12.11.1990

KriminalitätBrutale Auswüchse

Werber an der Haustür werden immer brutaler. Selbst vor Mord schrecken Drücker nicht zurück.
Zunächst sah es so aus, als wäre der brutale Mord an dem Österreicher Gerhard Dallinger ein Einzelfall, eine grausige Ausnahme. Der 26jährige arbeitslose Tischler war von zwei Leitern einer Drückerkolonne bei Kilometer 144 an der Bahnstrecke Hamm-Münster vor den fahrenden Zug geworfen worden.
Dallinger hatte sich auf eine Kleinanzeige in einer Tageszeitung ("Leichte Tätigkeit. Viel Geld zu verdienen") erfolgreich bei einer Firma im Westerwald beworben. Der Österreicher sollte fortan Schmuckpostkarten von Haus zu Haus verkaufen.
Als er zuwenig Umsatz machte, wurde er zunächst tagelang geprügelt und gequält, dann getötet. Als Täter erhielten Drücker-Chef Walter Plößning sowie die Kolonnenführer Klaus Drießler und Manfred Eckert unlängst Haftstrafen zwischen vier Jahren und lebenslänglich.
Im Zuge der Ermittlungen bekam der Leiter der Bielefelder Mordkommission Manfred Hudalla immer neue Hinweise, daß es bei den Haustürwerbern ähnlich gewalttätig zugeht wie im Zuhältermilieu. Der Kripomann bildete eine "Sonderkommission Drücker", die zum ersten Mal bundesweit Kriminalfälle der letzten Jahre aus dieser Szene sammelte. Beispiele aus Hudallas Horror-Katalog: *___Nach Angaben einer abgesprungenen Drückerin banden der ____Chef und der Organisationsleiter eines Werbeverlags ____einen umsatzschwachen Kollegen auf ein Bahngleis und ____ließen ihn vom Zug überrollen. *___Zwei Kolonnenführer fesselten einen Drücker mit einem ____Abschleppseil und hängten ihn an ihr Auto. In der Nacht ____schleiften sie den jungen Mann einige hundert Meter auf ____der Autobahn im Bereich Spessart hinter sich her. ____Anschließend warfen sie ihr schwerverletztes Opfer in ____ein Gebüsch. *___Der 18jährige Drücker Oliver wurde unter dubiosen ____Umständen bei der westfälischen Stadt Schwerte von ____einem Eilzug überrollt. *___In München prügelten Zeitschriftenwerber einen ____37jährigen Kollegen zu Tode, weil er nach ihrer Aussage ____eine Belastung für die Gruppe gewesen sei.
Was sich in dieser Branche Tag für Tag abspielt, sagt Hauptkommissar Hudalla, "ist einfach unglaublich". Ein Sprecher der Stuttgarter Staatsanwaltschaft fühlt sich "an die brutalen Auswüchse der Fremdenlegion der Nachkriegsjahre" erinnert.
Die Firmen suchen für ihre Werbekolonnen bevorzugt Arbeits- und Obdachlose, Leute mit Geldproblemen, Alleinstehende und entlassene Strafgefangene. Sie werden mit Vorschüssen geködert, mit einer Unterkunft und der Aussicht auf einen guten Job. Erika Lösch von der evangelischen Bahnhofsmission in München erlebt pro Woche "drei bis vier völlig verängstigte Menschen, die uns um das Geld für eine Fahrkarte bitten, damit sie vor ihren Chefs abhauen können".
Die Fälle, sagt sie, seien immer nach dem gleichen Muster gestrickt. "Ziemlich heruntergekommen aussehende" Leute würden am Bahnhof angesprochen und mit Versprechungen und ein bißchen Bargeld in ein sogenanntes Schulungsheim in der Nähe von München gelockt.
Dort werde ihnen beigebracht, wie sie am besten ein Zeitungsabonnement, Postkarten oder eine Mitgliedschaft für einen sozialen Verein verkaufen könnten. Da paukten sie Mitleidssprüche wie: "Ich muß zu Hause meine kranke Oma pflegen" oder: "Ich brauche dringend Geld für eine Augenoperation, ohne das Geld werde ich blind."
Mit solchen Parolen sollen sie dann Umsatz machen, möglichst viele "Zettel" (Bestellscheine) anschaffen. Wer das vorgegebene Minimum pro Monat nicht erreicht, bekommt Ärger. Frau Lösch: "Die werden dann geschlagen, kriegen oft tagelang nichts zu essen und zu trinken." In Gießen mußte sich ein Zeitschriftenwerber, nachdem seine Chefs ihn blutig geprügelt hatten, stundenlang auf einen Stuhl stellen.
In der alten Bundesrepublik gab es nach Schätzungen der Polizei rund 20 000 Drücker. Wie viele es im vereinten Deutschland sind, weiß niemand. Die Zeitungen in der ehemaligen DDR sind voll mit Annoncen, die mit "leichter Tätigkeit und viel Geld" locken. Ungezählte Kolonnen versuchen derzeit ihr Glück an den Ost-Haustüren.
Der 21jährige Markus aus Magdeburg meldete sich auf eine Anzeige bei einer Drückergruppe in Hof. "So ein Job im Westen", dachte er sich, "kann doch nicht schlecht sein." Am nächsten Tag fuhr er mit acht anderen Bewerbern per Bus ins Ruhrgebiet.
Ein Hotel in Duisburg war ihre Basis, von dort aus grasten sie einen Ort nach dem anderen ab. Anbieten mußten sie "mundbemalte Postkarten". Der Kolonnenführer war ein ehemaliger Boxer.
Eine Woche war Markus dabei, dann konnte er fliehen. Den Namen der Firma will er nicht nennen: "Ich habe gesehen, wie sie die Leute zusammenschlugen, ich habe Angst."
Daß die deutsche Einheit den Drückern einen Boom beschert, bestätigt Werner Pientka, Geschäftsführer der "Arbeitsgemeinschaft Abonnentenwerbung" (AGA), der 160 Buch- und Zeitschriftenverlage sowie Vertriebsfirmen angehören. "Klar", sagt er, "das ist ein neuer Markt." Und auf dem tummelten sich viele "schwarze Schafe der Branche, von denen wir in den letzten Jahren Gott sei Dank nichts mehr gehört haben". Pientka: "Jetzt sind sie wieder da, die wittern wohl das große Geschäft."
Dazu zählt Pientka die Firma eines früheren Zeitschriftenverlegers aus Hamburg. Für den deutschen Osten hat sich der Mann einen Firmentitel ausgedacht, den ehemalige DDR-Menschen mit lang entbehrtem Luxus verbinden: "Kiwi".
Nach Pientkas Ansicht sind kriminelle Gewalttäter jedoch nach wie vor "sehr bedauerliche Ausnahmen". Die AGA hat in den vergangenen Jahren rund 20 Firmen aus ihrer Organisation ausgeschlossen.
Der Bielefelder Kommissar Hudalla dagegen hält bereits weite Teile der Branche für "gemeingefährlich". Er geht von einer hohen Dunkelziffer aus, da sich die allermeisten Drücker aus Angst nicht auszusagen trauen. Hudalla: "Das wahre Ausmaß der Kriminalität können wir nur ahnen." Der Polizist befürchtet, daß in der nächsten Zeit sogar Kinder als "Erfolgsverkäufer" eingesetzt werden.
Damit es soweit nicht kommt, fordert Hudalla verstärkt polizeiliche Maßnahmen, etwa einen bundesweiten Meldedienst für Drückerdelikte und gemeinsame Polizeiaktionen der Länder. Bisher, klagt der Beamte, sei das Problem, "daß wir immer nur jedem Einzelfall nachjagen. Wir wissen oft gar nicht, daß ein Kolonnenleiter, gegen den wir gerade ermitteln, insgesamt 100 Verfahren laufen hat".
Der letzte Drücker-Mord ist noch frisch: Am 13. Juli brachte ein 25jähriger Werber, der wenige Wochen zuvor aus der DDR übergesiedelt war, nahe Neuwied eine Hausfrau um, weil sie ihm nichts abkaufen wollte.
Als Motiv nannte der Mann Angst vor Bestrafung durch den Kolonnenführer.

DER SPIEGEL 46/1990
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