12.11.1990

PalmenTödliches Vergilben

Mikroben vernichten die Kokospalmen in der Karibik.
Unbarmherzig brennt die Sonne auf einen gespenstischen Wald aus toten Stämmen, die wie Telegrafenmaste in den Tropenhimmel ragen. Strandtouristen suchen vergebens nach natürlichem Schatten. "Wer das einmal gesehen hat", sagt der amerikanische Palmenspezialist Randolph E. McCoy, "reist mit einem anderen Bild von der Karibik nach Hause."
Es ist das Bild eines zerstörten Naturparadieses. Auch antike Mayatempel, türkisfarbenes Wasser und weiße Sandstrände können nicht darüber hinwegtrösten, daß das wichtigste Symbol der Karibik stirbt: die Kokospalme.
Tödliche Mikroben raffen die Palmen vor allem an der mexikanischen Karibikküste dahin. In den international berühmten Badeorten Cancun, Cozumel und Isla Mujeres bis hinunter an die Grenze zu Belize stehen fast nur noch tote Stämme. Die wenigen übriggebliebenen Palmenkronen haben zumeist gelbe Blätter, die unweigerlich innerhalb weniger Monate abfallen werden. "Lethal yellowing" (LY), "Tödliches Vergilben", heißt die Seuche, die allein in Mexiko bislang mehr als eine Viertelmillion Palmen vernichtete.
McCoy hatte die Krankheit auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan 1982 entdeckt, vor zwei Jahren wies er im amerikanischen National Geographic Magazine auf den Palmenkiller hin.
Seither ist das Baumsterben zur Epidemie geworden: "Die Krankheit frißt sich immer weiter nach Westen und Süden vor", so McCoy. "Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch die Pazifikküste erreicht."
LY verbreitet sich mit einer Geschwindigkeit von etwa drei Kilometern im Monat. Eine Zikade, die sich von Palmenblättern ernährt, überträgt die Krankheit von Baum zu Baum. Das Insekt injiziert die tödlichen Mikroben in die Adern der Palme - ähnlich wie ein Moskito Malaria überträgt.
Die Bäume sterben etwa fünf Monate nach der Infektion: Zunächst verliert die Palme alle noch unreifen Kokosnüsse, dann welken die Blüten, und die Blätter färben sich gelb - sichtbares Zeichen für den vollen Ausbruch der Krankheit. Schließlich fällt die gesamte Baumkrone ab, nur der kahle Stamm bleibt stehen, bis er verrottet.
Zikaden, die auf Baumstämmen übers Meer trieben, haben LY vermutlich auch auf die Karibikinseln Jamaika und Kuba getragen. Im Oktober berichtete die private deutsche Entwicklungshilfe-Organisation "Hilfswerk Haiti", daß Mikroben die Kokospalmen auf Haiti befallen haben - das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Es ist bereits fast vollständig entwaldet, der Palmenkiller stößt es noch tiefer ins Elend. Im abgelegenen Norden der Inselrepublik pflanzen die Entwicklungshelfer jetzt raschwüchsige, immergrüne Bäume an, um die Palmen zu ersetzen.
Befall wird vereinzelt auch aus Guatemala, Honduras und Belize gemeldet. Am schlimmsten wütet die Seuche jedoch in Mexiko, dem größten Kokosproduzenten Amerikas.
200 000 mexikanische Familien leben vom Anbau der Kokospalme, die Bundesstaaten Yucatan, Campeche und Quintana Roo liefern das meiste Kokosöl. Viele Tagelöhner, die als Nebenverdienst Kokosnüsse verkaufen, müssen sich nun eine andere Arbeit suchen.
Vor allem befürchtet die mexikanische Regierung, daß die palmenlosen Strände die Touristen abschrecken könnten. Die Krankheit werde die tropische Landschaft der Region "unwiederbringlich verändern", so Manuel Robert, Direktor im staatlichen mexikanischen Forschungsinstitut CICY in Yucatans Hauptstadt Merida. "Wir sind dringend auf internationale Hilfe angewiesen."
Zunächst wird Geld benötigt zur weiteren Erforschung der Mikroben: Bislang gibt es kein Heilmittel. Antibiotika, die in die Bäume gespritzt werden, können LY zwar aufhalten, doch sobald sie abgesetzt werden, stirbt die Palme.
Die mexikanische Regierung versucht den Palmenkiller zu stoppen, indem sie in den Touristenzentren die asiatische Palmenart "Malayan Dwarf" (malaiischer Zwerg) anpflanzen ließ, die sich als resistent gegen die Mikroben erwies - LY befällt bislang vor allem die Palmenart "Jamaica Tall" (jamaikanischer Riese), die weitestverbreitete in der Karibik.
Doch der malaiische Zwerg wird nicht so hoch wie der prachtvolle jamaikanische Riese, gibt kleinere Kokosnüsse und ist auch nicht so gut an die Umgebung angepaßt. Außerdem dauert es mindestens fünf Jahre, bis die neugepflanzten Palmen zu voller Größe herangewachsen sind - "LY verbreitet sich viel zu schnell, und es gibt auch nicht genug Saatgut", so Palmenforscher McCoy.
Die mangelnde Kenntnis über die Mikroben ist um so überraschender, als LY kein Neuling in der Karibik ist: Ende des vergangenen Jahrhunderts wütete die Seuche bereits auf Jamaika, später sprang sie auf Kuba, die Bahamas und die Caymans-Inseln über, Anfang der fünfziger Jahre erreichte sie Key West vor der Küste Floridas. Etwa 1970 brach sie auf dem Festland aus, zerstörte 90 Prozent der Kokospalmen in Miami und fraß sich an der Atlanticküste bis nach Palm Beach hinauf - die Bewohner witzelten schon, sie müßten wohl den Namen ihrer Stadt ändern.
Über Texas kam LY Anfang der achtziger Jahre schließlich nach Mexiko. Monokulturen begünstigten die Verbreitung. Hinweise, daß auch die Umweltverschmutzung zum Vormarsch der Seuche beiträgt, gibt es dagegen nicht.
Die mexikanische Regierung hat jetzt ein Programm zur Bekämpfung der Krankheit beschlossen - Anfang November reiste Manuel Robert nach Europa, um in England und Frankreich um finanzielle Hilfe zu bitten. Auch von der Bundesrepublik erhofft er etwas: Deutsche Palmenspezialisten halfen bereits bei der Entwicklung der Kokosindustrie in Indonesien und auf den Philippinen. o

DER SPIEGEL 46/1990
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