12.11.1990

ZeitgeschichteGuter Anfang

Das Fernsehen entdeckt seine Vergangenheit: Die Dritten berichten über die legendäre Stuttgarter Schule, in der der kritische Dokumentarfilm laufen lernte.
Auf dem Sekretär schwingen die Kügelchen der Uhr unterm Glassturz hin und her. Ein zierlicher älterer Herr spricht in die Kamera: "Man hat Sie ein halbes Stündchen in meinem Leben herumgeführt . . . Die Führer haben es sehr gut gemeint, und eigentlich hätte es sich gehört, daß beiden ein Stück Kuchen und ein Glas Portwein angeboten worden wäre. Das war nicht möglich."
Der da 1955 so gewählt wie distanziert die Eindringlinge aus seinem Haus in Kilchberg bei Zürich hinauskomplimentiert, ist der 80jährige Thomas Mann, die Interviewer sind zwei junge Reporter des damals blutjungen Mediums Fernsehen, Peter Dreessen und Heinz Huber, Pioniere des Dokumentarfilms im Süddeutschen Rundfunk, Begründer der später stilbildenden "Stuttgarter Schule".
Meinhard Prill und Alexander Kluge haben über diese Enklave des kritischen TV-Journalismus im restaurativen Mief der geschichtsvergessenen fünfziger und frühen sechziger Jahre eine zweistündige Dokumentation gemacht (Sendetermine: 19. November, 22.30 Uhr in West III, 21. November, 15.30 Uhr in Südwest III). Darin lehnen sich die dokumentarbesessenen Hinter-die-Kulissen-Blicker jener Jahre als ältere Herren zurück und erinnern daran, daß das "Beste an der ARD ihre Anfänge sind".
Von Reporterstolz vor Dichterthronen ist allerdings in dem Thomas-Mann-Film nichts zu spüren. (Wie man ihn denn anreden solle, wollten Dreessen und der 1968 verstorbene Huber vom großen Zauberer wissen, und der beschied sie: "Sagen Sie einfach Professor zu mir.") Doch die Ehrerbietung, die den Film durchweht - sie erweist sich als dokumentarische Tugend: Thomas Mann wird die Aura des besseren Herrn belassen.
Die Behandlung seiner Interviewer macht sichtbar, wie sich dieser Dichter die Welt vom Leibe hält. Die Inszenierung, mit der er sein Schöpfertum umhüllt, bleibt unangetastet. Keine heute übliche eitle Selbstdarstellung eines Journalisten macht sich anheischig, die Distanz zwischen Dichter und Publikum einzuebnen. Der Zuschauer sieht Mann, aber er bekommt ihn nicht erklärt.
Fernsehen von damals lebt nicht von der Anmaßung, die Lektüre zu ersetzen. So eine Sichtweise verlegt das Urteil dorthin, wo es hingehört: in den Kopf der Zuseher.
Die jungen Leute, die in Stuttgart frisch von der Universität weg das Filmen anfingen, unter ihnen der Schriftsteller Martin Walser, hatten keine Vorbilder. Sie haßten nur das suggestive Gebräu aus theatralischen Bildern und propagandistischem Getöse der NS-Wochenschau. Ihre Not, wegen der rückständigen Technik kaum mit O-Ton operieren zu können, machten die Stuttgarter Fernsehpioniere zu einer Tugend. Den Bildern ihrer "living camera" unterlegten sie knappe, ironische Kommentare, die dazu ermunterten, auch hinter die Bilder zu sehen.
Der Film "Ein Großkampftag" (1957) von Dieter Ertel, der vom SPIEGEL zur Stuttgarter Truppe gestoßen war, handelt vom Geschäft mit dem Boxen, und der Kommentar warnt gedrechselt: "Man zögert, das Boxen als ein Volksvergnügen zu sehen. Erstens, weil an diesem Abend viele kamen, aber keine Massen. Zweitens, weil über den Begriff des Vergnügens noch zu reden sein wird, und drittens, weil einem die Bezeichnung Volk auf den Lippen erstirbt, wenn man Damen daherschreiten sieht, die den Boxring mit dem Opernball zu verwechseln scheinen."
Die Stuttgarter Fernsehfilmer wollten mit den Waffen der Ironie die Zuschauer zum "Urteil prädisponieren". Ein Höhepunkt spöttischer Entlarvung ist das 1961 gedrehte Ertel-Opus "Schützenfest in Bahnhofsnähe".
Den Ort der Handlung, das niedersächsische Kreiensen, stellt der Kommentar so vor: "Es ist ein Bahnhof zwischen Hannover und Göttingen. Jedesmal ergreift Verwunderung die Reisenden, wenn der Zug dort hält." Dann gleitet der Blick über die "erlesene Scheußlichkeit" der Bahnhofsfassade, die "den Reisenden mit dem unabweisbaren Gefühl grüßt, nichts versäumt zu haben". Nun endlich ist der Film beim Thema: "Haben Sie wirklich nichts versäumt?"
Es geht ums Schützenfest. Die Schießbrüder paradieren, die Kamera holt, optischer Wink mit dem Zaunpfahl, watschelnde Gänse ins Bild, und der Kommentar mokiert sich über die martialische Inschrift einer örtlichen Waffenfabrik.
Doch sosehr Bild und Ton spotten, durchschlagend entlarvt sich das Schützenunwesen durch den O-Ton, wenn der angetrunkene Vorsitzende in die Kamera stiert und etwas vom "Heiligtum der Schützengesellschaft" schnarrt.
Der Film markiert einen ersten Wendepunkt. Die Montage aus Bild und Kommentar allein reicht nicht aus. Die Realsatire, die aus Originalstatements spricht, wird packender als die ironische Distanz eines Sprechers aus dem Off.
Die Stuttgarter halten fortan Kamera und Mikrofon hinein ins Leben. Wilhelm Bittorf, heute SPIEGEL-Autor, geht 1964 in seinem preisgekrönten Film "Die Borussen kommen" den Kickern bis in die Kabine nach und demaskiert den blutigen Ernst, zu dem das Fußballspiel unter Profibedingungen geworden ist.
Doch noch immer ist die gezielte Süffisanz das oberste Gebot der Stuttgarter. Noch immer hat die Wirklichkeit den Intentionen der Macher zu gehorchen. Der Schweizer Roman Brodmann stößt zur Gruppe. Seine sanfte Ironie, mit der er den Unsinn einer Miss-Wahl entlarvt, wird ein neuer Meilenstein in _(* 1967 in der Bundesrepublik mit ) _(Bundespräsident Heinrich Lübke und Frau ) _(Wilhelmine (vorn) sowie Außenminister ) _(Willy Brandt und Frau Ruth (2. Reihe). ) der Entwicklung. Als eine Schöne vor Aufregung ohnmächtig zu Boden sinkt, wird der Dokumentar bestürmt: "Sie werden doch so etwas nicht filmen." Brodmann weicht dieser Forderung nach taktvoller Diskretion ironisch aus: Das gefallene Mädchen gefriert zum Standbild.
Brodmann ist es schließlich, in dessen Film über die legendäre Staatsvisite des persischen Schahs 1967 "Der Polizeistaatsbesuch" die Wirklichkeit dem kritischen Blick die Ironie austreibt. Der Film beginnt als Satire auf den Pomp bei Staatsbesuchen - in Rothenburg ob der Tauber übt das Personal eines Hotels den lächerlichen, aber geforderten Hofknicks vor den ins Haus stehenden Potentaten - und endet fassungslos als Dokumentation über die Hilflosigkeit und Brutalität der Berliner Polizei, deren Beamter Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg mit einem Kopfschuß tötet.
Hier hatte die Ironie ausgedient. Zwar kann der Stuttgarter Intendant Hans Bausch die Sendung der Reportage gegen die Proteste der CDU durchsetzen, doch Brodmanns Kameramann Michael Busse, der, statt im Smoking den Schah zu begleiten, lieber die prügelnden Jubelperser filmte, wird nach der Sendung als Linksaußen befehdet und eine Zeitlang nahezu arbeitslos. Die Journalistin Cornelia Bolesch hat seinen Fall in eine Porträtsammlung der wichtigsten Dokumentarfilmer aufgenommen*.
1967 ist auch die Zeit, in der sich die Stuttgarter Schule aufzulösen beginnt. _(* Cornelia Bolesch (Hrsg.): ) _("Dokumentarisches Fernsehen". Paul List ) _(Verlag, München; 240 Seiten; 34 Mark. ) Die Sendereihe "Zeichen der Zeit", für die viele der 300 zwischen 1954 und 1968 entstandenen Filme produziert wurden, schleppt sich erschöpft dem Ende entgegen. Die "Notizen vom Nachbarn", der voyeuristische Blick auf Familien in Extremsituationen, können trotz gelungener Einzelbeiträge nicht die exemplarische Kraft ihrer Vorgänger erreichen.
Meinhard Prills und Alexander Kluges Chronik dieses wichtigen Stücks Fernsehgeschichte walzt leider die senderinternen Vorgänge um die Stuttgarter Schule aus. Da gibt es reichlich Material über zunehmende Verbürokratisierung der Anstalten, die Irritation einer Gruppe durch den plötzlichen Tod einer Vaterfigur (Heinz Huber) - aber wen außerhalb der Anstalten interessiert das wirklich?
Unvermeidlich, Kluge bleibt Kluge, bekommt der Zuschauer über das abendfüllende Thema hinaus noch eine Lehrstunde des Theoriemeisters zum Thema Film. Der nämlich, so Kluge, ist durch das Erzählen von Spielhandlungen von seiner ursprünglichen Intention, die Wirklichkeit zu beschreiben, zum Illusionsspender verkommen. Um die Sehgewohnheiten zu brechen, versucht der große Irritator - glücklicherweise ohne großen Erfolg - mit Inserts und Filmbild-im-Filmbild-Spielchen den Gang der Beschreibung zu verkomplizieren.
Man habe, sagt Brodmann, der in diesem Jahr gestorben ist, im Vergleich zu anderen Dokumentarfilmern in den besten Zeiten der Stuttgarter Schule den "eleganteren Zeigefinger" hochgehalten. Die ARD entdeckt ihn wieder - allerdings nur als Museumsstück. o
* 1967 in der Bundesrepublik mit Bundespräsident Heinrich Lübke und Frau Wilhelmine (vorn) sowie Außenminister Willy Brandt und Frau Ruth (2. Reihe). * Cornelia Bolesch (Hrsg.): "Dokumentarisches Fernsehen". Paul List Verlag, München; 240 Seiten; 34 Mark.

DER SPIEGEL 46/1990
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