12.11.1990

Sterben für Kuweit?

Was Willy Brandt in Bagdad aus- oder angerichtet hat, muß das Weiße Haus erbittern. Man darf getrost unterstellen, daß er nicht, jedenfalls nicht vorrangig, Wahlkampf für seine Partei treiben wollte. Er ist kein Schlurf wie der immer noch zu Recht boykottierte Kurt Waldheim und kein japanischer Korruptionär wie Yasuhiro Nakasone, diese Karikatur eines Samurai.
Gerade Brandts Format hat seine Mission so heikel gemacht. Daß die Franzosen im Hinterzimmer Billard spielen würden, verstand sich von selbst, ebenso der gegen die Lady gerichtete Bittgang ihres Erzgegners Ted Heath. Nun aber auch noch der weltweit geachtete Friedensnobelpreisträger Willy Brandt?
Staatsmännisches Format müßte man ihm bescheinigen, wenn er außer den Geiseln etwas anderes mit nach Hause bringen würde: Ideen nämlich, wie ein blutiger Krieg mit unabsehbaren Folgen in letzter Minute zu vermeiden wäre, ein Krieg, der das Vielfache an Opfern fordern würde, wie Geiseln im Irak festgehalten werden - von der Destabilisierung der gesamten Region ganz abgesehen, die schon jetzt nicht gerade zu den stabilsten zählt.
Hier hat der SPD-Ehrenvorsitzende in der Tat als Privatmann gehandelt und handeln müssen. Sein Dilemma war ihm wohl klar: Würde er alle deutschen Geiseln nach Hause holen, wäre das für sie und ihre Angehörigen zwar ein Geschenk Gottes, für die Diplomatie der Bundesrepublik aber verheerend. Daß er sich über das Ergebnis seiner Mission und über die wenig würdige Behandlung durch die Saddamiten offen enttäuscht zeigte, kann nur verwundern.
Er traf schließlich auf keinen Sadat, der ihm allenfalls ins Portemonnaie geguckt hätte. Er traf auch auf keinen Nasser. Er traf auf einen Mann, der die Ermordung eines seiner Vorgänger, des Diktators Abd el-Karim Kassim, in einem Film nachstellen ließ, nur um (fälschlich) glauben zu machen, er persönlich hätte ihn erschossen. Der Mann ist gerissen und skrupellos. Von einem seines Kalibers darf man sich nicht beleidigen lassen, wenn man sich denn schon auf das Abenteuer einlassen muß, mit ihm zu verhandeln.
Da Solidarität selten gefragt ist, wenn es um Geiseln geht - siehe USA, Japan, Italien, England, Frankreich, Israel -, könnte Brandt mit dem Ergebnis seiner Reise eigentlich zufrieden sein, gleichgültig, was Saddams Bonner Taschenspieler ihm vorgegaukelt haben mögen. Es sei denn, er hätte Höheres im Sinn gehabt, Sondierung etwa oder gar Vermittlung. Und hier wird die Angelegenheit noch zwiespältiger.
Hätte man Nasser 1967 gesagt, er werde sich mit seinen Provokationen den Sechstagekrieg auf den Hals ziehen, er hätte wohl zum Rückzug geblasen. Auch dieser von der Erscheinung her sympathische Mann war ein Traumtänzer, und Giftgas hat er im Jemen auch versprüht, wie Saddam bei seinen Kurden.
Glaubt man, durch einen Krieg das Öl des Vorderen Orients in die Hände des Westens zu bekommen, ein "neues System" (US-Außenminister James Baker) zu schaffen? Soll Saddams Tod, der Zusammenbruch des Irak, die Zerstörung seines Rüstungspotentials das Ende der orientalischen Fährnisse herbeiführen? Wie kann man das auch nur für möglich halten? Das ist doch nun wieder westliche Traumtänzerei a la John Foster Dulles.
Immer noch gilt das Wort des französischen Prokonsuls in Marokko von 1912 bis 1926, des Marschalls Louis Lyautey: "Es ist ein Tambour im Orient, und wenn er die Trommel rührt, hört man den Schlag vom Atlas bis zum Hindukusch."
Ist Saddam ein zweiter Hitler, so hat es keinen Sinn, ihm einen Ausweg zu eröffnen. Ist er es aber nicht, dann sind Bemühungen in diese Richtung durchaus geboten.
Die Amerikaner sind dafür ungeeignet. Ihre Diplomatie hat sich vor der Krise durch "appeasement" und nach dem Überfall auf Kuweit durch zwiespältige Reaktionen ("Enthauptungsschlag") ausgezeichnet. Uno-Generalsekretär Perez de Cuellar versteht die Sache sicher, aber er ist nicht unabhängig. Die Deutschen wären neben den Italienern am ehesten geeignet zu sondieren, doch die Italiener haben keinen Privatmann wie den Außenpolitiker Willy Brandt.
Das Ganze ist ein widerwärtiges Geschäft. Aber selbst wenn der Alt-Bundeskanzler ohne neue Erkenntnisse aus Bagdad hätte zurückkehren müssen, wäre das keine Blamage. Alles mußte, alles muß versucht werden.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 46/1990
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