12.11.1990

OberschlesierPolen missen ruhig sitzen

Mit kräftiger Unterstützung der Vertriebenenverbände regt sich die deutsche Minderheit in Polen.
Rotkäppchen kommt aus Oberschlesien, hat einen strohblonden Zopf und eine "deitsche Großmutter". Der Wolf, dem ein Stoffschwanz vom Rücken baumelt, kommt aus derselben Ecke. "Was hast du denn in dainen Kerbel?" fragt er kehlig das Rotkäppchen. "Milch, Wein und Kuchen", antwortet wahrheitsgemäß die Kleine und stapft davon.
Auf der Bühne, wo zwei Dutzend Juroren sitzen, applaudiert ein sichtlich gerührter Professor. Jerzy Wuttke ist polnischer Oberschlesier aus Kattowitz. Als Vorsitzender der Minderheiten-Kommission besucht er mit 21 weiteren Abgeordneten des Warschauer Parlaments (Sejm) zwei Tage vor dem deutsch-polnischen Gipfeltreffen die Stadt Zdzieszowice, ehemals Odertal. Anfang nächsten Jahres sollen die Rechte der Minderheiten in der polnischen Verfassung niedergeschrieben werden.
Im klapprigen Kleinbus haben die Abgeordneten schon Kaschuben, Weißrussen und Ukrainer besucht, als sie nach Zdzieszowice kommen. 50 Kilometer westlich des oberschlesischen Kohlereviers werden sie mit Männern, Frauen und Kindern konfrontiert, die es nach amtlicher polnischer Lesart jahrzehntelang gar nicht geben durfte: die Angehörigen der deutschen Minderheit in Schlesien. Stärker als alle anderen wurden sie schikaniert, unnachgiebig pochen sie nun auf ihr Recht. "Ich bin Schlesier wie ihr", sagt Wuttke, "wir sind gekommen, um euch zuzuhören."
Daß Rotkäppchen und der Wolf eigentlich kein Wort Deutsch sprechen und die Erzieherin mit krebsroten Ohren bangt, ob die beiden ihren Text beherrschen, spielt an diesem Abend keine Rolle. "Die Kleinen müssen erst wieder die Muttersprache lernen, woher sollen sie's denn noch können", sagen die Eltern.
Im kommunistischen Polen war Deutsch tabu auf der Straße, in der Schule, offiziell auch zu Hause. Nun soll in der Schule Deutsch statt Russisch gelehrt werden, denn Sprache ist Politik in Oberschlesien, wo germanische und slawische Wurzeln sich kreuzen: Wer Deutsch spricht, zählt sich zur deutschen Nation. Wenn keine Politiker zuhören, sprechen die meisten Einheimischen "gwara slaska", einen Mischdialekt, den alle verstehen.
Den hohen Besuchern aus Warschau wird in der Berufsschul-Aula von Zdzieszowice schnell klar, wofür das oberschlesische Herz westlich von Kattowitz schlägt: Eineinhalb Stunden lang werden sie mit beinharter deutscher Folklore überzogen. Nach dem einführenden Oberschlesierlied aus mehreren hundert Kehlen - "Wo vom Annaberg man schaut ins weite Land" - geben die Vier- bis Fünfjährigen eine Märchenstunde: Aschenputtel ist da, Schneewittchen auch, und Rübezahl erklärt das Riesengebirge zum "deutschen Gebirge". Während sich die Abgeordneten eifrig Notizen machen, radebrechen zwei linkische Burschen "Ich hab' ein schäines Heimatland". Zum Abschluß singt der ganze Saal "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei".
350 000 Schlesier, so die amtliche Schätzung, leben allein in der Woiwodschaft Oppeln, zu der Zdzieszowice zählt. Auch rund um Ratibor, Kattowitz und Tschenstochau meldet sich die autochthone, die angestammte Bevölkerung Oberschlesiens wieder zu Wort, seit sich die Minderheiten in Polen organisieren dürfen. "Wir waren in deutschen Schulen, bei der deutschen Wehrmacht, wir sind immer deutsch gewesen", sagt ein alter Mann in Zdzieszowice.
"Jetzt plötzlich kommen die und sagen, ihre Eltern sind echte Deutsche", wundert sich Danuta Berlinska vom Schlesischen Institut in Oppeln. Von alters her hätten die Leute im Oppelner Land in erster Linie schlesisch gefühlt und erst in zweiter Linie deutsch oder polnisch. "Die nationale Identität", so die Soziologin, "war immer labil - je nachdem, von wem die Oberschlesier gerade regiert wurden."
Die Bindungen ans Deutsche Reich, von dem die Provinz Schlesien nach dem Zweiten Weltkrieg abgetrennt wurde, seien meist materieller Natur gewesen, sagt Danuta Berlinska. Als Kumpel im Kohlenpott oder als niedere Dienstkräfte in Berlin waren die fleißigen und unpolitischen "Wasserpolacken" aus Oberschlesien den Deutschen willkommen. Erst jetzt werde dieses Abhängigkeitsverhältnis "ideologisiert" - wenn das vereinte Deutschland feiern darf, wollen die Oberschlesier mitfeiern.
"Wir haben immer geglaubt, der Kohl holt uns da raus", sagen die Alten vom Deutschen Freundschaftskreis (DFK) in Maciowakrze (Matzkirch). Alle paar Wochen treffen sie sich im Feuerwehrhaus, singen aus vollem Herzen "Schäin war die Jugend" oder üben Kirchenlieder für die versprochene Messe in deutscher Sprache. Mit der Gründung des Deutschen Freundschaftskreises in Kattowitz Anfang des Jahres hat alles begonnen, inzwischen gibt es Hunderte von Ortsverbänden. Mehr als 300 000 Menschen haben sich in die "Liste der deutschstämmigen Bevölkerung" eingetragen. Der Initiator der Listenaktion heißt Johann Kroll, ist Rentner aus Gogolin und Medienstar unter den Deutschstämmigen im Oppelner Land.
Der Elan der Oberschlesier ist schwer zu bremsen. Wenn schon der Vertrag über die polnische Westgrenze nicht mehr zu verhindern ist, der Schlesien endgültig zu polnischem Gebiet erklärt, sollen zumindest die Belange der deutschen Minderheit Gehör finden. Ein Zentralrat der deutschen Organisationen in Polen ist gegründet worden und hat der Bundesregierung einen 16-Punkte-Forderungskatalog übergeben. Darin heißt es unter Punkt 14, "die Zusammenarbeit mit den Vertriebenenverbänden" dürfe nicht behindert werden.
Der Bundesverband der Vertriebenen (BdV) bildet das logistische Rückgrat der deutschen Schlesier. Für die "Erhaltung des kulturellen Heimaterbes" kassiert der BdV von der Regierung Kohl in diesem Jahr 20,4 Millionen Mark - fünfmal soviel wie 1983. Dafür liefert er unter anderem hochmoderne Farbkopierer und Schreibmaschinen nach Schlesien. Schwarzrotgoldene Fahnen und die sattsam bekannten Deutschland-Karten mit den Grenzen von 1937 sollen zum Dableiben ermuntern. BdV-Generalsekretär Hartmut Koschyk ist Dauergast in Schlesien - bei Bedarf ersetzt sein Wort auch die fehlenden Geschichtsbücher.
"Schlesien war und ist deutsch", plappert folgsam Ewald Ochmann vom DFK in Strzelsce Opolskie (Groß Strehlitz), "seit 700 Jahren leben hier nur deutsche Menschen." Er sehe sich unverändert als "Deutscher, der unter polnischer Verwaltung" leben müsse. Unter den 3800 Mitgliedern im Groß Strehlitzer DFK stammten ganze 4 aus "Mischehen". Die können, so Ochmann, als "Sympathiker" mitmachen, haben aber kein Stimmrecht.
Der Sargtischler Ochmann und sein Stellvertreter, Malermeister Erich Kaluza, leiten in Groß Strehlitz das "Koordinierungsbüro" - Umschlagplatz für die ideologische und finanzielle Munition aus dem Westen.
Nicht nur den Polen und den 1945 nach Schlesien vertriebenen Ukrainern und Weißrussen ist die straffe Organisation der deutschen Schlesier suspekt. Auch die wenigen autochthonen Intellektuellen, die sich standhaft der Vertreibung und Aussiedlung widersetzt haben, fürchten nun um den inneren Frieden in Schlesien. "Nationalisten sind immer Rowdys", sagt der deutschstämmige Fotograf Fryderyk Kremser aus Oppeln. Deutscher sei, so der Vorsitzende der Oppelner Eichendorff-Gesellschaft, wer in der deutschen Kultur aufgewachsen ist. Von Leuten, "die ihren Lebenslauf nicht in deutscher Sprache schreiben können", läßt sich Kremser keine Liste vorlegen, in der er schriftlich versichern soll, er sei Deutscher. Die Frage nach der Identität der Oberschlesier hält er für unlösbar - eine Wahrheit gebe es nicht, nur Standpunkte. "Im Oberschlesier", zitiert er den Dichter Hans Lipinski Gottersdorf, "sind vereint das Licht des abendländischen Geistes und die Weite der slawischen Seele."
Mit seiner Kamera hat Kremser Indizien dafür gesammelt, daß die slawische Seele für die neue deutsche Offensive nicht weit genug sein könnte. Schmierereien wie "Szwaby do domu" (Deutsche raus) und "Kroll an den Galgen" begleiteten den Wahlkampf zwischen dem Deutschen Henryk Kroll und der Polin Dorota Symonides um einen Senatssitz in Warschau. Auf einem deutschen Grabstein im Zentralfriedhof von Oppeln steht "Ave-Luzifer". "Es darf kein Tropfen Blut mehr fließen", sagt Kremser, "keine Nation der Welt ist das wert."
Doch die Re-Germanisierung Oberschlesiens läuft. Während die zweisprachigen Oberschlesischen Nachrichten um ihre Existenz fürchten müssen, ist das BdV-Kampfblatt Schlesische Nachrichten beinahe überall und Springers Welt im Abonnement zu haben. In Oppeln singen Heino, Gitti und Erika von einer Heimat weit westlich von Oder und Neiße. In Groß-Stein wurde das Kriegerdenkmal aus dem Ersten Weltkrieg, das die Polen vergraben hatten, vor der Schloßruine feierlich wieder aufgestellt. Zur Einweihung kam der Neffe des verstorbenen Schloßbesitzers, des Panzergenerals Hyacinth Graf Strachwitz.
Der Fremdenverkehrsverband Schlesien bittet neuerdings die vergessenen Flecken im Osten zum Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden". Und in Dutzenden von Gemeinden haben die Deutschen seit den ersten freien Kommunalwahlen das Sagen. "Die Polen missen jetzt ruhig sitzen", freut sich Alfons Stein aus Matzkirch, "von 15 Gemeinderäten sind 9 unsrige."
Den allabendlichen Ausflug in die deutsche Heimat garantiert die Satellitenschüssel auf dem Dach. Unfehlbar weist sie den Weg zu den Häusern der deutschen Schlesier, wo nun zwischen Dirndl-Sex und lustigem Tortenwerfen gewählt werden kann. Für Anspruchsvolleres müssen zumindest die Kinder Deutsch lernen - "die verstehen ja sonst kein Wort", sagen die Alten.
Mit 14 Lehrern aus Westdeutschland, die über Polen verteilt wurden, sollte ein Anfang gemacht werden. Doch nur zwei davon sind nach Oberschlesien geschickt worden - viel zu wenige, wie die "Minderheit" bemängelt. Für Andrea Mampe aus Hamburg, die seit Anfang September in Gogolin 25 Stunden wöchentlich unterrichtet, war der Start schwer. In den Baum vor ihrer Wohnung schnitzten Unbekannte ein Hakenkreuz. In Gogolin, das Johann und Henryk Kroll zu einem Zentrum der deutschen Minderheit ausbauen, haben Polen und Ukrainer Angst vor der Zukunft.
Manche Schlesier, so der Woiwode von Oppeln, Ryszard Zembaczynski, "träumen von einem Bundesland Schlesien - das ist natürlich Blödsinn". Aber über deutsche Sendungen bei Radio Oppeln oder beim Fernsehsender Kattowitz könne man reden. Schulunterricht und Gottesdienste in deutscher Sprache seien schon bewilligt, es fehle nur noch an fähigen Lehrern und Pfarrern.
Doch den mutig gewordenen Oberschlesiern ist das nicht genug. Den 22 polnischen Parlamentariern in der Berufsschul-Aula von Zdzieszowice schreit ein verbitterter alter Mann entgegen, was so viele zwischen Oppeln und Kattowitz denken: "Als Deutscher bin ich geboren, als Deutscher will ich sterben." o

DER SPIEGEL 46/1990
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