12.11.1990

FamilienfeiernKaprun, ja, ja

Eine Konstanzer Soziologin hat den gefürchteten Dia-Abend und seine Bedeutung für die Familie erforscht.
Zu den wirklich harten Prüfungen des Alltags gehört, wie jeder weiß, die Einladung zum Dia-Abend. Zwar verlöscht gnädig das Licht, wenn der Projektor erstrahlt, so daß sich unverhohlener gähnen oder traumverloren dösen läßt, dafür erschwert sich der überlebenswichtige Zugriff auf Knabbergebäck und Alkohol.
Schlimmer freilich sind die Nöte, in die sich der Gast bringt, wenn er, all der beifälligen "Ohs" und "Ahs" und "wie schöns" überdrüssig, Informationsfragen stellt. Denn die Aufklärung darüber, ob das elfte schöne Tulpenfeld nun in Delft oder Amsterdam aufgenommen wurde, kann schlimme Folgen haben: Der Hausherr nutzt seine Fernbedienungsgewalt und fährt in verifizierender Absicht mit dem Dia-Schlitten zurück. Überstanden geglaubte Strecken öden auf ein neues den verzweifelten Betrachter an.
Doch die Schrecken des Gastes können für Familien "identitätsstiftende" Bedeutung haben. Die Konstanzer Soziologin Angela Keppler, 35, hat auf dem 25. Deutschen Soziologentag in Frankfurt entsprechende Forschungsergebnisse vorgetragen. Danach feiern sich Familien mit Dia-Abenden selbst, geben in den Gesprächen über die Familienbilder ganz eigene Ideologien der Sippe weiter.
Daß sich die Sozialforscherin Keppler dem Dia-Abend zugewandt hat, liegt in ihrem Forschungsvorhaben begründet. In einer Habilitationsschrift will sie herausbekommen, wie sich Familien als sozialer Organismus nicht durch biologische Abstammung, emotionalen Kontakt oder ökonomische Abhängigkeit erhalten, sondern als Kommunikationsstruktur.
So durchforstet sie Tischgespräche, Alltagsgerede oder familiäre Aussprachen. Dabei fiel der Soziologin die Institution des Dia-Abends auf.
Alle Jahre wieder werden die Bilder herausgekramt, und jedesmal - so bekam Frau Keppler heraus - entspinnt sich ein familientypisches Kommunikationsritual nach gleichem Muster. Um nicht zu stören, ließ die Dia-Logikerin beim Familientreffen Tonbänder mitlaufen.
Das Gesagte wurde dann, auch wenn es im tiefsten schwäbischen Dialekt gesprochen wurde, transkribiert und sprachanalytisch ausgewertet. An die 25 Dia-Dialoge hat Frau Keppler erforscht, die sich im Aufbau ähneln.
Einen besonders typischen Gesprächsausschnitt trug sie auf dem Soziologentag vor. "Kaprun", sagt da beim Auftauchen des entsprechenden Dias der junge Bruder. "Jesses", stößt die ältere Schwester aus. "Kaprun, ja, ja", bestätigt der Vater, desgleichen die Mutter, und Klein-Emil fügt resigniert hinzu: "Do war i noch net dabei." Was die Schwester bekräftigt: "Do hat's euch noch net gäbe."
Doch was so belanglos daherplätschert, verdichtet sich ideologisch-belehrend, wenn die Mutter mit Blick auf die Tochter betont, wie der damals dreijährige Bruder "glaufe und glaufe und glaufe" sei. "Do isch koiner trage worde. Der Vadder hat koi Kind trage." Und nach dieser Belehrung feiert sich die Familie: "Zehn Stundn Bergtour hen mer mol gmacht - ha des is doch ein zünftiges Bild."
Auch als dieser Dia-Abend von 1985 ein Jahr später wiederholt wird, kommt es zur gleichen "identitätsstiftenden Geschichte" (Frau Keppler): Die Familie feiert ihre damalige Härte. Die Mutter lobt wieder den laufstarken Dreijährigen von einst: "Bisch glaufe wie a Wiesel, koi Mensch - dr Vadder hot eh nie e Kind trage, un mir hends net dürfe, sonsch hätte mir no e paar (ins Kreuz) kriegt."
Doch in letzter Zeit werden Dia-Abende mit der ideologischen Selbstaufrichtung der Familie immer seltener, wie Frau Keppler beobachtet. Der Grund: Die Video-Kamera hält Einzug in den Familien.
Dieses Gerät verändert das Familienritual vollständig. Zunächst einmal schauen sich die beobachteten Familien Video-Aufnahmen von Hochzeiten und ähnlichen Festen noch während der Feierlichkeiten an, die Aufnahmen verlängern also die Feiern. Später allerdings, im Abstand von Jahren, werden die elektronischen Bilder nie wieder am häuslichen Fernseher vorgeführt.
Über die Gründe kann man nur rätseln. Steht die Natur des Mediums Video - zum Bild gehört auch der Ton - "einer erzählend-erinnernden Unterhaltung entgegen?" Nimmt die Familie auf einer extra aufgebauten Leinwand den Amateurcharakter der Fotos hin, toleriert die dilettantischen Filme auf dem Bildschirm, auf dem sonst nur Professionelleres zu sehen ist, aber nicht? Läßt sich Video überhaupt kommunikativ beleben, oder ist man vor dem Bildschirm so wortkarg, wie man es dort sonst angesichts von Fernsehsendungen für gewöhnlich ist? Noch hat Frau Keppler die Folgen des Video-Sehens für die Selbstfeier der Familie nicht erforscht.
Dennoch hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben, daß auch mit Video die Familien ihre Reste von Gesprächskultur nicht verdrängen lassen. Vielleicht, träumt die Soziologin, sei der Video-Film Anlaß zur Umkehr, zu einer "bilderlosen Erinnerung" in der Familie.
Oder es kämen gar die herrlichen Zeiten des Dia-Abends zurück: "Nicht unwahrscheinlich wäre dann auch, daß sich diese Erinnerung wieder auf die Hilfe unbewegter Bilder besinnt."

DER SPIEGEL 46/1990
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