24.12.1990

No dope, no hope

Zerstreuung und Liebhaberei, ein Vergnügen. Geeignet, Leib und Seele gesund zu erhalten, Stimulanz für Lust und Liebe, dem Sterblichen ein Trost. Sport, die schönste Nebensache der Welt?
Dietrich Thurau, Radrennfahrer, Cortison. Ralf Reichenbach, Kugelstoßer, Anabolika. Sandra Gasser, Leichtathletin, Testosteron. Marc Foreman, Schwimmer, Kokain. Yannick Noah, Tennisspieler, Marihuana. Jupp Elze -, Boxer, Pervitin. Tom Simpson -, Radrennfahrer, Amphetamin. Birgit Dressel -, Siebenkämpferin, Anabolika plus 99 weitere Medikamente.
Arme Schlucker, Spritzensportler, Betrüger. Erwischt, bestraft oder daran gestorben. Opfer eines chemischen Krieges, der nie erklärt wurde.
Die Aufregung ist groß. 1990 ist Doping ein stimulierendes Thema. Das bringt die Wiedervereinigung so mit sich, denn nun ist amtlich, daß in der ehemaligen DDR, die in ihrem 41. Jahr an Altersschwäche starb, flächendeckend gedopt wurde. Von Staats wegen, mit Mafia-Methoden, zum höheren Ruhm der Tätärä.
Jetzt kommt aber auch ans Licht, daß die Goldjungens und Parademädchen der Bonner Republik systematisch "Substanzen aus verbotenen Wirkstoffen" verwenden, daß sie sich dopen und dopen lassen, auf Teufel komm raus. Nicht alle, nicht immer. Aber immer alle unter einer Decke: Die ehrgeizigen Leistungssportler, ihre geltungssüchtigen Trainer, skrupellose Ärzte und reiselustige Funktionäre.
Eine Viererbande.
Wie bei der Mafia herrscht das Gesetz des Schweigens. Wer es bricht, der wird ausgestoßen aus der wärmenden Gemeinschaft der Gruppe. Der gedopte Athlet verliert, rückwirkend, Titel und Medaillen, und gerade daran hängt doch des Sportlers Herz. Seine Rekorde werden gelöscht, sie verschwinden in einem Gedächtnisloch, als habe es sie nie gegeben.
Wer sich verleiten läßt und öffentlich die Wahrheit sagt, der büßt Geld und Privilegien ein, auch das Gratis-Auto des Sponsors. Sogar die Turnschuhe zieht man ihm aus. Und nie wieder wird er auf Spesen in den Süden fliegen dürfen.
Athleten, die der Lüge Lebewohl sagen, werden als Verräter zuerst ins Zwielicht gestellt, dann in den Schatten, und zwar für immer. Strafe muß sein. Denn unter Spitzensportlern und ihrer Kumpanei gilt nicht das Doping als Verbrechen, sondern dessen öffentliches Eingeständnis. Das Nest beschmutzt, wer den Schmutz beim Namen nennt.
Privat sieht die Sache anders aus. Im Sport-Business weiß jeder, daß gedopt wird. Man empfiehlt einander die Namen der hilfswilligen Rezeptfälscher, Masseure und Drogenhändler. Neidvoll spähen die Neulinge die schrankgroßen Medikamentenkoffer der alten Hasen aus. Sie sind gestopft voll mit allem, was als gut gilt und teuer ist, inklusive solcher Drogen, die in Deutschland längst verboten sind oder nur in der Tierheilkunde Verwendung finden sollten.
Manches Badezimmer deutscher Top-Athleten sieht aus wie ein Werbestand des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie. Unterwegs auf Wettkampfreisen, wenn die Erfahrenen aus ihrem Leben plaudern, gilt die letzte Frage des jungen Zuhörers stets einem Rat fürs Leben: "Jetzt sag' mal ehrlich, was würdest du mir empfehlen?"
Wer heutzutage als Sportler ganz nach oben kommen will, den Sport als schnellen Weg zu Geld und Ruhm erkannt hat, der muß sich schinden von Kindesbeinen an. Die Karrieren beginnen vor der Pubertät, oder es gibt sie nicht. In keinem anderen Beruf sind die physischen und psychischen Anforderungen so hoch. Der talentierte Nachwuchs spricht deshalb wahrheitsgemäß nicht von Spielen, sondern von "Ballarbeit", "Wasserarbeit", "Hantelarbeit".
Auch die Wortwahl der Trainer und Funktionäre läßt keinen Zweifel aufkommen: Sie kämpfen durch schmerzhaftes Üben den "inneren Schweinehund" nieder, nehmen "unsere Mädel in die Mangel", damit die "alles bringen". Des Erfolges wegen müssen Trainer anderen Menschen "Beine machen", sie ordentlich "zusammenstauchen" oder ihren Schützlingen "den Arsch aufreißen". Turnvater Jahn hat sich die Leibesübungen, das "Urbild der Lebensfülle", irgendwie anders vorgestellt.
Auf dem Altar des Hochleistungssports werden Leib und Seele geopfert. Elfjährigen Turnerinnen verbiegt man die Wirbelsäule fürs ganze Leben. Zwölfjährige Leichtathleten starten zum Marathonlauf. Mit 13 Jahren kann es Schwimmerinnen passieren, daß sie jeden Morgen um 4.15 Uhr geweckt werden, weil die erste Wasserarbeit von 5.15 Uhr bis 7.15 Uhr angesetzt ist. So lernt der Nachwuchs frühzeitig, sich Befehlen widerspruchslos zu beugen und Ordnung höher zu schätzen als Freiheit. Streß wird zum ständigen Begleiter, Egoismus zahlt sich aus, Kontaktarmut ist die Folge.
Im Wettkampf ist Fairness häufig ein Nachteil, honoriert werden Einschüchterung und Täuschung. Daß Hochleistungssport den Charakter auf erfreuliche Weise forme, ist ein Märchen. Man muß schon großes Glück haben und eine liebende Familie, um ohne seelische Defekte davonzukommen.
Körperliche Schäden sind obligat. Hochleistungssport, gleich welcher Art, findet im biologischen Grenzbereich statt. Wo er anfängt, hört die Gesundheit auf. Weil die ständige Wiederholung einseitiger Übungen die Basis sportlicher Erfolge ist, verschleißen Knorpel, Bänder und Gelenke weit vor der Zeit.
Sport ist allemal Schmerz, für jeden Top-Athleten. Irgend etwas tut ihm immer weh. Denn in allen Sportarten nimmt das Training an Intensität zu. Überforderung der Organe, schließlich Krankheit und Organversagen sind die Folgen. Deshalb empfinden viele Sportprofis den wöchentlichen Arztbesuch als etwas völlig Normales. Manche sehen ihren Doktor jeden Tag.
So entsteht die paradoxe Situation, daß besonders gesunde Kinder innerhalb weniger Jahre zu besonders hilfsbedürftigen Erwachsenen werden, versorgt mit Injektionen in Muskeln, Adern und Gelenken, gepäppelt mit Medikamenten, die sonst nur auf der Intensivstation zu haben sind. Der Schmerz braucht ein Vehikel, um sich davonzumachen. Dieses Vehikel ist die Droge - legal, illegal, scheißegal.
Kaum ein Top-Athlet, der nicht täglich ein paar Pillen schluckt. In jungen Jahren oft nur banales Zeug wie Vitamine, Eiweißstoffe, Traubenzucker - harmlos, wenn auch überflüssig. Später braucht er oft Tag für Tag Schmerzmittel und entzündungshemmende Arzneistoffe. Sportärzte und Trainer suggerieren dem Nachwuchstalent, daß Medikamente unentbehrliche Helfer zum Sieg seien.
Für Deutschlands Top-Athleten - genaugenommen: eine Division von Frühinvaliden - ist der Übergang von den erlaubten zu den verbotenen Drogen, zum Doping, sanft und fließend. Warum sollen Anabolika nach einer Verletzungspause nützlich sein, ausgerechnet im Angesicht des lebensentscheidenden olympischen Goldes aber strafbar? Wieso ist Cortison im Kniegelenk ein Segen, im Po-Muskel ein Fluch? Und überhaupt: Wer fürchtet sich denn vor so ein paar Pillen, Ampullen oder Tröpfchen? Ein richtiger Sportler kennt keine Furcht.
Wer mit 100 Stundenkilometern auf zwei schmalen Rennreifen einen mit Rollsplit garnierten Alpenpaß hinunterjagt, wer dem "Tooor"-Gebrüll Zehntausender standhält, bis zur Besinnungslosigkeit rennt, von Skischanzen ins Nichts springt, seinen Kopf als Punchingball hinhält, der ängstigt sich doch nicht vor einem Anabolikum. Er liebt es. Es stählt ihn für den Kampf, bringt ihm den Sieg, der überwertigen Idee ein Stückchen näher.
"No fight, no money", so heißt das zweite Gebot aller Top-Athleten der Welt. Sport ist international, Doping auch, das Glaubensbekenntnis nicht minder. Sein erstes Gebot lautet: "No dope, no hope." Oder, auf deutsch: "Von nichts kommt nichts."
Arme Schlucker? Nicht alle. In den Prominentenlogen sitzen die Glücklichen, die es geschafft haben, Projektion aller Hoffnungen derer, die schwitzen und ihre Knochen noch hinhalten. Haben die Alten etwa nicht gedopt? Doch, doch. Selbst Deutschlands oberster Doping-Fahnder, der Kölner Professor Manfred Donike, hat als Radprofi Amphetamin eingeworfen. Man nannte ihn die "Spritze". Damals, 1960, war Doping noch erlaubt.
Sollte man es nicht wieder so halten, wenn ohnehin die allermeisten Sportstars das Verbot, falls irgend möglich, mißachten? Was spricht gegen die Legalisierung? Räumt die Gesellschaft dem freien Bürger nicht auch freie Fahrt ein? Das Recht auf Alkohol, Nikotin, Medikamente satt? Wenigstens die Kinder sucht sie noch davor zu schützen.
Kinder aber und junge Frauen sind derzeit schon die gefährdetsten Doping-Opfer. Anabolika, chemische Abkömmlinge der männlichen Geschlechtshormone, zerstören die weibliche Identität, oft auf Dauer. Gezüchtet werden Zwitter, nicht Mann, nicht Frau. Der Bart und die Klitoris wachsen, die Monatsblutung bleibt aus, ihren Kindern (falls sie welche kriegen) droht die Mißbildung. Und das alles für ein paar glückliche Minuten auf irgendeinem Siegertreppchen in irgendeiner obskuren Sportart, nicht mal das Fernsehen schaut hin. Lohnt sich das? Soll man es erlauben? Tut man es, dann werden die Zwerge, Riesen und Monster, die heute schon viele Sportarten dominieren, in Zukunft nicht nur gesucht, sondern gezüchtet werden - schneller, höher, stärker.
Also energischer Kampf dem Doping? Dazu müßte man den Zusammenhalt von Sportlern, Eltern, Trainern, Funktionären und Ärzten sprengen - eine Illusion. Oder die Exekutive gegen die Spitzensportler aufrüsten, mit neuen Strafgesetzen, Zielfahndung, Nacht-und-Nebel-Kontrollen - noch eine Illusion, eine gruselige dazu.
Eine rigorose Doping-Fahndung würde dem "Aktuellen Sport-Studio" die letzten Gesprächspartner rauben. Wer will das schon? Das Publikum nicht, es will den Star bewundern, ihn siegen sehen - und leiden.
Solange es den Hochleistungssport gibt, wird es Doping geben, Betrug am Sportsfreund und am Zuschauer. Doch das Ausmaß ist jetzt womöglich zu reduzieren. Die Sponsoren wollen für gedopte Sportler nicht mehr zahlen, die Athleten beginnen die Spätfolgen zu fürchten. Die Krake Doping könnte einige ihrer Fänge verlieren.
Aber noch wachsen sie schneller nach, als sie abgeschlagen werden können. Das Know-how von 400 ostdeutschen Doping-Ärzten ist jetzt für harte D-Mark zu haben; die Nachfrage ist rege. Keiner der Herren Doktoren hat seiner Profession abgeschworen, niemand bereut. Im Gegenteil. In Leipzig, Hochburg der Doping-Förderer, ist man schon wieder obenauf.
Auch in München ist im letzten Jahr ein bisher unbemerkter Fortschritt erzielt worden, auf der Trabrennbahn Daglfing. Dort dopen einige Tierärzte die schnellen Vierbeiner nicht mehr vor, sondern unmittelbar nach dem Sieg. Die Tiere bekommen intravenös einen Fünf-Liter-Glukose-"Cocktail", angereichert mit allem, was gut, teuer und als Doping verboten ist.
Das nimmt dem Tier den Muskelkater und die Gelenkschmerzen, dämpft seinen Streß, macht ruhig und zufrieden. Es glaubt, der Sieg (und die ihn begleitende totale Erschöpfung) sei eigentlich etwas Wunderschönes - für diesen Irrtum legt sich das Pferd beim nächsten Rennen ordentlich ins Zeug.
So ist das im Sport. Dabei haben Pferde so schöne große Köpfe. o
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 52/1990
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