31.12.1990

UnternehmenAlles anders

Der Schuhkonzern Salamander ist ein Opfer der Wiedervereinigung: Die Geschäfte mit Ostdeutschland brechen weg.
Ziemlich fassungslos reagierten die Führungskräfte der Schuhfabrik Salamander AG auf die Kündigung einer langjährigen Geschäftsbeziehung. "Etwas vorschnell" sei das Schreiben abgeschickt worden, tröstete sich ein Salamander-Mann, "es wird noch verhandelt".
Doch es gibt nicht viel zu verhandeln, wenn sich in dieser Woche die Manager von Salamander und der Meissener Porzellan-Manufaktur im Ost-Berliner Dom-Hotel, Zimmer 152, treffen. Salamander wird wahrscheinlich ein schönes Geschäft verlieren: den Generalvertrieb für Meissener Porzellan in der Bundesrepublik.
Die schlechte Nachricht war kurz vor Weihnachten an das Schuh- und Handelsunternehmen gelangt - über Porzellanhändler. Rund 150 deutschen Fachgeschäften hatte Meissen-Chef Hannes Walter mitgeteilt, seine Firma werde "ab 1. Januar den Vertrieb von Meissener Porzellan selbst vornehmen".
Der Vertriebs-Vertrag mit der Salamander-Tochterfirma Bock Manufaktur-Porzellane Handelsgesellschaft lief zum Jahresende aus. Walter will ihn nicht verlängern. Der Bock-Gewinn, von Kennern auf gut fünf Millionen Mark jährlich geschätzt, soll künftig der Manufaktur selbst zugute kommen.
Salamander ist die erste West-Firma von Rang, der die Wiedervereinigung schlecht bekommt. Das Unternehmen verliert nicht nur den 40-Millionen-Mark-Umsatz mit Meissener Porzellan.
Ganz schlecht geht es der Salamander-Tochter Klawitter, die vor der Wende jährlich für 250 bis 300 Millionen Mark Textilien aus der DDR importierte und an Warenhäuser und Versandfirmen weiterreichte. Das Geschäft mit den Billig-Klamotten bricht nun weg.
Seit 1. Juli erhält der Konzern keine Lizenzgebühren mehr aus der sogenannten Gestattungsproduktion: Ostdeutsche Betriebe durften 14 Jahre lang nach Salamander-Vorgaben bis zu fünf Millionen Paar Schuhe jährlich produzieren und unter der Marke Salamander im Land verkaufen. Mit der Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion endete diese Geschäftsbeziehung.
Mit der Schuhfabrikation kann der Konzern auch im Westen kaum noch Geld verdienen. Zwei von drei Paar Schuhen werden in Deutschland in der Preisklasse unter 100 Mark verkauft; da bleibt nicht viel übrig.
Wie schön war es hingegen in jenen Zeiten, als die DDR noch ihr seltsames ökonomisches Eigenleben führte. Der bis Mitte 1989 amtierende Vorstandsvorsitzende Franz Josef Dazert hatte seine guten Kontakte zu dem DDR-Außenhändler und Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski genutzt und vor zehn Jahren über die speziell für den DDR-Handel gekaufte Firma Klawitter den Textilimport aus der DDR eingefädelt. 1985 holte sich Dazert dann auch noch die Exklusiv-Belieferung mit Meissener Porzellan und kaufte die bisherige Importfirma Bock auf.
Der Konzern investierte noch ein paar Millionen Mark in die Lagerhaltung, in den Vertrieb und ins Marketing. Das Geldverdienen konnte beginnen, bei Meissener wird schließlich nicht auf jede Mark geguckt. Die wohlhabende Klientel legt für ein handbemaltes Mokka-Täßchen 724 Mark hin.
Daß der Vertrag nur über fünf Jahre lief, störte damals nicht. Salamander-Chef Dazert verstand sich gut mit Schalck-Golodkowski, und das SED-Regime schien stabil.
Mit der Wende kam dann alles ganz anders. Wie fast alle DDR-Betriebe stand die Meissener Porzellan-Manufaktur zur Privatisierung. Die Firma ist mit 65 Millionen Mark Umsatz zwar klein, aber das feinste Unternehmen im Osten. Seine Produkte gelten weltweit als Krönung der Porzellanfertigung.
Es meldeten sich viele Interessenten für das Unternehmen, darunter der japanische Mischkonzern Mitsubishi, das schwäbische Besteck-Unternehmen WMF und auch Salamander.
Der Konzern hatte schon einen Nachfolger für den verkaufsunwilligen Walter gefunden: dessen Vorgänger Reinhard Fichte. Im Februar 1989 hatte sich Fichte, bis dahin Generaldirektor der Meissener Manufaktur, in den Westen abgesetzt. Der vermeintliche Regime-Gegner schien nun der richtige Mann für die Unternehmensspitze. Doch Walter hat Fichtes Kaderakte, und die Dokumente weisen den Mann nicht gerade als SED-Kritiker aus.
Auch auf der politischen Schiene kam Salamander nicht weiter. Der Schuhkonzern, so erzählen Insider, habe sich an den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth gewandt: Der sollte seinem sächsischen Amtskollegen Kurt Biedenkopf schildern, welche Vorteile es mit sich bringe, wenn die Meißner Firma an Salamander ginge.
Während Salamander weiter um die Manufaktur kämpfte, rüstete sich Walter für ein Überleben im Kapitalismus. Er holte sich einen westdeutschen Berater und rationalisierte den Betrieb.
Mitte Dezember hatte Walter gewonnen. Die Manufaktur blieb selbständig und ging in das Eigentum des Landes Sachsen über. Wenige Tage später schrieb Chef Walter dann seinen westdeutschen Fachgeschäften, er werde sie künftig direkt und nicht mehr über die Salamander-Tochter Bock beliefern.
Die Bock-Provisionen, erläuterte der Geschäftsführer seinen Mitarbeitern, brauche er selbst, um Kosten zu senken. Die Salamander-Firma kassiere 8 Millionen Mark jährlich und beschäftige 15 Angestellte - ein Vertriebsapparat mit 15 eigenen Leuten, rechnete Walter vor, würde ihn nur 2 bis 2,5 Millionen Mark jährlich kosten.
Salamander aber will die Pfründe nicht kampflos aufgeben. Zum Jahresende wurden die Fachhändler aufgefordert, Meissener Porzellan weiterhin von der Handelsgesellschaft Bock zu beziehen.
Der Appell an die Händler dürfte kaum Gehör finden, es gibt eine alte Rechnung mit Salamander zu begleichen: Sehr zum Mißfallen der Fachhändler hat der selbstbewußte Importeur auch Kaufhäuser mit dem feinen Meissener Porzellan beliefert. o

DER SPIEGEL 1/1991
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