19.02.1990

AtomtransporteNeue Fassade

Tausende von Nuklearfrachten werden jährlich durch die Bundesrepublik kutschiert. Viele der gefährlichen Transporte sind unnötig.
Zunächst stellten die Aktivisten der Umweltschutzorganisation "Robin Wood" einen Doppeldeckerbus quer auf das Bahngleis. Dann errichteten sie ein fünf Meter hohes Indianerzelt auf den Schienen.
Mit dem Wigwam blockierten die Umweltschützer ein Gefahrgut besonderer Art: abgebrannte Brennelemente aus dem schleswig-holsteinischen Kernkraftwerk Krümmel bei Geesthacht, die zur atomaren Wiederaufarbeitung ins französische La Hague rollen sollten.
Als Robin Wood (Eigenbezeichnung: "Rächer der Entlaubten") nach sieben Tagen, am Montag vergangener Woche, die Sperrung des Schienenstrangs an der Oberelbe beendete, verbuchten die Atomkraftgegner doppelten Erfolg: Auf dem maroden Gleis bei Geesthacht, an dem viele Schrauben locker sitzen, Schwellen vermodern und die Spurbreite vorschriftswidrig schwankt, ist auf Weisung der Kieler SPD-Landesregierung vorerst jeglicher Verkehr gestoppt.
Das Spektakel auf den Schienen - vergangenen Montag durch eine Protestaktion im Hamburger Hauptbahnhof unterstützt, mit der ein Atomtransport aus Brunsbüttel verhindert wurde - machte ein bislang wenig beachtetes nukleares Risiko öffentlich: das gewaltige Gefahrenpotential der vielen radioaktiven Frachten, die Tag für Tag durch Westdeutschland gekarrt werden.
Insgesamt 2022 Fuhren von Kernbrennstoffen sind 1989 laut Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) kreuz und quer durchs Land kutschiert worden, auf Schienenwegen, Land- und Wasserstraßen. Dazu kommen noch einige tausend Ladungen anderer radioaktiver Stoffe, etwa Strahlenschrott aus Labors und Krankenhäusern.
Allein durch die Millionenstadt Hamburg donnerten 1989 mehr als 100 Atomtransporte - teils durch dichtbesiedelte Wohngebiete, vorbei an Schulen und Betrieben. Zwar ist die gefährliche Fracht in Spezialbehälter verpackt, doch absolute Sicherheit ist damit nicht garantiert. "Eine Katastrophe ist nicht wahrscheinlich", sagt Hamburgs Umweltsenator Jörg Kuhbier (SPD), "aber möglich. Die Folgen wären unvorstellbar."
Daß die Transporteure mit nuklearen Ladungen mitunter leichtfertig umgehen, hält Kuhbier für erwiesen. Erst vor drei Jahren war eine beispiellose Affäre um die Hanauer Atomspedition Transnuklear aufgeflogen. Das Unternehmen hatte mit Schmiergeldzuwendungen in Millionenhöhe Kunden geködert und jahrelang rechtswidrig Atomtransporte quer durch Europa gelenkt.
Minister Töpfer ordnete zwar das atomare Transportwesen neu und lud der Bundesbahn die heiße Fracht auf. Doch auch bei der Bahntochter Nuclear Cargo + Service (NCS), die das strahlende Geschäft nun betreibt, hat sich, wie staatliche Prüfer herausfanden, längst wieder gefährliche Laxheit eingestellt (SPIEGEL 3/1990): Da wurden etwa atomare Frachten ohne Genehmigung transportiert, und auch Manager der Affären-Firma Transnuklear mischen wieder mit, diesmal als Angestellte der NCS. "Die unternehmerische Führung entpuppt sich so", urteilt Kuhbier, "als neue Fassade der alten Skandalbetriebe."
Die Firma NCS "war kaum in das Geschäft eingestiegen", weiß der Senator, "da mußte Hamburg schon ein Ordnungswidrigkeitsverfahren einleiten, weil wesentlich gegen die Beförderungsgenehmigung verstoßen worden war". In fünf Fällen habe die NCS vergangenes Jahr ihre Meldepflichten nicht korrekt erfüllt, moniert auch Töpfer.
Einen Teil ihres staatlichen Frachtauftrags läßt die Bundesbahn von einer privaten Spedition und einem privaten Reeder erledigen. So schippert der Frachter "MS Godewind" (999 Bruttoregistertonnen) mehrfach im Jahr Nukleargut etwa zwischen Hamburg und Schweden hin und her.
Als im vergangenen November Atomgegner im Hamburger Hafen zum wiederholten Mal einen "Godewind"-Transport zu verhindern suchten, mußte die Hansestadt mehr als hundert Polizisten einsetzen, um die Fracht sicher an Bord bringen zu lassen. "Dieser Aufwand", empört sich Kuhbier, habe einem privaten Transport im "Gesamtwert von unter 10 000 Mark" gegolten.
Gegen den Kapitän des Atomfrachters und dessen Reeder hat Hamburg kürzlich Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet, "weil gegen verschiedene Nebenbestimmungen der Beförderungsgenehmigung verstoßen wurde" (Kuhbier). Nun liegen dem Senator "sogar Anhaltspunkte vor", die "den Verdacht einer Straftat begründen".
Besonders ärgert den Hamburger Sozialdemokraten, daß Töpfer seine Ankündigung nicht eingelöst hat, die radioaktive Reiserei und damit das Risiko für die Bevölkerung drastisch einzuschränken. "Nach wie vor finden aus wirtschaftlichen Gründen Transporte strahlender Güter statt", klagt Kuhbier, "die vermeidbar wären." So wurden *___vergangenes Jahr 17mal unbestrahlte Brennelemente von ____den Siemens-Werken in Hanau nach Skandinavien ____geliefert, während im selben Zeitraum ebensolche ____Brennstäbe von Asea Brown Boveri Atom im schwedischen ____Västeras zum baden-württembergischen Kernkraftwerk ____Philippsburg rollten; *___14 Frachten radioaktives Urandioxidpulver aus Schweden ____über den Hamburger Hafen nach Hanau gekarrt, während in ____Hanau der gleiche Stoff aus Uranhexafluorid gewonnen ____und von dort regelmäßig über das französische Le Havre ____nach Japan und Korea exportiert wird; *___zahlreiche Ladungen Uranhexafluorid in der Sowjetunion ____angereichert ____und quer durch Europa kutschiert, obwohl die drei ____Anlagen der Firma Urenco im westfälischen Gronau, im ____holländischen Almelo und im britischen Marlow die ____gleichen Produkte herstellen, unmittelbar in der Nähe ____von Weiterverarbeitungsfabriken.
Welche Risiken mit dem unsinnigen Nukleartourismus verbunden sind, wird betroffenen Bürgern und Politikern verheimlicht. Als das Land Hamburg sich über die Gefahren der Atomtransporte kundig machen wollte und ein Fachgutachten in Auftrag gab, verweigerten Bundesbahn und Bundesverkehrsminister die Hergabe der notwendigen Daten. "Das ist Informationspolitik nach Gutsherrenart", urteilt Kuhbier, "und hat mit vertrauensbildender Transparenz nichts gemein."
So erfuhr die Hamburger Umweltbehörde erst durch die Medien von einer Güterzug-Explosion nahe dem Stadtteilbahnhof Nettelburg. Dort war ein Waggon, gefüllt mit Benzin, in die Luft geflogen und ausgebrannt.
Der Unfall hatte sich exakt auf einem Gleisstück ereignet, auf dem regelmäßig Güterzüge aus dem Kernkraftwerk Krümmel halten müssen - vollbepackt mit hochradioaktiven Brennelementen. f

DER SPIEGEL 8/1990
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