31.12.1990

SchweizWüstes Geröll

Vor der 700-Jahr-Feier ihrer angeblichen Muster-Demokratie quälen sich die Eidgenossen mit sich selbst ab.
Was ist nur mit den Eidgenossen los? "Die Schweizer", behauptete Friedrich Dürrenmatt, lebten in einem "Gefängnis" - freiwillig: _____" Das Gefängnis braucht keine Mauern, weil seine " _____" Gefangenen Wärter sind und sich selber bewachen, und weil " _____" die Wärter freie Menschen sind, machen sie auch unter " _____" sich und mit der ganzen Welt Geschäfte, und wie! "
Für den Wirtschaftswissenschaftler Silvio Borner ist die "Schweiz AG" weniger ein Gefängnis als ein Sanierungsfall, zu retten nur innerhalb der EG - unter Preisgabe ihrer plebiszitären Traditionen.
Hunderte von Kulturschaffenden weigern sich, 1991 an Projekten zur Feier der Staatsgründung teilzunehmen: "700 Jahre", finden sie, "sind genug."
Seit zwei Jahren reiht sich Skandal an Skandal, die alle zu beweisen scheinen: Die Muster-Demokratie Schweiz war nur ein Gerücht.
Was die Schweizer bisher stolz als ihre erprobten Erfolgsrezepte hochhielten, stellen sie plötzlich selbst in Frage: Unabhängigkeit, bewaffnete Neutralität, Volkssouveränität.
"Fieber in Form einer Bewußtseinskrise" sowie "einen seltsamen Hang zum Masochismus und zur Selbstzerfleischung" diagnostizierte Bundespräsident Flavio Cotti bei seinen Landsleuten.
Tatsächlich steckt das Land in einer Identitätskrise. Die Regierung hat angesichts der historischen Umwälzungen in Europa die Orientierung verloren, das Parlament schaut überfordert zu, und das Volk ängstigt sich vor der ungewissen Zukunft.
Der Unternehmer Tito Tettamanti bekannte in der Schweizer Handels Zeitung, er fürchte, das Land könne seinen Zusammenhalt verlieren und auseinanderbrechen.
Besonders stark sind solche Ängste seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten in der deutschen Schweiz. Wenn die Schweizer Illustrierte meldet, die Bewohner der einstigen DDR seien "deutschtümelnd und national", fühlen sich die Eidgenossen in ihrem Mißtrauen bestätigt.
Obwohl niemand ernsthaft damit rechnet, die Deutschen könnten sie dereinst wieder heimholen wollen, wächst doch die Furcht vor wirtschaftlicher und politischer Vormundschaft durch das große Deutschland.
Und die Furcht vor der germanischen Arroganz. Nach der Abstimmung über die Schweizer Autobahngebühren nannten deutsche Medien die Neuerung "einen Rückfall ins Mittelalter", die Schweizer seien nichts anderes als "Wegelagerer".
Nichts macht Schweizerinnen und Schweizer so wütend wie die Klischees, in die man sie zu pressen sucht: Erschienen sie früher der Welt als allzeit sonnengebräunte Frohnaturen mit einem Jodel auf den Lippen, gelten sie heute fast schon als eine kriminelle Vereinigung trickreicher Geldwäscher und Diktatorenhelfer, ebenso tüchtig wie anrüchig und allzeit bereit zu jedem Drecksgeschäft.
Das sei halt, meint der Schriftsteller Adolf Muschg, die Kehrseite der Bilder, die sich die Schweizer, rechthaberisch, wie sie sind, von ihren Nachbarn machten: "Wir waren, jedenfalls bis vor kurzem, ein gelobtes Land, und das hat unserem Charakter nicht gutgetan."
Weniger als früher wissen sie heute, wer sie sind. Je näher ihre Nachbarn zusammenrücken, desto größer wird ihre Malaise. Zwar glauben immer noch viele, des lieben Gottes besondere Schützlinge zu sein. Aber mehr als früher wissen auch, daß es mit dem Auserwähltsein endgültig vorbei ist. Demokratischer, weltoffener, tüchtiger, rechtschaffener, menschenfreundlicher, hilfsbereiter als ihre Nachbarn sind die Schweizer längst nicht mehr. Und ihre Neutralität gilt neuerdings als Nonvaleur.
1848 war ihr liberaler Bundesstaat die einzigartige Verwirklichung einer Vision, eine Hoffnung für beinahe alle Revolutionäre des Kontinents gewesen. Und solange Europa im 20. Jahrhundert zerstritten und geteilt war, ließ der Glaube an ihren Sonderfall die Schweizer gut schlafen. Jetzt, beim bösen Erwachen, merken sie, daß kein Kitt mehr da ist, der sie zusammenhält. Ihrem multikulturellen Staat, Modell einer Anti-Nation, ist die Raison d'etre abhanden gekommen, und eine neue ist nicht in Sicht.
Seltsam: Den Deutschen gegenüber fühlen sich vor allem die Deutschschweizer unterlegen - und das vor allem wegen ihrer Sprechweise.
Der Wiener Journalist Günther Nenning berichtete kürzlich über die "anheimelnd gutturalen" Laute, die ihm entgegenschallten, wenn er sich auf der Zürcher Bahnhofstraße nach dem Weg erkundigte. "Ich schelte empfindsame Mittouristen, die jedesmal zusammenzucken, wenn eine schöne Zürcherin den Mund auftut und heraus kommt ein wüstes Geröll aus Krach- und Zischlauten."
Was den Einheimischen als Spott erscheint, ist ernst gemeint. Viele Deutsche wissen nicht, wie die Deutschschweizer Mundarten klingen.
Gerade diese Dialekte, von Kanton zu Kanton, oft von Tal zu Tal verschieden, hoffen viele Deutschschweizer, könnten sie vor einer erdrückenden Umarmung ihrer germanischen Brüder und Schwestern schützen.
Je stärker sie den Druck aus dem Norden schon spürten - selbstverschuldet durch ihren zunehmenden Konsum deutscher Medien -, desto mehr zogen sie sich in ihr sprachliches Reduit zurück: Um die Kinder bei der Stange zu halten, unterrichten viele Lehrer auf schweizerdeutsch; in Radio und Fernsehen ist die Mundart in großen Teilen der Programme selbstverständlich; und immer mehr Menschen benützen ihren Dialekt auch für Briefe und Kartengrüße - ohne daß es für die Alltagssprache offizielle Schreibregeln gibt.
In der Mundart fühlen sie sich daheim wie im eigenen Bett, wohlig und geborgen; Hochdeutsch dagegen, die erste Fremdsprache, welche die Deutschschweizer - gleichzeitig mit dem Lesen und Schreiben - lernen müssen, bleibt den meisten zeitlebens fremd und läßt sie kalt.
Die Schweizer fühlen sich tatsächlich minderwertig gegenüber den Bewohnern des Großen Kantons nördlich ihrer Grenze. Ohne sie geht nämlich nichts in der Eidgenossenschaft. Kein anderes Volk bringt soviel Geld ins Land, keines nimmt der Schweiz so viele Produkte ab.
Die Abhängigkeit hat eine lange Tradition. Viele Kantone waren im zweiten Drittel des letzten Jahrhunderts beim Aufbau ihrer Mittelschulen auf die Mithilfe politischer Flüchtlinge aus Deutschland angewiesen, deren liberaler Geist noch lange nachwirkte. Und die Fabrikherren brauchten deutsche Arbeiter, um aus dem Bauernland Schweiz einen Industriestaat zu machen.
In der damaligen Zuwanderung wurzelt die heutige Unsicherheit. Neben linken und anarchistischen Deutschen erschreckten nämlich mehr noch nationalistische Zuzügler die Einheimischen.
Sie standen in der Tradition jener frühen Deutschnationalen, die nach 1815 auf eine Verbindung der helvetischen Republik mit dem Deutschen Bund hofften. 1822 schrieb Ferdinand Maßmann, einer der Initiatoren des Wartburgfestes, dem Hotel Rigi-Kulm ins Fremdenbuch: _____" Deutschland und Schweizerland reicht Euch die " _____" Bruderhand, werdet bald Eins! "
Die deutschen Vereine der Schweiz, im Alldeutschen Verband zusammengefaßt, feierten 1871 den Sieg über die Franzosen als Triumph des Germanentums. Die deutsche Schweiz zählten diese Leute "zum natürlichen Gebiet der deutschen Volkswirtschaft", im Jura und im Tessin zettelten sie, finanziert von Berlin, mit Blick auf ein "überstaatliches Gesamtdeutschtum" Sprachenkämpfe an.
Die meisten Schweizer pflegten daraufhin einen bodenständigen Deutschenhaß, der sich immer wieder auch in Schlägereien Luft machte - am schlimmsten 1871, als eine aufgebrachte Menge eine Reichsgründungsfeier in der Zürcher Tonhalle sprengte.
Bis zum Ende der Nazizeit hatten die Schweizer Anlaß, sich vor der aggressiven Volkstums-Ideologie der Deutschen zu fürchten. Als Antwort fiel ihnen aber nie etwas anderes ein als eine igelhafte Schweiztümelei. Anfang der vierziger Jahre diskutierten sie allen Ernstes die Forderung, sich eine eigene mundartliche Nationalsprache zuzulegen.
Gottfried Keller dagegen, von Bürgerlich-Konservativen oft als patriotischer Staatspoet mißverstanden und mißbraucht, fühlte sich Zeit seines Lebens als deutscher Dichter. Den Begriff einer Schweizer Nationalkultur lehnte er konsequent ab.
Alle ernsthaften Schweizer Literaten des 20. Jahrhunderts blieben bei Kellers Einstellung. Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch, die beiden bekanntesten, erlangten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Ruhm als deutsche Autoren. Daß sie Bürger der Schweiz sind, fiel nicht ins Gewicht.
Die während der letzten 40 Jahre in der Schweiz entstandene Literatur hat allenfalls wegen ihrer Vorliebe für provinzielle Sujets Beachtung gefunden, nicht aber wegen eines besonderen sprachlichen Stallgeruchs.
Aber die Sprache lebt. Die Mundartwelle, beobachteten Fachleute, läßt paradoxerweise schon die Eigenheiten der Dialekte verblassen. Es bestehe die Gefahr, schrieben sie letztes Jahr in ein umfassendes Gutachten über "Zustand und Zukunft der viersprachigen Schweiz", daß sich ein Einheits-Schweizerdeutsch entwickle, eine Mischung aus den Mundarten der größeren Siedlungsgebiete, deutlich zürcherisch eingefärbt.
Der lange gut erhaltene Appenzeller Dialekt verliert zum Beispiel erheblich an Boden - zugunsten eines "verwaschenen und verflachten Nordostschweizer Mix" (so der Zürcher Tages-Anzeiger). Statt vom "Bom" sprechen junge Appenzeller neuerdings vom "Baum", aus "Hond" wurde "Hund", aus "Stee" "Stei" (Steine) und aus "Gääss" "Geiß".
Weil der "Dialekt ein Hauptstück unserer Identität ist", schlugen Linguisten wie der Zürcher Germanistik-Professor Stefan Sonderegger Alarm: "Jetzt müssen wir dahinter." Er wolle sich nicht dem Vorwurf aussetzen: "Ihr habt für eure Sprachidentität nichts getan."
Als Gegenwehr empfehlen die Experten, in Schulen, Medien und bei tunlichst allen öffentlichen Anlässen wieder konsequent das Hochdeutsche zu benutzen. Das schütze nicht nur die Mundarten vor Verschleiß, sondern verbessere auch die dringend nötige Kenntnis der Schriftsprache.
Denn Unfähigkeit und Unwillen der Deutschschweizer, besser Hochdeutsch zu lernen, gefährdet bereits die Kommunikation mit der welschen Schweiz.
Schon sei die Tendenz festzustellen, heißt es im Sprachenbericht des Bundesrates, daß sich Deutschschweizer und Welsche der Einfachheit halber auf englisch verständigen - mit schlimmen Folgen für den Zusammenhalt des Landes. o

DER SPIEGEL 1/1991
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