12.11.1990

„Manchmal wie ein Tier“

Fast 200 000 Asylbewerber drängen in diesem Jahr nach Deutschland - ein Milliardengeschäft für Dunkelmänner auf dem Balkan und im Orient. Die meisten Asylanten werden daheim von organisierten Banden für den Trip ins angeblich gelobte Land geködert, geneppt und geschleppt. Polizei und Behörden sind machtlos.
Im Boxring verprügelte der Rumäne Nicolae Cilioba, 28, so ziemlich jeden Gegner. "Angst", sagt der 90-Kilo-Mann, "war für mich ein Fremdwort."
Bis er zum ersten Mal nach Deutschland kam, seither kann er das Wort buchstabieren.
"Mit sieben Landsleuten stand ich in einem alten, einsam gelegenen Gemäuer", schildert der Schwergewichtler die Situation nach seiner Ankunft in einer rheinischen Kleinstadt, "um uns 20 Mann - fast jeder mit einem Messer in der Hand."
Der Wortführer ordnete an, die Pässe herauszurücken und 1000 Mark. "Wir schneiden euch die Hälse durch", brüllte der schmächtige Kerl, "wir zerstückeln euch." In diesem Moment, sagt der Boxer, "hatte ich Angst, Angst um mein Leben". Wer die 1000 Mark bei sich trug, legte sie auf den wackeligen Tisch; den Ausweis dazu, als Pfand.
Bis heute sind die Dokumente verschwunden - genau wie die Schlepper, die als getarnte Menschenfreunde die rumänische Gruppe von Berlin aus mit dem Versprechen ins Rheinland gelotst hatten, dort könnten sie "Geld, viel Geld verdienen".
Seit ein paar Tagen ist der rumänische Amateurboxer, dem als Wirtschaftsflüchtling kein Asyl gewährt wurde, wieder daheim und ärmer als zuvor. Umgerechnet fast 3000 Mark hat er Schleusern und deren Helfern an den Grenzen zahlen müssen - für die Autofahrt von Bukarest nach Budapest und von Budapest nach Prag, für den Zug von Prag nach Berlin-Ost und schließlich für den Bus von Berlin in den deutschen Westen.
1989 haben 121 300 Männer, Frauen und Kinder aus Jugoslawien und der Türkei, aus dem Libanon und dem Iran, aus Polen, Zaire oder Sri Lanka in Deutschland um Asyl nachgesucht, in diesem Jahr werden es über 180 000 sein. Die meisten wurden zu Hause geködert, geneppt und geschleppt - "dieses Menschengeschäft", schätzt ein nordrhein-westfälischer Grenzer, "erreicht bald den Milliardenumsatz".
Der Preis liegt, je nach Herkunft und sozialem Status, zwischen 3000 und 10 000 Mark, in manchen Fällen wurden schon 40 000 Mark gezahlt. "Fast 90 Prozent" aller Asylbewerber, glaubt Rolf Schupp, Chef des Aachener Ausländeramtes, werden "in irgendeiner Form geleitet". Der Leiter des dortigen Bundesgrenzschutzes (BGS), Wilfried Schäfer, ist überzeugt: "Lediglich fünf bis zehn Prozent reisen legal ein."
Die Grenzwächter in anderen Bundesländern haben ähnliche Erkenntnisse. In Schleswig-Holstein, sagt der Flensburger Grenzschützer Jürgen Hönle, komme "der überwiegende Teil mit Organisationen ins Land: Immer wieder hören wir von dem gleichen Ali oder Hassan, immer wieder hören wir dieselben Legenden".
"Auffallend" sei, analysiert der Detmolder Kripochef Günther Heyn, daß die Schlepper eine "Arbeitsteilung übernommen haben, die wir von der organisierten Kriminalität kennen - da sitzen irgendwo Bosse, da sind zweitens Leute für die Logistik verantwortlich, drittens gibt es Geldeintreiber". "Die Schleuser", weiß Albert Lauton von der bayerischen Grenzpolizei, "sind wie die Mafia organisiert." Das heißt: perfekt.
Fünf große und gut zehn kleinere Schlepperbanden teilen sich mittlerweile den lukrativen Markt in Mitteleuropa. Kommen Asylsuchende mit dem Flugzeug, werden sie schon in den Transiträumen betreut - ob sie nun weiterfliegen oder bleiben. Führt der Weg über die grüne Grenze nach Deutschland, bringen die Schleuser ihre Klienten mit Hilfe präziser Geländekarten ins Land. "Manche", sagt ein Zöllner, "sind besser als unser eigenes Material." Selbst Bauernhöfe, auf denen nachts ein Hund anschlagen könnte, sind markiert.
Bei Polen, die über Dänemark nach Hamburg geschleppt wurden, fanden Polizisten eine penible DIN-A4-Skizze - sie weist den Weg von Kopenhagen zum Ausländeramt im Bieberhaus - nebst genauen Anweisungen: "Man nimmt eine Nummer aus dem 5. Automat und geht zu Zimmer 121."
Die Schlepper vermitteln sogar Nachwuchs. Um den Asylantrag dringlicher zu machen und Gelder aus der Staatskasse fließen zu lassen, präsentierten an einem Tag drei verschiedene Elternpaare beim Sozialamt jeweils dieselben Kinder, von Schleusern beschafft und angemietet für ein Honorar von 200 Mark. Morgens hatten die Kleinen gelockte Haare, mittags Mützen auf, und nachmittags waren sie glatt gekämmt. Der Schwindel fiel erst auf, als die Asylsuchenden längst über alle Berge waren.
Im holländischen Vaals, nicht weit von Aachens Stadtgrenze entfernt, betreibt eine junge Mutter mit ihren Halbwüchsigen ein Rent-a-child-Geschäft. Die Frau stolperte über ein paar Bonbons. Die Kinder zog es an der Hand ihrer Leihmütter stets zu einer bestimmten Schublade im Schreibtisch des Sachbearbeiters. Dort verwahrt der Beamte für seine Klientel Tüten mit Süßigkeiten.
Der Menschenschmuggel sei in Europa "lukrativ und gefahrlos", beklagt Mörup Hansen, Polizeipräsident für den dänischen Bezirk Gravenstein an der dänischdeutschen Grenze. In Deutschland drohen Schleppern nach dem Ausländergesetz maximal drei Jahre Haft - "lächerlich", sagt der Traunsteiner Oberstaatsanwalt Jürgen Michalke.
Nur wenn den Menschenhändlern Erpressung oder Nötigung wie im Fall des rumänischen Boxers nachgewiesen werden, erhöht sich die Strafandrohung. Schlepperfälle, kritisierte der kürzlich verstorbene Koblenzer Grenzschutzdirektor Hilmar Dinglreiter in der Fachzeitschrift Die Polizei, würden noch "vielfach als Bagatellkriminalität angesehen", Verfahren wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung" von den Staatsanwaltschaften meist abgelehnt.
Das Problem eskaliert weiter. In der Sowjetunion sitzen nach Geheimdiensterkenntnissen Hunderttausende unzufriedene Bürger auf gepackten Koffern. Aus der CSFR wollen 20 000 Vietnamesen, deren Verträge als Gastarbeiter nun auslaufen, nicht mehr nach Hause, sondern in den Westen. Und falls ein Krieg am Golf ausbricht, rechnen die Leute vom Bundesgrenzschutz mit Scharen iranischer Kurden und Iraker.
Nicht zu vergessen eine wachsende Zahl von Jugoslawen, die vor den Spannungen in ihrem Vielvölkerstaat flüchten - lukrative Aussichten für die Schlepper. Um das Riesengeschäft weiter krisensicher zu machen, betreiben die Hintermänner in den Ländern der Dritten Welt regelrechte Anwerbung. In Metropolen wie Colombo oder Ankara bieten Reisebüros totalen Service an: gefälschte Pässe und Visa, dazu ein Ticket für den Flug über Frankfurt; wenn es sein muß, schreibt in Karatschi ein Rechtsanwalt in einem der Freiluftbüros dem Asylkandidaten ein Gutachten, das ihm eine politische Straftat quittiert, für alle Fälle.
Vertreter der Asylsyndikate durchkämmen systematisch die Dörfer etwa im indischen Pandschab und in Belutschistan - und seifen das Landvolk ein mit der unendlichen Geschichte vom Land Schlaraffia, in dem die Leute sehnlichst auf Arbeitskräfte warten. Grenzschützer stellten einen schlecht zusammengeklebten Farbprospekt sicher, auf dem die Schönheiten des Vorallgäu mit Bildern aus einer schicken Fabrik kombiniert waren. Quer darüber prangte der gedruckte Satz: "Wir brauchen euch!"
Eine junge Jezidin aus der türkischen Provinz Mardin schilderte die Kontaktaufnahme bei der Vernehmung durch niederrheinische Zöllner: _____" Der Name des Mannes war Sami oder Saumi, ich glaube, " _____" er war Christ. Mit Sicherheit war er Christ und sehr " _____" reich. Wenn ich gefragt werde, ob ich den Sami früher im " _____" Dorfe gesehen habe, beantworte ich das mit Nein. Ich weiß " _____" aber, daß Christen aus Istanbul im Dorf gewesen sind, um " _____" illegale Einwanderungsmöglichkeiten nach Deutschland " _____" darzulegen. "
Sami war nach Ansicht der Vernehmer "unter Garantie" kein Christ, er hat die Camouflage nur benutzt, um als Moslem mit den christlichen Jeziden besser ins Geschäft zu kommen.
"Man geht ins Reisebüro", gab ein 30jähriger Nigerianer so locker zu Protokoll, als würde er über die Buchung einer Neckermann-Pauschalreise erzählen, "bezahlt, alles andere machen die. Das mit Paß, Reise und Agent."
Die Verwandtschaft, die ihm den Trip nach Deutschland spendierte, will der Mann aus Nigeria bald nachholen lassen - natürlich "auch über das Reisebüro".
Politiker arbeiten den Schleusern, ob gewollt oder ungewollt, in die Hände. Kaum waren die Grenzen zur DDR offen, animierte der türkische Staatspräsident Turgut Özal seine Landsleute: "Geht in den Osten Deutschlands, laßt euch dort nieder. Sucht und nutzt eure Chance."
Seither strömen Tausende aus Anatolien, geleitet von Schleppern, via Tschechoslowakei übers Erzgebirge ins einstige SED-Land.
Wer mittellos ist, kann die Kosten für den Treck ins vermeintliche Paradies auch mit speziellen Dienstleistungen abzahlen. Orientalische und asiatische Veranstalter bieten Jobs als "Schneecontainer" an: Vor dem Start muß sich der Reisende ein Kondom mit Heroin ("Schnee") in den After ("Container") einführen und die Ware nach der Landung wieder ausscheiden - unter Aufsicht eines Schleppers. Früher war der Container-Dienst ziemlich risikolos. Doch inzwischen müssen Asylsuchende immer öfter die Hosen runterlassen; Drogendezernate verfügen über Spezialmöbel nach Art gynäkologischer Stühle, mit deren Hilfe sie im Körper verborgene Konterbande aufspüren.
Iranische Asylbewerber transportieren das Heroin vorzugsweise in den doppelten Seitenwänden ihrer Koffer, bei türkischen Einwanderern finden deutsche Zöllner immer häufiger Rauschgift in den Schulterpolstern ihrer modischen Sakkos - das ungewohnte Kleidungsstück müßten sie tragen, machen die Schlepper ihren Kunden weis, "damit ihr wie ganz normale Touristen ausseht".
Mit Drogen versuchen immer mehr Asylbewerber sich auch vor Ort über Wasser zu halten. Nach Polizeierkenntnissen sind in Hamburg etwa 70 Prozent der organisierten Dealer Ausländer, von denen wiederum 80 Prozent Asylbewerber.
"Besonders aktiv" seien "junge kurdische Türken", berichtet ein Fahnder. "Wir wissen, daß mittlerweile ganze Dorfgemeinschaften sich bei uns angesiedelt haben, ständig kommen junge Männer nach."
Den Ermittlern gelingt es selten, unmittelbare Zusammenhänge zwischen Schlepperei und Rauschgifthandel gerichtsverwertbar zu belegen.
Seit Monaten arbeitet bei der Koblenzer Grenzschutzdirektion im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach die Sonderkommission "Bosporus", ermittelt wird gegen mehr als 200 Iraner wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Dealerei. Bisher, gesteht ein Koblenzer Ermittler, "sind wir nicht sonderlich weit".
Kopf der Bande soll der persische Ex-Soldat Bahruz Amirziayi, 51, sein, einst Oberst beim Schah und dessen glühender Verehrer. Amirziayis Gang hat, nach vorläufigen Berechnungen, weit über 5000 Menschen nach Deutschland geschleppt - über den Ost-Berliner Flughafen Schönefeld sowie über Oslo, Toronto und Paris.
Seit 1986, sagt Amirziayis Sohn Ramin, seien allein "in Berlin 10 bis 15 Menschen am Tag" eingeschleust worden.
Die Fahnder halten Ramin und seine Brüder sowie Verwandte im Iran, in der Türkei und im Hessischen für die Offiziere der Organisation. Wenn der Staatsanwaltschaft der Nachweis gelingt, daß sie vom Vater ein monatliches Festgehalt für ihre Werbe-, Abhol- und Kurierdienste bezogen haben, könnten sie möglicherweise als Mitglieder einer kriminellen Vereinigung verurteilt werden.
Der frühere Schah-Oberst aber beteuert, er habe von diversen Reisebüros lediglich Vermittlungsprovisionen kassiert, wenn an Reisende Frankfurt-Tickets verkauft wurden - kein vorwerfbares Delikt.
Der Trick dabei: Die Flugscheine waren für die Route Frankfurt-Istanbul-Toronto-Frankfurt ausgestellt, um die Grenzpolizisten auf dem Rhein-Main-Flughafen zu täuschen. Die Tickets kosteten um die 3000 Dollar pro Person, gefälschter Paß inklusive.
Insgesamt soll Amirziayi 16 Millionen Mark kassiert haben, 450 000 Dollar auf verschiedenen Konten sind mittlerweile arretiert. Der Ex-Oberst wurde verhaftet.
Gewonnen ist damit nach Einschätzung der Polizei wenig, denn die Organisationsstrukturen außerhalb Deutschlands bleiben intakt. "Nehmen wir den Kopf weg", sagt Carl-Heinz Blessmann, Vize bei der Koblenzer Grenzschutzdirektion, "werden die Unterorganisationen selbständig" - oder kleine Konkurrenten springen ein.
So wurden vor einem knappen Jahr bei einer Razzia im deutschen Norden mehrere Mittelsmänner des schwedischen Schlepperkönigs Amir Heidari aus dem Verkehr gezogen, der nach eigenen Angaben seit 1988 rund 20 000 Orientalen nach Deutschland und Skandinavien geschleust hat (siehe Seite 89). Sofort war der staatenlose Araber Chehad Hamze zur Stelle und füllte die Marktlücke.
Nachts bestellte Chehad Hamze, als sei nichts geschehen, die Heidari-Klientel in Flensburg ins Lokal "Mittelmeer" oder ins "Monte Carlo" zur Besprechung. Wer 2500 Mark berappte, erfuhr, wie und wann es am Morgen weitergehe.
Obschon der Schlepper quasi unter den Augen der Obrigkeit operiert, sind die Zöllner bislang machtlos. Ihr einziger Erfolg: Das Gericht in Flensburg belegte Hamze mit 3500 Mark Bußgeld wegen "unerlaubtem Schleusen von Asylsuchenden".
Durch seinen Anwalt stellte Hamze den Antrag, die Buße abstottern zu dürfen - und legte eine Kopie seines Sozialhilfebescheids über 350 Mark bei. Das Gericht glaubte ihm: Der Großverdiener zahlte in Monatsraten von 50 Mark.
Erschwert wird die Arbeit der westdeutschen Fahnder durch mangelnde Kooperationsbereitschaft der Behörden in den Schlepperländern - etwa im Fall des Türken Said Erol, 28, der innerhalb von zehn Monaten mehr als 2000 Landsleute mit Kleinbussen nach Bayern schleuste.
Nachdem Erol sich mit einer Million Mark in die Türkei abgesetzt hatte, buchte Gerhard Hoppe, Präsident der bayerischen Grenzpolizei, eine Dienstreise nach Istanbul. Er wollte "die Wurzeln des Schleusergewerbes kappen", gemeinsam mit den türkischen Kollegen.
Nach dem Essen im Feinschmeckerlokal "Revli" schob Hoppe dem Istanbuler Polizeichef Hamdi Ardali die rote Fahndungsakte über Erol zu. Doch aus der "neuen Form der Zusammenarbeit", die sich Hoppe erhofft hatte, wurde nichts. Ardali wies den Deutschen darauf hin, daß die "Türkei ein Rechtsstaat" sei, der "jedem Bürger die Ausreise" erlaube.
Der Türke blieb auch unbeeindruckt, als Hoppe die Vorwürfe gegen die Erol-Truppe aufzählte: illegale Einreise, illegale Arbeitsaufnahme, Betrug und Erpressung.
Aus Zeugenaussagen gehe hervor, fügte der Bayer hinzu, daß die Grenzgänger "von Bauernfängern mit falschen Versprechungen geködert" und gewaltsam um "einen Teil ihrer Sozialhilfe" gebracht würden. "Man führt die armen Teufel schlicht der Sklavenhaltung zu."
Ardali versprach seinem Besucher lediglich, mit Bayern in Zukunft "Informationen über etwaige Hintermänner auszutauschen".
Doch selbst davon kann nach den bisherigen Erfahrungen der bayerischen Grenzfahnder keine Rede sein - im Gegenteil. Gerhard Legat, Kriminaloberrat der Grenzpolizei, hält die mafiosen "Verflechtungen zwischen Kriminalität und Polizei" in der Türkei für so gravierend, daß "wir jeglichen Verkehr mit Interpol Ankara eingestellt haben".
Das Mißtrauen der Münchner wird noch genährt durch den Fall Pinabarsi, den die Traunsteiner Justiz in "unheimlicher Sisyphusarbeit" (Oberstaatsanwalt Jürgen Michalke) zu bewältigen sucht. Einige Dutzend Schleuser der Organisation Pinabarsi, die seit 1986 an die 4000 Türken bei Furth im Wald, Bad Reichenhall und Piding ins Bundesgebiet brachte, sind verurteilt: zu einem Jahr (bei 6 bis 10 Schleusungen), bis zu drei Jahren (bei mehr als 25 Fällen).
Weitere 60 Helfer und Helfershelfer des Schlepper-Clans werden gesucht; 13 sind zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. Zwar glaubt Michalke, daß "wir es wohl mit einer kriminellen Vereinigung" zu tun haben. Doch gibt der Oberstaatsanwalt zu: "Die Karten sind für uns schlecht gemischt."
Boß der Truppe ist der Türke Muhlis Pinabarsi, 36, der unter mindestens 25 Aliasnamen auftritt und seine Wohnorte und Fahrzeuge wie seine Hemden wechselt. In der Heimat muß Pinabarsi Gönner haben. Fahnder Legat: "Der Haftbefehl gegen ihn ist in der Türkei nicht vollziehbar."
Pinabarsis Akquisiteure, die stets gut gekleidet auftreten und teure Autos fahren, finden vor allem unter den Analphabeten ostanatolischer Dörfer ihre Kunden. Sie zeigen Fotos herum und schwärmen davon, wie gut ein Türke in Deutschland leben könne.
Ganze Sippen werfen ihr Erspartes zusammen, um einem Sprößling den Start ins glitzernde Wohlstandsleben zu ermöglichen. Kassiert wird auf der ganzen Tour: 500 Mark in Istanbul, 300 Mark in Bukarest, weitere Raten in Budapest, Wien und Salzburg.
Das Teuerste ist der Grenzübertritt bei Bad Reichenhall: mal 1000, mal 2000 Mark. Damit die Einreise nach Deutschland wirklich nicht schiefgeht, werden die Kunden in Österreich per Videofilm mit den Örtlichkeiten im Salzburgischen vertraut gemacht.
Pinabarsis Fälscherwerkstatt liefert für diese Trips von Station zu Station nachgemachte deutsche Visa-Aufkleber, die in die echten Pässe gemogelt werden. Für den Transport quer durch den Balkan sorgt das Bus-Unternehmen eines Landsmannes. Seit in Österreich das Bundesheer die Ostgrenzen bewacht, weichen die Transporter in die CSFR aus. Letzte Station im südlichen Erzgebirge ist inzwischen das heruntergekommene Hotel "Pomezi", dann geht es zu Fuß in die ehemalige DDR.
Endziele der Fahrgäste, so sie denn durchkommen, sind die Adressen von Verwandten im Rhein-Main-Gebiet und im Raum Düsseldorf. Dort oder schon in Bad Reichenhall oder Dresden stellen sie Asylanträge, die in der Regel abgelehnt werden.
Weil Bruder, Schwager oder Vetter im anatolischen Heimatdorf darauf rechnen, als nächste gen Westen starten zu können, warten sie dringlich auf das Reisegeld: Der Auserwählte muß bald, wie versprochen, heimschicken, was er inzwischen verdient hat. Jeder Geschleuste ist streng darauf bedacht, daß "die Kette nicht bricht" (Legat). Für alle gilt laut Legat die eiserne Regel: "Nichts verraten, wenn du geschnappt wirst."
Das Schweigen der Angst befördert das Millionengeschäft von Pinabarsi und seinesgleichen. "Kein Einwanderer sagt gegen seinen Schlepper aus", so der Berliner Polizeisprecher Peter Glaser. "Die lassen alles mit sich machen und halten die Klappe", bestätigt ein Hamburger Kommissar.
Die westdeutschen Fahnder sind Schlimmes gewohnt. Acht Erwachsene und vier Kinder holten sie aus dem umgebauten Kofferraum eines Audi 100. Die zwölf Menschen hatten dort während einer Fahrt über Hunderte von Kilometern neben- und übereinandergepfercht gelegen.
Libanesen steckten auf dem Weg nach Passau im Tiefkühlwagen eines österreichischen Metzgers hinter gefrorenen Schweinehälften, Rumänen in der qualvollen Enge oberhalb des Klosetts im "Orientexpreß", neben heißen, verstaubten Versorgungsleitungen.
37 türkische Kinder, das jüngste gerade zwei Monate alt, das älteste 14 Jahre, fielen Grenzern in Begleitung von ein paar Erwachsenen im bayerischen Grenzgebiet auf - barfuß, durchnäßt, stark unterkühlt. Ihr Schlepper hatte zuvor das Weite gesucht. "Was sich da abspielte", sagt ein Beamter, "trieb selbst erfahrenen Kollegen das Wasser in die Augen."
Am Montag letzter Woche brachen Zöllner kurz hinter dem österreichischen Grenzübergang bei Kiefersfelden einen Kleinlaster auf; im Laderaum hockten 38 Menschen aus der Türkei, darunter eine hochschwangere Frau. Ihr Schleuser, ein 35jähriger Gastwirt aus Rosenheim, wurde festgenommen.
Bei Aachen griffen Polizisten mehrere Jugoslawen auf, die nicht einmal wußten, in welchem Land oder welcher Stadt sie sich befanden. Ihr Schlepper hatte ihnen, als er sie ablud, lediglich hinterlassen, auf welcher Etage der Verwaltung sich das Ausländeramt befindet.
Daß "in dieser Branche Menschenachtung gleich Null ist" (Grenzschützer Siegfried Karl), belegt der Fall eines in Deutschland geborenen Türken, der nach eigener Darstellung bis Ende September 2000 Landsleute über Jugoslawien und Österreich, später über die CSFR nach Bayern verlud. Dem SPIEGEL gestand der Vater zweier Kinder, sich "manchmal unmenschlich, wie ein Tier benommen" zu haben: _____" Was geschah, wenn jemand krank war oder auf dem Weg " _____" erkrankte? " _____" Schlepper: Ich habe solche Fälle erlebt. Ein Mann, um die " _____" 40, bekam plötzlich Husten, schnappte nach Luft, lief " _____" blaurot an. Ich nehme an, er litt an Asthma. Mein Kumpel, " _____" der mich begleitete, hat ihn bei Belgrad an die frische " _____" Luft gesetzt. " _____" So einfach rausgeworfen? " _____" Schlepper: Es ging nicht anders. Wir mußten zu einem " _____" bestimmten Zeitpunkt im Grenzgebiet sein. Auch eine junge " _____" Mutter mit einem Baby, das immerzu wimmerte und sich im " _____" Krämpfen wand, mußten wir absetzen. Es ging nicht anders " _____" wegen des Zeitplans. Der stand wegen des Grenzübertritts " _____" und des Weitertransports genau fest. " _____" Sie mußten zu einem bestimmten Zeitpunkt an der Grenze " _____" sein, weil dann dort korrupte Zöllner Dienst schoben? " _____" Schlepper: Ja. "
Mit großzügigem Bakschisch laufen die Geschäfte wie geschmiert. Bayerische Grenzer sind überzeugt, daß der Schlepperbaron Pinabarsi allerorten türkische Konsulatsbeamte besticht - so, wie es auch Kollege Heidari hält: "Die Beamten, die wir schmieren, haben hohe Positionen auf dem Flughafen, im Wirtschaftsministerium, bei der Einwanderungsbehörde . . . Das kostet."
Manchmal seien "bis zu 60 Prozent" seines Honorars bei den Bestechungen draufgegangen, klagt Heidari. Auch die Iranerin Skinneh Avaz, die 1987 mit ihren zwei Kindern vor den irakischen Raketen floh, mußte teuer bezahlen - allein 9000 Dollar an einen einheimischen Bediensteten der Deutschen Botschaft in Teheran für seine Hilfe.
In Dresden ermittelt das Bezirkskriminalamt gegen den Syrer Schams el-Din Schamu, 33, und dessen deutsche Freundin. Beide hätten Schleusungen im erzgebirgischen Zinnwald organisiert und DDR-Grenzern, berichtet ein Fahnder, "monatlich 5000 Mark" geboten, falls sie ankommende Busse mit Türken "hier ohne Probleme" passieren ließen. Einige, sagt der ehemalige Volkspolizist, erlägen der Versuchung: "Nachts, außerhalb der Dienstzeit, zeigen sie denen Schleichwege."
Den Schleusergruppen kommt zugute, daß die Behörden oftmals gegeneinander arbeiten. Als dänische Fahnder in Hamburg die von Heidari regierte Szene observieren wollten, hielt sich die Mithilfe der hanseatischen Kollegen in Grenzen: "Da haben uns die Straßenmädchen von St. Georg mehr geholfen."
Dänen und Schweden behaupten, die Deutschen würden deshalb so lasch kontrollieren, weil "sie froh sind über jeden Flüchtling, der ihr Land verläßt" (so ein dänischer Polizeibeamter) - ob mit Schlepper oder ohne.
Die Dänen ihrerseits sind nicht pingelig, wenn es gilt, Asylsuchende Richtung Bundesrepublik wieder loszuwerden; sie berufen sich dabei auf geltendes Recht: Wem nachgewiesen werden kann, daß er auf der Flucht durch ein Land gereist ist, in dem er vor Verfolgung sicher war, darf sofort abgeschoben werden. Grenzschützer Hönle: "Den dänischen Beamten reicht schon ein 50-Pfennig-Stück in der Hosentasche. Auch eine Niveadose mit deutscher Aufschrift."
Bei der Ausländerbehörde in Belgiens Hauptstadt Brüssel forderten Beamte Asylbewerber aus Zaire auf, "doch lieber nach Deutschland zu gehen", dort gebe es "mehr Geld", das Asylverfahren sei "viel einfacher". Telefonnummern von Schleppern, die die weitere Reise organisieren, seien unterderhand im Amtszimmer erhältlich, bestätigten die geschleusten Afrikaner.
Den westdeutschen Politikern dämmert erst allmählich das Ausmaß des Problems. Baden-Württembergs Innenminister Dietmar Schlee (CDU) brüstete sich noch vor kurzem öffentlich, in seinem Bundesland sei das Schleuserunwesen kein Thema. Schlee: "Wenn Asylanten arbeiten dürften, wären sie für Schlepper interessanter."
In Nordrhein-Westfalen, dem deutschen "Mekka für Asylbewerber" (BGS-Schäfer), ließ Schlees Kollege Herbert Schnoor (SPD) erstmals am 9. August dieses Jahres während einer Dienstbesprechung die Polizisten seines Landes "insbesondere auf diese Kriminalitätsform aufmerksam" machen; fünf Tage später beschloß das Rau-Kabinett, Gesetzesverstöße der Schlepper "mit dem nötigen Nachdruck" verfolgen zu lassen.
Ausländerämter wurden gebeten, "bekanntgewordene Verdachtsmomente für organisiertes Schleppertum" den Ermittlungsbehörden "möglichst umgehend" zu melden. Diese sollten sich dann, so die betuliche Weisung, "mit verstärktem Ermittlungseinsatz um eine Aufklärung bemühen", zu "prüfen" sei weiterhin, "ob das strafrechtliche Instrumentarium ausreicht".
Gleichzeitig denken Schnoors Ministeriale darüber nach, wie die Folgen der kriminellen Schlepperei schneller behoben werden können. So halten sie den Vorschlag des Düsseldorfer Regierungspräsidenten Fritz Behrens (SPD) "für geeignet", zur Beschleunigung von Abschiebungen auf dem Flughafen Lohausen eine "spezielle Abfertigungsanlage" einzurichten.
Die Neuschöpfung hat auch schon einen Namen: "Sicherheitsgate".
"Nicht opportun" allerdings sei Behrens' Tip, für den Abtransport von Asylbewerbern ein eigenes Flugzeug zu kaufen oder zu leasen. "Kostengründe" sprächen dagegen, denn: Die Lufthansa habe "versichert", auch "bei weiter steigenden Abschiebezahlen . . . mit Linienflügen bedarfsflexibel" helfen zu können.
Die Bonner Staatslinie verdient im Milliardengeschäft mit. Beim Hinflug und beim Rückflug.

DER SPIEGEL 46/1990
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„Manchmal wie ein Tier“

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