12.11.1990

ParteienKeen Vertrauen

Die PDS beginnt sich von unten aufzulösen: Die Basis ist überaltert und durch die Finanzskandale demoralisiert, die meisten Funktionäre sind von gestern.
Katrin Lange, 19, ist verzweifelt: "Ich weiß nicht mehr weiter und fühle mich allein."
Die junge Leipzigerin ist Anfang März in die PDS eingetreten, "aus Glauben an wahren Sozialismus" und aus Sympathie für Gregor Gysi. Doch sie wurde schnell von der Tristesse des Alltags in der angeblich runderneuerten Partei überholt. An der Basis, in den Geschäftsstellen der PDS vor Ort, sitzen noch immer SED-Funktionäre von vorgestern. Die haben, klagt die enttäuschte Jung-Sozialistin, das "Temperament einer Schlaftablette". In Parteiversammlungen trifft Katrin Lange vor allem auf mehr oder weniger rüstige Rentner, denen die quirlige Genossin den geruhsamen Parteiabend verdirbt.
Wie Katrin Lange geht es vielen jungen Leuten in der ehemaligen DDR. Der rhetorisch brillante Charmeur Gregor Gysi und seine intellektuellen Genossen im PDS-Präsidium wie Andre Brie, Helga Adler und Rainer Börner haben zunächst unter dem vom westlichen Kolonialgehabe verstimmten ostdeutschen Nachwuchs Hoffnungen auf eine oppositionelle Alternative zum Kohlschen Kurs geweckt. Doch die sind spätestens verflogen, seit die Geldschiebereien der PDS-Spitze ruchbar wurden.
Seither herrscht auf PDS-Versammlungen vielfach eine Stimmung wie auf einer Beerdigung. Zwar erklärten in der gesamten Ex-DDR in den Tagen nach dem Auffliegen des Finanzskandals nur einige tausend der 345 000 PDS-Mitglieder ihren Austritt, aber in der Rest-Partei wachsen Mißmut und Resignation.
In einem "Klub-Keller" der Partei im Ost-Berliner Stadtbezirk Marzahn, in Gysis Bundestagswahlkreis, wo bei den Volkskammerwahlen im März und den Kommunalwahlen im Mai mehr als 35 Prozent für die Gysi-Genossen votierten, hocken 30 Mitglieder von PDS-Basisgruppen beisammen, überwiegend im Alter zwischen 40 und 50, und schämen sich ins Bier. "Wem kannst du denn jetzt noch glauben?" fragt ein Endvierziger zerknirscht. Ein anderer gesteht, der Finanzskandal gebe ihm "doch mächtig zu denken, ob es Sinn hat, Mitglied dieser Partei zu sein".
Auf dem Treffen einer PDS-Basisgruppe im Feierabendheim an der Zühlsdorfer Straße in Berlin-Marzahn - versammelt sind zwölf Genossen im Alter zwischen 70 und Mitte 80 - hat ein Rentner die rosarote Mitgliedskarte der PDS auf den Tisch vor sich geworfen und räsoniert: "Ich habe keen Vertrauen mehr. Ich bin 45 Jahre belogen und betrogen worden."
Den Austrittswilligen kann auch eine 40jährige Genossin des Kreisvorstands, Typ DDR-Mutti mit marxistisch-leninistischer Weltanschauung und SED-Parteischuljargon, nicht mehr heimholen. Ihr Appell "Wir müssen echt zusammenrücken, jetzt erst recht" und ihre Platitüde "Es gibt Enttäuschungen, aber so ist irgendwo das Leben" lösen nicht einmal Gelächter aus. Nur eine alte Genossin, Anfang 80 und schon seit 1930 Mitglied der KPD, bleibt unbeirrt auf Linie: Sie habe "in den Kämpfen seit 60 Jahren" schon ganz andere Dinge erlebt. Schuldige hat sie bereits entdeckt: In der Partei seien leider "zuviel Intellektuelle".
Etwa die Hälfte der noch rund 340 000 Parteimitglieder ist älter als 60. Die Alten sind seit Stalins Zeiten auf absolute Treue zur Partei trainiert - die hielte selbst dann noch, wenn der Parteivorstand mit der Kasse auf die Malediven entschwände.
Das dynamische und karriereempfindliche Mittelalter zwischen 35 und 50 Jahren ist in den Reihen der ostdeutschen Sozialisten nur noch schwach vertreten. Lediglich 22 Prozent der PDS-Genossen sind jünger als 40, nur 8 Prozent sind unter 30.
99 Prozent der Mitglieder der PDS waren bereits in der SED, jeder fünfte von ihnen war hauptamtlicher Funktionär der alten Staatspartei. Von Februar bis Mai gelangten lediglich 1600 neue Mitglieder zur PDS, darunter eine Reihe ehemaliger SED-Genossen, die von Honecker-Nachfolger Egon Krenz vergrault und von Gysi wieder angelockt wurden.
Zwar sind 1300 der Neuen jünger als 30, doch vom angeblich massiven Zulauf der von Einheitspalaver und christdemokratischem Crash-Kurs enttäuschten jungen Generation kann keine Rede sein. Auch wenn sich bei PDS-Demos und Wahlpartys oft ein überwiegend jugendliches Publikum tummelte und die PDS bei jungen DDR-Bürgern mit Hoch- und Fachschulausbildung in Wahlen überdurchschnittlich gut abschnitt, blieb die einstige Staatspartei eine SED-Erbengemeinschaft.
Die jüngeren Mitglieder treffen sich statt in den überalterten Basisgruppen lieber in den Interessen- und Arbeitsgemeinschaften der Partei, etwa in der "AG Junger GenossInnen" oder der "Linken sozialistischen Frauenarbeitsgemeinschaft". Doch mehr als ein paar tausend Aktive, die über die "Abkehr vom Leninschen Parteiverständnis" debattieren und nach einem "neuen Sozialismus-Verständnis" suchen, kommen in der Ex-DDR nicht zusammen. Viele der Nachwuchsgenossen sind noch nicht einmal Mitglieder der Partei, so Jan Bloch, 29, Geschäftsführer der PDS-Jugend-AG.
Das von Gysi geprägte Image der Partei täuscht darüber hinweg, daß Altfunktionäre der Honecker-Ära den Parteiapparat fest in den Händen halten - von der Berliner Zentrale bis zu den Kreisgeschäftsstellen.
So führt in Berlin-Marzahn Klaus Wiezorek, 40, einst Funktionär der Kulturabteilung der Berliner Bezirksleitung der SED, den Vorsitz; in Berlin-Lichtenberg avancierte der Sekretär für Wirtschaft der SED-Kreisleitung, Joachim Schreiter, 39, zum PDS-Chef; in Dessau führt die einstige Ausbilderin für Nomenklaturkader an der Hallenser Bezirksparteischule der SED, Monika Andrich, 37, die Geschäfte der PDS.
Im neuen Bundesland Brandenburg amtiert als PDS-Vorsitzender noch immer der in der Ära Krenz eingesetzte 1. Sekretär der Potsdamer Bezirksleitung der SED, Heinz Vietze. Daß auf Vietze Verlaß sei, vermerkte noch am 19. November 1989 die örtliche Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit. Auf einer SED-Kundgebung in Potsdam habe sich Vietze "eindeutig vor die Schutz- und Sicherheitsorgane" gestellt.
Deutlich überrepräsentiert sind in der PDS auch die Genossen, "die Schild und Schwert der Partei getragen haben", wie der Marzahner Kreisvorsitzende Klaus Wiezorek durchaus ohne Ironie verkündet - ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).
In der 6200 Mitglieder starken Marzahner Kreisorganisation sei deren Anteil "unter 20 Prozent", sagt Wiezorek. In Berlin-Hohenschönhausen, wo die PDS-Kreisorganisation 4500 Genossen zählt (davon 20 Neuaufnahmen seit Jahresbeginn), sitzen die "Jungs von der Firma", wie sie sich gern selbst nannten, sogar im Kreisvorstand. In der überdurchschnittlich von Stasi-Mitarbeitern bewohnten berüchtigten Trabantenstadt erreichte die PDS bei den Volkskammerwahlen mit 38,4 Prozent DDR-weit ihr höchstes Ergebnis.
Der Hohenschönhausener PDS-Chef Eckhard Stephan, 37, nach eigenen Angaben früher Mitarbeiter im Staatssekretariat für Kirchenfragen, wird laut und hebt den Zeigefinger, wenn er für die Stasi-Kämpfer plädiert. Im Parteibüro, umrahmt von russischen Matrjoschkas auf einem Radio aus volkseigener Produktion, doziert der PDS-Kreis-Chef, "massenhaftes Türeneintreten" habe es durch Stasi-Leute nicht gegeben, "Entgleisungen" seien schließlich auch schon bei der westdeutschen Polizei vorgekommen, und überhaupt habe das MfS die "rechtsstaatlichen Grundsätze" und die Gesetze der DDR geachtet.
Wenn der Kreisvorsitzende der PDS von Hohenschönhausen von einer "Orientierung am Humanismus" redet, klingt das nach jenem "humanistischen Berufsethos", über das einst in Stasi-Dienstvorschriften schwadroniert wurde.
Relativ hoch ist der Anteil von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern in der PDS auch im mit 10 300 Genossen mitgliederstärksten Ost-Berliner Stadtbezirk Lichtenberg. Da gibt es an der Frankfurter Allee PDS-Basisgruppen, in denen 90 Prozent der Mitglieder vor einem Jahr noch Dienst in der nahe gelegenen MfS-Zentrale in der Normannenstraße taten.
Frank Hammer, 35, PDS-Kreisvorsitzender in Frankfurt/Oder, vor der Wende aufsässiger Lyriker und deshalb Reinigungskraft im Kreislichtspielhaus, eine Ausnahmeerscheinung unter den PDS-Funktionären, gesteht, er habe "extreme Schwierigkeiten" im Umgang mit den ehemaligen Schnüfflern.
In Neubrandenburg, einer Kreisorganisation mit 3000 Mitgliedern, gab es "Spannungen" mit den alten Stasi-Leuten, sagt PDS-Geschäftsstellenleiter Kurt Biederstädt. In Basisgruppen in Berlin-Mitte fielen ehemalige MfS-Angehörige unangenehm auf, weil sie bei Versammlungen im Geheimdienst-Jargon nach "Erkenntnissen" über Hausbesetzer fragten und wissen wollten, ob diese Klientel "für uns zu gewinnen" sei.
Insgesamt jedoch ist die Anhängerschar der PDS, die von westdeutschen Konservativen schon mal zum bedrohlichen "Krebsgeschwür der Demokratie" (CDU-Generalsekretär Volker Rühe) aufgebauscht wird, eher ein Fall für Verhaltenstherapeuten als für Verfassungsschützer.
In der Partei dominiert der Typ des autoritätsfixierten Zwangscharakters. "Wir haben nichts anderes als diese Partei", beschwört Norbert Seichter, 43, PDS-Kreisvorständler aus Berlin-Marzahn seine Genossen. "Die sozialistische Idee darf und kann nicht sterben", predigt die PDS-Genossin Helga Reichel aus Marienberg im Parteiblättchen Links - was und wie? Viel mehr als solche Forderungen nach politischem Artenschutz hat die paralysierte Partei ihren Mitgliedern inzwischen nicht mehr zu bieten.
Daß die PDS die "ganz, ganz schweren Stunden" bereits hinter sich habe und nun die "kämpferischen Stunden" und damit "die schönen Stunden" kämen, wie Gysi am 28. Oktober vor rund 30 000 PDS-Anhängern auf dem Berliner Alexanderplatz versprach, glauben inzwischen nicht mal mehr die unverwüstlichen Optimisten in den Reihen der Partei. Es falle ihm "sehr schwer", noch "Zuversicht und Kampfgeist zu zeigen", gestand PDS-Vizechef Andre Brie im Noch-immer-Parteiblatt Neues Deutschland.
Nach einem - von vielen PDSlern erwarteten - miserablen Wahlergebnis am 2. Dezember sind innere Konflikte in der Partei vorprogrammiert. "Dann fliegen die Fetzen", ahnt PDS-Basisgenossin Anita Becker, 21, aus dem Berliner Osten.
Vielleicht schon früher: Sollte sich die Partei wirklich von ihrem Milliardenvermögen trennen, droht der PDS die schnelle Pleite. Noch immer ist der Parteiapparat aufgebläht, im Mai zählte die PDS noch etwa 10 000 hauptamtliche Mitarbeiter. Es sei "kein Geheimnis", gestand PDS-Vorsitzender Gysi auf einer Klausurtagung des Parteivorstandes, "daß gegenwärtig die Ausgaben um ein Vielfaches die Einnahmen übersteigen".
Die Kreisorganisation Berlin-Marzahn etwa hat seit Anfang des Jahres 100 000 Mark eingenommen und 300 000 Mark ausgegeben. Kreisvorstandsmitglied Norbert Seichter aus Marzahn: "Wir müssen anders rechnen."
Das tut inzwischen bereits ein Drittel aller verbliebenen Genossen: Sie zahlen schon seit Monaten keinen Beitrag mehr. o

DER SPIEGEL 46/1990
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