12.11.1990

AntikeSalz auf die Äcker

Krieg gegen die Natur führten die Völker der Antike. Ein Historiker beschreibt, wie Griechen und Römer den Mittelmeerraum ruinierten.
Dem Gelehrten, einem Naturforscher, war beim Anblick seiner Heimat beklommen zumute. Wo einst Wälder die Hügel begrünten, ragte längst nacktes Gestein aus dem Boden. Dörfer und Villensiedlungen wucherten planlos an den Küsten und Flußufern. In den Gewässern trieb Unrat, Fische und Vögel waren rar geworden.
"Was für ein Ende", fragte der Naturfreund, "soll die Ausbeutung der Erde in all den künftigen Jahrhunderten noch finden? Bis wohin soll unsere Habgier noch vordringen?"
Der von Umweltsorgen verstörte Mann, Plinius war sein Name, lebte vor fast 2000 Jahren in Rom, einer brodelnden Riesenstadt mit rund einer Million Einwohnern. An schwülen Tagen lag die Metropole unter einer trüben Dunstglocke, die den Menschen das Atmen schwermachte.
An den Folgen der Ökoschäden, die der Raubstaat Rom verursachte, leiden die Mittelmeervölker noch heute. Doch schon vier Jahrhunderte vor den Klagen des Kritikers Plinius hatten die Umweltzerstörungen in Griechenland ein bedenkliches Ausmaß erreicht: Ringsum, schrieb damals der Philosoph Plato, gleiche das Land dem "Knochengerüst eines Leibes, der von einer Krankheit verzehrt wurde", von einst blühenden Landschaften sei "nur das magere Gerippe" übriggeblieben.
Eine Art Vernichtungskrieg gegen die Natur stand am Anfang der abendländischen Zivilisation - zu diesem Fazit kommt der Historiker Karl-Wilhelm Weeber in einem Buch, das jetzt unter dem Titel "Smog über Attika" im Münchner Artemis Verlag erschienen ist*: Wo immer die antiken Kulturträger ihren Wirkungskreis erweiterten, flogen, wie Weeber berichtet, die Späne; in Scharen rückten die Holzfäller an.
Anfangs schufen sie Platz für Äcker und Obstgärten, später schlugen sie Bauholz für Athen. Vor allem die Flotte der attischen Seemacht verschlang gewaltige Holzmengen. Im Peloponnesischen _(* Karl-Wilhelm Weeber: "Smog über ) _(Attika". Artemis Verlag, Zürich und ) _(München; 224 Seiten; 39,80 Mark. ) Krieg, der 27 Jahre dauerte, sanken ganze Wälder dahin, weil ständig neue Trieren für die bedrängte Marine vom Stapel liefen. Bei Kriegsende waren Attikas Berge fast kahl; fortan mußte Schiffsbauholz aus Thrazien, Mazedonien oder gar aus dem Libanon importiert werden.
Was die Griechen begonnen hatten, setzten die Römer fort, die schließlich das Brennholz für die Heizanlagen ihrer Luxusbäder aus Afrika kommen ließen. Roms brandschatzende Legionen beschleunigten das antike Waldsterben zusätzlich. Als sie Karthago besiegt hatten, streuten sie massenhaft Salz auf die Äcker im Feindesland - nie wieder sollten auf den Plantagen des Kriegsgegners Bäume oder Früchte gedeihen.
Raubbau trieben die Römer auch unter Tage. Speziell in ihren spanischen Provinzen durchwühlten sie die kahlgeschlagenen Berge nach Silber, Gold, Blei und Zinnober. Tausende von Sklaven schufteten, meist lebenslang, in den stickigen, stets vom Einsturz bedrohten Minen. Das "Sklavenmaterial" in der Tiefe, konstatiert Autor Weeber, sei ebenso rücksichtslos "verbraucht" worden wie die Wälder und die darin sich tummelnde Tierwelt.
"Alle Schönheit, alle Frucht der Wälder wird eingefangen", schrieb der Dichter Claudian - in Kleinasien, Afrika und Germanien waren ständig Spezialisten auf der Jagd nach exotischen Beutetieren, die per Schiff oder auf Käfigkarren ins kaiserliche Rom geschafft wurden. In der Arena der Hauptstadt ergötzte sich das Volk an blutigen Schauspielen, bei denen Panther gegen Bären oder Löwen gegen Gladiatoren kämpften. Die Zahl der dabei hingemetzelten Tiere, darunter Elefanten und Leoparden, Tiger, Antilopen, Hirsche und Nilpferde, war so groß, daß es selbst in den fernsten Winkeln des Römerreichs zum Artenschwund kam.
Um etwa 300 gab es in Unterägypten keine Nilpferde mehr, in Thessalien waren die Löwen, in Libyen die Elefanten ausgestorben. Anno 55 vor Christus hatte der Feldherr Pompeius bei der Einweihung einer Arena 20 Elefanten, 600 Löwen und 410 Leoparden massakrieren lassen - für einen Römer seines Ranges eine Darbietung mittlerer Güte: Kaiser Trajan spendierte, aus Anlaß einer Siegesfeier, 11 000 Wildtiere für die Kampfspiele.
Ökokritiker wie Plinius und Plato, die vor Bodenerosion, dem Waldsterben und dem ungesunden Stadtleben warnten, gab es in der Antike immer wieder. Doch ihre meist moralisierenden Predigten blieben so gut wie folgenlos. Nur einmal, im Jahre 15 nach Christus, als zwei römische Senatoren die Fluten des Tibers durch ein Kanalsystem regulieren wollten, setzten sich die konservativen Gegner des Vorhabens durch: Auf einem Senats-Hearing diskutierten Experten und Bürger über mögliche Umweltschäden - das Projekt wurde als zu riskant verworfen.
Weniger Anklang fand demgegenüber der Architekturschriftsteller Vitruv, der zur Zeit des Kaisers Augustus dringlich vor den Bleirohren warnte, durch die den Römern das Trinkwasser zufloß. Blei, schrieb Vitruv, "soll dem menschlichen Körper schädlich sein". Bis zu 60 000 Tonnen Blei, soviel wie erst wieder um 1850, wurden pro Jahr im Reich des Augustus gefördert und zu Leitungsrohren, aber auch zu Tellern und Trinkbechern verarbeitet.
Eine "pandemische Bleivergiftung" (Weeber) mit Symptomen wie Blutarmut, Lähmungen, Frühgeburten und chronischer Mattigkeit hat nach Ansicht vieler Historiker das römische Herrenvolk allmählich mürbe gemacht. Autor Weeber hält die Hypothese für übertrieben. Ein Zeichen des beginnenden Untergangs sieht er eher in der fatalistischen "Wegseh-Mentalität" der Römer, die aus Bequemlichkeit das offenkundige Risiko ignorierten.
In der Antike, glaubt Weeber, sei trotz schwerer Ökoschäden das Vertrauen in die Zivilisation noch ungebrochen gewesen; immerhin bot sie Schutz vor den unberechenbaren Naturgewalten.
Zivilisationskritiker Plinius kam ums Leben, als im Jahre 79 nach Christus der Vesuv ausbrach. Zu Schiff war er herbeigeeilt, um zu beobachten, wie die Stadt Pompeji von rauchender Lava verschluckt wurde.
Kaum war Plinius an Land, da sank er tot nieder. Giftige Gasschwaden aus dem Vulkanschlund hatten den Naturfreund erstickt.
* Karl-Wilhelm Weeber: "Smog über Attika". Artemis Verlag, Zürich und München; 224 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 46/1990
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