09.01.1989

Libyen: Reagans letzter Showdown

Wenige Tage vor dem Ende seiner Amtszeit legte sich Ronald Reagan, der als Friedenspräsident in die Geschichte eingehen will, noch einmal mit seinem Erzfeind Gaddafi an. Der libysche „Weltterrorist“, so die Sicht der USA, greift nach Chemiewaffen - Grund genug, ihn wieder einmal mit Bomben zu bedrohen und Flugzeuge abzuschießen. Als vermeintlicher Helfer bei Gaddafis Giftgasrüstung geriet auch die Bundesrepublik unter US-Beschuß.
Fast schon schien eine Ära des Friedens eingeläutet zum Ausklang des Jahres 1988. Der barbarische Golfkrieg war zu Ende, Soldaten zogen von Schlachtfeldern auf fremder Erde ab, von Afghanistan bis Angola, von Kambodscha bis Sri Lanka.
Daß es plötzlich ruhiger zu werden schien in der Welt, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges fast 150 bewaffnete Konflikte erlebt hatte mit nahezu 40 Millionen Toten, war vor allem dem Aufeinander-Zugehen der beiden Supermächte zu verdanken, aber auch dem stillen, beharrlichen Wirken des Uno-Chefs Perez de Cuellar.
Michail Gorbatschow, der Neuerer in Moskau, Ronald Reagan, der sich in seinen acht Amtsjahren, so schien es, vom aus der Hüfte schießenden Cowboy zum Friedenspräsidenten geläutert hatte, und der scheue Perez de Cuellar - alle drei gemeinsam hätten sie für 1988 wohl den Friedensnobelpreis verdient.
Doch dann, einen Tag vor Weihnachten, redete einer von ihnen plötzlich wieder von Krieg. Der US-Präsident wollte sich, so schien es, doch noch einen starken Abgang verschaffen, mit Pulverqualm und Bombenknall. Der Feind war ein alter Bekannter, gegen den Reagan schon früher schießen und bomben ließ - sein Lieblingsbuhmann seit Amtsantritt, Libyens Revolutionsobrist Gaddafi.
Der ließ, so wollten die Amerikaner zweifelsfrei herausgefunden haben, eine Fabrik für Chemiewaffen in seinem Wüstenstaat bauen. Und diese Giftgasküche des als "Weltterroristen" verfemten Revolutionärs wollte Reagan nun notfalls auch mit militärischem Einsatz wieder beseitigen.
Dazu kam noch, daß der Präsident sich wenige Wochen vor dem Ende seiner Amtsperiode ungeheuerlich von Terroristen herausgefordert sah. Ein Pan-Am-Jumbo mit 259 Passagieren an Bord, meist amerikanische Touristen, Soldaten und Studenten, war, vermutlich nach einer Bombenexplosion an Bord, vom schottischen Himmel gefallen. Zwar bekannten sich Täter mit iranischem Hintergrund zu dem mörderischen Anschlag, doch für die Amerikaner liefen die Fäden eher nach Libyen. Dort sitzt, unter dem Schutz Gaddafis, der für sie tückischste internationale Terrorist, der legendenumwobene Palästinenser Sabri el-Banna, Kampfname Abu Nidal.
Und dessen Taten machten just zur selben Zeit neue Schlagzeilen: Abu Nidals Truppe hielt über Weihnachten die Welt mit der angekündigten und immer wieder verzögerten Freilassung zweier französischer Kindergeiseln in Atem. Schließlich wurden die beiden kleinen Mädchen, auf Gaddafis Wirken hin und angeblich vom Finsterling Abu Nidal "persönlich verabschiedet", im libyschen Bengasi übergeben.
Geiseln und Giftgas, Terroristen-Gastgeber Gaddafi, dazu noch ein vorher angekündigter Bombenanschlag auf einen amerikanischen Jumbo, der dann auch noch auf ein idyllisches schottisches Städtchen stürzte: Das alles war zuviel Herausforderung auf einmal für einen Staatschef im Weißen Haus, der immer wieder geschworen hatte, solange er im Amt sei, würden Terroristen nirgendwo auf der Welt ruhig schlafen können. Dieses Szenario forderte Rache heraus und schrie geradezu nach einem starken Mann. Und so schlüpfte Ronald Reagan in seinen letzten Tagen auf der Kommandobrücke der Weltmacht Amerika doch wieder in die alte Rambo-Rolle.
Er ließ seine Kriegsschiffe erneut vor Libyen aufkreuzen, offenkundig mit der Order, den verdammten Beduinen zu provozieren, der sich all die Jahre nicht hatte domestizieren lassen. Und Gaddafi tat dem alten Widersacher wieder den Gefallen. Er schickte, wie schon bei früheren Gelegenheiten, seine Flugzeuge Richtung feindlicher Flotte. Prompt holten, ähnlich wie schon vor acht Jahren, zwei US-Flugzeuge vom Typ F-14 "Tomcat" am vergangenen Mittwoch zwei libysche Maschinen vom Himmel.
Hoch über dem Mittelmeer wurde in der ersten Woche des neuen Jahres wieder scharf geschossen, und eine Eskalation schien durchaus möglich, denn schon dampfte eine neue US-Armada "mit maximaler Feuerkraft" ("International Herald Tribune") über den Atlantik heran.
Neben dem liebsten Feind der Reagan-Administration geriet aber zugleich auch ein treuer Freund der Amerikaner jäh ins Visier Washingtons. Während US-Piloten vor Libyen mit Raketen ballerten, schossen sich die von der Administration und der CIA munitionierten amerikanischen Medien auf die Deutschen ein: Bundesrepublikanische Firmen rüsteten Gaddafis Chemiewaffenwerk aus, und die Bonner Regierung schaue diesem friedensbedrohenden Treiben untätig zu.
Bis zu einem "Auschwitz im Wüstensand" (siehe Seite 90) verstieg sich ein Kommentator, aber auch Außenminister Shultz beharrte allen Bonner Dementis zum Trotz darauf, daß deutsche Lieferanten hinter Libyens Giftgasküche steckten, und: Die Bundesregierung "weiß sehr gut über die Beweise Bescheid". Solche Töne hatte es zwischen zwei Hauptverbündeten der westlichen Allianz kaum je gegeben, und tagelang verschlug es der Bundesregierung die Sprache, bevor sie beleidigt reagierte.
Daß sie angeblich von gar nichts wußte, nahm ihr im In- und Ausland kaum jemand ab, zu blamable Beispiele aus der Vergangenheit kamen gerade wieder hoch: Bereits 1984 hatten die Amerikaner Bonn darauf aufmerksam gemacht, daß eine deutsche Firma - Kolb bei Offenbach - Chemieanlagen an den Irak liefere, mit denen die kriegführenden Iraker Giftgas produzieren konnten, das sie dann gegen den iranischen Feind einsetzten. Fast fünf Jahre lang beteuerten bundesdeutsche Behörden, dafür keinen Beleg zu haben, bis sie ausgerechnet in der letzten Woche Beweise dafür fanden, daß die US-Anschuldigungen der Wahrheit entsprachen; freilich hätte die Firma nicht in böser Absicht gehandelt, sondern lediglich Anlagen zur Herstellung von Unkrautvernichtungsmitteln geliefert.
Die Heuchelei liegt freilich nicht allein bei den Deutschen - die Amerikaner selbst liefern durchaus eigene drastische Beispiele. Sie selber lagern mindestens 30 000 Tonnen Giftgas für den Kriegseinsatz und sind gerade dabei, ihre Chemiewaffen, auch in den Arsenalen ihrer Streitkräfte in Deutschland gebunkert, zu modernisieren: Die sogenannte binäre Kampfgas-Generation soll erst dann tödlich werden, wenn zwei Komponenten, jede für sich ungefährlich, bei einem eventuellen Einsatz vermischt werden.
Mehr noch: Die USA wehrten sich bisher stets gegen eine weltweite Abschaffung der C-Waffen - von denen die Russen angeblich 50 000 Tonnen stapeln - mit dem zutreffenden Argument, daß dies nicht zu kontrollieren wäre.
Denn in der Tat können Chemikalien, die Insekten oder Unkraut vernichten, auch Menschen töten. Aber auch aus Rohstoffen für Arzneien kann durch simple Verwandlung giftiger Kampfstoff werden (siehe Seite 169). Selbst von Kugelschreiberflüssigkeit ist es nur ein winziger Schritt zu Giftgas.
Längst sind deshalb Chemiewaffen weltweit zur "Atombombe des kleinen Mannes" geworden. 37 Staaten, so das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri, sind in der Lage, Giftgase für einen Kriegseinsatz herzustellen, mindestens 10 tun dies auch. Auch angewendet wird die seit 1925 geächtete Waffe immer öfter - ohne daß Washington bisher deswegen in einen Krieg ziehen wollte.
So sahen Amerika und die Welt relativ gelassen zu, als die Iraker iranische Angreifer zu Zehntausenden mit Giftgasschwaden stoppten, nahmen aber auch noch hin, daß die Regierung in Bagdad ihre eigenen Bürger, unbewaffnete kurdische Zivilisten, zu Tausenden mit Chemiekampfstoff umbrachte: Die Bilder qualvoll erstickter Frauen und Kinder in der Kurden-Stadt Halabdscha führten weder in Washington noch anderswo zu Drohungen, den Missetäter Saddam Hussein mit Krieg und Vergeltung zu überziehen.
Eine solche Reaktion konnte im Weißen Haus allein Gaddafi auslösen, der Bilderbuch-Schurke schlechthin, der in dem Fiction-Bestseller "Der fünfte Reiter" der Erfolgsautoren Collins/Lapierre ja auch nur Sekunden vor der atomaren Vernichtung New Yorks gestoppt wird. Von Anfang an war er Reagans ausgesuchter und verläßlichster Bösewicht.
Als letzten Mittwoch kurz vor drei Uhr morgens kalifornischer Ortszeit das Telephon beim Präsidenten läutete und Reagan vom Abschuß zweier MiG-23 seines Intimfeindes erfuhr, wurden zwei Wochen vor dem Ende der Amtszeit des Präsidenten sofort Erinnerungen an sein erstes Regierungsjahr wach: Am 19. August 1981 hatte Gaddafi statt zweier MiGs bei einem Luftkampf mit amerikanischen F-14-Tomcats zwei Su-22-Maschinen verloren. Unterschied: Vor über sieben Jahren hatten die libyschen Piloten zumindest noch eine eigene Rakete abgefeuert, und Ronald Reagan durfte, weil erst am anderen Morgen informiert, die Nacht durchschlafen.
Die Reaktionen 1989 unterschieden sich nur wenig von denen 1981. Wenn es darum geht, Gaddafi - laut Reagan ein "tollwütiger Hund" - umzusäbeln, kennt Amerika keine Parteien mehr, sondern nur noch das einig Vaterland. Absolut "gerechtfertigt unter diesen Umständen" sei der Abschuß der MiGs gewesen, meinte Senator Sam Nunn von der demokratischen Opposition im Kongreß. Heutzutage könnten Piloten nicht abwarten, bis ein Gegner das Feuer eröffne, denn dann sei's schon zu spät. "In Selbstverteidigung" hätten die US-Flieger gehandelt, pflichtete ihm sein republikanischer Kollege John Heinz bei.
Pentagon-Boß Frank Carlucci räumte zwar ein, den genauen Hergang noch nicht zu kennen. Er wußte auch nicht, ob die Libyer vor dem Abschuß, wie erforderlich, gewarnt worden seien, behauptete dennoch wahrheitswidrig, die Libyer hätten ihr Zielradar aktiviert, und erklärte dann die Angelegenheit flugs für "erledigt". Einig wie selten versicherten die Washingtoner Regierungsvertreter von Reagan abwärts, der Luftkampf habe nichts mit dem Aufruhr um Muammar el-Gaddafis Fabrik für chemische Waffen zu tun - obwohl der Präsident seine Flotte vor Libyens Küste auf- und abdampfen ließ, um seiner Drohung Nachdruck zu verleihen, eine "militärische Aktion" gegen eben diese Fabrik sei "nicht ausgeschlossen".
Wie schon bei den bisherigen Waffengängen zwischen Ronald Reagan und seinem umtriebigen Widersacher im Mittelmeer labte sich die Nation auch jetzt daran, daß Amerika es dem Unhold wieder einmal gezeigt habe. Diskjockeys witzelten im Rundfunk wieder über den Libyer, in Norfolk, dem Heimathafen des Flugzeugträgers "John F. Kennedy", von dem die Luftkämpfer aufgestiegen waren, dröhnte ein Gaddafi-Schmählied aus den Radios.
Die Gasfabrik, so forderten über 80 Prozent der Anrufer bei der Fernsehanstalt CNN, müsse auch noch bombardiert werden - Kumulationseffekt von acht Jahren, in denen Gaddafi zum Halunken-Darsteller in Ronald Reagans Polit-Revue geworden ist. Denn der großmäulige Obrist aus Tripolis spiele, erklärt der New Yorker Psychohistoriker Lloyd DeMause, "eine ganz besondere Rolle in der Reagan-Ära - die des ,bösen Doppelgängers' nämlich".
Was Wunder, daß Ronald Reagan am Morgen nach dem High Noon mit Gaddafi im August 1981 seine Berater in original John-Wayne-Pose begrüßte: Breit grinsend zog der Präsident imaginäre Revolver aus imaginären Halftern und ballerte in die Luft. Der Held hatte den "Barbaren" - so Reagan über Gaddafi - niedergestreckt.
Ohne den Dauerbrenner Gaddafi wäre das Polit-Video der Reagan-Präsidentschaft nur halb so spannend. Seine Rolle als verläßliches Feindbild verdankt der Obrist neben seiner unbestreitbaren Originalität wohl auch der größeren Gefährlichkeit seiner Rivalen. Weder der Ajatollah Chomeini noch Syriens Hafis el-Assad können so billig wie er von der Weltmacht USA vorgeführt werden. Auch hat die amerikanische TV-Gemeinde den Ajatollah noch nie wie Gaddafi beim Traktorfahren oder in Begleitung von schicken Leibwächterinnen im Fernsehen bestaunen dürfen.
Schon beim ersten Treffen des Nationalen Sicherheitsrats unter Reagan Ende Januar 1981 spielte der Beduinensohn die Hauptrolle. Der libysche Ölexport in die USA im Wert von zuletzt neun Milliarden Dollar pro Jahr sollte gestoppt, Libyens Botschaft in Washington geschlossen werden. Außenminister Alexander Haig sah in Gaddafi "ein Krebsgeschwür, das entfernt werden muß".
Als eine US-Armada im August 1981 Gaddafis großspurig gezogene "Linie des Todes" in den internationalen Gewässern der Großen Syrte überquerte, feierte Reagan seinen ersten außenpolitischen Triumph. Bevor der Feuerzauber im Mittelmeer begann, hatte man zusätzliche Kommunikationsausrüstung nach Kalifornien geschafft, wo Reagan die Ferien verbrachte. Müde, doch in allerbester Laune witzelte Präsidentenberater Edwin Meese am Morgen nach dem Abschuß der beiden libyschen Su-22: "Nein, in den Krieg ziehen wir nicht. Wir schießen sie nur ab." Reagan-Mitarbeiter Lynn Nofziger freute sich: "Das macht sich ziemlich gut."
Wie gut es sich in der Tat machte, ersah Reagan aus den Umfragen seines Meinungsbefragers Richard Wirthlin. Die "Luftschlacht mit Gaddafi" war beim Publikum ein Hit. Natürlich tat Reagan dann so, als wäre er selbst dabeigewesen. Noch am gleichen Tag begab sich der Präsident auf den vor der kalifornischen Küste liegenden Flugzeugträger "Constellation", wo er, die Mütze des Oberkommandierenden auf dem Kopf, US-Jagdflugzeuge beim Start beobachtete - die perfekte Illusion. "Sieg in der Luft, Spaß zur See", titelte das Nachrichtenmagazin "Time".
Weil sich das Eindreschen auf den libyschen Desperado so gut angelassen hatte, blieb man dabei - die ganzen zwei Amtsperioden lang. Im Herbst 1981 lancierte die Administration Meldungen in die Presse, der tollwütige Libyer habe "Mordkommandos" in die USA entsandt. Die sollten nicht nur dem Präsidenten, der im Frühjahr gerade ein Attentat überlebt hatte, den Garaus machen, sondern auch seine wichtigsten Mitarbeiter erledigen.
Während Panzersperren ums Weiße Haus gezogen wurden, der schwerbewachte Reagan auf Schleichwegen durch Washington chauffiert und sogar die Tochter des Stellvertretenden Stabschefs Michael Deaver von Sicherheitsbeamten zur Schule geleitet wurde, lief im CIA-Hauptquartier in Langley die Suche nach potentiellen Killern auf Hochtouren.
Überall tauchten plötzlich geheimnisvolle Informanten auf. Fünf Attentäter, so wußte die "New York Times" am 5. Dezember, seien bereits in den USA. "Wir haben konkrete Hinweise" auf einen Anschlag, versicherte Senator Daniel Patrick Moynihan. Mit "80prozentiger" Sicherheit seien diese Hinweise korrekt, fügte er hinzu.
Das nachrichtendienstliche Direktorat in Langley war sich der Sache bald nicht mehr so sicher. In einem Geheimreport sorgte sich die Spionage-Truppe, die Berichte stammten wohl "von Quellen ohne direkten Zugang" zu Gaddafi. Auch sei nicht auszuschließen, daß "einige Informanten" nur aufgetischt hätten, wonach verlangt wurde. Am Ende stellte sich heraus, daß Manutschehr Ghorbanifar, ein zwielichtiger Waffenhändler und später eine der Hauptfiguren des Iran-Contra-Skandals, die Geschichte wenn nicht erfunden, dann zumindest gehörig aufgebauscht hatte. Ronald Reagan ließ sich nicht beirren: "Wir hatten zu viele Informationen aus zu vielen Quellen."
Ob wahr oder nicht: Gaddafi, so empörte sich die Volksseele, habe dem Präsidenten als Vergeltung für die "Luftschlacht" ans Leben gewollt. Damit war der Libyer endgültig in der Rolle des Mordbuben; Reagan durfte den aufrechten Sheriff spielen. CIA-Seelendeuter mühten sich an "psychologischen Profilen" Gaddafis. Das verstärkte einerseits die Faszination, die der Libyer auf den Präsidenten ausübte, und wurde andererseits zur Basis psychologischer Kriegführung gegen den fernen Feind.
So hieß es in einem Psychoporträt Gaddafis, das Dr. Jerrold Post, Chef der politisch-psychologischen Abteilung in Langley, 1982 erstellte, der Beduinenoberst leide an einer "schweren Persönlichkeitsstörung". In einem anderen Papier wurde "Oberst G." als Opfer einer "Midlife-Krise" diagnostiziert. Da der Präsident nur ungern liest, schnitt der Geheimdienst einen Videofilm von Auftritten der "Bestie" zusammen.
Bei Diskussionen über den bizarren Lebensstil des Libyers lebte Reagan stets sichtbar auf. Daß der angeblich in Frauenkleidern auf den Balearen gesichtet worden war - eine Ente, wie so vieles andere -, bot einen wundervollen Kontrast zu Reagans Virilität. Bei Nancy könne der Obrist sich etwas Putz ausleihen, scherzte Reagan in vertrauter Runde. Und wenn Gaddafi sich so gern als Tunte kleide, solle er am besten "nach San Francisco" gehen. "Vielleicht kriegt er dann Aids", spann Außenminister George Shultz den Spaß fort.
Zuflucht zu solchen Männerwitzen nehmen zu müssen kam allerdings dem Eingeständnis gleich, daß der Finsterling an der Syrte zäher als erwartet an der Macht hing. Schon am 10. Dezember 1981 hatte der Präsident in der "National Security Decision Directive 16" den Sturz Gaddafis angeordnet, worauf CIA und Nationaler Sicherheitsrat an die Arbeit gingen.
Die CIA versuchte, libysche Dissidenten auf den Obristen anzusetzen - was nicht klappte. Da schien es Zeit, schweres Geschütz gegen Gaddafi aufzufahren. Im Sommer 1985 schlug CIA-Abteilungsleiter Robert Gates eine gemeinsame amerikanisch-ägyptische Aktion vor, "um die nordafrikanische Landkarte neu zu ordnen".
Im Weißen Haus, wo mittlerweile die Abenteurerfraktion um den Admiral und Sicherheitsberater John Poindexter und den Ledernacken-Oberstleutnant Oliver North das Sagen hatte, wurde der Gedanke begeistert verfolgt. Ende August flog Poindexter nach Kairo.
Präsident Husni Mubarak aber ließ den Reagan-Emissär abblitzen. Bevor Poindexter die Kabale im Detail erläutern konnte, unterbrach ihn Mubarak. "Schauen Sie, Admiral, wenn wir uns zu einem Angriff auf Libyen entscheiden, wird das allein unsere Entscheidung und unser Zeitplan sein."
Da auch andere Geheimoperationen mit Nachbarn Libyens mißlungen waren, begannen die Scharfmacher im Nationalen Sicherheitsrat, auf eine endgültige Lösung des Problems Gaddafi zu setzen: Tod durch Laserbombe. Gaddafis angebliche Verwicklung in die Bombenanschläge auf den Flughäfen in Wien und Rom im Dezember 1985 bestärkte die Planer.
So dampfte im März 1986 eine gewaltige amerikanische Flotte auf die libysche Küste zu, während Reagans Meinungsforscher Richard Wirthlin dem Weißen Haus versicherte, ein Schlag gegen Gaddafi sei überaus populär. Zunächst versenkten die Amerikaner zwei libysche Patrouillenboote und zerschossen Radareinrichtungen an der Küste. Nach dem Bombenanschlag auf die Diskothek "La Belle" in West-Berlin, für den die Reagan-Regierung ohne stichhaltige Beweise ebenfalls Gaddafi verantwortlich machte, gab es dann kein Halten mehr. Der Oberst selber wurde ins Visier genommen.
Reagan, zwei Tage nach dem Berliner Bombenanschlag zu Besuch bei einem Baseballspiel, begeisterte sich für eine ausgesucht grausige Bestrafung: Am liebsten würde er Gaddafis "Eier auf der Spielerbank festnageln und ihm dann einen Schubs geben", vertraute er einem Baseballspieler an. Um den obersten Libyer beim geplanten Luftangriff auf Tripolis aus der Welt zu bomben, bediente sich die Administration israelischer Agenten vor Ort. Nur eineinhalb Stunden vor dem Bombardement hatten die Israelis mitgeteilt, Gaddafi befinde sich in seinem Hauptquartier in der Babel-Assisija-Kaserne.
Zur größten Enttäuschung der Strategen Poindexter und North überlebte der libysche Revolutionsführer. In den Trümmern seines Hauses starb aber eine 15 Monate alte Ziehtochter. Die nachträgliche Beteuerung der Administration, der Angriff habe gar nicht dem Leben des Libyer-Chefs gegolten, glaubte selbst in Amerika niemand.
Peter Kilburn, in Beirut festgehaltene US-Geisel, bezahlte den Angriff mit seinem Leben. North hatte zum Preis von drei Millionen Dollar seine Freilassung eingefädelt, doch Gaddafi, nach dem Anschlag auf Rache aus, bot mehr. Kilburn wurde ermordet.
North wollte immer noch nicht aufgeben: Mal schlug er die Verminung der libyschen Häfen vor, mal sollte das atomgetriebene Unterseeboot "Atlanta" mit seinen Cruise Missiles Gaddafi das Lebenslicht ausblasen. Das U-Boot lief in der Straße von Gibraltar auf eine Sandbank.
Die Häfen zu verminen wurde als zu gefährlich abgelehnt. Statt dessen durften die CIA-Psychologen wieder in Gaddafis Seele blicken. Das Bombardement im April 1986 habe Gaddafi "psychisch zerstört", teilten sie mit. Hinter vorgehaltener Hand aber klagten die CIA-Analytiker, man habe sie von oben unter Druck gesetzt. Gaddafi hatte einfach "kaputt" zu sein; jedes andere Urteil war unerwünscht. Trotz all dieser Mißerfolge behauptete die Reagan-Regierung 1987 und 1988, der libysche Erzfeind habe seit dem Luftangriff 1986 stillgehalten. "Der verrückte Gaddafi" habe "seine terroristischen Ausbrüche gezügelt", schrieb noch vorige Woche der frühere Reagan-Mitarbeiter Kenneth Adelman - während der Chef gerade grübelte, wie er seinem liebsten Feind knapp vor dem Abschied doch noch zeigen könnte, was eine Harke ist.
Doch er wird es diesmal wohl mit dem Abschießen der zwei Maschinen des Feindes bewenden lassen müssen. Die Uno, seit Monaten auf erfolgreichem Friedenskurs in der Welt, reagierte empfindlich auf die Knallerei der US-Piloten über dem Mittelmeer. Die Verbündeten, Margaret Thatcher eingeschlossen, hüllten sich in Schweigen, nicht einmal die Briten würden es ein zweites Mal erlauben, daß US-Bomber von ihrer Insel aus zu Angriffen auf Libyer starteten. Und die Russen, sonst nur noch selten Amerika-kritisch, äußerten sich gereizt: "Außenpolitik sollte nicht von Aktionen irgendwelcher Leutnants bestimmt werden", mahnte Moskaus Uno-Botschafter Alexander Belonogow.
Selbst die Araber solidarisierten sich diesmal ungewohnt geschlossen mit dem notorisch unbeliebten Bruder in Tripolis - der ihnen traditionell mehr ernsthaften Ärger bereitete, als es ihm je beim amerikanischen Todfeind gelungen war.
Seine Gegner in nahöstlichen Regierungszentralen schreiben ihren Dauerstreß mit dem unberechenbaren Libyer derselben Vermutung zu: Die Wurzel allen Übels reicht gut 30 Jahre zurück. Damals, irgendwo in der weiten libyschen Wüste, purzelte ein zwölfjähriger Beduinenjunge, sein Name war Muammar el-Gaddafi, vom Kamel - und fiel genau auf den Kopf.
Von diesem Sturz, so behaupten sie, habe sich der Knabe nie mehr erholt - seither leide er an einem Gehirnschaden, der bis heute nachwirke. Allzu gern nehmen seine vielen Feinde den nie bewiesenen Unfall als Beleg und Rechtfertigung ihrer Schmähtiraden und verächtlichen Sprüche, die überwiegend aus dem Tierreich oder einem Handbuch für Geisteskrankheiten stammen: Der Mann sei ein Psychopath und Paranoiker, der "Narr Allahs" oder gar der "Don Quichotte" des Propheten. Ägyptens 1981 ermordeter Staatschef Anwar el-Sadat bezeichnete ihn als "Fliege, die es vom Tisch zu wischen gilt".
Über keinen nahöstlichen Führer - und unter ihnen gibt es reichlich schillernde Gestalten - wird auch nur annähernd so viel Absonderliches und Phantastisches verbreitet wie über Gaddafi, seit er vor 19 Jahren mit einem Putsch die Geschicke seines Wüstenreiches übernahm. Da heißt es, der Revolutionsführer schlürfe gerne Lammblut, natürlich direkt aus der Halsschlagader des armen Tieres. Oder er habe erklärt, die Mehrheit der Nordamerikaner sei eigentlich "libyscher Abstammung", dafür gebe es "geschichtliche und archäologische Beweise".
Nun hat der Revolutionsführer im Laufe der Jahre tatsächlich allerhand in Wort, Bild und Taten dazu beigetragen, seinen weltweiten Ruf als das größte Irrlicht im Nahen Osten zu festigen. Dabei herrscht der Mann, der im persönlichen Gespräch mit seiner hellen melodischen Stimme und ungekünstelten Spontaneität schnell sympathisch wirkt, über ein vergleichsweise dürftiges Reich.
Zwar ist Libyen seiner Fläche nach der viertgrößte Staat Afrikas. Aber der bizarre Politiker gebietet über lediglich 2,5 Millionen Menschen, weniger als die Einwohnerzahl Roms. Von den 170 Millionen Arabern hören nicht einmal 1,5 Prozent auf sein Kommando, von den 900 Millionen weltweit lebenden Moslems gerade noch 0,28 Prozent.
Dennoch: Wenn er in stets wechselnden Phantasieuniformen zu seinem Volk spricht; wenn er, wie Ende 1987, den pleitebedrohten bundesdeutschen Eishockeyclub ECD Iserlohn durch Trikotwerbung für das "Grüne Buch", seine 180seitige Weltbeglückungsbibel, vor dem Aus bewahren will; oder wenn er Libyens Beitritt zum Warschauer Pakt ankündigt - immer sind die skurrilen Einfälle Gaddafis gut für Schlagzeilen.
Hingerissen von seiner eigenen Rhetorik propagierte er in der Vergangenheit schon die "Weltrevolution", die Eroberung der USA durch "mein Volk" und die "Befreiung Palästinas". Doch neben solchen Spinnereien und wirren Einfällen hat der Volksschauspieler und Volksheld Gaddafi noch ein anderes, blutiges Gesicht - als Schirmherr und Unterstützer des internationalen Terrorismus:
Er finanzierte weltweit gesuchte Verbrecher wie "Carlos" und Abu Nidal. Darüber hinaus unterstützte oder unterstützt Gaddafi nach einer Berechnung des US-Nachrichtenmagazins "Newsweek" in über 40 Ländern Befreiungsbewegungen oder Terrorgruppen mit Geld und Waffen. Sein Aktionsradius reicht von Irlands katholischer IRA über die baskische Eta bis zu südphilippinischen Moslem-Separatisten. Aber das Gaddafi-Regime verbreitet auch selbst Terror: etwa als ein Angehöriger des libyschen Volksbüros 1984 in London aus dem Botschaftsgebäude die Polizistin Yvonne Fletcher, 25, erschoß.
Der Beduinensproß, der vor ungefähr 45 Jahren in einem Wüstenzelt zur Welt kam - genaue Altersangaben macht er bis heute nicht -, versteht sich vor allem als arabischer Prophet und als Einiger der "Massen". Immer wieder hat er deshalb folgerichtig versucht, sein Land mit anderen arabischen Nationen zu fusionieren - eine Manie, mit der er sich weltweit zum Narren machte.
Im Laufe der letzten 19 Jahre hat er Libyen unter anderem mit - in alphabetischer Reihenfolge - Ägypten, Algerien, Marokko, Mauretanien, dem Sudan, Syrien, dem Tschad und Tunesien vereinigt. Doch nie konnte er seine Großmachtträume konkretisieren - keiner der geplanten Einheitsstaaten hat auch nur das Ratifizierungsstadium erreicht.
Dennoch hält er bis heute wider alle Erfahrungen beharrlich und starrsinnig an seinem Traum von einem panarabischen Reich zwischen Atlantik und Persischem Golf fest - getreu den Ideen seines Vorbildes Gamal Abd el-Nasser, als dessen Nachlaßverwalter er sich sieht.
Doch gerade von seinem Idol wurde Gaddafi, kurz nachdem er mit einer Offiziersgruppe 1969 den greisen König Idris gestürzt und die Macht an sich gerissen hatte, nicht ernst genommen. Als Gaddafi wieder einmal ohne vorherige Ankündigung nach Kairo flog und natürlich ein protokollarisch angemessenes Empfangskomitee erwartete, beklagte sich Nasser bei seinem damaligen Vize Sadat: "Der kann es gar nicht genug auskosten, statt eines Rennkamels plötzlich ein Düsenflugzeug mit Privatpiloten zu besitzen."
Auch Nasser-Nachfolger Sadat kam mit dem Hitzkopf aus dem Nachbarland nicht klar. Nach Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges im Jahre 1973 verlangte Gaddafi von Ägypten und Syrien den Oberbefehl über deren Truppen, um den gemeinsamen Feind Israel zu zerschlagen. Als er das nicht durfte, orderte er beleidigt 30 Mirage-Kampfflugzeuge, die er Sadat für den Krieg geliehen hatte, nach Libyen zurück. Bereits im Juli hatte er Zehntausende unbewaffnete Landsleute nach Ägypten in Marsch gesetzt. Erst ägyptische Militäreinheiten konnten die Menschenmasse zum Umkehren zwingen.
Doch solche Handlungen, manchmal auch im Affekt entstanden - wie die Abschiebung über 25 000 tunesischer Gastarbeiter vor drei Jahren -, sind nur eine Seite der komplizierten Psychostruktur des Beduinen.
Die politische und wirtschaftliche Entwicklung Libyens nach dem Putsch zeigt durchaus die Handschrift eines erfolgreichen Realpolitikers.
Tatsächlich ist Gaddafi, vor allem im Vergleich zu den reichen Golf-Potentaten, gesellschaftspolitisch ein erklärter Progressiver, vor allem, was die öffentliche Stellung der Frau betrifft: So dürfen libysche Frauen studieren, sich scheiden lassen, sich ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit zeigen und sogar den Wehrdienst absolvieren.
Es waren nicht die einzigen Modernisierungen, die Gaddafi seinem Volk gönnte: Mit den zunächst reichlich fließenden Petro-Milliarden wollte der Revolutionsführer den Libyern ein arabisches Schlaraffenland bescheren: jeder Familie ein eigenes Haus samt Auto; Mieten, Schulen, Krankenversorgung kostenlos.
Gaddafi steckte die Erlöse aus den Ölquellen in den Aufbau des unter König Idris bettelarmen und rückständigen Landes. Und - auch das unterscheidet ihn von anderen arabischen Herrschern - nie verschwendete er Staatsgelder für Prunkpaläste oder aufwendige Festivitäten, geschweige denn für persönliche Gelüste. Auf ihn trifft zu, was der Archäologe Max Freiherr von Oppenheim als spezifische Eigenschaft der Beduinen ausgemacht hat: Sie seien gleichgültig gegenüber jedem Luxus.
Doch nach langer Prosperität und unbestreitbaren Erfolgen - in Libyen ist Analphabetismus praktisch ausgerottet, das Pro-Kopf-Einkommen ist das höchste Afrikas - geriet die Wirtschaft des Landes in heftige Turbulenzen. Nach dem dramatischen Verfall des Erdölpreises und damit dem Rückgang der Haupteinnahmequelle mußten die Libyer in den vergangenen Jahren auf vieles verzichten. Es kam zu bislang ungewohnten Bildern in der Hauptstadt: lange Warteschlangen vor Geschäften, leere Regale und Bettler auf den Straßen.
Wachsender Unmut der Bevölkerung über die wirtschaftliche Verschlechterung und landesweite Frustration über die blamabel und unter hohen Menschenverlusten gescheiterte Militärexpedition im benachbarten Tschad zwangen Gaddafi zum Handeln:
Wohl mehr aus pragmatischem Machterhaltungstrieb als aus höherer Einsicht verkündete der Staatschef, der jahrelang skrupellos Oppositionelle weltweit jagen und ermorden ließ (zwei Tote etwa in Bonn), nun plötzlich, die Revolution müsse "korrigiert" werden:
Der Allgemeine Volkskongreß, Libyens Parlament, verabschiedete im Juni 1988 eine "Charta der Freiheit und der Menschenrechte". Als leuchtenden Beweis für die angekündigte Liberalisierung riß Gaddafi persönlich, medienwirksam am Steuer einer Planierraupe, die Mauern eines Gefängnisses in Tripolis nieder und ließ 800 politische Gefangene frei.
Gaddafi schaffte über Nacht die gefürchteten revolutionären Ausnahmegerichte ab, die im Namen Allahs und des Revolutionsführers das Volk terrorisiert hatten. Die Grenzen nach Tunesien und Algerien wurden wieder geöffnet, Libyern wurde die Ausreise erleichtert.
Um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, gab Gaddafi Teile des verstaatlichten Handels in Privathände zurück. Familien können nun Geschäfte wieder auf eigene Rechnung und eigenes Risiko betreiben. Es schien, als würde der weltweit verteufelte Gaddafi nach langer Zeit wieder einmal positive Schlagzeilen produzieren.
Doch jäh änderte sich das wieder. Im September letzten Jahres machte die US-Führung befreundete europäische Regierungen erstmals auf ein Chemiewerk in dem kleinen Ort Rabita, 60 Kilometer südlich der Hauptstadt, aufmerksam. Dort, behaupteten die Amerikaner, wolle Gaddafi in riesigen Mengen chemische Kampfstoffe produzieren lassen.
Das Dementi kam umgehend. Libyen behauptete, das geheimnisvolle Werk sei nichts anderes als eine pharmazeutische Fabrik zur Herstellung von "harmlosen Medikamenten".
Tatsächlich gehört die ominöse Fabrik zu einem mehrere hunderttausend Quadratmeter großen Industriekomplex mit Garagen, Werkstätten, einem Metallschmelzwerk und einem eigenen Kraftwerk. Durch eine Straße von den anderen Gebäuden getrennt, entsteht in der Endbauphase die chemische Anlage, im Grundriß 100 mal 150 Meter.
Auf der Großbaustelle in der Wüste, die durchaus als geschlossener militärindustrieller Komplex geplant sein könnte, sind seit Baubeginn 1984 Techniker, Ingenieure und Arbeiter aus zahlreichen europäischen Ländern beschäftigt, darunter auch Männer aus Deutschland-West und Deutschland-Ost.
Der Generalunternehmer des Großprojekts ist, im Auftrag der libyschen Regierung, Dr. Ihsan Barbouti, 61. Der Iraker mit zusätzlichem jordanischen Paß lebt im Londoner Stadtteil Chelsea und besitzt die Firma IBI mit Niederlassungen auch in Frankfurt und in der Schw eiz. Barbouti verteilt über sein weitverzweigtes Firmengeflecht weltweit Aufträge zur Fertigstellung des Industriekomplexes von Rabita.
Vor etwa drei Monaten kam der Bau der chemischen Fabrik plötzlich ins Stocken, während die anderen Objekte der Industrieansiedlung erst einmal fortgeführt wurden. Der Grund für den jähen Stopp: Die UdSSR, Verbündeter Gaddafis und dessen wichtigster Rüstungslieferant, befürchtete, der unberechenbare Revolutionsführer plane tatsächlich in der Chemiefabrik die Produktion von Kampfgasen, technisch kein Problem.
Die "Atombombe des kleinen Mannes" in den Händen des frommen Moslems - nicht nur für Amerika oder die arabischen Nachbarn, auch für das Sowjetreich, das eben miterleben mußte, wie der andere arabische Verbündete Irak mit chemischen Waffen gegen seine kurdische Bevölkerungsminderheit vorging, war das eine beklemmende Vorstellung.
Zumal die Russen schon seit längerer Zeit verfolgten, wie Gaddafi mit Giftgasen experimentiert. In dem kleinen Ort Tadschura östlich von Tripolis werken seit fast einem Jahrzehnt nordkoreanische und iranische Experten zusammen mit libyschen Chemikern an einer Reihe militärisch verwendbarer Giftstoffe. Zwar ist die Anlage von Tadschura nur ein Labor und sicherlich nicht zur Massenproduktion geeignet; doch die Versuche sind schon so weit fortgeschritten, daß Libyen auch schon außerhalb des Labors testete.
Im vergangenen Jahr setzten Spezialeinheiten bei der Verteidigung des Luftwaffenstützpunkts Maatin el-Sara in Südlibyen vor angreifenden Truppen aus dem Tschad erstmals eine bis dahin unbekannte Gasmischung ein. Als der Stützpunkt fiel, erbeuteten die Soldaten des Tschad-Präsidenten Hissein Habre mehrere Gasgranaten, die sie Frankreich, Habres wichtigstem militärischen Verbündeten, übergaben. Kurz darauf kam von libyscher Seite noch einmal Giftgas zum Einsatz, im von Gaddafi 1973 besetzten und wegen seiner Bodenschätze heiß umkämpften Aozou-Streifen im Norden des Tschad.
Die UdSSR nötigte deshalb Gaddafi unter Androhung eines totalen Waffenlieferstopps, das Chemiewerk im Industriekomplex von Rabita stillzulegen, das angeblich schon Mitte 1989 betriebsbereit sein sollte. Schon früher einmal hatten die Russen hochfliegende Rüstungspläne Gaddafis durchkreuzt: Als der Oberst den Bau einer A-Bombe betrieb, zog Moskau kurzfristig sowjetische Experten aus Libyen ab, die dort an einem Mini-Reaktor werkten.
Gaddafi gab dem Druck aus Moskau, vielleicht vorbeugend auch schon den amerikanischen Drohungen nach. Den größtenteils bereits gelieferten Maschinenpark aber ließ er in einem Lastwagenkonvoi in die Stadt Gharijan schaffen, 75 Kilometer südlich von Tripolis. Die geheimnisvollen Apparate werden dort von einer Spezialeinheit bewacht.
Für die nun leerstehenden Fabrikhallen fand der Oberst eine neue Verwendung: Ende vergangener Woche reisten Hunderte Hauptstädter in bereitgestellten Bussen nach Rabita und "besetzten" die Fabrik. Die Menschenansammlung, so Gaddafis Kalkül, sollte Amerika endgültig von dem Plan abbringen, die Anlage mit Bomben und Raketen zu zerstören.
Den schien Reagan allerdings selber schon begraben zu haben. Im Weltsicherheitsrat, der auf Libyens Forderung hin über den Konflikt beriet, mußten die USA harsche Kritik hinnehmen. Zudem versammelten sich am Wochenende in Paris die Vertreter von 140 Nationen zu einer Konferenz über die Möglichkeit einer weltweiten Ächtung von C-Waffen. Und dazu wäre Bombengetöse im Mittelmeer wohl keine passende Begleitmusik.
Immerhin hatte der Abschuß der zwei libyschen MiGs Ronald Reagan die Genugtuung eines letzten Showdowns gegen den Erzfeind verschafft. Und die "New York Times" bescheinigte dem scheidenden Präsidenten dann sogar, der Abschuß der Gaddafi-Jäger könnte als Abschreckung gegen eine weitere Ausbreitung von Chemiewaffen im Nahen Osten dienen.
Falls aber doch noch ein großer Schlag gegen die Giftgas-Küche Gaddafis notwendig schiene, haben sich auch schon andere Kandidaten für eine solche Operation gemeldet. Israelische Politiker hatten vergangene Woche zwar noch die Hoffnung ausgedrückt, daß die USA die Fabrik in Rabita bombardieren würden. Ansonsten aber, befand der Abgeordnete Bar-Zohar, "müssen wir, falls erforderlich, selbst intervenieren, um dieses Unternehmen zu zerstören".

DER SPIEGEL 2/1989
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