12.11.1990

FettsuchtBäriger Bauch

Im Tierreich fahnden die Forscher nach Wirkstoffen, die Dicken beim Abspecken helfen könnten.
Mal waren es "die Drüsen" oder ein schändlicher Mangel an Disziplin, ein andermal mußte die aus dem Takt geratene Seele oder ein Durcheinander in den Zellen als Erklärung dafür herhalten, daß Bäuche dick wurden, Hüften speckig und Hälse wabbelig.
Die Hunger-, Fasten- und Diätkuren, zu denen sich die Dicken (und weniger Dicken) unter Aufbietung aller verfügbaren Willenskräfte durchringen, sind inzwischen Legion. Doch fast stets landen die fastenden Fresser beim sogenannten Jo-Jo-Effekt - dem Abspecken folgt das Anspecken wie Weihnachten auf den Advent, das Fett ist schnell wieder angefuttert, und zwar an eben jenen Körperstellen, wo es zuvor schon hervorgequollen war.
Die Tendenz des Körperfetts, sich ausgerechnet an den modewichtigen Orten anzulagern, ist der Preis, den der Mensch für seine Mitgliedschaft im Verein der Säugetiere zahlen muß - zu dieser Erkenntnis kommen jüngste Studien amerikanischer und britischer Fettsucht-Forscher.
Ob Eichhörnchen oder Kamel, Bär oder Murmeltier, Affe oder Mensch - Fettzellen sind, wie die Wissenschaftler herausfanden, bei allen Säugetierarten in jeweils den gleichen Körperzonen anzutreffen. Fettzell-Zentren befinden sich beispielsweise in der Brustregion, am oberen Abschnitt der Vorderbeine (dem menschlichen Oberarm), um das Steißbein und die Oberschenkel sowie an Bauch und Nacken.
Zwar ist jede Fettzelle bei Mensch und Tier "nur ein mehr oder minder großer Fetttropfen innerhalb einer Zellmembran", wie der amerikanische Stoffwechselforscher James Hill von der Vanderbilt University in Nashville (Tennessee) formulierte. Doch die Aufnahmefähigkeit dieser Tanks ist beträchtlich: Fettzellen können bis zum Zehnfachen ihrer Normalgröße anschwellen. Sind sie randvoll, werden neue Zellen gebildet, die danach nie wieder verschwinden, sondern nach dem Schrumpfen stets bereit sind, wieder neue Fettmoleküle (Lipide) aufzunehmen.
Allerdings sei Fett, sagt die britische Stoffwechselforscherin Caroline Pond von der Open University in Milton Keynes, keineswegs gleich Fett, und nicht jedes Fett sei gleichermaßen der Gesundheit des Organismus abträglich; die biochemischen Unterschiede sind viel größer als bislang vermutet. Manche Fettzellen, beispielsweise im Bereich der Muskeln, haben die Aufgabe, sehr schnell bei wechselndem Bedarf Brennstoffe freizusetzen, andere dienen als Langzeitvorrat gegen bevorstehende Hungersnöte.
Geradezu phantastisch ist der Wirkungsgrad, mit dem der Organismus Fett aus der Nahrung zu gewinnen und als Reserve einzulagern vermag: Nur zwei Prozent der zugeführten Energie gehen dabei verloren.
Eine Schlüsselrolle bei diesem Aufknack- und Speicherprozeß spielt ein Enzym namens Lipoprotein Lipase (LPL). Diese Substanz ist der wahre Feind der Dicken. Würde ein Medikament gefunden, das den LPL-Spiegel regelt - es wäre das Ende des ungeliebten Schmerbauchs.
Normalerweise wird der Fett-Faktor LPL unter anderem durch Sexualhormone aktiviert und gebremst. Beim Menschen und offenbar auch bei einigen Tierarten sind die weiblichen Geschlechtshormone besonders rührig. Das begünstigt beispielsweise einen beschleunigten Fettaufbau während der Schwangerschaft. Es erklärt aber auch, so der kalifornische Ernährungsforscher M. R. C. Greenwood, weshalb bei den "meisten Säugetierarten die weiblichen Tiere fetter sind als die männlichen, die Weibchen haben insgesamt höhere LPL-Werte".
Beim Menschen haben die Forscher das Zusammenspiel von Sex-Hormonen und LPL genauer entschlüsselt. Während beim Mann der Fetthelfer hauptsächlich in der Bauchregion wütet, entfaltet LPL im weiblichen Organismus sein Wirken mehr im Bereich der Hüften, der Oberschenkel und der Brüste.
Diese geschlechtsspezifische Fettbildung stammt, nach Ansicht der Wissenschaftler, aus der Frühzeit der menschlichen Evolution. Die weiblichen Fettzentren sind Langzeitlager, die für Zeiten von Schwangerschaft und Kinderaufzucht benötigt werden. Das Bauchfett beim Mann hingegen ist schneller zu aktivieren, es bildet eine Art Treibstoffreservoir für die Jagd oder die Flucht.
Da solche Notsituationen in der Zivilisationswelt nur noch selten vorkommen, sind dicke Männerbäuche zu einer möglichen Gefahrenquelle geworden: Das Fett unter der Bauchhaut und um die darunterliegenden Organe wird vor allem durch Streßhormone wie Adrenalin aktiviert; die Fettzellen reagieren darauf mit der Ausschüttung von Fettsäuren. Mögliche Folgen: Die Leber wird überlastet, die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse steigt, es kann zu Bluthochdruck kommen, der das Herz und die Blutgefäße schädigt.
Erstaunlich flexibel kommt der Organismus bei manchen Tierarten mit einem plötzlichen Überangebot an Fett zurecht. "Ein Eisbär", erläuterte der amerikanische Ernährungsforscher Edgar Folk, "kann ruckartig so viel Seehund-Speck in sich hineinschlingen, daß der daraus resultierende Blutfettspiegel einen Hund oder ein Kaninchen augenblicklich töten würde." Dem Bär droht weder Herzinfarkt noch Fettleber.
Daß Fett dem Herzen geradezu "sehr nützlich sein" kann, hat Stoffwechselforscherin Caroline Pond herausgefunden. Die auch bei anderen Säugetieren ausgebildete Fettschicht um das Herz hat, wie die Wissenschaftlerin glaubt, eine spezielle Doppelfunktion: Dort werden einerseits die Fettsäuren aus dem Blut abgeschöpft, andererseits die zum Betrieb des Herzmuskels nötigen Lipide ausgeschüttet. Zudem wirkt die Fettablagerung wie ein Prellbock, sie schützt das Organ vor einer Fettüberflutung nach einem besonders üppigen Essen.
Im Tierreich suchen die Forscher derzeit nach Stoffwechsel-Tricks, die den gesunden Dicken und erst recht den krankhaft Fettsüchtigen beim Abspecken helfen könnten. An der Temple University in Philadelphia etwa experimentiert Gregory Florant mit Murmeltieren. Er entdeckte, daß bei den Nagern während der Vorbereitungs- und Anfettungszeit für den Winterschlaf die LPL-Werte enorm ansteigen; im Frühjahr fallen sie wieder ab.
Zu einem ähnlichen An- und Abschalten ist der menschliche Organismus offenbar unfähig: Bei Langzeitdicken bleiben die hohen LPL-Werte selbst nach erheblicher Gewichtsreduktion stabil, was den frustrierenden Jo-Jo-Effekt erklärt. Die Wissenschaftler suchen nun nach Wirkstoffen, mit denen sich die Fettenzyme im Zaum halten ließen.
An der University of Iowa forscht Mediziner Folk nach jenen biochemischen Signalen, die das Leben eines Bären so vielgestaltig machen: Mal hat er Bauch, mal hat er keinen.
In den Monaten vor dem Winterschlaf können die tapsigen Pelztiere gewaltig zulegen, bis zu etwa 20 Prozent ihres sommerlichen Normalgewichts. Doch im Frühjahr schalten sie ihren Freß-Thermostaten wieder ein und futtern - auch bei überreichem Angebot an Lachsen - nur so viel, daß kein überzähliges Pfund am Körper hängenbleibt.
"Vielleicht wollen die Bären einfach im Sommer nicht soviel Fett mit sich herumschleppen", spekuliert Biochemiker Folk über den erstaunlichen Jahreszeiten-Rhythmus, in dem die Tiere über ihren Fettstoffwechsel wachen, in "freier Entscheidung", wie Folk meint. Einfach bärig.

DER SPIEGEL 46/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1990
Kein Titelbild vorhanden
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Fettsucht:
Bäriger Bauch

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor