13.11.1989

„Jetzt Offenheit beweisen“

SPIEGEL: Herr Regierender Bürgermeister, seit der Nacht zum Freitag vergangener Woche findet in Berlin ein Stück Wiedervereinigung statt. Die neue Reisefreiheit der DDR-Bürger hat über die Mauer hinweg zur Verbrüderung Hunderttausender von Ost- und West-Berlinern geführt. Ihre Empfindungen?
MOMPER: Unbeschreiblich. Das hat ganz Berlin 28 Jahre lang herbeigesehnt. Aber das ist nicht das Fest der Wiedervereinigung, das ist ein Fest des Wiedersehens.
SPIEGEL: Rechnen Sie jetzt mit der Öffnung des Brandenburger Tores?
MOMPER: Die DDR hat ja bereits weitere Übergänge in den letzten Tagen geöffnet. Aus unserer Sicht wäre es nun sinnvoll, daß Ost-Berlin noch zusätzliche Über- und Eingänge zur U- und zur S-Bahn aufmacht. Das Brandenburger Tor hat ja einen eigenen Symbolwert, hätte aber für den zu erwartenden Verkehr nicht die vorrangigste Bedeutung. Doch, so oder so, es wird mehr Normalität sein, etwa so wie an der Grenze Schweiz-Bundesrepublik.
SPIEGEL: Wird die neue Freiheit in Ost-Berlin auch mehr Freizügigkeit für West-Berliner bringen?
MOMPER: Das wird natürlich der zweite Schritt sein, daß nun die Einreisegenehmigung nochmals entbürokratisiert werden muß, auch für bislang ausgesperrte ehemalige DDR-Bürger. Alle diese Restriktionen für die Einreise von Westen her, die machen jetzt ja überhaupt keinen Sinn mehr. Der DDR würde ich da raten, daß sie, wenn sie sich öffnet, den frischen Wind reinlassen muß. Wenn die SED-Führung selbst das nicht ganz schnell macht, dann wird der Wind der Veränderung in Europa sie hinwegfegen. Wer jetzt noch glaubt, mit bürokratischen Mätzchen etwas behindern zu können, oder glaubt, einzelne Personengruppen vom Reisen ausschließen zu können, der irrt, und zwar ganz fundamental.
SPIEGEL: Zunächst aber muß nun West-Berlin neben Tausenden von Übersiedlern eine regelrechte Invasion von DDR-Touristen verkraften.
MOMPER: Invasion ist das falsche Wort. Berlin wird ja nicht erobert. Aber sehr viele Touristen werden kommen, 100 000 mindestens pro Wochenende, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr, von Dresden bis Rostock, Ost-Berlin sowieso - und wir heißen sie willkommen.
SPIEGEL: Sollen denn diejenigen, die auf Dauer in den Westen wollen, die überfüllte Stadt meiden?
MOMPER: Nein, wer als Berliner oder sonstwie eine besondere Bindung zur Stadt hat, der hat auch ein Recht darauf, in die Stadt zu kommen und dort zu leben. Wir werden aber allen klar sagen müssen, daß sie auf mittlere Sicht, wenn sie nicht bei Bekannten oder Verwandten wohnen können, auch mit Heimen und Lagern vorliebnehmen müssen. Aber die eigentliche Frage ist ja eine andere. Wie helfen wir mit, die Verhältnisse in der DDR so zu verändern, daß die Menschen dort bleiben wollen? Da ist die SED gefordert. Sie muß sich möglichst schnell dem freien Wettbewerb stellen wie jede andere Partei auch.
SPIEGEL: Wie weit müssen denn die Reformen in der DDR gediehen sein, damit Sie eine Zuzugssperre, wie sie westliche Politiker wünschen, für West-Berlin akzeptieren?
MOMPER: Ich halte eine solche Sperre für abenteuerlich. Wir würden die * Wolfgang Bayer und Christian Habbe. Fluchtbewegung aus der DDR ungeheuer beschleunigen, wenn wir von unserer Seite in irgendeiner Weise zu erkennen gäben, daß wir hier aus kleinbürgerlicher Angst vor dem Verlust materieller Privilegien dichtmachen wollen. Wer das tut, der versündigt sich an der Zukunft der DDR und auch an der Zukunft der Bundesrepublik.
SPIEGEL: Halten Sie die bisherigen Veränderungen in der DDR für unumkehrbar?
MOMPER: Es mag Rückschläge geben, aber die DDR ist aus meiner Sicht über den Punkt hinaus, wo sich noch mit den Maßnahmen des Polizeistaates die Situation beherrschen läßt. Dazu sind die Demonstrationen zu groß. Die Angst der Menschen ist völlig weg.
SPIEGEL: Im Westen dagegen wächst die Angst vor dem neuen Massenbesuch aus dem Osten.
MOMPER: Ja, natürlich. Wenn man sieht, welchen Widerstand hier in West-Berlin beispielsweise die Reisefreiheit für die Polen hervorgerufen hat, dann bekommt man eine Ahnung davon, was auch an Ängsten und Vorbehalten in der Bevölkerung gegen den Ansturm aus der DDR geweckt wird.
SPIEGEL: Was wird, wenn zu dem verhaßten Polen-Markt bald ein riesiger Sachsen-Markt kommt?
Von W. Bayer und Chr. Habbe

DER SPIEGEL 46/1989
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