23.09.1991

Die Deutschen abseits?

Jugoslawien ist ein Ergebnis des Zusammenbruchs des Vielvölkerstaates Österreich/Ungarn im Jahre 1918, eines kolonialen Zusammenbruchs gewissermaßen. Wie Serbien im Sommer 1914, ohne Bewußtsein, durch das Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg auslöste, so hält es jetzt die Welt in Atem durch seine sehr bewußte Politik gegen die anderen Völker des durch den Kommunismus Titoscher Prägung noch zusammengehaltenen Staates.
Man fragt sich, was wir Deutschen damit zu tun haben, wenn die Serben auf die Kroaten eindreschen. Die "Völker" der Basken, der Iren, der Korsen, ja selbst der Südtiroler gehen uns ebensowenig an.
Daß Frankreich uns verdächtigt, die Kroaten zu begünstigen, versteht sich beinahe von selbst. Man glaubt in Paris ja nach wie vor, wir wollten die Bahn nach Bagdad noch einmal bauen.
Blumentöpfe sind aber in dieser verrotteten Gegend Europas nicht mehr zu gewinnen. Wir haben andere Sorgen. Um eine "südosteuropäische Einflußzone" (Mitterrand) können wir uns aus einleuchtenden Gründen nicht bemühen. Diese sind übrigens nicht nur - aber auch - "historischer Natur" (Kohl).
Noch nicht einmal an einer "Friedenstruppe" könnten wir uns beteiligen, was immer man darunter verstehen soll (der römische Papst kann sich da anders äußern). Eigentlich geht es die übrigen Europäer wenig an, wenn die Bürgerkriegsparteien in Jugoslawien sich gegenseitig die Köpfe einschlagen.
Seit wann sind Bürgerkriege in Europa verboten? Seit es das Fernsehen gibt. Eine "Pufferzone" und eine "Friedenstruppe" sollen helfen, die streitenden Parteien zu trennen. Aber wie? Sie haben bisher so gut wie nie geholfen. Wir können froh sein, daß wir nicht nur aus historischen, sondern auch aus verfassungsrechtlichen Gründen von derartigen Unternehmen ausgeschlossen sind.
Wir haben uns ohnedies schon zu weit aus dem Fenster gelehnt, indem wir als Tambourmajor an der Spitze marschierten, als gelte es, Slowenien und Kroatien zu eigenständigen Staaten zu machen. Slowenen und Kroaten sind aber keine "Völker", sondern Volksgruppen, die sich, zuletzt noch einmal 1974, als Republiken zu einem föderativen Gebilde zusammengeschlossen haben. Die Amtssprache ist in Serbien nicht Serbisch und in Kroatien nicht Kroatisch, sondern in beiden Landesteilen Serbokroatisch.
Welches sind die "historischen Gründe", die uns Deutsche an einem noch so armseligen Eingreifen hindern? Diese: Als Hitler 1941 die autoritäre Regierung Jugoslawiens bewogen hatte, dem Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan beizutreten, wurde die Belgrader Regierung Cvetkovic durch einen Militärputsch gestürzt.
Hitler befahl die "Operation Bestrafung". Hatten bis dahin die Serben als stärkste Volksgruppe, orthodoxen Glaubens übrigens, ihren Führungsanspruch durchsetzen können, so ließ Hitler jetzt einen katholischkroatischen Staat entstehen, der von der faschistischen Ustascha unter ihrem "Poglavnik" Ante Pavelic geführt wurde.
Dieser "Führer", von Hitler besonders geschätzt, entkam 1945 nach Argentinien. Zurück ließ er ein Land, in dem es kaum noch Juden gab, und durch das bestialische Wüten seiner Ustascha gegen die serbische Minderheit ein serbisches Trauma. Was wir nicht verstehen (und was bei uns seit Jahrhunderten nicht möglich war), hat mit dem balkanischen Streit zwischen katholischen Kroaten und orthodoxen Serben zu tun. Die Serben waren stets in der Mehrheit und konnten deshalb ihre Ansprüche besser durchsetzen.
Wenn Europa sich einbildet, es könnte in diesen Konflikt vermittelnd eingreifen, denkt es an den Gegebenheiten vorbei. Es wäre das erste Mal, daß eine "Friedenstruppe" in einem nicht erklärten Krieg zwischen Bürgerkriegsparteien Frieden gestiftet hätte. Auch sie müßte Gewalt anwenden. Ohne die Bereitschaft dazu kann sie wenig oder nichts ausrichten.
Hätte Deutschland unter Hitler nicht seine ganze Umgebung mit Terror überzogen, müßte man nicht befürchten, daß es sich unter Berufung auf das Grundgesetz sinnvollen kriegerischen Institutionen entziehen würde. Freilich, auch wir müssen wie andere die nationale Vernunft zu Rate ziehen.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 39/1991
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