31.12.1990

AffärenTatkräftig mitgeholfen

Die Rothschild Bank ist in verbotene Geschäfte verwickelt, der Staatsanwalt ermittelt.
Für Baron Elie de Rothschild, 73, sind zwei Dinge im Leben besonders wertvoll. Als Weingutbesitzer weiß er ein Glas Chateau Lafite zu schätzen, als Bankier geht ihm Diskretion über alles.
Den 1799er aus eigenem Anbau kann der Präsident des Verwaltungsrates der Rothschild Bank in Zürich weiter genießen, mit der Verschwiegenheit ist es allerdings vorbei: Das vornehme Bankhaus ist ins Gerede gekommen.
Das traditionsreiche Geldinstitut wickelte im Frühjahr 1990, diskret natürlich, ein Milliardengeschäft ab: die Übernahme der Kaffee- und Schokoladenfirma Jacobs Suchard durch den US-Konzern Philip Morris.
Die Art der Abwicklung allerdings entsprach nicht ganz dem vornehmen Stil des Hauses. Über dunkle Kanäle wanderten Aktienpakete ins Ausland, der Staatsanwalt ermittelt.
Es geht um sogenannte Insider-Geschäfte, bei denen vorzugsweise Banker oder Börsianer Aktien von Firmen kaufen, die kurze Zeit später von einem anderen Unternehmen geschluckt werden.
Wer, wie die Insider, von solchen Aufkäufen weiß, bevor sie publik werden, kann seinen Informationsvorsprung gewinnbringend nutzen: Er kauft den unwissenden Aktionären die Anteilsscheine vergleichsweise günstig ab. Wird die Übernahme bekannt, steigen die Kurse - der Insider verkauft mit Gewinn.
Solche Geschäfte sind fast risikolos und meist besonders gewinnträchtig. Aber sie sind, in der Schweiz und in vielen anderen Staaten, verboten.
Diese Art der schnellen Geldvermehrung hat Tradition, auch im Hause Rothschild. Nathan Rothschild, der Begründer der englischen Familien-Linie, landete anno 1815 nach der Schlacht von Waterloo an der Londoner Börse den wohl windigsten Coup seiner Sippe - ein geradezu klassischer Insider-Fall.
Nathan erfuhr einen Tag vor der Allgemeinheit vom Sieg Wellingtons über Napoleon, an der Börse streute er jedoch die Nachricht von einer britischen Niederlage. Die Kurse stürzten, wie beabsichtigt, ab; Nathan Rothschild ließ alle Werte zu Spottpreisen aufkaufen.
Einen Tag später löste die Nachricht von Napoleons Niederlage eine Hausse aus, der Manipulant stieß die günstig erstandenen Aktien zu Höchstkursen ab. Sein Gewinn: über eine Million Pfund Sterling.
Der verführerische Gedanke, Insider-Wissen in bare Münze umzusetzen, konnte 1990 auch all jenen kommen, die an der Übernahme von Jacobs Suchard beteiligt waren. Der Zigaretten-Multi Philip Morris hatte die Rothschild und Cie. Banque in Paris und die Rothschild Corporate Finance, eine Tochter des Zürcher Bankhauses, eingeschaltet.
Nach monatelangen Verhandlungen kam das Geschäft Mitte Juni zustande. Klaus Jacobs erhielt für seine 62 Prozent der Stimmrechte rund 3,8 Milliarden Mark. Den restlichen Aktionären wurden 8500 Franken pro Aktie geboten. Insgesamt zahlte Philip Morris rund sechs Milliarden Mark für die Firma.
Geradezu überschwenglich schrieb daraufhin Erwin Brunner, damals Chef der Zürcher Rothschild Bank, an seine Mitarbeiter: "Wir sind stolz, bei der Verwirklichung dieses unseres Wissens wohl größten je in der Schweiz abgewickelten Übernahmegeschäfts tatkräftig mitgeholfen zu haben."
Brunner, einer der Helfer, hat die Bank mittlerweile verlassen. Zu seinem Nachfolger berief Baron Elie de Rothschild Ende Oktober "Herrn Oscar P. Campiche". Und der spielt jetzt, gemeinsam mit seinem fürs Kreditressort verantwortlichen Kollegen Jürg Heer, eine unrühmliche Rolle in der Insider-Affäre.
Der ermittelnde Staatsanwalt Daniel Tewlin, der in Sachen Jacobs Suchard schon sieben Aktenordner angelegt hat, verfolgt derzeit eine heiße Spur. Sie führt direkt in die Geschäftsleitung der Rothschild Bank.
Der 25. April 1990, die Übernahme-Verhandlungen waren schon im Gang, war nach Tewlins Recherchen "einer der auffälligen Handelstage" an der Zürcher Börse. Insgesamt 1200 Jacobs-Suchard-Aktien, nahezu doppelt so viele wie sonst in jenen Tagen, wechselten den Besitzer.
Einer der Käufer war die Rothschild Bank. Sie orderte im Namen einer Montevar Corporation (Wertpapierkonto 1698001) ganz unauffällig Inhaberaktien von Jacobs Suchard: erst 291 Papiere, dann 50 und schließlich noch einmal 100, das Stück für 6900 Franken. Diese "insiderverdächtige Transaktion" (Tewlin) kostete zusammengerechnet über drei Millionen Franken.
Insgesamt, das belegt ein Depotauszug vom 22. Juni, wurden 1265 Aktien und 4985 stimmrechtslose Partizipationsscheine gekauft. Das Geld für die Transaktionen bekam die Gesellschaft vorgestreckt; der Kredit betrug exakt 11 616 359,50 Franken.
Wer allerdings, die Frage drängt sich dem Ermittler auf, steckt hinter der dubiosen Montevar?
Die Gesellschaft hat ihren Sitz in Panama. Diese mittelamerikanische Finanzoase wird gern zum Verschleiern windiger Geschäfte genutzt. Firmen sind dort zwar der Form halber im Register eingetragen, ihr Eigentümer aber bleibt ungenannt.
Einer aus der Finanzdirektion bei Montevar ist ausgerechnet der Chef jenes Bankhauses, das an dem Philip-Morris-Deal so tatkräftig mitgedreht hat: Oscar Campiche.
Noch eine weitere Spur führt zur Zürcher Rothschild Bank. Auf das Führen von "Firmen ohne eigenen Bürobetrieb", so steht es im Geschäftsbericht der Bank, ist "unsere Treuhandgesellschaft Sagitas" spezialisiert. Verwaltungspräsident der Sagitas wiederum, die auch die Firma Montevar betreut, ist jener Mann, dessen Abteilung die Kredite für den Kauf der Jacobs-Suchard-Aktien abzeichnen mußte: Jürg Heer.
Auf den Verdacht, die Gesellschaft gehöre mehrheitlich der Rothschild-Gruppe selbst, reagiert die Geschäftsführung mit einem Verweis auf das Bankgeheimnis: Über Kundenbeziehungen werde generell nicht gesprochen.
Diese Ausflüchte helfen weder Campiche noch Heer; beide sind zu sehr in die Affäre verstrickt. Ob die Rothschilds von der Panama-Connection profitieren, ob ein Kunde des Hauses die Gewinne einstrich oder sie bei den Herren Direktoren selbst landeten, ist letztlich nicht entscheidend.
Denn als Insider gilt nach Schweizer Recht, wer "sich oder einem anderen einen Vermögensvorteil verschafft", indem er eine spektakuläre Information über ein Aktienunternehmen nutzt oder weitergibt. So steht es in Artikel 161 des Strafgesetzbuches.
Allein an den Käufen vom 25. April konnten die Insider, gemessen an der Offerte von Philip Morris, über 800 000 Mark verdienen. Der Gewinn beim gesamten Paket: 3,3 Millionen Mark.
In der Schweiz können Insider "mit Gefängnis oder Buße" bestraft werden - falls sie je erwischt werden. Denn es gibt, wie Staatsanwalt Tewlin klagt, "zu wenig Leute und zu wenig Mittel, um allen auffälligen Kursbewegungen nachzugehen".
Ganz unabhängig von Tewlins weiteren Ermittlungen macht der Skandal Baron Elie de Rothschild schon jetzt zu schaffen. Denn nichts ist in seinem diskreten Gewerbe schlimmer, als über längere Zeit im Gerede zu sein.

DER SPIEGEL 1/1991
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