12.11.1990

Fahnenflucht

Moskau und Bonn stehen vor neuen Problemen: Allein in den vergangenen Wochen desertierten über 200 Soldaten der in der Ex-DDR stationierten 363 000 Mann starken West-Gruppe der sowjetischen Streitkräfte. 53 von ihnen baten bisher bei westdeutschen Behörden um Asyl, über 150 halten sich irgendwo versteckt, sie werden in ihren Einheiten als "vermißt" geführt. Gefährliche Ausmaße nehmen illegale Waffenverkäufe aus Beständen der sowjetischen Armee an. Um ihren kargen Sold (Rekrut: 25 Mark im Monat, Leutnant: 800 Mark) aufzubessern, verkaufen Offiziere und Soldaten alles an deutsche und internationale Waffenhändler, was sich nur wegtragen läßt: Kalaschnikows kosten 200, Pistolen 100, Handgranaten und Minen 25 Mark. In den Wäldern in der Nähe großer Garnisonen, etwa im Raum Potsdam und Neubrandenburg, finden inzwischen nachts Waffenbörsen statt, auf denen sich Soldaten mit Berliner Ganoven treffen. Auf Vorschlag der sowjetischen Seite soll nun eine gemischte Kommission nach Mitteln und Wegen suchen, um den Schwarzmarkt zu unterbinden und die Deserteure zur Rückkehr in die Kasernen zu bewegen. Außenminister Hans-Dietrich Genscher hat mit dieser heiklen Mission Staatssekretär Franz Bertele beauftragt, den früheren Ständigen Vertreter der Bundesrepublik in der DDR.

DER SPIEGEL 46/1990
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