31.12.1990

TatortKaninchen in Blau

Der Bayerische Rundfunk präsentiert zwei neue „Tatort“-Kommissare.
Mit mancher Untat haben sich die Fernsehgewaltigen der ARD am "Tatort" schon erwischen lassen: wirren Handlungen, unglaubwürdigem Ambiente, stupender Langeweile.
Doch in einem Punkt haben sich die Macher des sonntäglichen Krimis selten geirrt. Fast immer präsentierten sie bei der Auswahl des polizeilichen Führungspersonals Leitbullen, die den geheimen Sehnsüchten der Gesellschaft entsprachen.
Zu Beginn der Reihe 1970 fuhr die ARD knorrige oder kauzige Ersatzväter auf. Der Muffelkopf Trimmel (Walter Richter) sprang mit Verdächtigen so ruppig um, als könne er eine Lehrzeit bei der Gestapo nicht vergessen. Der Wiener Oberinspektor Marek (Fritz Eckhardt) schlängelte sich listig durch die Fährnisse seines Dienstes, grantig mit seinen Untergebenen, aber nach oben hin stets ein "Küß die Hand, Herr Hofrat" auf den Lippen - die Überlebenstechnik der damals Älteren.
Dann folgten die angejahrten Flakhelfer. Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp war ganz gebrochene Vaterfigur. Hinter der seriösen Fassade witterte man kleine Verwerfungen. Seine Arbeitssucht etwa betäubte die Misere einer verkorksten Ehe. Und auch das Kieler Schlitzohr Finke (Klaus Schwarzkopf), einer, der den Bösewichten in die Seele kroch, war ein Mann mit abgedunkeltem Privatleben.
Die Trennung von Dienst und Schnaps beseitigten Figuren, die noch heute im Tatort den Ton angeben: die Egomanen Schimanski und Palu. Vergebens jammerte Die Zeit, daß es unter ihrer Ägide mit "der verkaterten Öde in einem Essener Kommissariat" oder der ergreifenden Tristesse vorbei sei, wenn sich Haferkamp zwei Spiegeleier brät und dazu ein Glas Bier trinkt.
Schimanski hieß das Leitbild einer narzißtischen Freizeitgesellschaft. Der Bulle bricht aus aller Amtszucht aus, prügelt sich im Tanga-Slip oder Schmuddel-Parka durch Abenteuerhandlungen, die keiner strikten Krimilogik mehr folgen und deren sozialer Problembezug - zu Gründerzeiten Essential der Tatort-Reihe - nur dekorative Farbe in seinen Ich-Festspielen ist.
Die Egomanie fordert in letzter Zeit immer deutlicher ihren Tribut. Schimanski, der Düsentrieb aus Duisburg, müht sich sichtbar verzweifelter im leeren Raum seines übergroßen Egos ab. Und auch die leisere Version des Kommissars Narziß, der Saarbrücker Gourmet Palu (Jochen Senf), strampelt immer ratloser auf seinem Rennrad herum. Die Götterdämmerung in den autistischen Opern bahnt sich an: In diesem Jahr wirft die Assoluta Schimanski den Kommissars-Bettel hin.
Auf dem Gendarmenmarkt muß es also Bewegung geben. Gleich zu Beginn des neuen Jahres, am Neujahrstag um 20.15 Uhr, präsentiert der Bayerische Rundfunk mit dem Tatort "Animals" ein neues Duo. Ivo Batic und Franz Leitmayr heißen die Rollen der Neuen im Krimigeschäft. Die Namen sind Programm: Batic ist drehbuchgemäß jugoslawischer Abstammung, einer, der Bayerisch ebenso beherrscht wie Kroatisch. Mit Miroslav Nemec, 36, inzwischen deutscher Staatsbürger, in Zagreb geboren und an der Schauspielakademie in Zürich ausgebildet, ist die Rolle konzeptionsgemäß besetzt. Udo Wachtveitl, vier Jahre jünger, spielt den Batic-Kumpel, ein echtes Münchner Kindl.
Was den Drehbuchautoren des ersten Tatorts, Max Zihlmann und Veith von Fürstenberg, mit den Neuen vorgeschwebt hat, wird in Ansätzen erkennbar. Sie sollen yuppineske Streber verkörpern, kreuzbrave Jungs, die ihren Selbststilisierungshang zügeln: ein roter Porsche ja, allerdings gebraucht, Frauen ja, aber im Rahmen fester Bindungen. Ihr Zorn und Arbeitseifer sind ebenfalls gebremst, vor den Anfechtungen der Liebessucht des Machos Schimanski sind sie so sicher wie vor dessen Zornesausbrüchen. Mit Bizeps und behaarter Männerbrust warten sie ebenfalls nicht auf, sondern versprühen eher den bübischen Charme eines jungdeutschen Rallye-Klubs.
"Animals", ein Stück um den skrupellosen Besitzer einer Kosmetikfirma, der seine ruchlosen Tierversuche gegen Gegner mit einem todbringenden Kampfhund schützt, ist - passend zu den Hauptfiguren - am Rand des Mittelweges gebaut, der bekanntlich nicht nach Rom führt: ein bißchen Action, ein bißchen Aufklärung und jede Menge Zufälle.
Nur selten schimmert da mehr auf als Krimiroutine, etwa dann, wenn surreale Bilder mit Doggenköpfen über Smokingfliegen bei dem obersten Tierquäler an der Wand hängen, eine Kronzeugin im auffälligen Leopardenfell durch die Szene defiliert oder sich die Schreckenskammer zu einer Batterie von Versuchskaninchen öffnet, die in giftigem Blau erstrahlen.
Dem Hang zum Mittelmaß ist auch die Dynamik zwischen dem Kommissars-Duo zum Opfer gefallen: Daß Batic als gebürtiger Ausländer einen anderen Blick auf die Welt haben könnte, wird nicht ernst genommen. "Ich bin ein mediterraner Mensch", darf er höchstens mal behaupten oder einer Putzfrau auf kroatisch guten Tag sagen.

DER SPIEGEL 1/1991
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