24.12.1990

KlimaSanfte Kraft

Fachleute sind optimistisch: Fossile Energieträger, die das Weltklima schädigen, sind auf dem Rückzug, Alternativ-Kraftwerke bewähren sich.
Affenartige Peking-Menschen waren die ersten, die in ihren Höhlen stets ein wärmendes Feuerchen schürten. Das war vor 400 000 Jahren. Seither hat das Zündeln auf dem blauen Planeten nie wieder aufgehört.
Gegenwärtig verfeuert die auf 5,3 Milliarden Köpfe angewachsene Menschheit pro Tag fossile Brennstoffe im Heizwert von rund 2,5 Milliarden Litern Erdöl - mit verheerenden Folgen. Der Homo sapiens, ein chronischer Pyromane, ist dabei, die Biosphäre zu ruinieren.
Wie unter Volldampf, umwölkt von Treibhausgasen, rauscht das Raumschiff Erde durchs All. Rund fünf Milliarden Tonnen Kohlendioxid jährlich pusten allein die USA in die Atmosphäre. "Werden wir fähig sein", fragte die Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft, "den Weltenergiebedarf zu befriedigen, ohne unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören?"
Gleich zwei überraschend zuversichtliche Antworten kamen in der vorletzten Woche von Experten, die bislang ein eher finsteres Bild von der Zukunft des Planeten gemalt hatten: *___Auf der 63. "Dahlem-Konferenz" in Berlin, einem ____alljährlich in wechselnder Zusammensetzung tagenden ____Forscher-Forum, erörterten 41 Energiefachleute aus ____zwölf Ländern die "Optionen für eine Kontrolle der ____CO2-Akkumulation in der Atmosphäre" - das Fazit: Noch ____bieten sich viele einstweilen ungenutzte Chancen, den ____Ausstoß von Treibhausgasen zu senken und die lauernde ____Klimakatastrophe aufzuhalten. *___In Washington publizierte das angesehene "Worldwatch ____Institute", ein von der Uno und privaten Spendern ____finanziertes Forschungsunternehmen, eine Studie mit dem ____Titel "Jenseits des Petroleum-Zeitalters", in der die ____Erfolgsaussichten alternativer Energieformen untersucht ____werden - das Ergebnis: Schon im nächsten Jahrzehnt ____könnten Sonnen-, Wind- und Wasserkraft mit den ____herkömmlichen Energielieferanten wirtschaftlich ____konkurrieren.
Für den Übergang in die Ära der sanften Energie, konstatieren die Worldwatch-Forscher, bedürfe es keiner industriellen Revolution. Alle Techniken zur Ausbeutung von Erdwärme, Sonnen- oder Windenergie seien "längst in der Entwicklung" - und haben sich bereits bewährt.
Im Pionierland Kalifornien stillen Windmühlen, Solaranlagen, Erdwärme und Biogas-Kraftwerke derzeit schon rund zwölf Prozent des Bedarfs an elektrischer Energie; der CO2-Ausstoß bei der Stromerzeugung sank seit 1980 um 17 Prozent. Die Quote der alternativen Stromerzeugung wird nach Worldwatch-Schätzungen künftig rasch steigen, weil die Produktionskosten dramatisch geschrumpft sind: Sie fielen in den letzten zehn Jahren bei der Windenergie um 75 Prozent, bei der Solarenergie sogar um 90 Prozent. Mit acht Cent pro Kilowattstunde ist Solarenergie in Kalifornien längst billiger als Atomstrom.
Steigende Öl- und Erdgaspreise, dazu das geschärfte Umweltbewußtsein der Konsumenten, dürften die sanfte Energie demnächst noch attraktiver machen - zumal ihre Quellen so gut wie unerschöpflich sind: Würden alle alternativen Ressourcen der USA vollständig genutzt, so böten sie, laut Worldwatch-Berechnung, rund 200mal mehr Energie, als das ohnehin verschwenderische Riesenland gegenwärtig verbraucht.
Ein letzter Innovationsschub, so werben die Worldwatch-Forscher, könnte den Durchbruch schaffen und, nebenbei, der Weltwirtschaft einen Aufschwung mit vielen neuen Arbeitsplätzen bringen. Dazu allerdings müßten Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, die der sanften Kraftentfaltung vorerst noch den Schwung nehmen.
Soll die bunte Vielfalt alternativer Energieformen aufblühen, müßten nicht nur die Subventionen gestrichen werden, die den Preis für fossile Brennstoffe künstlich niedrig halten; auch das versteinerte System der monopolistischen Energiewirtschaft müßte nach Ansicht der Worldwatch-Autoren aufgeknackt und "dezentralisiert" werden - eine Herkulesarbeit mit bislang wenig Erfolg.
Mit den "Barrieren", die sich vor der überfälligen Energiewende auftürmen, beschäftigten sich auch die Experten auf der Berliner Dahlem-Konferenz, unter ihnen der amerikanische Ökoforscher Amory Lovins, der sein Institut in den Rocky Mountains mit allen Schikanen der alternativen Energieversorgung ausstaffiert hat.
Sorgen bereiteten den versammelten Denkern vor allem jene Entwicklungsländer, die sich jetzt mit Verspätung anschicken, ins Industriezeitalter einzutreten. Nach Ansicht der Gelehrten aus Kanada, Deutschland, Japan und den USA besteht die Gefahr, daß die Nachzügler nun gleichfalls jenen Pfad beschreiten, der ins gefürchtete globale Treibhaus führt.
Für die Wohlstandsländer, so forderten die Forscher in Berlin, sei es Pflicht, mit gutem Beispiel in die Zukunftswelt der sanften Energie voranzugehen. Dabei sollten den Neulingen gleich modernste, umweltschonende und energiesparende Techniken anempfohlen werden - ein Technologie-Transfer, der aber an vielfältige Grenzen stößt.
Anstatt mit Unterstützung der Weltbank stromsparende Kühlanlagen zu kaufen, zog es beispielsweise die Regierung von Indonesien vor, auf eigene Rechnung die Leistung ihrer Elektrizitätswerke zu erhöhen. In Indien lehnte die Regierung einen Weltbank-Kredit für den Kauf von sparsamen Glühbirnen ab; statt dessen verlangte sie Geld für neue Kraftwerke.
In anderen Fällen sind es freilich teure Lizenzgebühren, die Entwicklungsländer am Kauf moderner und umweltfreundlicher Technologie hindern. Nicht nur deshalb dürften Appelle an das Öko-Gewissen in Asien und Afrika fehl am Platz sein: Trotz aller Sparmaßnahmen schlucken die Industrieländer immer noch den Löwenanteil der weltweit produzierten Energiemenge. Jeder Amerikaner verfeuert jährlich ein Quantum im Heizwert von 6400 Litern Erdöl, in Nigeria liegt der Pro-Kopf-Verbrauch nur bei etwa 320 Litern.
Daß eine so schwindelerregende Schieflage zu Verteilungskämpfen im Weltmaßstab führen muß, ist den Wissenschaftlern klar. Dennoch glauben sie den Habenichtsen einen Verzicht auf westliche Energiestandards zumuten zu müssen - im Menschheitsinteresse: "Wenn auch noch alle Chinesen mit dem Auto ins Wochenende fahren", überlegte in Berlin der Essener Philosophie-Professor Klaus Meyer-Abich, "dann geht wohl dem ganzen Planeten die Puste aus."
Das Askese-Ansinnen an die Dritte Welt tarierte Meyer-Abich mit einem Tadel an die westlichen Gierhälse aus: 85 Prozent aller Pkw-Fahrten in Deutschland, rügte er, dienten Urlaubsreisen oder anderen Freizeitvergnügen.
Richtig ist, daß die Industrieländer über ein immenses Sparpotential verfügen. Seit Anfang der siebziger Jahre ist ihr Energiebedarf, trotz gewaltiger Produktionssteigerungen, kaum gewachsen. Er könnte, nach Ansicht der Forscher in Berlin, noch sehr viel stärker sinken - wenn die Politiker die Mahnungen der Wissenschaftler mehr beherzigen würden.
Mit höheren Mineralölsteuern und der gezielten Förderung alternativer Energietechniken ließe sich nach ihrer Überzeugung der Ausstoß von Treibhausgasen weit schneller als bislang reduzieren, vorerst allerdings nur in den Industrieländern: Daß dort die Luft sauberer wurde, hat auch damit zu tun, daß sie ihre schwerindustriellen Dreckschleudern in fernöstliche Billiglohnländer ausgelagert haben.
Zusätzlich belastet, sorgen sich die Fachleute, würde die Erdatmosphäre, wenn demnächst die einstigen Ostblockländer zur marktwirtschaftlichen Blüte gelangten. Eine Motorisierung der nunmehr demokratischen Massen Osteuropas würde die globale Klimakatastrophe gefährlich beschleunigen. Nur rechtzeitige Öko-Entwicklungshilfe könne das Unheil abwenden.
Viel Vertrauen setzen die Gelehrten dabei in die Vernunft der Politiker. Jährlich rund 60 Milliarden Mark, nur 0,5 Prozent des Bruttosozialprodukts aller Industrienationen, würde es nach ihren Berechnungen kosten, den Treibhauseffekt zu stoppen. Das müßte zu schaffen sein, meinte ein Konferenzteilnehmer in Berlin - begründete Hoffnung oder Zweckoptimismus?
Auf so feine Unterschiede, erklärte der Fachmann, komme es doch gar nicht mehr an: "Wer Pessimismus verbreiten will, kann ja gleich zu Hause bleiben."

DER SPIEGEL 52/1990
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