12.11.1990

„Wat vadient denn so 'n Dokta?“

Was bringt den Doktor um sein Brot? a) die Gesundheit, b) der Tod. Drum hält der Arzt, auf daß er lebe, Uns zwischen beiden in der Schwebe.
Die Poliklinik "Frederic Joliot-Curie" im Ost-Berliner Arbeiterbezirk Friedrichshain, Grünberger Ecke Warschauer Straße, ist nach einem französischen Ingenieur benannt - aber der Fahrstuhl streikt. Er wird noch von Hand gesteuert, werktäglich von 7 bis 20 Uhr. Die beiden Führer sind nach der Wende von Bord gegangen. Treppensteigen soll ja viel gesünder sein.
Das Ärztehaus im West-Berliner Arbeiterbezirk Wedding, Müller- Ecke Seestraße, verfügt über einen vollautomatischen Fahrstuhl; Personal macht nur Kosten. Sanft gleitet der Lift auf und ab. Im Parterre öffnet sich die Tür direkt zur Apotheke hin. Zwei kleine Schritte, und man ist in der wohltuend duftenden Wunderwelt heilsamer Versprechungen. Der Apotheker will auch leben.
Die Patienten sind gleich, hier wie dort. Im Hinterhof geboren und alt geworden, vom Leben und der Arbeit gebeutelt, geplagt von allerlei wandernden Schmerzen in Kopf, Kreuz oder Knie, chronisch krank die meisten - und fast alle guter Dinge. Ihrem Arzt vertrauend, nicht den Tabletten, einem Schnäpschen zugetan und von Staats wegen gesetzlich gegen Krankheiten versichert.
So kommt ein schönes Sümmchen zusammen. In der alten Bundesrepublik wurden im letzten Jahr rund 250 Milliarden Mark unter der Rubrik Gesundheit abgebucht. Und nun kriegt das Rad noch mal einen großen Schwung, denn 16 Millionen Neubürger bekommen das "gegliederte System der Krankenversorgung" verpaßt, ob sie wollen oder nicht. Vom 1. Januar 1991 an ist jeder Ost-Berliner in der AOK oder in einer anderen Kasse, hat seinen Krankenschein, die freie Arztwahl, neue Medikamente zu neuen Preisen und das alte Problem am Hals: Was ist gefährlicher? Dem alten Arzt die Treue halten oder sein Heil suchen im Wechsel?
"Was wir bieten", sagt Dr. Josef Thoma vom West-Berliner Ärztehaus, "ist erstens ein exzellenter Service, da ein freiberuflicher Arzt ja ein Unternehmer ist, der mit anderen konkurriert. Und zweitens medizinische Qualität, fachlich und apparativ. Die Verhältnisse im Osten sind wirklich desolat."
Thoma ist 39 Jahre alt, Facharzt für Hals, Nase und Ohren, stammt aus Plattling in Niederbayern und ist deshalb ein Freund der deutlichen Aussprache. Er verarztet rund hundert Patienten am Tag. "Das ist ein Geschäft mit der Krankheit, wenn Sie so wollen. Aber was macht der Bäcker? Ein Geschäft mit dem Hunger."
Josef Thoma empfindet sich als Liberalen, nicht als Konservativen. "Frei" ist sein Lieblingswort. Er ist für ein "am Bedarf des Patienten orientiertes freies Gesundheitswesen mit ebenso freien Patienten wie freien Ärzten". Und in diese freie Welt passen die Polikliniken der Ex-DDR bedauerlicherweise nicht hinein: "Es muß untergehen, was untergehen muß", urteilt der vitale Bayer. "Die Polikliniken erledigen sich von allein. In zweieinhalb Jahren ist das alles gegessen." Ein Mann mit herzhaftem Appetit.
Gut, daß ihn Frau Doktor Krell nicht hört, die Chefärztin von "Frederic Joliot-Curie". Sie hat im letzten Jahr schon so viele traumatische Erlebnisse gehabt. Dagegen verblassen die 15 Jahre, in denen sie als Notärztin "die Leute unter der S-Bahn vorgeholt" hat; und die anderen 15 Jahre, als sie die Poliklinik aufbauen half - in einem alten Haus aus der Kaiserzeit, vier Stockwerke hoch, geheizt mit Braunkohle. 20 Ärzte waren sie zuletzt. Zwei Ärzte sind weggemacht; der eine, ehedem NVA-Major, hat es im Westen geschafft, der andere lebt auf einem Hamburger Wohnschiff.
"Wir sind ein Krankenhaus auf ambulanter Basis", erläutert die Chefärztin den Begriff Poliklinik. Fünf Spezialdisziplinen sind unter einem Dach vereint. Nebenbei betreibt man noch allerlei Beratungsdienste, impft gegen Grippe, macht Hausbesuche. Gut 600 staatliche Polikliniken gehören zur Erbmasse der verstorbenen Republik. Darin arbeiten 18 000 Ärzte; nur noch 390 hatten eine Kassenpraxis. Die meisten Mediziner wollen Polikliniker bleiben. "Hier haben sich nicht die Faulen versammelt", sagt Frau Krell, "sondern die, denen es um die Kranken geht."
Frau Krell, 53 Jahre alt, seit 30 Jahren eine Medica practica, groß, stark und sehr berlinerisch, war auch mal im Westen, in Wiesbaden. Als abends auf dem Ärztekongreß die "Damenrede" gehalten wurde - das übliche dumme Gequatsche, das sich an "das schönere Geschlecht in diesem Saal" wendet -, ist ihr ganz schummerig geworden. "Ich wußte gar nicht, wo ich hingucken sollte", so peinlich war ihr die Situation. "Ich habe mich doch nie für eine Dame gehalten, immer nur für einen Menschen."
Jetzt muß sich Ingeborg Krell in vielen Rollen üben. Als Unterhändlerin, Lobbyistin und Kauffrau. Mit ihren Kolleginnen - 12 der verbliebenen 16 Ärzte der Poliklinik sind Frauen - übt sie abrechnen. "Wir punkten schon, nur um mal zu sehen: Wie liegen wir denn?"
Mit der neuen Freiheit kommt auch die neue Gebührenordnung, der "Bewertungsmaßstab für kassenärztliche Leistungen". Ob der Doktor spricht oder spritzt, zuhört oder nur "verweilt", ein EKG schreibt oder den Gips anrührt - jedesmal ist eine Zahl zwischen "1" und "7140" fällig, die einen Punktwert hat, der wiederum Bargeld ist. Das System heißt "Einzelleistungsvergütung", freut die Koofmichs unter den Ärzten und verleitet, wie Josef Thoma weiß, labile Kollegen zum Betrug.
Wenn jede ärztliche Handreichung extra bezahlt wird, ist überdies die Versuchung groß, viel mehr zu tun als notwendig oder den armen Kranken auf das Karussell der Überweisungen zu setzen, ein Rotationsprinzip auf Gegenseitigkeit, fast so gut wie die Erlaubnis, Geld zu drucken. In West-Berlin trabt der durchschnittliche Kassenpatient vier- bis siebenmal pro Vierteljahr zum Arzt, meist, weil er ausdrücklich wieder hinbestellt ist. In Ost-Berlin muß er nur zweimal erscheinen.
Den umstrittenen Abrechnungsmodus und ihr Monopol auf die ambulante Krankenversorgung haben die westlichen Standesfunktionäre schon zu Adenauers Zeiten durchgesetzt. Seither hängen sie an der Einzelleistungsvergütung wie der Zuhälter an seiner diamantenbesetzten Rolex.
Ganz früher zahlten die Krankenkassen dem Arzt für dessen Bemühungen pro Vierteljahr eine Pauschale. Damit war, ohne viel Bürokratie, der Fall erledigt. Betrug kam nicht vor, auch kein "Auslasten" der Krankenscheine mit immer mehr ärztlichen Einzelleistungen. Im Osten ging die Entkoppelung von Geld und Hilfe sogar noch weiter. Der Staat bezahlte den Ärzten der Polikliniken ein festes Gehalt (zuletzt 1700 Ost-Mark) und hoffte, daß sie sich trotzdem ins Zeug legen würden.
"Wat vadient denn so 'n Dokta wie Sie?" war vor der Wende eine beliebte Frage an Frau Krell. Vor allem Kellnerinnen, Installateure, Rausschmeißer und Taxifahrer fühlten bei der Antwort Grund zur Freude, denn ihr Handwerk hatte, im Gegensatz zur ärztlichen Kunst, im realen DDR-Sozialismus einen goldenen Boden. "Aber wir haben doch deshalb nicht weniger gearbeitet!" schwört die Ärztin. "Die Arbeit macht uns doch Spaß!" Auch der kollegialfachliche Austausch: "In eigener Praxis, mit einer Schwester allein, würde ich ja verblöden."
Rund 20 000 Patienten kommen pro Jahr in die Poliklinik, auf 100 000 Konsultationen bringt es "unser Kollektiv". Von der DDR-typischen Wortwahl sollte man sich nicht täuschen lassen.
Frau Krell war niemals Mitglied der SED oder irgendeiner anderen Partei. Sie verdankt Rang ("Medizinalrat") und Namen den eigenen Fähigkeiten. Vielleicht fällt ihr die Wendung deshalb schwerer als den Blockflöten, die im Medizinalwesen Ost-Berlins ein großes Orchester bilden.
Jetzt blasen und trommeln sie für die neuen Herren, mit der gleichen Inbrunst, mit der sie früher den Honecker-Staat verherrlicht haben. Denn man ging ja nicht in die Ost-CDU, um Opposition zu treiben, sondern um beruflich durch Protektion Karriere zu machen. Und weiter aufwärts soll es auch unter Kanzler Kohl gehen, so wahr ihnen Äskulap und Hippokrates helfen mögen.
Die neue Verknüpfung von Geld und Heilkunst gefällt den wendigen Ex-SED-, Ex-Stasi- und Immer-noch-CDU-Ärzten viel besser als ihren parteilosen Kollegen. Neu niedergelassen, in eigener freier Praxis, haben sich in Ost-Berlin als erste solche Mediziner, die früher hauptberuflich (und fürs doppelte Geld) der Stasi dienten. Frau Krells Kollektiv hingegen ist beieinandergeblieben. Dem staatlichen Festgehalt wurde Lebewohl gesagt. Nun hoffen sie gemeinsam auf die "Fallpauschale, dann können wir überleben".
Im ersten Staatsvertrag zwischen West und Ost war noch die "Modernisierung der ambulanten medizinischen Einrichtungen aus Mitteln des Staatshaushalts" versprochen worden. Davon ist im endgültigen Einigungsvertrag keine Rede mehr. Nun heißt es, auf Seite 994, daß "zur Sicherstellung der kassenärztlichen Versorgung . . . die Polikliniken, Ambulatorien u. a. kraft Gesetz bis zum 31. Dezember 1995 zur ambulanten Versorgung zugelassen" bleiben. Immerhin, das ist eine Gnadenfrist. "Und in fünf Jahren, da schaffen wir es auch", hofft Medizinerin Krell.
Nur: Der Wind kommt jetzt von vorn, und es geht bergan. "Wir haben nicht gewußt, wie brutal wichtig das Geld ist", gesteht Frau Krell. Josef Thoma sagt es anders: "Die können nicht kalkulieren. Die wissen nicht, was alles kostet. Die wollen weiter vom Staat alimentiert werden. Und das kommt nicht in Frage, denn das ist Wettbewerbsverzerrung. Dagegen würden wir klagen."
Vom 1. Januar an wird man gemeinsam in der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) sitzen. Das ist der Ort, wo Ärzte immer nur über Geld reden. Frau Krell ahnt schon, was auf sie zukommt. Man kann eine Poliklinik, die 80 Menschen auf der Gehaltsliste hat, mühelos strangulieren - dazu bedarf es beispielsweise einer Fallpauschale von, sagen wir mal, 35 Mark. Und der Auflage, mit diesem Honorar seien alle fachärztlichen Wanderungen eines arthrotischen, sehschwachen, herzkranken Menschen vom Orthopäden über den Augenarzt zum Internisten abgegolten. Genau diese Idee - 35 Mark fachübergreifende Pauschale - ist West-Berliner KV-Männern schon gekommen. Frau Krell: "Damit sind wir in einem halben Jahr kaputt."
Josef Thoma gehört nicht zu diesen Brutalos, die Polikliniken durch Hungerlöhne ad exitum bringen wollen. Er setzt auf "das Zuckerbrot der freien Wirtschaft".
Die eingemeindeten Ost-Ärzte, jetzt noch im warmen Nest der Polikliniken beieinander, werden sich, meint Thoma, auf Dauer natürlich nicht mit 3000 oder 5000 Mark im Monat zufriedengeben. "Ein besonders qualifizierter Arzt will und soll doch auch besonders gut bezahlt werden." Nach oben gebe es dabei keine Grenzen. Denn: "Der Appetit kommt mit dem Essen." Daß die drüben bisher schon richtig gearbeitet haben, das glaubt er nicht. "Es gibt Polikliniken, da teilen sich drei HNO-Fachärzte pro Tag zwölf Patienten."
Wahr ist, daß besonders im Schutz der zahlreichen Staatsfraktionen - NVA, Regierung, Diplomaten, ZK und so weiter - viel gefaulenzt wurde. Auch hat sich jeder achte DDR-Arzt an irgendeinen Schreibtisch verdrückt, wo er gar keine Patienten mehr zu sehen bekam. Diesen ehemaligen "Leitungskadern" soll der frische Wind des Wettbewerbs unter den weißen Kittel fahren.
Ost-Berlin hat immer noch, so verkündet es der dortige Gesundheitsstadtrat Christian Zippel, Chefarzt und Mitglied der Alt-CDU seit 1971, "die höchste Arztdichte aller Städte der Welt". Viele Doktoren halten sich offenbar auch jetzt noch gut versteckt, denn in der Poliklinik "Frederic Joliot-Curie" herrscht auf den Fluren von früh bis spät dichtes Gedränge. Wartezimmer gibt es nicht. Auch sonst ruft der Altbau nach neuem Geld: Moderne Diagnose-Apparate müssen her, eine neue Heizung, bessere Fenster und eine automatische Steuerung für den Fahrstuhl, denn die "Physiotherapie", wo den Lahmen wieder Beine gemacht werden, ist im vierten Stock.
Geht es nach Josef Thoma, so sind diese Investitionen von den Poliklinik-Ärzten selbst zu erwirtschaften. Das würde private Askese, kombiniert mit herkulischer Kraft, voraussetzen. Ohne Millionen-Kredite wäre der große Sprung nach vorn nicht zu schaffen.
Vor Krediten aber graust Frau Krells Truppe, verständlicherweise. Josef Thoma, vertraut mit Zahlen, die fünf oder sechs Nullen haben, prophezeit, daß auch die Ost-Ärzte sich relativ rasch an das große Geld gewöhnen werden: "In spätestens zwei Jahren schreien die am lautesten nach leistungsgerechten Honoraren."
"Es ist das Geld, das Mut macht", hat schon Dr. med. Sigmund Freud behauptet, ein Altmeister des Geschäfts mit der Krankheit, der grundsätzlich nur Privatpatienten auf die Couch legte. Und "Geld! Geld!" hieß auch der Schlachtruf, mit dem 1900 Hermann Hartmann aus Leipzig die ärztlichen Kollegen im "Verband der Ärzte Deutschlands zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen" (heute "Hartmannbund") einte. Nun tingeln dessen Funktionäre durch die neuen Bundesländer, im Gepäck die Gebührenordnung und den Punktwert.
Nennenswerte ärztliche Ost-West-Differenzen über Diagnosemethoden, Heilwissen, OP-Techniken und dergleichen gibt es nicht. Die Kunst kennt keine Grenzen. Auch eint den Stand die Erkenntnis, daß der Doktor nur kuriert, die Natur aber heilt.
So bleibt als Dissens die leidige Geldfrage - sie entscheidet letztlich, ob den Patienten die freie Wahl zwischen Polikliniken und Arztpraxen erhalten bleibt.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 46/1990
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