12.11.1990

TierverhaltenUnersättliches Bedürfnis

Küsse, Aufreiten und gegenseitige Fellpflege - mit einer reichen Auswahl von Versöhnungsgesten kontrollieren Primaten ihre Aggressionen.
Dem fernsehenden Christenmenschen ging das außergewöhnliche Tete-a-tete zu Herzen: Im Dezember 1983, ein halbes Jahr nachdem der türkische Terrorist Mehmet Ali Agca ihn beinahe getötet hatte, hielt Papst Johannes Paul II. zärtlich die Hand seines Attentäters. "Ich sprach mit ihm wie mit einem Bruder", erklärte der Pontifex nach seinem Besuch in der römischen Gefängniszelle.
Als Demonstration christlicher Vergebung bewerteten die meisten Kommentatoren die anrührende Begegnung. Doch einer der Zuschauer hatte noch "tiefere Wurzeln erkannt": Der niederländische Primatenforscher Frans de Waal, seit Jahrzehnten in der Welt der nächsten Verwandten des Homo sapiens zu Hause, verglich die Szene mit Versöhnungsritualen bei Menschenaffen.
Ob Schimpansen, Rhesusaffen, Bärenmakaken oder Bonobos - die haarigen Vettern sind, wie de Waal beobachtete, Meister im Beschwichtigen, in der Kunst der Konfliktlösung und des Schlichtens von Streitigkeiten. Gefühlvolle Versöhnungen zwischen Aggressor und Opfer seien in der Welt der Affen "durchaus üblich".
Ein stammesgeschichtliches Erbe und damit viel älter als jede Religion sind die Taktiken, die der Verhaltensforscher in seinem jüngsten Affenbuch beschreibt*. Aus Tausenden von Stunden, in denen er das Treiben der Affen verfolgte, schließt der Ethologe: Die Lust an der Aggression sei offenbar nicht stärker als die am Friedenstiften - eine tröstliche Erkenntnis, mit der de Waal "die deprimierende Sichtweise der Biologie im Hinblick auf die Situation der Menschheit korrigieren" möchte.
Damit wird zugleich das inzwischen als zu schlicht empfundene Aggressionsmodell _(* Frans de Waal: "Peacemaking among ) _(Primates". Harvard University Press, ) _(Cambridge (Massachusetts); 296 Seiten; ) _(29,95 Dollar. Das Buch erscheint in ) _(deutscher Übersetzung im Februar 1991 ) _(beim Carl Hanser Verlag, München. ) erweitert, mit dem der Verhaltensforscher Konrad Lorenz in den sechziger Jahren Furore machte. Daß Friedenstiften für die Hominoiden "ebenso natürlich ist wie Kriegführen", sei von den Ethologen bislang übersehen worden, meint de Waal, der am Wisconsin Regional Primate Research Center arbeitet: Gerade im Jahrzehnt der Friedenspolitik könnten Einblicke in das "hochentwickelte Beruhigungssystem" der Primaten von Nutzen sein.
Von den vier verschiedenen Affenarten, deren Versöhnungsmodelle de Waal studierte, sind ihm die Schimpansen am vertrautesten: Rund 6000 Stunden lang hielt er sich als Beobachter in der größten Schimpansenkolonie der Welt auf, die sich im Zoo der niederländischen Stadt Arnheim befindet.
Kläffereien und kleine Beißereien sind unter den lärmigen Pelztieren an der Tagesordnung, doch schlagen die Streitereien sehr selten in echte Kämpfe um. Bei den Schimpansen, die bis zum Alter von vier Jahren von ihren Müttern umhergeschleppt werden, ist, wie de Waal findet, das "unersättliche Kontaktbedürfnis" der Primaten besonders ausgeprägt.
Im beengten Winterquartier, das zwanzigmal kleiner ist als das riesige, baumbestandene Außengehege der Arnheimer Schimpansen, zeigte sich das Talent der Primaten zum Schlichten und Besänftigen noch deutlicher: Anders als etwa bei Ratten, die einander im überfüllten Käfig verletzen und umbringen, nahm in den beheizten Hallen das aggressive Verhalten kaum zu.
Die gegenseitige Fellpflege (Fachjargon: Grooming), mit der sich die Affen untereinander erfreuen, war sogar häufiger als im Sommerquartier. Umarmungen, Berührungen, Küsse, aber auch eindeutiger Sex wurden regelmäßig demjenigen zuteil, der zuvor unter Angriffen oder unfreundlichen Handlungen zu leiden gehabt hatte.
Eine typische "Versöhnungssequenz", mit dem Videogerät festgehalten, ist beispielsweise die Auseinandersetzung zwischen Nikkie, dem Anführer einer umhertobenden Gruppe, und Hennie, einem jungen Weibchen von neun Jahren: _____" Im Vorbeijagen hat Nikkie Hennie geschlagen. Das " _____" Weibchen befühlt die Stelle und scheint, im Gras liegend, " _____" den Zwischenfall zu vergessen. Nach mehr als einer " _____" Viertelstunde geht Hennie langsam auf eine Gruppe zu, bei " _____" der sich Nikkie und das älteste Weibchen, Mama, " _____" aufhalten. Hennie bietet Nikkie die Rückseite der Hand " _____" zum Kuß an. Das Männchen nimmt gleich die ganze Hand in " _____" den Mund, darauf küssen sich die beiden auf den Mund, und " _____" auch Mama tröstet das jüngere Weibchen mit einer " _____" Umarmung. "
Die einflußreiche Mama intervenierte immer wieder in Konfliktsituationen: _____" Bei einem längeren Zwist zwischen Nikkie und dem " _____" Männchen Yeroen hat Mama schließlich in jedem Arm eines " _____" der beiden erwachsenen, immer noch kreischenden Männchen " _____" sitzen. Als plötzlich Yeroen erneut nach Nikkie langt, " _____" jagt Mama Yeroen davon. Die beiden Männchen versöhnen " _____" sich durch Aufreiten, Küssen und wechselseitiges Betasten " _____" ihrer Genitalien, um anschließend ihre Spannung durch " _____" eine kurze, gemeinsame Jagerei eines rangniederen " _____" Männchens gänzlich zu entladen. "
Die von de Waal und seinen studentischen Mitarbeitern gesammelten Daten zeigten, daß bei rund 40 Prozent der Reibereien die Gegner binnen einer _(* Mitte: Bonobo-Junges als Zuschauer. ) halben Stunde wieder Kontakt miteinander aufnahmen.
Eindeutig unterschieden sich die Gesten dieser Begegnungen von den durchschnittlichen Kontaktaufnahmen: Die vorher am Streit beteiligten Schimpansen bieten den ausgestreckten Arm mit geöffneter Hand dar, um Körperkontakt zu erlangen. Wer sich einem früheren Gegner nähert, blickt ihn auch häufiger an, jault dabei und kreischt sanft. Wichtigstes Merkmal, so fanden die Affenforscher, sei jedoch: "In dieser Situation wird viel mehr geküßt."
Zwei Schimpansen, die mit einem langandauernden Kuß beschäftigt sind, so folgerten die menschlichen Beobachter aus den immer wiederkehrenden Verhaltensmustern, "haben sich aller Wahrscheinlichkeit nach vor nicht langer Zeit feindlich gegenübergestanden". Wenn die Affen sich nur gegenseitig umarmen, wurden die Spannungen wahrscheinlich durch einen dritten ausgelöst.
Weit angriffslustiger als die Schimpansen sind die Rhesusaffen: Ausgefranste Ohren, Narben, verstümmelte Finger zeugen vom hitzköpfigen Temperament dieser asiatischen Affenart mit dem typischen rotschwieligen Hinterteil. Durchschnittlich 18 aggressive Handlungen zählten amerikanische Primatenforscher im Laufe von zehn Beobachtungsstunden in ihren Rhesusaffengruppen.
Doch die außerordentlich rangbewußten, intoleranten Rhesusaffen sind nicht nur geborene Grobiane. Mit der Stoppuhr in der Hand protokollierte de Waal Versöhnungsepisoden, die sich vor allem innerhalb der feudalen Rhesusfamilien abspielen: _____" Schon eine Minute nach einem ernsthaften Kampf " _____" zwischen den Schwestern Orkid und Ommie beginnt Ommie " _____" ihre Mutter Orange zu umkreisen und deren Rücken zu " _____" kraulen. Eine Minute später schließt sich ihre Gegnerin " _____" Orkid ihr an und bearbeitet die Mutter von der anderen " _____" Seite. Bald danach umarmen sich die drei Weibchen und " _____" schmatzen vor sich hin. "
Die Fähigkeit zum "Reparieren von gestörten Beziehungen" ist, nach de Waals Beobachtungen, am ausgeprägtesten bei Bärenmakaken. Diese von Alfred Brehm als "häßlichste aller Primaten" angesehenen rotgesichtigen Affen haben sich als "hochintelligente, starke Persönlichkeiten . . . von unglaublicher Potenz" (de Waal) erwiesen, die sie bei ihren Beschwichtigungsepisoden nutzen. Die durchschnittlich zehn Kopulationen, die ein Bärenmakaken-Männchen pro Tag vollzieht, sind oftmals "orgastische Versöhnungen", fand der Forscher. Vorher zerstrittene Partner präsentieren einander aber auch, um sich gleichsam in aller Form zu entschuldigen, das Hinterteil oder halten einander - als Geste der Annahme der Entschuldigung - daran fest.
In der Kunst, mit Sex und Erotik alltägliche Konflikte zu lösen, werden die Bärenmakaken nur noch von den Bonobos übertroffen: "Make love, not war" - der Slogan der kalifornischen Blumenkinder könnte, so de Waal, von dieser Schimpansen-Unterart stammen. Die grazilen Bonobos spielen beim Sex "jede denkbare Variation durch, als ob sie dem Kamasutra folgten". Sex als Alternative zur Feindseligkeit, auch unter gleichgeschlechtlichen sowie zwischen Erwachsenen und Bonobokindern, werde vor allem bei Auseinandersetzungen oder beim Betteln um Nahrung eingesetzt, fand der Wissenschaftler.
Die Kenntnis der tierischen Versöhnungsstrategien biete noch keine Lösungen für das Problem der Gewalt in menschlichen Gesellschaften, betont de Waal. Doch den Beweis, daß Aggression keineswegs von Natur aus das letzte Wort sei, hält er für erbracht.
Der "Homo sapiens", eine der ungefähr 200 Primatenarten, sei daher aufgerufen, neue Methoden zu entwickeln, um Frieden zu stiften: "Jedes Tier," so der Verhaltensforscher, "das lieber in Gruppen als allein lebt, hat einfach keine andere Wahl."
* Frans de Waal: "Peacemaking among Primates". Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts); 296 Seiten; 29,95 Dollar. Das Buch erscheint in deutscher Übersetzung im Februar 1991 beim Carl Hanser Verlag, München. * Mitte: Bonobo-Junges als Zuschauer.

DER SPIEGEL 46/1990
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