12.11.1990

„Wie Moses in Ägypten“

Der gebürtige Iraner Amir Heidari, 38, ist Kopf einer der größten Schlepperorganisationen Europas. Er lebt seit 1980 als anerkannter Flüchtling in Schweden. Von seiner Zentrale in Uppsala aus befehligt er seine Helfer und leitet Asylsuchende durch Europa, in die USA und nach Kanada.
SPIEGEL: Herr Heidari, Sie rühmen sich, allein seit 1988 rund 20 000 Iraner, Kurden und Iraker nach Deutschland und nach Skandinavien eingeschleust zu haben.
HEIDARI: Es waren wohl mehr als 20 000, allein seit März 1989 habe ich rund 5000 Menschen über Deutschland nach Schweden geholfen.
SPIEGEL: Helfen bedeutet, daß Sie Asylsuchende gegen Bezahlung und illegal nach Mittel- und Nordeuropa schleppen.
HEIDARI: Zwei Gründe habe ich dafür. Erstens finde ich, daß alle Menschen, die ein Land verlassen, in dem Krieg oder Gewalt herrscht, das Recht haben müssen, sich an einem friedlichen Ort niederzulassen. Ich sehe mich in der muslimischen Philosophie: Moses konnte auch nicht gegen den Pharao kämpfen, sondern zog mit seinem Volk aus Ägypten aus.
Zweitens versuche ich auch, Druck auf die schwedische Regierung auszuüben, daß sie den Iran nicht weiter mit Wirtschaftsbeziehungen unterstützt. Die Schweden sollen lieber dafür sorgen, daß in ihrem Land iranische Flüchtlinge angemessen untergebracht werden können.
SPIEGEL: Der Oberste Gerichtshof in Schweden hat Sie zu acht Monaten Haft verurteilt. Er hielt es für erwiesen, daß Sie aus reiner Profitgier handeln.
HEIDARI: Die fünf Richter waren sich nicht einig. Das war ein rein politisches Urteil.
SPIEGEL: In der Bundesrepublik hat das Landgericht Frankfurt Anklage gegen Sie und drei Ihrer Helfer erhoben. Die Vorwürfe: Gründung einer kriminellen Vereinigung, illegales Einschleusen von Iranern in die Bundesrepublik und Urkundenfälschung.
HEIDARI: Schon in Schweden hatten die Richter keine Beweise.
SPIEGEL: Die Asylsuchenden müssen bei Ihnen kräftig zahlen - 7500 Mark im Schnitt. Wieviel Geld fließt dabei in Ihre eigene Tasche?
HEIDARI: Die Summe stimmt, aber daß ich mich daran bereichere, stimmt nicht. Meine Kosten sind enorm. Das fängt schon bei den Flugtickets an. Ein Flug von Hamburg nach Stockholm etwa kostet so 625 Mark, ich aber muß für einen Asylsuchenden für insgesamt 1200 Mark erst ein Ticket von Hamburg nach Kopenhagen kaufen, dann von Kopenhagen nach Stockholm. Das ist notwendig, damit die schwedische Paßpolizei nicht merkt, daß der Mann aus Hamburg kommt. Sonst kann sie ihn umgehend nach Deutschland zurückschicken.
SPIEGEL: Bei 7500 Mark bleibt da immer noch eine erhebliche Spanne.
HEIDARI: Die Kosten beginnen schon im Iran. Die Leute müssen über die Grenze in die Türkei geschafft und dort einquartiert werden. Dann muß der Flug, meist erst nach Frankfurt, bezahlt werden. Auch der Transfer, beispielsweise nach Hamburg, kostet Geld, ebenso die Hotelübernachtungen. Das allermeiste geht aber bei der Ausreise aus der Türkei für gefälschte Pässe, Visa und Reisedokumente drauf. Die türkischen Beamten schließen ihre Augen nur gegen Geld.
SPIEGEL: Was nehmen die denn so an Bakschisch?
HEIDARI: Es geht nicht nur um 100-Mark-Beträge. Manchmal gehen bis zu 60 Prozent der von mir geforderten Summe für Schmiergelder drauf. Kürzlich schickte die schwedische Polizei eine unserer Flüchtlingsgruppen, die auf dem Stockholmer Flughafen ankam, umgehend in die Türkei zurück. Um die von dort wieder rauszuschleusen, waren 10 000 Dollar Bakschisch fällig. Für einen türkischen Polizeioffizier mußten wir einen neuen Mercedes 200 kaufen. Die Beamten, die wir schmieren, haben hohe Positionen - auf dem Flughafen, im Wirtschaftsministerium, bei der Einwanderungsbehörde. Zu denen müssen wir Dauerkontakt halten. Und das kostet.
SPIEGEL: Haben Sie auch deutsche oder dänische Beamte bestochen?
HEIDARI: Nein, die arbeiten nach politischen Prinzipien.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
HEIDARI: Die deutsche Polizei will die Asylsuchenden nicht in Deutschland haben. Die Polizei auf dem Frankfurter Flughafen weiß alles über meine Aktivitäten, auch, daß die Pässe meiner Kunden gefälscht sind. Ich hatte dort gute Kontakte zur Polizei und zum Zoll. Sie wissen aber auch genau, daß viele Leute nicht nach Deutschland, sondern nach Schweden wollen. Solange ich den Deutschen keine Probleme mache, läßt mich die deutsche Polizei gewähren. Die Fluggesellschaften wissen ebenfalls genau Bescheid.
SPIEGEL: Frankfurt und Hamburg sind für Ihre Schlepperaktionen wichtige Transitstationen. Was passiert dort?
HEIDARI: Dort haben wir Deutsche, Engländer, Dänen oder Schweden, die den Asylsuchenden neue Bordkarten für den Weiterflug in die Transithallen bringen. Besonders bei der Lufthansa weiß man ganz genau, daß ich die Tickets auf falsche schwedische Namen kaufe.
SPIEGEL: Also keine Probleme mit deutschen Polizeibeamten?
HEIDARI: Eigentlich nicht. Nur einmal, 1987, verboten sie mir, je wieder nach Hamburg zu kommen. Da sagten mir die Beamten: "Amir, jetzt ist es genug."
SPIEGEL: Offensichtlich störte Sie das nicht sonderlich, denn Sie mieteten für Ihre Kunden weiterhin Zimmer in Hamburger Hotels an.
HEIDARI: Wir benutzten bis vor einiger Zeit den "Adria-Hof" und auch das "Apollo" als Absteige für unsere Asylsuchenden, vor allem für die, die damals über Berlin nach Hamburg kamen. Manchmal warteten dort rund 150 Menschen auf die Weiterreise.
SPIEGEL: Und wieder ließ Sie die Hamburger Polizei einfach gewähren?
HEIDARI: Über einen Mittelsmann bekam ich eine Warnung. Mach, was du willst, wurde mir gesagt, aber mache in Hamburg keine Zentrale auf.
SPIEGEL: Fahren Sie noch selbst nach Hamburg - trotz Haftbefehl?
HEIDARI: Erst im September war ich dort.
SPIEGEL: Und Sie nutzen die Hotels noch immer als Transitabsteige?
HEIDARI: Kaum, das ist jetzt zu teuer. Heute läuft das meiste über Frankfurt.
SPIEGEL: Und auch dort drücken die Beamten die Augen zu?
HEIDARI: Das einzige, was meine Kunden belastet, ist doch, daß sie unter falschem Namen kommen. Wenn man sie in Frankfurt, wo kaum kontrolliert wird, doch schnappt - na schön. Dann beantragen sie eben politisches Asyl, kommen in ein Aufnahmelager und rufen uns von dort aus wieder an. Dann erhalten sie neue Anweisungen, wohin sie sich begeben sollen und wie es dann weitergeht. Das ist in Deutschland nicht illegal.
SPIEGEL: Manchmal geht es doch schief. In jüngster Zeit wurden einige Ihrer Kunden in Schweden abgewiesen und zurückgeschickt.
HEIDARI: Wenn sich die Flüchtlinge genau an unsere Anweisungen halten, dann garantieren wir 100prozentigen Erfolg. Wir informieren über die Rechtslage, wie sie sich im Transitraum verhalten sollen und was sie sagen müssen. Wenn die aber dann doch bei der Stockholmer Paßpolizei sagen, daß sie aus Deutschland kommen und nicht via Amsterdam aus Bahrein beispielsweise, wie wir ihnen das eingetrichtert haben, dann werden sie halt nach Deutschland zurückgeschickt.
SPIEGEL: Sie waschen Ihre Hände in Unschuld. Dabei wurden zwei von Ihnen entlohnte jugendliche schwedische Schlepper im vergangenen Jahr in Dänemark gefaßt und zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt.
HEIDARI: Seit Mai 1989 arbeite ich nicht mehr mit Iranern, sondern mit blonden Europäern, weil die an den Grenzen nicht sofort auffallen. Die beiden, die geschnappt wurden, sollten Asylsuchende im Auto über Dänemark nach Schweden bringen. Sie wählten, obwohl ich abgeraten hatte, eine andere Route als zunächst geplant. Was soll ich da machen?
SPIEGEL: Es ist doch unbestreitbar, daß etliche Ihrer Kunden auf der Strecke bleiben. Hunderte wurden in die Türkei zurückgeschickt. Schleppen Sie solche Menschen ein zweites Mal über die Grenzen, müssen sie dafür dann noch einmal zahlen?
HEIDARI: Nicht, wenn sie unseretwegen oder an der Polizei scheitern.
SPIEGEL: Was machen die armen Schlucker dann?
HEIDARI: Sie rufen uns an, aus der Türkei, und wir sagen ihnen, sie sollen nichts anerkennen oder unterschreiben, bis wir kommen. Das passierte vor kurzem mit 84 Leuten. Die wurden von Norwegen, von wo sie nach Schweden gebracht werden sollten, in die Türkei deportiert. Da mußten wir 150 000 Dollar hinblättern, damit die Türken sie wieder nach Norwegen zurückverfrachteten. Jetzt sind alle hier in Schweden.
SPIEGEL: Es kommt ja vor, daß Ihre Kunden schon im Iran abgefangen werden.
HEIDARI: Ja, und die landen dann erst mal im Gefängnis. Aber unsere Leute im Iran kriegen sie in aller Regel nach ein paar Wochen frei. Die Flucht aus dem Iran in die Türkei ist aber in der Tat ein hohes Risiko. Vor zwei Jahren wurde einer unserer Helfer gefaßt, als er Flüchtlinge aus Teheran zur türkischen Grenze fuhr. Der sitzt jetzt im Gefängnis.
SPIEGEL: Wie viele Helfer haben Sie?
HEIDARI: Wir sind eine Vereinigung namens Solh, das heißt Frieden. Ich habe ungefähr 15 ständige Mitarbeiter.
SPIEGEL: Kennen Sie andere Organisationen?
HEIDARI: Ja, ich weiß, daß es sie gibt.
SPIEGEL: Arbeiten Sie mit denen zusammen?
HEIDARI: Nein.
SPIEGEL: Erwarten Sie wirklich, daß man Ihnen abnimmt, nicht für Geld und Profit zu arbeiten?
HEIDARI: Nein. Aber das ist nicht wichtig. Ich selbst weiß, daß ich aus humanitären und politischen Gründen helfe. o

DER SPIEGEL 46/1990
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