12.11.1990

Gegen die gute, alte Zeit

Hobsbawm, 73, war Sozialhistoriker an der Universität London. Von ihm erschien zuletzt "Das imperiale Zeitalter", Campus Verlag, 1989.
Stirbt die Arbeiterklasse aus? Trotz aller Behauptungen des Gegenteils und trotz des vielen Geredes von der "postindustriellen Gesellschaft" gibt es kein Anzeichen dafür, daß es ihr so ergehen könnte wie der Bauernschaft, die ja tatsächlich in der letzten Generation dezimiert worden ist.
Die Arbeiter haben derzeit einen weit größeren Anteil an der Bevölkerung als vor einem Jahrhundert - als in jenen Tagen also, da sozialistische Massenparteien aus dem Boden schossen wie Pilze nach dem Regen. Nicht einmal in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften, in denen sie noch ein gutes Drittel stellen (mehr als 1913), sind sie stark zurückgefallen, von regionalen Ausnahmen abgesehen. In 8 von 21 OECD-Staaten ist der Anteil der Industriearbeiterschaft zwischen 1960 und 1980 stetig gestiegen. Dennoch haben wir es heute mit einer "Identitätskrise" dieser Klasse zu tun.
Um Jürgen Kockas eindrucksvollen Beitrag zu zitieren: "Die Klassenzugehörigkeit verlor für die Individuen an relativem Gewicht und insgesamt an strukturierender Kraft, andere Zugehörigkeiten, Konflikte und Probleme wurden wichtiger. Ein neues Muster sozialer Ungleichheit entsteht, das sich der griffigen Benennung noch entzieht."
Für die Belange der Gegenwart ist es deshalb von Bedeutung, daß sich Kocka in seinen beiden Bänden mit der Vorgeschichte der Arbeiterklasse befaßt und die frühen Phasen ihres Werdens bis 1875 untersucht. Außerdem ist sich der Autor, der sich in der internationalen Historiker-Zunft mit gewichtigen Beiträgen zur Geschichte sozialer Klassen einen guten Namen gemacht hat, sehr wohl bewußt, daß er aus dem Jahr 1990 zurückblickt auf die Spanne zwischen 1800 und 1875 und dabei nicht nur die Vergangenheit des Proletariats in Deutschland betrachtet, sondern auch seine mögliche Entwicklung in der Zukunft.
Damit vervollständigt Kocka sein ambitiöses Projekt über die Entstehung des Bürgertums und der Bürgerlichkeit, zu dem auch eine frühere Studie über die Schicht der Angestellten gehört. Als Ganzes genommen, bilden diese Schriften einen Markstein in der Sozialgeschichte.
Die Ansichten, die Kocka vertritt, sind keineswegs unumstritten. Als Person und als eine Leitfigur der "Bielefelder Schule", die sich Verdienste dabei erworben hat, die deutsche Historiographie zurück in den weltweit gelehrten "mainstream" zu bringen, hat sich Kocka in etlichen Kontroversen gegen Kritik von rechts und, öfter noch, von links zur Wehr gesetzt.
Der heftigste Streit drehte sich darum, ob Deutschland einen nationalen Sonderweg eingeschlagen habe - im Unterschied zu Frankreich und England -, der ins Dritte Reich mündete. Kocka beharrt im Kern auf seinen Argumenten, um sie leicht zu modifizieren. In der Tat gibt es nicht etwa einen einzigen "normalen" Weg in die Moderne, und folglich auch keine Abweichung davon. Darüber hinaus akzeptiert Kocka den Einwand, wonach das Wilhelminische Reich in vielerlei Hinsicht ungewöhlich modern gewesen ist - eine fortgeschrittene bürgerliche und kapitalistische Gesellschaft.
Dennoch sind die Eigentümlichkeiten der deutschen Entwicklung nicht zu übersehen: die Bedeutung (verglichen mit Westeuropa) der "obrigkeitlich geleiteten Reformen"; die Gleichzeitigkeit einer sozio-politischen Modernisierung mit der Herausbildung des Nationalstaates; die blanke Rückständigkeit des heterogenen Mitteleuropa im Vergleich zu Westeuropa.
Arbeitslohn scheint hier sehr viel weniger gebräuchlich gewesen zu sein als in Frankreich oder England. Kaum zu glauben, daß sich 50 bis 80 Prozent der französischen oder englischen Bevölkerung, die zu den Unterschichten zählten, als Gesinde beschreiben ließen, als persönlich Abhängige, juristisch auf einer Stufe mit Kindern, von ihren Herren und Meistern politisch repräsentiert.
Die Besonderheiten trugen dazu bei, daß sich die Unterschichten in Deutschland nicht als ein zusammengehöriges "Volk" fühlten. Denn ein Volk zu sein, schließt Distanz zur Regierung ein, die als Abstraktum erscheint, während Autorität nahe und personengebunden ist. Dazu gehört auch, daß "die Ungleichheit die Tradition für sich" hatte.
Die einfachen Leute glaubten an Gerechtigkeit, an bestimmte Rechte und Ansprüche, aber es gab keinen gemeinsamen Nenner für die jeweiligen Forderungen der einzelnen Gruppen, abgesehen von der Religion - und sie war von Gebiet zu Gebiet verschieden.
Andererseits, und diesen Umstand führt Kocka exzellent vor, ermutigte das "ancien regime" ungewöhnlich früh zu Klassenbewußtsein - zum Beispiel die Handwerksgesellen, denen ihre Wanderpflicht geradezu internationale Aktivitäten auferlegte und die durch ihren Widerspruchsgeist in Konflikt mit der Obrigkeit und ihren Meistern gerieten. Von denen schied sie eine "scharf definierte ständisch-zünftige Bruchlinie", die offenbar in dieser Schärfe in England und Frankreich nicht existierte, und sich "vorzüglich zur klassenmäßigen Ausfüllung" eignete. Die schiere Geschwindigkeit und der Umfang der ökonomischen Transformation führten zwischen 1800 und 1875 dazu, daß Arbeitslohn und Proletarisierung der Arbeiterschaft übermäßig schnell zunahmen ("ein Grund mehr, jedenfalls für den deutschen Fall, an der Bezeichnung ,Industrielle Revolution' festzuhalten").
Und das mag wiederum erhellen, worin Kocka die bedeutendste historische Errungenschaft der deutschen Arbeiterbewegung erblickt: daß sie, zumal in ihrem sozialdemokratischen Hauptstrom, "die wohl wichtigste Erziehungs-, Emanzipations- und Reformbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts" wurde und sich als eine Massenbewegung etablierte, "die neben den besonderen Interessen ihrer ständig wachsenden Klientel das allgemeine Interesse an sozialem Fortschritt, Menschen- und Bürgerrechten, Demokratisierung und Parlamentsrechten, an Frieden und politischer Aufgeklärtheit entschiedener vertrat als alle anderen großen politischen Lager".
Kurzum, in Deutschland nahm die Arbeiterbewegung jenen Platz ein, den anderswo in Westeuropa Liberalismus und Radikaldemokratie besetzten.
Auch wenn Kocka seine Sonderweg-These abwandelt, macht er keinerlei Konzession in der anderen Schlacht, die er gegen die sogenannte "Alltagsgeschichte" geschlagen hat. Dieses intellektuelle Gefecht tobt heutzutage in vielen Teilen der westlichen Welt. Es wird, paradoxerweise, oft im Namen von Fortschritt, Vernunft und Aufklärung gegen Autoren geführt, die zur Linken gerechnet werden möchten. Versteht sich, daß "Alltagsgeschichte" für Kocka eines von vielen Schlagworten ist (ebenso wie "Postmoderne"), unter denen ehrwürdige Traditionen bekämpft werden.
Ihrem Wesen nach hält er "Alltagsgeschichte" für eine Idealisierung vorindustrieller Volkskultur, für eine Überbewertung der Erfahrungen des "einfachen Mannes". Kocka beharrt auf dem fühlbaren Fortschritt, den die Moderne den einfachen Leuten brachte, trotz großer und unübersehbarer Verluste an Humanität. Und er verwirft die Verherrlichung der Vergangenheit als "gute, alte Zeit". Gewichtiger noch der Einwand, daß die Alltagshistoriker die Hauptaufgabe ihres Fachs leugnen.
Geschichte, daran hält Kocka fest, "geht analytisch vor, argumentiert statt zu erzählen. Es geht ihr um Zusammenhangserkenntnis".
Im Konkreten kritisiert er "Alltagsgeschichte", weil sie sich um Klassen-Analyse drückt oder sie abwertet als Schlüssel zum Verständnis der Arbeiter in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts: "Weder von der Alltagskultur noch vom Geschlechterverhältnis her läßt sich entschlüsseln, was Arbeitersein hieß. Nicht als Männer- oder Frauenbewegung, nicht als Volk, nicht als Konsumentenvereinigung oder Unterhaltungsbewegung hat sich das konstituiert, was wir untersuchen, sondern eben als Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung."
Allein die Konstituierung dieser neuen Klasse im Kapitalismus auf der Basis von Arbeitslohn vermag den außerordentlichen und historisch neuartigen Erfolg der Bewegung zu erklären. Durch sie "ist es großen Teilen der Unterschicht gelungen, langfristig zu einem Subjekt der Geschichte zu werden", indem sie verschiedene Partialinteressen niedriger Gesellschaftsschichten verband mit einer allgemeinen Perspektive sozialen und politischen Fortschritts. Keine der früheren Volksbewegungen, Handwerkeraufstände, Handwerksgesellenbewegungen oder Bauernunruhen, keine der Bewegungen, die unabhängig von den herrschenden Eliten operierten, hatte mehr als kurzfristigen Erfolg, weil sie nur Sonderbund sein wollte, anstatt die gesamte Gesellschaft zu verändern.
In der Tat entsteht die Krise des Sozialismus im Westen in unseren Tagen (die so gut wie nichts mit der Krise des Sozialismus im Osten zu tun hat) aus dem Niedergang aller Organisationen, die klassenbezogen sind, und aus dem Zerfall des Klassenbewußtseins, wodurch sozialistische Bewegungen ihrer traditionellen Klientel zur Umwandlung der Gesellschaft beraubt werden. Östlich der Elbe, und nicht westlich davon, trat das Proletariat als Totengräber des Systems in Aktion.
Gegen seine Opponenten behält Kocka im Prinzip recht. Und dennoch wünscht man sich, daß er dem subjektiven Faktor und dem kulturellen Aspekt im Leben der Arbeiter, dem sich die "Alltagsgeschichte" widmet, mehr Raum geben würde - der Art, wie sie die Welt betrachteten und Ideen bildeten. Im Schlußkapitel seines zweiten Bandes gesteht Kocka ein, daß diese Aspekte nicht irrelevant sind für die Erkenntnis historischen Wandels, und er scheint zu versprechen, daß er seine Analyse in diesem Sinne verbreiten und vertiefen will in den nächsten beiden Bänden, die noch folgen werden.
Bisher - dies als kleine Kritik an Kockas Werk - hat man gelegentlich den Eindruck, daß die Subjekte der Geschichte von außen betrachtet werden, oft mit außergewöhnlichem Verständnis, immer mit großer Klarheit in der Argumentation. Wo die Außen-Betrachtung unangemessen ist, fallen die Kapitel kurz aus und weniger erhellend, wie in der Abhandlung über "Die Eisenbahnbauarbeiter", eine Spezies, über die einige faszinierende und bahnbrechende Studien in anderen Ländern erschienen sind.
Ein anderes, noch kürzeres Kapitel befaßt sich mit den äußersten Rändern der Gesellschaft, die in amerikanischer Terminologie "die Unterklasse" bilden. Obwohl wir statistische Schätzungen ihrer Größe besitzen (rund zehn Prozent), tauchen lediglich ein oder zwei Hinweise darauf in Kockas Arbeiten auf - und dies, wo es doch um eine begriffliche Unterscheidung geht, die für die vorindustriellen Unterschichten, für ihr Selbstverständnis und ihren Blick auf die Gesellschaft wichtig ist: die Unterscheidung "ehrlicher" von "unehrlichen" Berufen.
Das sind kleine Einwände gegen ein bedeutendes Werk. Es faßt die Forschung aus 30 Jahren zum Nutzen von Nichtspezialisten zusammen; Klarheit und Systematik erleichtern die Lektüre. Es stellt den Zusammenhang her zwischen der Herausbildung der Arbeiterklasse und den allgemeinen Entwicklungsproblemen der Gegenwart, zwischen moderner Gesellschaft und deutscher Geschichte. Und dabei bewährt sich eine bewundernswerte Fertigkeit, die Entwicklung in anderen Ländern vergleichend heranzuziehen.
Vor allem aber: Dieses Werk ist frei von dem, was der Autor selber den "Chic der Postmoderne" nennt. Statt dessen demonstriert ein Historiker, der in der Öffentlichkeit Position zu beziehen gewohnt ist, daß sich sehr wohl politisches Engagement mit den Werten der Wissenschaft und dem Ideal der Gelehrsamkeit in Einklang bringen läßt. o
*BUCHKOLUMNE *
*VERLAGSHINWEIS:
Jürgen Kocka: "Weder Stand noch Klasse, Unterschichten um 1800" J. H. Dietz Verlag, Bonn 320 Seiten; 48 Mark
*BUCHKOLUMNE *
*VERLAGSHINWEIS:
"Arbeitsverhältnisse und Arbeiterexistenzen, Grundlagen der Klassenbildung im 19. Jahrhundert" J. H. Dietz Verlag, Bonn 736 Seiten; 98 Mark
Von Eric Hobsbawm

DER SPIEGEL 46/1990
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