12.11.1990

„Da muß noch was drauf“

Groß ist die Erleichterung, daß Willy Brandt mit 175 Geiseln aus Bagdad zurückkehrte. Doch die großen Erwartungen, die er selber in seine Friedensmission gesetzt hatte, erfüllten sich nicht. Saddam Hussein trieb auch mit ihm sein böses Spiel. In Bonn löste der Teilerfolg Brandts Bedauern und Schadenfreude zugleich aus.
Durch die verhangenen Scheiben drang nur fahles Licht in den Speisesaal im 11. Stock des luxuriösen Mansur-Melia-Hotels in der irakischen Hauptstadt Bagdad. Es ließ die angespannten Gesichter der 30 Männer, zwei Frauen und drei Kinder, die dort am Donnerstag voriger Woche den SPD-Ehrenvorsitzenden Willy Brandt als ihren Retter aus irakischer Geiselhaft begrüßen wollten, noch bleicher erscheinen.
Applaus, Bravo-Rufe, Tränen, als der 76jährige gegen 14.30 Uhr hereinkam. Peter Böschhaus, ein stämmiger, rotbärtiger Kfz-Ingenieur aus der Pfalz, fiel dem Altkanzler um den Hals.
Udo Danzer, dem Sprecher der Geiseln, versagte fast die Stimme: "Wir nehmen unseren Hut ab vor Ihren Mühen, uns zu helfen, aber auch eine bessere Welt zu schaffen." Den Geschäftsführer der Daimler-Benz-Niederlassung in Kuweit hatten die Schergen des irakischen Präsidenten aus einer Wohnung gezerrt, in der er sich gemeinsam mit seinen zwölf Mitarbeitern versteckt hatte. Sechs lange Wochen war er in einem Gaswerk interniert, hoch droben im kurdischen Norden des Landes. Am Tisch saßen nur drei aus seiner alten Crew.
Was die Geiseln aus dem fernen Deutschland zu hören bekamen, hatte sie noch mehr deprimiert. Sie hätten "echt befürchtet", daß Brandts Reise "zerredet" werde, erzählte der Bochumer Martin Ritschel, der Gefangener in einem Atomforschungszentrum war: "Das hat bei uns wahnsinnige Emotionen ausgelöst."
Willy Brandts Ledergesicht nahm maskenhaft starre Züge an. So sieht er immer aus, wenn er innere Bewegung mühsam bändigt - und das fiel ihm jetzt um so schwerer. Fünf Tage lang schwankte er zwischen Euphorie und Enttäuschung.
Saddam Hussein verursachte das Wechselbad der Gefühle, weil er mehr versprochen hatte, als er halten wollte, und weil er mit seinem alten, ehrwürdigen Gast halb freundlich, halb verächtlich umging. Und die gemarterten Geiseln: Alte Bilder aus der Exilzeit kamen in ihm hoch, bekannte Brandt, als alles vorbei war - Bilder von Leidgeprüften, gequält und mißhandelt, körperlich und seelisch.
"Mir tut es leid, daß der Kreis der hier Versammelten nicht noch ein bißchen größer ist", entschuldigte sich Brandt im Mansur-Melia bei den aufgewühlten Landsleuten. Sein umjubelter Kernsatz, zugleich eine Antwort auf die Frage, ob seine Mission geglückt oder gescheitert ist: "Mir wäre es die Mühe wert gewesen, wenn sie nur einem einzelnen gegolten hätte."
Politik weniger nach Prinzipien zu betreiben als für die Menschen - das ist der Leitfaden im Leben Willy Brandts, das an Irrungen und Wirrungen nicht arm ist.
Als der Lufthansa-Airbus "Nördlingen" am Freitag abend in Frankfurt landete, brachte Brandt 175 Geiseln aus elf Ländern mit, darunter 131 der 317 Deutschen. Frauen und Kinder, die bei ihren internierten Männern und Vätern geblieben waren, kamen hinzu; sie waren von den Irakern nicht mitgezählt worden. 14 Geiseln bekamen nicht rechtzeitig für die Brandt-Maschine ihre Ausreisepapiere; sie dürfen jedoch nachkommen.
Wichtig auch: 35 jener 72 Deutschen erhielten das Ausreisevisum, die seit ihrer Verschleppung aus Kuweit als lebende Schutzschilde an strategisch wichtigen Orten eingesperrt waren. Sogar sechs Deutsche, die sich in Kuweit versteckt hatten, durften ausfliegen, ebenso wie die beiden Kuweit-Botschafter des ehemals geteilten Deutschlands samt Sekretärinnen.
Das war weniger, als Brandt und seine Begleiter gehofft hatten, aber mehr, als der Geiselnehmer-Präsident seinem Gast zunächst in Aussicht gestellt hatte. Erst wollte Saddam Hussein lediglich 100 Deutschen und 20 Ausländern den Ausflug aus dem Zweistromland gewähren. Die enttäuschende Nachricht erfuhr Brandt aus dem irakischen Staatsrundfunk. Das grenzte an schwere Demütigung.
Der Altkanzler war enttäuscht - und er zeigte es. Er kehre zwar nicht mit leeren Händen zurück, beschwerte sich Brandt bei dem Despoten in Bagdad, "aber mit einem halbleeren Flugzeug. So kann ich mich zu Hause nicht sehen lassen. Da muß noch was drauf, das müssen 50 mehr sein". Saddam sprang an: "Der Irak kann jemandem wie Ihnen eine solche Bitte nicht abschlagen."
Mit diesem Zweieinhalb-Stunden-Gespräch fand das tagelange Feilschen um Freiheit ein vorläufiges Ende. In seinen Sitzungen mit dem Führer der waffenstrotzenden Golfdiktatur sei er sich manchmal vorgekommen, als führe er "Tarifverhandlungen", seufzte Brandt.
Die undankbarste Aufgabe mußte der deutsche Botschafter in Bagdad, Richard Ellerkmann, übernehmen. Bei ihm lag die Auswahl der Deutschen, die Brandt mitnahm. Die deutsche Geiselgemeinde stellte Kriterien auf: Junge, Alte, Kranke besaßen Vorrechte.
Ein gutes Drittel der 317 Deutschen, die seit drei Monaten hilflose Objekte in einem grausamen Spiel sind, standen zur Disposition. Nun trat ein, was der Repräsentant eines deutschen Großkonzerns in Bagdad befürchtet hatte: "Wenn am Freitag hier welche zurückbleiben, wird es für einige furchtbar." 179 deutsche Geiseln sind zurückgeblieben.
Den in Hotels sistierten Geiseln - sie haben in Kuweit oder in entlegenen Regionen Iraks gearbeitet - ist es lange schon zur Qual geworden, tagtäglich durch die Lobby zu flanieren, hier ein teures Bier zu trinken, dort eine Bowlingkugel zu schieben oder eine Partie Tennis zu spielen. Schrecklich die aufgezwungene Untätigkeit, schrecklicher noch die Ungewißheit über die Zukunft.
Andere leben in ihrer Stadtwohnung in Bagdad. Sie laden ihre Leidensgenossen aus den Hotels gelegentlich zu Billard oder Skat zu sich nach Hause. Solidarität tut gut, aber die Suche nach Abwechslung ist durch und durch verzweifelt: Wohl 50 Geiseln seien, so berichtet einer, der sich bislang allein durch penible Abwicklung seines früheren Irak-Jobs vor Schwermut zu schützen vermochte, "psychisch schwer angeschlagen". In der ehemaligen DDR-Botschaft in Bagdad hält ein reaktivierter Arzt des Bonner Auswärtigen Amtes, Dietrich Karow, 66, täglich Sprechstunde. Patienten aller Nationen kommen zu ihm.
Gemessen an Brandts eigenen Erwartungen bewegte sich in Bagdad allenfalls etwas "in die Richtung des Halben". Das "Ganze" wäre gewesen, wenn insgesamt 500 Geiseln - alle Deutschen plus Angehörige anderer Staaten - aus Saddams Fängen freigekommen wären. Außerdem wollte Brandt herausfinden, und darauf konzentrierte er sich beim ersten Treffen, ob der irakische Kriegstreiber geneigt sei, "über Alternativen zu einer militärischen Auseinandersetzung nachzudenken".
Auf dem Teppich seines Amtszimmers hatte der Präsident eine Karte des Irak ausgebreitet. Immer wieder deutete er auf das neuralgische Gebiet, um dessentwillen er Kuweit annektiert hat: den Zugang zum Golf, bis 2. August von Kuweit kontrolliert.
"Was war schon Kuweit?" rief Saddam Hussein, "ein Nichts!" Eine Tonlage, ganz nach dem Geschmack seiner Gefolgsleute in Uniform, die nebeneinander auf einem Sofa saßen: Vize-Ministerpräsident Taha Jassin Ramadan, Außenminister Tarik Asis, Informationsminister Latif Nassif el-Dschassim. Sogar zum Gang zur Toilette meldeten sie sich militärisch stramm ab.
Zwei Stunden schon saßen sich Willy Brandt und der Iraker gegenüber, als der Deutsche zum erstenmal das Stichwort "Ausländer, die gegen ihren Willen festgehalten werden" nannte. Der Präsident fiel ihm sofort ins Wort: Er zolle seinem Gast "großen Respekt" und sei "dankbar für den Besuch". Und dann kam der Satz, der Brandt und seinen Begleitern, Büroleiter Klaus Lindenberg und SPD-Europa-Abgeordneter Dieter Schinzel, wie eine Erlösung vorkam: "Wir werden Ihnen in einer Weise antworten, die Ihre Reise zu einem großen Erfolg werden läßt, sowohl in humanitärer als auch in politischer Hinsicht. Machen Sie sich keine Sorgen."
In diesem Augenblick schien die große Lösung greifbar nahe, vielleicht sogar der Anfang vom Ende des ganzen Geiseldramas. Außer den 317 Deutschen machte der Menschenhändler in Bagdad 1350 Briten, 32 Belgier, 38 Dänen, 14 Griechen, 260 Iren, 153 Niederländer, 10 Portugiesen, 285 Italiener, 174 Japaner, 40 Kanadier und 109 Amerikaner im Irak oder in Kuweit zu seinem Spielball (siehe Kasten Seite 22). Die Sache schien bestens zu laufen.
Als sich Brandt der Presse im Hotel El-Raschid stellte, war er bemüht, seinem Optimismus nicht freien Lauf zu lassen, vor allem mit Rücksicht auf die das erlösende Signal erwartenden ausländischen Geiseln.
In seiner vorsichtigen, eher dämpfenden Art gab Brandt den Stand der Dinge wieder: Ihm sei "bedeutet worden, daß es einen deutlichen Schritt in Verbindung mit meinem Besuch geben würde". Genaueres werde er noch erfahren, aber: "Ich werde mit Sicherheit nicht alleine zurückreisen."
Zwar machte Brandt auch kritische Andeutungen über seinen Gastgeber, über dessen "Maßnahme", die zum "Festhalten von Ausländern geführt hat und zum Anbringen von Geiseln an oder in Installationen unterschiedlichster Art". Doch zugleich, als sei Saddam der Adressat der Worte, charakterisierte er den Präsidenten, in gebotenem Wohlwollen: "Der Mann selbst beeindruckt. Der weiß gut Bescheid. Das wäre ja auch noch schöner."
Als ahne er Unheil, fügte er hinzu: "Ich hoffe nicht, in die Lage zu kommen, daß ich meinerseits um ein weiteres Gespräch bitten muß." Da spielte er noch mit dem Gedanken, eine zweite Maschine für die vielen Heimkehrer nach Bagdad zu beordern.
Wie er sich derart verschätzen konnte, darüber grübelten Brandt und seine Begleiter, auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt von Saddam Hussein.
Informationsminister Dschassim interpretierte die Entscheidung seines obersten Herrn mit aller Schärfe: Mehr sei nicht drin, mehr als 120 "Gäste" dürften nicht ausreisen. Die Anordnung des Präsidenten sei "eine großzügige Geste, die den Friedenswillen des irakischen Volkes" unterstreiche. Bagdad sei "keineswegs darauf erpicht, die Gäste zu Racheobjekten" zu machen. Sie dienten der "Sache des Friedens", hätten den Krieg hinausgezögert. Sie müßten bleiben, "solange Kriegsgefahr besteht". Demgegenüber habe "die Reise von Herrn Willy Brandt den Friedensprozeß leider nicht vorangetrieben".
Was war passiert? Hatte man die zahlreichen versteckten Hinweise auf die Freilassung aller "Friedensgäste" (O-Ton Dschassim) überbewertet? Hatte sich Brandt benutzen lassen oder hatte er seinen Ruf in der Welt einfach überschätzt?
Als eigene Fehlleistung fiel Brandt nur ein Lapsus ein: In Stegreifantworten auf Journalistenfragen hatte er die Geiseln zweimal "Geiseln" genannt und nicht, wie es die Bagdader Sprachregelung gebietet, als "Gäste des Iraks" apostrophiert.
"Vielleicht tun wir uns einfach mit der arabischen Mentalität schwer", sinnierte ein Mitglied der übernächtigten Brandt-Begleittruppe. An das Naheliegende mochte niemand so recht denken - daß Saddam nun auch mit Brandt sein böses Spiel trieb. Man tröstete sich, daß der Friedensnobelpreisträger immerhin mehr Geiseln loseisen würde als alle Bagdad-Besucher vor ihm. War das etwa nichts?
Völlig konsterniert zeigte sich Brandt über die Behauptung der Iraker, daß seine Mission zum Frieden nichts beitrage. Wie er sich eine Entspannungspolitik für den Nahen und Mittleren Osten vorstellt, hatte er Vize-Ministerpräsident Ramadan und Außenminister Asis auseinandergesetzt, die beide das Ohr ihres Präsidenten haben.
Brandt schwebt eine Art "KSZE auf arabisch" vor. Sie soll die ganze Region befrieden und sich auch des Palästinenserproblems annehmen. Der Friedensmissionar suchte die Iraker für ein Denkmodell zu erwärmen, dem auch PLO-Chef Jassir Arafat - den Brandt nicht ganz zufällig in Bagdad traf - anhängt: "Ein Stück der alten Autorität" sollte "nach Kuweit zurückkehren"; allerdings müßte Saddam Hussein "ein Stück irakischer Partizipation" bekommen. Und zum Zwecke der Befriedung könnte denn eine "dritte Autorität" eingreifen - "egal, ob es die UN ist oder eine arabische-transitorische Regelung".
Voraussetzung für alles laut Brandt: Die Kuweiter müßten per Plebiszit bestimmen dürfen, "wie sie in Zukunft regiert werden wollen". Den Irakern stehe der Zugang zum Golf zu, wenigstens Nutzungsrechte für die beiden unbewohnten Inseln Warba und Bubijan. Für jahrelanges Abpumpen des auf der irakisch-kuweitischen Grenze liegenden Ölfeldes Rumaila sollten die Kuweiter einen Ausgleich zahlen. Ein Ölkonsortium der arabischen Anrainer könnte künftig Dumpingpreise einzelner Emirate und damit Verluste der großen Anbieter am Golf verhindern. Die Iraker behaupten, daß sie allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres Verluste im Werte von 14 Milliarden Dollar hätten hinnehmen müssen.
"Saddam el-Arab", Saddam der Araber, der sich in der jüngsten Farbposter-Serie des Informationsministeriums als "Held des Sieges und des Friedens" anpreist, der Minister, Generale und religiöse Würdenträger nach Lust und Laune befördert, absetzt oder hinter Schloß und Riegel bringt, hörte sich an, was ihm Brandt auf Englisch vortrug.
Saddam monologisierte eine Stunde lang über Bagdad gestern, heute und morgen, über die ökonomischen Aussichten des Landes, über die unmoralischen Scheichs der Vereinigten Arabischen Emirate, die Frauen an ihre Gäste und Minister verteilten. Keine große Neigung, zum Eigentlichen zu kommen.
Brandt versuchte, seinen abschweifenden Gastgeber festzunageln. Er insistierte, daß die größten Gegensätze durch behutsames, emotionsarmes, auf Ausgleich bedachtes Handeln aufgelöst werden könnten und sich heute eine vorteilhaftere friedliche Lösung für die Gegner von gestern finden lasse. Saddam machte sich Notizen. Er gab sich den Anschein, als sehe er die im KSZE-Zyklus gekrönte Ostpolitik als Vorbild für die kriegsgefährdete Erdölregion.
Der unberechenbare Gastgeber zeigte sogar so etwas wie späten Realismus. Indirekt gab er ein Fehlkalkül mit den Geiseln zu: Tatsächlich seien die keine Schutzschilde. Einmal zum Krieg entschlossen, werde der amerikanische Präsident keine Rücksicht auf sie nehmen können. Er dürfe die Geiseln, behauptete Saddam, jedoch nicht freiwillig freigeben, weil Armee und öffentliche Meinung im Irak das Signal falsch verstünden - als sei die Kriegsgefahr gebannt.
Völlig kompromißlos war der irakische Herrscher in Sachen Kuweit. Nach einem Exkurs über die ungerechte Verteilung von Reichtum und Erdöl unter den Menschen arabischer Zunge lehnte es der selbsternannte "Führer der arabischen Volksmassen" rundheraus ab, über den Abzug seiner Besatzungstruppen auch nur zu reden. Territorialer Kompromiß, Wiedergutmachungszahlungen für "gestohlenes" Irak-Öl, Volksbefragung in dem von der Landkarte gelöschten Araberstaat - all das wischte er vom Tisch; kein Thema.
Keine politische Botschaft, geschweige denn eine Bitte um Vermittlung, weder an die Bundesregierung noch an die Vereinten Nationen, deren Generalsekretär Perez de Cuellar Brandt gute Wünsche auf den Weg gegeben hatte. Saddam, so mußte die Delegation aus Bonn einsehen, rüstet immer mehr für den Eventualfall, den Krieg. Noch sind ihm die Geiseln eine schwache Gewähr dafür, daß Amerika nicht losschlägt.
An dieser perfiden Logik zerschellen alle Friedenspläne, die Brandt und andere Elder Statesmen in Bagdad zu Gehör bringen. Der Lohn für die Anstrengung, die sie auf sich nehmen, besteht in den Geiseln, die sie losbekommen, sobald sie vorstellig geworden sind. Und damit wird im Geiselbasar von Bagdad weiter Handel getrieben. Wer sich Illusionen hingibt, und Brandt war nicht frei davon, muß sich im Präsidentenpalast ernüchtern lassen.
Je länger Brandt in Bagdad war, desto mehr verschob sich die Priorität zwangsläufig von der Friedensmission auf die Befreiung möglichst vieler Geiseln. Fast eine Pointe, daß er am Ende wieder Einklang mit der Bundesregierung fand, die seine Reise in arge Verlegenheit gestürzt hatte.
Die Bonner waren vor der Abreise des Altkanzlers in der Bredouille: Distanzierte sich die Regierung von Brandts humanitärer Aktion, handelte sie sich zusätzlich zur Empörung der Geiseln und ihrer Angehörigen auch noch Unverständnis in der Öffentlichkeit ein. Solidarisierte sie sich aber mit der Mission, geriet sie in Widerspruch zu den Beschlüssen der EG-Außenminister zur Golfkrise.
Die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft hatten Ende Oktober ihre "Entschlossenheit" bekräftigt, "keine Vertreter ihrer Regierungen, in welcher Eigenschaft auch immer, zu Verhandlungen zu entsenden und anderen davon abzuraten". Kohl, war im nachhinein zu hören, habe auf Entschiedenheit gedrängt, und zwar mit Hinweis auf Brandts Ambitionen; eine harsche Resolution werde ihn am ehesten von seiner Absicht abbringen. Da konnten die Deutschen schlecht gleich wieder aus der heraufbeschworenen Solidarität ausbrechen.
So kam es, daß der Kanzler Ende Oktober übers Fernsehen wissen ließ, er halte "nichts" von Brandts Extratour. Es sei höchst ungeschickt, urteilte Hans-Dietrich Genscher, einen stolzen Mann wie Brandt durch solche Unbedachtheit zu verletzen. Der Außenminister fühlte sich außerdem durch Kohls Festlegung übergangen.
Bei allem Respekt vor EG-Kommuniques hatte Genscher ausgeklügelt, daß die harte bündnistreue Position nur mühsam durchzuhalten sei. Nach den Buchstaben des Papiers sollten die Regierungen zwar auch Privatpersonen davon abraten, nach Bagdad zu reisen, aber nur wenn sie "zu Verhandlungen" aufbrächen, was Brandt nicht beanspruchte. Selbst die Amerikaner, beteuerte Genscher, hätten keinen ernsthaften Widerstand geleistet.
Kohl aber blieb bei seiner Ablehnung. Mißmutig ließ er verlauten, die Bundesregierung "toleriere" die Reise, "unterstütze" sie jedoch nicht. Bis zuletzt setzte er einige Hebel in Bewegung, um Brandt zurückzuhalten oder ihm wenigstens Begleitung zu verschaffen.
Er rief beim SPD-Ehrenvorsitzenden zu Hause in Unkel an: "Kollege Brandt" möge doch bedenken, daß es besser wäre, wenn im Irak nicht nur ein Sozialdemokrat aufträte, sondern "alle politischen Familien" vertreten seien. Da der italienische Christdemokrat Emilio Colombo verhindert war, diente Kohl Brandt den Venezolaner Eduardo Fernandez sowie den belgischen Liberalen Willy de Clercq an. Brandt: Der Venezolaner habe seinem Bonner Büro mitgeteilt, er wisse gar nicht, was er in Bagdad ausrichten solle; und der Belgier, ein ausgewiesener Israel-Sympathisant, hätte kein irakisches Visum gekriegt.
Da begann Kohl zu feilschen. Er sei doch Brandt entgegengekommen: "Ich stelle das Flugzeug." Der Sozi fuchtig: Wenn die Regierung den Flug nicht bezahlen wolle, seien deutsche Unternehmen sofort bereit, ihre Geiseln auf Firmenkosten auszufliegen. Aber er habe doch auch für eine Million Mark Medikamente bereitgestellt, setzte Kohl nach. Brandt: "Ich bin es leid, Herr Bundeskanzler." Und legte auf.
Wegen der Causa Brandt wurde prompt ein EG-Sondertreffen von den Außenministern Belgiens und der Niederlande anberaumt: Reisen von Elder Statesmen zu Saddam Hussein, lautete der Vorwurf, verletzten vielleicht nicht den Buchstaben, aber doch den Geist der EG-Erklärung zur Golfkrise.
Der deutsche Außenminister ließ keine Kritik an Brandt aufkommen. Die Franzosen hätten, erzählten Teilnehmer des EG-Treffens in Rom, mit "schlechtem Gewissen dabeigesessen", weil ihr ehemaliger Außenminister Claude Cheysson selbst heimliche Verhandlungen mit dem Geiselschacherer geführt hatte. Er könne "viele Namen nennen aus praktisch allen Ländern", verteidigte Genscher Brandts Mission; der habe sich "völlig im Rahmen der Entschließung des Europäischen Rats" gehalten. Da einem Uno-Sonderbeauftragten die Einreise in den Irak verwehrt werde, sei es "notwendig", nach anderen Möglichkeiten zu suchen.
Als das Ergebnis des Bagdad-Ausflugs weit hinter den Erwartungen zurückblieb, war bei den Bonnern außer Bedauern auch Schadenfreude zu spüren.
Mit gemischten Gefühlen hatten sich die Wahlstrategen der Union auf das Schlimmste eingestellt: daß Brandt mit ein oder gar zwei Jumbos befreiter Geiseln im Triumphzug in Frankfurt eintreffen könnte. Dafür gab es schon eine Sprachregelung. Auch das weitere Vorgehen war vorbereitet.
Den Verbündeten, vor allem den USA, sei Bündnistreue demonstriert worden, so sollte es in der Union heißen, weil die Regierung sich ja bis zuletzt dem Unternehmen widersetzte hatte. Beim Empfang der Geiseln sollte ein Vertreter der Bundesregierung seine große Freude über die Heimkehr der Gefangenen aus dem Irak zum Ausdruck bringen.
Im Auswärtigen Amt hingegen wird jetzt Solidarität mit Brandt gefordert: Saddam habe seinen Gast kaltblütig "als Figur im Schachbrettspiel" benutzt.
"Verhoben" habe sich der Emissär allerdings mit seiner Vorstellung, er könne mit dem Diktator über Friedenspläne reden, meinen die AA-Profis. Nach den Botschaft-Telegrammen aus Bagdad ist er mit diesen Ideen "voll auf Granit" gestoßen. Aber im Umgang mit solchen Gewaltherrschern, so das Fazit, könne es "keiner richtig machen".
Genscher war lange in Versuchung, selbst die Befreierrolle zu übernehmen. Der Außenminister hatte schon eine Zusage, er könne - unter bestimmten Bedingungen - Geiseln herausholen.
Inzwischen ist die Offerte noch verlockender geworden. Genscher brauche nur zu kommen, dann könne er alle mitnehmen, ließ Saddam Hussein den Bonner Minister wissen.

DER SPIEGEL 46/1990
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