12.11.1990

Audens geheime Gedichte

Im Herbst 1928 kam W. H. Auden, 21, Oxford-Absolvent und damals noch Möchtegern-Dichter, nach Berlin, und in dem preußischen Sündenbabel entdeckte der verquälte Puritaner das Reich der Sinne: in den legendären Männerbordellen und Stricher-Bars. Nach der Heimkehr im folgenden Jahr trennte Auden sich von seiner Braut, schrieb seinen ersten Lyrikband, der 1930 erschien, und daneben einen Zyklus von sehr privaten Gedichten, die erst jetzt, 17 Jahre nach dem Tod des gefeierten Poeten ("Das Zeitalter der Angst"), in einer Nachlaß-Edition der Oxford University Press an die Öffentlichkeit kommen. Es sind Sonette in der Art Shakespeares, die sich an einen treulosen Geliebten wenden - aber, das ist das Verblüffende, in deutscher Sprache. "Es regnet auf mir in den Schottische Lände", dichtet er etwa, lustvoll und fehlerreich, ermahnt den fernen Freund, ihn nicht ganz zu vergessen, und schließt: "Sonst, wenn ein olle Herr hat Dich gekusst/Geh mit; ich habe nichts bezalt; Du must."

DER SPIEGEL 46/1990
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