26.11.1990

„Ich kann es schaffen“

SPIEGEL: Herr Minister, wie geht es Ihnen?
SCHÄUBLE: Sie sehen, ich sitze schon ganz gut im Rollstuhl. Zum Glück ist, vom Kiefer abgesehen, mein Kopf intakt geblieben. Der Kiefer hält gut, ich kann schon weitgehend unbehindert sprechen. Ich esse normale Kost, sie muß noch etwas kleingeschnitten werden. Die Wunde an der Wirbelsäule ist völlig verheilt. Ich bin auch, was die Fachleute drehstabil nennen, kann mich schon selber vom Rücken auf den Bauch und vom Bauch auf den Rücken drehen. Ich kann mich sogar schon ohne Hilfe aus dem Liegen zum Sitzen aufrichten.
SPIEGEL: Die Lähmung hält aber noch an?
SCHÄUBLE: Die Lähmung der Beine und der unteren Körperbereiche ist unverändert. Die Mediziner sagen, dies könne noch lange unverändert bleiben, ohne daß eine Prognose möglich ist, ob die Querschnittslähmung bleibt oder Besserung eintritt. Beides ist möglich.
SPIEGEL: Die Ärzte machen Ihnen also noch Hoffnung?
SCHÄUBLE: Hoffnung, daß es besser wird, besteht. Das Rückenmark ist nicht durchgängig geschädigt. Gewiß ist aber ebenso, daß ich für eine nicht absehbare längere Zeit im Rollstuhl leben muß. Es besteht auch die Gewißheit, daß ich immerhin im Rollstuhl leben kann.
SPIEGEL: Seit dem Anschlag sind nicht mal sechs Wochen vergangen. Können Sie uns den bisherigen erstaunlichen Heilungsverlauf schildern?
SCHÄUBLE: Den Anfang kenne ich nur vom Hörensagen, denn meine Erinnerung setzte erst gut fünf Tage nach dem Unglück ein. Seit dem Mittwoch abend nach dem 12. Oktober . . .
SPIEGEL: . . . der ein Freitag war . . .
SCHÄUBLE: . . . hatte ich wieder eine eigene, Mittwoch allerdings noch lückenhafte Erinnerung. Von Donnerstag an ist sie kontinuierlich und geschlossen. Es muß in den ersten Tagen wirklich um Leben und Tod gegangen sein. Meine Frau sagt, nicht einmal sie habe mich in _(* Mit Ehefrau Ingeborg, Redakteuren Dirk ) _(Koch und Klaus Wirtgen in seinem ) _(Krankenzimmer in Langensteinbach. ) den ersten Tagen wirklich erkannt. So geschwollen war der Kopf durch die Verletzungen. Aber danach machte die Heilung am Rücken und im Kieferbereich rasche Fortschritte, und das Gesamtbefinden verbesserte sich schon in der Universitätsklinik Freiburg, auch nach Auffassung der Ärzte, überraschend schnell.
SPIEGEL: Sie haben die Verlegung von Freiburg hier in die Reha-Klinik Langensteinbach nicht als Indiz empfunden, daß Ihre Lähmung nicht mehr heilbar ist?
SCHÄUBLE: Nein. Ich habe darauf gedrängt, so früh wie möglich verlegt zu werden. Mir war sehr rasch klar, ich muß diesen Weg der Rehabilitation, die Anpassung an ein vielleicht ja nur vorübergehendes Leben im Rollstuhl, möglichst rasch beginnen. Ich wurde schon in Freiburg von einer sehr erfahrenen Krankengymnastin aus Langensteinbach betreut. Der Übergang war nahtlos. Hier lerne ich, im Rollstuhl zu leben und zu trainieren. Das ist eine ganz neue Erfahrung, und ich freue mich über die Fortschritte.
SPIEGEL: Wie sieht Ihr Trainingsprogramm aus?
SCHÄUBLE: Täglich ein paar Stunden Krankengymnastik und Massagen, natürlich Training der Arm- und Rückenmuskeln. Ich übe eine längere Zeit im Rollstuhl zu sitzen, zu fahren, und zwar nicht nur in der Ebene. Wir üben schon, kleine Hindernisse zu überwinden. Dazu muß man den Rollstuhl kippen. Mindestens so wichtig und zugleich schwierig sind Balance- und Atemübungen. Die Atemleistung ist ja zunächst einmal entsprechend eingeschränkt. Sie ist schon besser geworden. Ich trainiere den Kreislauf, weil durch die Lähmungen der unteren Körperbereiche der Kreislauf nicht seine gewohnte Leistungsfähigkeit behalten hat. Und wir halten die Beine beweglich für den Fall, daß die Lähmung zurückgeht.
SPIEGEL: Eine Zeitlang schien es, Sie könnten nicht einmal im Rollstuhl sitzen, sondern müßten dauernd liegen.
SCHÄUBLE: Das haben die Ärzte hier in Langensteinbach von vornherein ausgeschlossen, obwohl sie in ihren Prognosen eher zurückhaltend sind. Sie haben immer gesagt: Es wird für mich möglich sein, im Rollstuhl zu sitzen und auch im wesentlichen zu leben. Ich sitze pro Tag, notfalls in Intervallen, schon bis zu sechs Stunden im Rollstuhl.
SPIEGEL: Braucht ein rationaler Mensch wie Sie in einer solchen Situation dennoch psychiatrische Hilfe?
SCHÄUBLE: Ich habe keine psychiatrische Hilfe bekommen. Aber es ist gar keine Frage: Das ist natürlich eine Erschütterung, die Sie nicht leicht wegstecken. Der Gedanke an ein Leben im Rollstuhl birgt zwar, wenn Sie auf der Intensivstation liegen, zunächst einmal Hoffnung. Aber es bleibt natürlich ein Problem. Ich habe mich in den ersten Tagen schon mit mir und auch mit meinem Glauben intensiver beschäftigt, habe auch viel mit meiner Frau, mit meinen älteren Kindern darüber gesprochen. Ich bin aber ganz gut zu Rande gekommen. Die Anteilnahme vieler Bürger hat mir sehr geholfen. Ganz am Anfang habe ich von einer Grundschulklasse aus Westfalen einen dicken Brief bekommen. Jedes Kind hatte einen Vogel ausgeschnitten und bemalt und auf seinen Vogel seinen individuellen Wunsch für mich geschrieben. Das hat mich ungeheuer bewegt.
Im übrigen ist es auch so: Ich bin sehr beschäftigt und motiviert, im Rollstuhl zu lernen, weil ich ja auch meine politische Tätigkeit, wenn es geht und soweit es geht, fortsetzen möchte. Dadurch kann ich den Gedanken, ob die Lähmung bleibt oder nicht, ein Stück nach hinten schieben. Das ist ganz gut so.
SPIEGEL: Sie haben damals nach dem Attentat auf Oskar Lafontaine das Risiko von Politikern sehr realistisch beschrieben. Können Sie so Ihr Schicksal besser bewältigen?
SCHÄUBLE: Ganz bestimmt. Ich glaube auch nicht, daß sich diese Einschätzung in mir verändert. Es gibt keine absolute Sicherheit. Wenn ich bei einer Veranstaltung dieser Art in meinem eigenen Wahlkreis, wo man zu vielen auch persönliche Beziehungen hat, eine kugelsichere Weste anlegen muß, dann wäre dieser Preis inakzeptabel. Unsere Demokratie würde sich nachhaltig verschlechtern.
SPIEGEL: Braucht nicht gerade der Innenminister besonderen Schutz?
SCHÄUBLE: Berufskraftfahrer, Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte und Pfleger auf einer Intensivstation, sie alle leben mit einem höheren Risiko. Es mag fast ein wenig zynisch klingen: Wenn man auf die Gesamtdauer der Bundesrepublik Deutschland einmal eine Art Statistik machen würde, ist das Risiko der Politiker nicht inakzeptabel hoch. Was mich besorgt macht, ist die Gefahr von Nachahmeeffekten durch geistig verwirrte Täter. Ich vermute, daß letztlich der Anschlag auf mich eine Art Nachahmeeffekt des Attentats auf Lafontaine beinhaltet.
SPIEGEL: Welche Empfindungen haben Sie gegenüber dem Täter?
SCHÄUBLE: Keine. Ich empfinde die Tat als ein Unglück. Ich habe auch bei dem Anschlag auf Lafontaine so empfunden. Da war es ja noch signifikanter. Die Täterin hat ja noch eine Minute, bevor sie zustach, nicht gewußt, ob sie ihr Messer gegen Lafontaine oder Rau richtet.
SPIEGEL: Ist es für Sie ein Trost, daß Ihnen das Leben wiedergeschenkt ist, allerdings um den Preis der Behinderung?
SCHÄUBLE: Es wäre unehrlich, wenn ich nicht zugeben würde, daß man gerade in den ersten Tagen darüber nachdenkt, ob man ein möglicherweise so eingeschränktes Leben nun als ein halb volles oder halb leeres Glas empfinden soll. Aber das war eben genau der Weg, den ich auch innerlich gehen mußte, bei dem mir auch viele geholfen haben: zu begreifen, daß dieses Leben, auch wenn es auf Dauer eingeschränkt wäre, mit den Möglichkeiten, die es bietet, letztlich ein neues Geschenk ist. Ich habe mich entschieden, das Meine dazu beizutragen.
SPIEGEL: Sie wollen in der Politik bleiben. Der Arzt rät Ihnen dazu. Helmut Kohl ist entschlossen - Wahlsieg vorausgesetzt -, Sie wieder mit dem nicht gerade leichten Amt des Bundesinnenministers zu betrauen. Fühlen Sie sich stark genug dazu?
SCHÄUBLE: Ich habe darüber mit meinen Ärzten gesprochen. Sie sagen mir, wenn der Heilungs- oder der Rehabilitationsprozeß auch nur annähernd so vorangeht wie bisher, und dies erwarten sie, dann hätten sie überhaupt keine Zweifel, daß ich auch im Rollstuhl eine Aufgabe innerhalb der Regierung wahrnehmen könnte. Sie sagen, dies wäre auch für meine eigene Motivation im Rehabilitationsprozeß wichtig. Im übrigen meinen die Ärzte, es wäre auch für die Stellung der Behinderten in unserer Gesellschaft insgesamt ein wichtiger Schritt, wenn eben relativ bald nach einem solchen Geschehen der Betroffene seine Tätigkeit - wenn auch unter veränderten Bedingungen - weiter ausüben kann.
SPIEGEL: Politik als Therapie?
SCHÄUBLE: Ein ganz banales Beispiel: Am Anfang, wenn ich vom Bett in den Rollstuhl gesetzt wurde, hat zunächst mal mein Blutdruck negativ reagiert. Dann fand ich ein ganz einfaches Mittel: Ich bin im Rollstuhl zu meiner Sekretärin ins Nebenzimmer gefahren, habe mit ihr über ein paar laufende Geschäfte gesprochen, habe ein paar Briefe unterschrieben, ein paar Vorgänge angesehen, ein paar Telefonate geführt. Und nach wenigen Minuten bin ich zurückgekommen, und es war besser.
SPIEGEL: Sie regieren bereits wieder?
SCHÄUBLE: Nein, ich regiere nicht. Ich bin ansprechbar, wir telefonieren viel, die Staatssekretäre, die leitenden Beamten des Ministeriums, ich bin über den Fortgang der wichtigen Dinge informiert.
Wissen Sie: Man ist in der Versuchung, weil alles, was man neu trainieren, lernen muß, schmerzhaft, anstrengend, unbequem ist, zu sagen: Ich könnte auch im Bett liegen bleiben. Hat man nun Ziele, hat man auch einen Impuls, um zu sagen: Na, komm, jetzt ran. Wenn ich bisher schnell vorangekommen bin, hat es sicher auch damit zu tun, daß ich eben so rasch wie möglich wieder meine Tätigkeit aufnehmen möchte.
SPIEGEL: Sie möchten also gern das Bundesinnenministerium im vereinten Deutschland weiterführen?
SCHÄUBLE: Sie wissen, ich habe immer gesagt, und dabei möchte ich auch im Rollstuhl oder im Krankenbett bleiben: Ich rede ungern vor Wahlentscheidungen über Personalentscheidungen, die ja auch nicht ich alleine zu treffen habe. Aber richtig ist, daß ich an dem Amt durchaus Gefallen gefunden habe in den anderthalb Jahren, in denen ich Innenminister der Bundesrepublik Deutschland-Alt und -Neu sein durfte. Und richtig ist auch - und darüber habe ich auch mit dem Bundeskanzler gesprochen -, daß ich in meiner jetzigen Lage am ehesten und wohl am besten das Amt weiter versehen könnte, das ich eben bisher versehen habe. Eine neue Aufgabe wäre sicherlich kurzfristig für mich schwerer zu bewältigen.
SPIEGEL: Stellen Sie sich darauf ein, als aktiver Politiker im Rollstuhl Hoffnungsträger für Hunderttausende von Behinderten zu sein?
SCHÄUBLE: Wahrscheinlich erwarten viele Behinderte von mir, daß ich es den Nichtbehinderten zeige. Daß nämlich Behinderte durchaus mit Einschränkungen oder unter gewissen Voraussetzungen, die ich sicherlich in viel größerem Maße zur Verfügung habe als viele andere meiner Schicksalsgefährten, leistungsfähig sein können. Ich würde mich überfordert fühlen, wenn ich jetzt im einzelnen schon genau sagen sollte, wie das alles sein wird. Ich bin darauf eingestellt, daß vieles anders sein wird, als es bis zum 12. Oktober war. Ich werde mir einen anderen Rhythmus zulegen müssen, auch eine andere Arbeitsorganisation. Ich werde nicht mehr die Vielzahl von Terminen in der bisherigen Dichte bewältigen können.
SPIEGEL: Wann werden Sie zum erstenmal wieder in Bonn sein?
SCHÄUBLE: Ich hoffe, so bald wie möglich. Ich habe mir als Ziel gesetzt, an der letzten Kabinettssitzung der laufenden Legislaturperiode teilzunehmen. Wenn es keinen unvorhergesehenen Rückschlag gibt, werde ich also am 28. November im Kabinett in Bonn dabeisein.
SPIEGEL: Wenn Sie wieder zum Innenminister bestellt sind, wollen Sie ja wohl im Rollstuhl in den Bundestag fahren. Das Wasserwerk, das provisorische Parlament, ist nicht behindertengerecht gebaut.
SCHÄUBLE: Meine Vorstellung von der Rolle eines Behinderten, ob nun als Abgeordneter oder als Mitglied der Regierung, ist schon die, daß alle Beteiligten sich um ein Höchstmaß an Normalität bemühen sollten. Die PDS hat zur Zeit zwei Bundestagsabgeordnete im Rollstuhl. Auch der ehemalige Fraktionssprecher der Grünen, der Kollege Christian Schmidt, war im Rollstuhl. Auf der Regierungsbank saß meines Wissens noch niemand. Ich bin jedoch sicher, daß die Bundestagsverwaltung die Probleme im Wasserwerk lösen wird.
SPIEGEL: Für jedweden politischen Gegner ist es nicht leicht, Sie, der Sie im Rollstuhl sitzen, im politischen Alltag anzugreifen. Legen Sie Wert darauf, keinerlei Schonung zu erfahren?
SCHÄUBLE: Während der Rehabilitationsphase bemühe ich mich darum, den mir gewährten Burgfrieden nicht zu verletzen. Wer nicht angegriffen werden kann oder nur unter Schwierigkeiten, muß daraus für sich selbst ebenfalls die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Aber wenn das Ziel Normalität ist, dann ist natürlich auch die normale Auseinandersetzung im parlamentarisch-demokratischen Prozeß das Ziel. Ich möchte dann nicht irgendeine Schonung deswegen haben, weil ich dauernd oder vorübergehend behindert bin.
SPIEGEL: Wollen Sie noch im Wahlkampf auftreten?
SCHÄUBLE: Die CDU Baden-Württemberg, deren Spitzenkandidat ich bin, hat nach dem Anschlag auf mich beschlossen, den geplanten Landesparteitag abzusagen und statt dessen am 29. November in meinem Wahlkreis zu einer Großkundgebung mit Helmut Kohl und Lothar Späth einzuladen. Wenn ich es schaffe - bis jetzt sieht es danach aus -, möchte ich daran teilnehmen. Das wäre sicherlich auch für meine Freunde in meinem Wahlkreis, die ja nun diesen Wahlkampf ohne ihren Kandidaten führen mußten, eine Ermutigung und eine gute Sache. Ich denke, daß ich''s schaffen kann.
SPIEGEL: Es ist ein schmaler Pfad, der Sie an dem Vorwurf vorbeiführt, mit Mitleid Politik machen zu wollen.
SCHÄUBLE: Ich werde von dem Pfad nicht abweichen. Ich werde da keine politische Rede halten. Wenn überhaupt, werde ich ein paar Worte des Dankes für die Anteilnahme sagen. Ich möchte einfach gerne dabeisein.
SPIEGEL: Auch nach der Bundestagswahl müssen Sie noch für eine Weile hier in der Rehabilitationsklinik bleiben. Wie wollen Sie Einfluß nehmen auf die Koalitionsverhandlungen über das künftige Regierungsprogramm?
SCHÄUBLE: Wir haben das schon besprochen, auch mit der Leitung der Klinik. So, wie ich hoffe, zur nächsten Kabinettssitzung fahren zu können, so gehe ich davon aus - insofern ist das auch eine Art Probelauf -, nach dem 2. Dezember an dem, was zu gestalten und zu besprechen sein wird, teilzunehmen. Sicherlich gibt es da Einschränkungen. Aber in den Bereichen, für die ich jetzt oder nach der Regierungsneubildung zuständig bin, möchte ich meine Verantwortung, auch bei Koalitionsverhandlungen, voll wahrnehmen.
SPIEGEL: Wie lange wollen die Ärzte Sie hierbehalten?
SCHÄUBLE: Die Ärzte sagen: Je mehr wir im Zuge der Rehabilitation erreichen können, desto länger müssen Sie hierbleiben. Ich habe das so verstanden, daß ich etwa bis Ostern nächsten Jahres im wesentlichen hier sein werde, aber einen Teil der Woche nach Bonn gehe unter entsprechender Betreuung.
SPIEGEL: Bereiten Sie sich schon auf die Koalitionsverhandlungen vor?
SCHÄUBLE: Ich wäre ein miserabler Innenminister, wenn ich mich nicht vorbereiten würde in meinem Verantwortungsbereich für jene Fragen, die ab 3. Dezember eine maßgebliche Rolle spielen werden. Dazu gehören die Grundgesetzänderungen im Zusammenhang mit dem Einigungsvertrag. Dazu gehören die wichtigen Fragen, wie wir auf der Basis des neuen Ausländerrechts, das am 1. Januar in Kraft tritt, und des neuen Asylverfahrensrechts die notwendigen weiteren Schritte gehen im Sinne der von der Bundesregierung beschlossenen Flüchtlingskonzeption. Wir wollen das Problem im europäischen Rahmen in Angriff nehmen. Meine Überzeugung ist, daß es mit Grenzkontrollen allein niemals zu lösen sein wird.
SPIEGEL: Erwarten Sie Krach mit der FDP?
SCHÄUBLE: Nein. Es wird schwierige Verhandlungen im einzelnen geben. In der Koalition ist ja das von mir propagierte Prinzip nicht umstritten, daß oberstes Ziel die Beseitigung der Ursachen für die Asylantenflut in deren Heimatländern sein muß. Dabei wissen wir, dies ist nur eingeschränkt möglich. Dies können wir Deutsche nur zusammen mit anderen in Europa im Rahmen einer gemeinsamen Asylpolitik bewältigen.
SPIEGEL: Die FDP sperrt sich gegen ein europäisches Asylrecht, welches das geltende bundesdeutsche Grundrecht auf Asyl einschränkt.
SCHÄUBLE: Es wird keine wirkliche Status-quo-Minderung geben. Denn was wird denn das europäische Asylrecht sein? Es wird im Prinzip die Genfer Flüchtlingskonvention sein. Die haben alle anerkannt - wir auch. Es muß möglich sein, daß wir uns gemeinsam auf dieser Linie bewegen. Dies wird viele intensive Gespräche zwischen CDU, CSU und FDP erfordern. Aber wenn wir das in der richtigen Tonlage miteinander machen - das ist wichtig - und wenn wir wissen, daß wir gemeinsam eine Verantwortung dafür haben, daß die Bundesrepublik ein ausländerfreundliches Land bleibt, aber natürlich auch Verantwortung dafür haben, daß der innere Frieden in Deutschland erhalten bleibt, dann bin ich zuversichtlich.
SPIEGEL: Sie halten es aber für notwendig, im europäischen Rahmen vom Asylrechtsangebot des Grundgesetzes abzugehen?
SCHÄUBLE: Nur im Verfahren. Dieser verfassungsrechtliche Rechtsanspruch, der überhaupt nicht durch Verfahrensregelungen einschränkbar ist, was wir ja bei keinem anderen Grundrecht mit Ausnahme der Religionsfreiheit haben, der wird sich nach meiner Überzeugung so nicht halten lassen. Es würde ein Unding sein, daß alle anderen europäischen Mitgliedsstaaten eine etwaige negative Asylentscheidung jedes einzelnen anderen Staates anerkennen, nicht jedoch die Bundesrepublik. Hier müßte dann das Verfahren neu durchlaufen werden. Das kann nicht sein. Wir würden nicht nur das Rest-Asylland, sondern wir würden auch für die anderen Mitgliedsländer bei offenen Grenzen ein für sie schwer kalkulierbares Risiko.
SPIEGEL: Wie groß ist die Kampfbereitschaft der CDU gegen eine Volksabstimmung über eine neue Verfassung?
SCHÄUBLE: In Verfassungsfragen braucht man einen Konsens. Wer den will, muß im Rahmen seiner eigenen Positionen ein Stück bewegungsfähig sein. Ich halte eine Volksabstimmung unter bestimmten Voraussetzungen für durchaus vorstellbar, auch im Konsens mit den Sozialdemokraten. Klar muß sein, daß Änderungen der Verfassung nur möglich sind über Artikel 79 des Grundgesetzes, also mit den notwendigen verfassungsändernden und damit konsensstiftenden Mehrheiten von Bundestag und Bundesrat. Das ist mit den Sozialdemokraten heute, soweit ich sehe, nicht mehr umstritten, nachdem sie von ihrer Forderung nach einem Verfassungsrat abgerückt sind. Außerdem muß bei der Volksabstimmung über die neue Verfassung nur mit Ja oder Nein votiert werden können. Im Falle des Neins müssen wir noch eine Verfassung haben, muß das bisherige Grundgesetz weiter gelten. Das wäre sonst ein - wenn auch nur theoretisches - Risiko, das jedenfalls der Innenminister nicht verantworten könnte.
SPIEGEL: Sie möchten erst mal Innenminister bleiben, sagen Sie. Es ist kein Geheimnis, daß Sie Helmut Kohls Favorit für die Nachfolge Alfred Dreggers im Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion waren und daß dies auch Ihren Ambitionen entsprach. Stehen Sie dafür überhaupt nicht mehr zur Verfügung?
SCHÄUBLE: Nein, das kann ich nicht sagen. Aber Sie überfordern mich. Ich habe jetzt für mich klar entschieden und auch meinen Freunden mitgeteilt, es wäre jetzt eine falsche und nicht verantwortliche Entscheidung, eine ganz neue Aufgabe jetzt anzustreben. Infolgedessen stellt sich die Frage jetzt für mich nicht. Ob sie sich später einmal stellt - wer weiß, was das Leben bringt. Ich habe erfahren an dem 12. Oktober, zwischen 22 Uhr und wenigen Minuten danach, daß vieles an Überlegungen und Planungen ganz schnell anders sein kann.
SPIEGEL: In der Unionsführung wird daran gedacht, den Wahlmodus für den Fraktionsvorsitzenden abzuändern. Er soll nicht mehr gleich für vier Jahre gewählt werden, sondern erst mal für ein Jahr und dann für den Rest der Legislaturperiode. In einem Jahr stünden Ihre Chancen besser . . .
SCHÄUBLE: Ich habe von solchen Überlegungen auch gehört und habe dazu gesagt, daß ich mich daran nicht beteiligen kann. Das ist jetzt meine Sache nicht. Ich bin in der Lage, in der ich bin. Ich versuche, das Beste daraus zu machen. Ich habe eine große Anteilnahme gerade aus der Fraktion erfahren; aber ich kann mich jetzt nicht in solche Spekulationen hineinbegeben.
SPIEGEL: Herr Minister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Ehefrau Ingeborg, Redakteuren Dirk Koch und Klaus Wirtgen in seinem Krankenzimmer in Langensteinbach.
Von D. Koch und K. Wirtgen

DER SPIEGEL 48/1990
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