, träumt der Sohn ihr hinterher, rekonstruiert ihr hartes Leben, phantasiert ihr ein besseres und schreibt nur über seine eigenen Gefühle. Zugleich ist dies die einzige Möglichkeit der Annäherung, die einzige auch, die Widersprüche auszuhalten, die Empörung über die Anspruchslosigkeit der Frau, die niemals aufbegehrte, den Kinderwunsch nach einer "ewigen Mutter" und die ganze Wut über die falsche Gerechtigkeit des Todes.
Ludwig Fels' "Abschied" - so im Untertitel - ist auch ein widersprüchliches Buch, sprachmächtig gerade in jenen Passagen, in denen der Autor über seinen Sprachzweifel schreibt, kalt und voller Lyrismen, obszön und anrührend. Einmal beschreibt er einen Besuch der Mutter, die trunkene Schamlosigkeit einer doch nicht unwürdigen Greisin. Das ist auch ein Abschied des Autors vom expressionistischen Gestus früherer Werke. Ein schamloses Buch und ein beeindruckendes: Es läßt einen ungetröstet.

DER SPIEGEL 46/1990
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