26.02.1990

„Manches machen wir besser“

Omi, sag mir mal ehrlich, der Erich Honecker, ist der ein Verbrecher?" Der Omi "drehte sich das Herz um", wie sie empfand, denn der kleine Junge liebte den "Onkel Erich" mit seinem feinziselierten Gesicht als Personifizierung alles Guten, und sie nahm ihren Enkel fest in den Arm, als sie ihm "ja sagen mußte, ja, der hat uns betrogen, der hat uns belogen".
In der Phantasiewelt unzähliger Kinder der DDR stürzte ein großer Held. Das Drama ihres Enkels ist ein kollektives Drama, so weiß diese in Pädagogik promovierte Omi nur zu genau: Brigitte Küchler ist im Ost-Berliner Gesundheitsministerium die höchste Instanz für die Kinderkrippen der DDR.
Nach der noch geltenden Richtlinie aus ihrem Ministerium hatten die Erzieherinnen schon die Zweijährigen auf die "rote Arbeiterfahne, die Fahne der Republik" und eben "auf das Bild des Staatsratsvorsitzenden aufmerksam" zu machen. Wenn die Kinder mit drei Jahren aus der Krippe in den Kindergarten wechselten, gerieten sie aus dem noch moderaten Einflußbereich des Gesundheitsministeriums unter die Fuchtel der Volksbildnerin Margot Honecker.
Diese Herrin wünschte verbindlich, daß die Kleinen ihren Gatten "auf Bildern erkennen", was mit Hilfe einer Bildmappe oder auch Zeitungen zu üben war. Die Vierjährigen sollten ihn "als führende Persönlichkeit der Partei der Arbeiterklasse und des Volkes der DDR kennenlernen und anhand aktueller Ereignisse erfahren, daß er mit den Arbeitern und Genossenschaftsbauern berät, was zu tun ist, damit der Sozialismus weiter aufgebaut, die DDR gestärkt und der Frieden erhalten werden kann".
Die Fünfjährigen schließlich hatten zu wissen, daß Ernst Thälmann und Wilhelm Pieck "standhafte Kommunisten waren, die für ein besseres Leben der Arbeiter, gegen Krieg und Faschismus mutig gekämpft haben", und "daß Erich Honecker sich mit ganzer Kraft dafür einsetzt, daß das, wofür Ernst Thälmann und Wilhelm Pieck gekämpft haben, weitergeführt und verwirklicht wird".
Die ideologische Aufrüstung schon der Kleinkinder ist in der Geschichte der DDR ein dunkles Kapitel, das es nun zu bewältigen gilt. Das blaue Buch namens "Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten" aus dem Hause von Margot Honecker mußte jede Erzieherin in- und auswendig kennen, und daß sie sich auch genau danach richtete, kontrollierten diverse Kader. Tagein, tagaus war "die Liebe der Kinder zu ihrem sozialistischen Vaterland" zu vertiefen und Sinn für seine Verteidigung zu wecken, "weil es noch immer in der Welt Feinde gibt, die unser friedliches Leben bedrohen".
Nicht bloß Arzt sollten die Kinder spielen, sondern auch LPG mit kleinen Traktoren und Volksarmee mit einem militärischen Fuhrpark. "Stolz der Kinder" auf die Soldaten war zu züchten, auf jene Männer, die "stark, mutig, klug, geschickt" seien und "ständig darum ringen, beim Schießen genau zu treffen". Angehörige der Volksarmee, der Grenztruppen, der Kampfgruppen und der Volkspolizei sollten sie persönlich kennenlernen und "marschmäßig, entschlossen" das Lied "Wir grüßen dich, Soldat" schmettern können.
"Solidarität mit Menschen, die für Frieden und Fortschritt kämpfen", war ebenso zu entwickeln wie die "Achtung der Kinder vor den Werktätigen und ihrer fleißigen Arbeit zur Stärkung und zum Schutz der DDR". Noch vor dem Abc mußten sie den Geburtstag ihres Staates kennen, "in dem es keine Ausbeuter und Faschisten gibt wie in der BRD". Die "Größe und Stärke der Sowjetunion" sollten sie preisen können und "Freundschaft auch mit den Menschen anderer sozialistischer Länder" empfinden.
Als die oberste Volksbildnerin Margot Honecker aus ihrem Amtssitz Unter den Linden vertrieben war, rief ihr Ministerium Revolution auch für die Knirpse aus. Die Leiterin der Abteilung Kindergärten, Sabine Richter, Mutter einer erwachsenen Tochter, setzte "nicht altersgemäße Inhalte und Aufgaben" aus dem blauen Buch außer Kraft, wie *___"die überhöhte Vermittlung von Vorstellungen über den ____,Schutz des Friedens und des sozialistischen ____Vaterlandes', die Solidarität sowie die ,Verachtung der ____Feinde der Völker', *___"unrealistische Vorstellungen über die Beziehungen ____zwischen den sozialistischen Ländern und *___"den undifferenzierten und formalen Gebrauch von ____Begriffen wie etwa ,sozialistisches Vaterland', ____,Widerstandskämpfer', ,Unterdrückung', ,Ausbeuter', ____,Feinde', ,Faschisten'".
Im Gesundheitsministerium freute sich ihre Kollegin Küchler, daß ihr Apparat dereinst gegen den Druck von Margot Honecker gemauert und eine politische Erziehung schon der Ein- und Zweijährigen abgelehnt hatte. "Wir haben argumentiert", so erinnert sich die Pädagogin Küchler, "die Krippe an sich sei bereits der Beitrag zum Sozialismus." So war im dunkelroten Buch für die "Erziehungsarbeit in Kinderkrippen" nur ein bißchen Bilderkult um den Staatsratsvorsitzenden, das Basteln von Fähnchen für Demonstrationen und die Gestaltung der "gesellschaftlichen Feiertage" vorgeschrieben.
In der DDR hat ein neues Nachdenken über die kindliche Würde eingesetzt. Viele Erzieherinnen sind beschämt, daß sie sich dafür hergegeben haben, kleine Kinder als Propagandisten abzurichten. Doch damit stehen sie nicht allein, sie haben im Westen ein Pendant.
Nicht vom Staate oktroyiert, sondern im Spiel der demokratischen Kräfte hat sich auch in der Bundesrepublik faustdicke Ideologie - mehr linke als rechte, aber auch die - in etlichen Bilderbüchern sogar für die Kleinsten niedergeschlagen. In Deutschland-West sind auf Demonstrationen immer wieder Kinder mit Schildern und Transparenten zu sehen, die sie nicht lesen, geschweige denn verstehen können. Dem Phantasma des Guten in Gestalt Honeckers entspricht in der Bundesrepublik bei nicht wenigen Kindern ein Gegenbild des Bösen in Form der anonymen Atomstrahlen.
Trotz der ideologischen Auswüchse hat der Sozialismus der DDR ein Betreuungssystem für die kleinen Kinder beschert, das auch dem Westen einige Denkanstöße geben könnte. In Ostdeutschland gehen über 700 000 Kinder vom dritten Lebensjahr an, fast die ganze Generation (95 Prozent), in den Kindergarten, der nichts kostet, bloß 35 Pfennig für das Mittagessen und 20 Pfennig für die Milch am Tag.
In der reichen Bundesrepublik sind Kämpfe um die 1,5 Millionen Kindergartenplätze, die je nach Familieneinkommen bis zu 600 Mark im Monat kosten, an der Tagesordnung, und für etwa 30 Prozent der Kinder gibt es keinen - entgegengesetzt der Empfehlung von Experten, die so gut wie jedem Kind über drei eine außerhäusliche Förderung als Korrektiv gegen sogenannte Übermutterung oder Vernachlässigung gönnen.
Während in der DDR die Kindergärten, orientiert am Leitbild der berufstätigen Frau und Mutter, morgens um sechs Uhr öffnen und abends um sieben Uhr schließen, sind in der Bundesrepublik etliche Institutionen auf die Hausfrau zugeschnitten, die ihr Kind nur morgens ein paar Stunden im Hort unterbringt und vor dem Mittagessen wieder abholt. Kindertagesstätten, die bis fünf Uhr offen haben, sind rar.
Die konservative Familienideologie mag ja recht haben, daß für Kinder ein halber Tag Anregung mit Spielgefährten und ein halber Tag Geborgenheit bei Mama am besten ist. Nur entspricht ihre Idealvorstellung leider nicht der sozialen Wirklichkeit, daß immer mehr Frauen beides wollen, Beruf und Kind: Wünsche, die ein Staat gefälligst zu respektieren hat, anstatt sie manipulieren zu wollen durch ein Defizit an Kindertagesstätten.
Krippen für Kinder unter drei Jahren sind erst recht in der Bundesrepublik verpönt. Gleichwohl befinden sich 28 000 in solchen Einrichtungen, Sozialfälle die Mehrheit, Modellkinder für neuartige Erziehungsformen eine Minderheit. In der DDR dagegen ist es üblich, daß Windelkinder kurz vor ihrem ersten Geburtstag, wenn bei ihrer Mutter das mit 70 Prozent des Gehalts finanzierte Babyjahr zu Ende geht, erst stundenweise an die Krippe gewöhnt werden und schließlich ganztags bleiben wie 355 000 Ein- und Zweijährige.
Als die Bundesfamilienministerin Ursula Lehr im letzten Jahr anregte, Kindergärten schon für Kinder unter drei Jahren zu öffnen, damit Mütter "ohne schlechtes Gewissen in den Beruf" gehen könnten, provozierte sie einen Aufschrei der Entrüstung von Familienideologen und Kinderärzten, denen natürlich wieder das Beste fürs Kind am Herzen lag. Den Kleinsten, deren Mütter unbedingt arbeiten wollen oder müssen, ist in der Bundesrepublik politisch nicht die Krippe, sondern die Tagesmutter (Monatssatz: mindestens 400 Mark) bestimmt, doch weder deren Ausbildung noch deren Kontrolle ist gesichert, so daß es Glücksache bleibt, ob sie tatsächlich zum Besten ihrer kleinen Geldbringer wirkt.
So steht in Westdeutschland so gut wie jede berufstätige Mutter unter dem Streß, daß in ihrer komplizierten und kostspieligen Organisation der Kinderbetreuung eine Zeitlücke aufbricht, Ferien zu überbrücken sind oder wer weiß was nicht klappt. Diese Nöte hat die DDR den Frauen erspart, selbst am Sonnabend steht ein Notdienst bereit, Schichtarbeiterinnen die Kinder abzunehmen.
Während im Westen die Dinks (double income, no kids) in Erscheinung traten, gibt es in der DDR gewollte Kinderlosigkeit zwar in Einzelfällen, aber nicht als Phänomen des Zeitgeistes. Nach der gesellschaftlichen Norm hat man ein Kind; es aufzuziehen scheint aber trotz der kollektiven Entlastung so leicht nicht zu sein, denn auf das in der Regel gewünschte zweite Kind wird meist verzichtet, so daß die DDR (wie auch die BRD) zu den Ländern mit den niedrigsten Geburtenraten gehört.
Dabei setzte der "real existierende Sozialismus" ständig das Signal, lasset die Kindlein nur kommen, der Staat ist für sie alle da. Den "Muttis", wie sie allgemein heißen, wurde ein Bataillon von "Ersatzmuttis" zur Seite gestellt, von der Bürokratie sorgfältig auf ihre Eignung geprüft und gründlich ausgebildet. "Gefühlsbetont und ruhig" haben sie mit ihren Zöglingen umzugehen, "unnötiges Tadeln" zu vermeiden und sich statt dessen auf "Lob und Streicheln" zu verstehen. "Liebe zum Kind" ist jeder Erzieherin staatlich verordnet bis hin zum humanistischen Gebot, ein jedes vor "Kränkungen" zu schützen.
Die staatliche Fürsorge brachte die Schattenseite, daß sie über Gebühr ausgenutzt wird: Nicht wenige Kinder verbringen zehn Stunden und mehr in den Institutionen, und wenn sie schließlich daheim sind, findet auch nicht mehr viel statt. Die Abgabementalität gewisser Mütter vergrämt so manche Erzieherinnen, und die Nachdenklicheren fragen sich, ob die aufwendige Bereitstellung kollektiver Erziehung nicht zu einer Entfremdung in den Familien beitrug. Die Revolution im Kindergarten hat mit sich gebracht, daß nicht mehr alles rosig dargestellt, sondern über die Probleme laut geredet wird.
Die Erfurter Erzieherin Ute Eberhardt formulierte für die Öffentlichkeit einen fiktiven Brief von "Susi", den sie dennoch als "echt" bezeichnete, weil viele Kinder so fühlten: _____" Liebe Mutti, lieber Vati! Wißt Ihr eigentlich, daß " _____" ich oft sehr traurig bin? Warum bringt mich Vati vor " _____" seiner Arbeit in die Krippe und Du, liebe Mutti, kannst " _____" mit unserem Baby noch kuscheln? Ich würde so gern in " _____" Deiner Nähe sein, mit Euch frühstücken, von Dir " _____" gestreichelt werden und mit Euch spielen. Ich habe mich " _____" sooo auf unser Baby gefreut. Deshalb möchte ich zusehen " _____" dürfen, wie Du es fütterst und wickelst. Dabei könnte ich " _____" Dir helfen. "
Als die Berliner Kindergartenleiterin Heidi Baschin die überlangen Verweilzeiten anschnitt, versprachen ihr Mütter willfährig, die Kinder künftig früher abzuholen: "Nun gut, wir tun Ihnen den Gefallen." Da hat sie scharf geantwortet: "Sie tun uns doch keinen Gefallen, Sie tun sich selber einen Gefallen."
Nicht immer: Das stundenlange Herumlaufen nach den einfachsten Dingen, das Schlangestehen in den Läden stellt die Frauen oft vor die ungute Wahl, entweder die Kinder dieser Zumutung auszusetzen oder sie eben im Hort warten zu lassen.
Andere Mütter klagen jetzt den Sozialismus an, daß er ihnen die schönsten Jahre mit ihren Lieblingen geraubt hat, weil sie durch das niedrige Gehaltsniveau zur Mitarbeit verurteilt waren und das System noch nicht einmal Halbtagstätigkeit vorsah. Naiv erwarten die einen von "Deutschland, einig Vaterland" mehr Geld und mehr Zeit für ihre Kinder, düster schwant den anderen, daß sie es nach einem Zusammenbruch der kollektiven Erziehung schwerer denn je haben werden.
Der Görlitzer Obermedizinalrat Joachim Richter freut sich zwar, demnächst in einem "Bundesland Sachsen" zu leben, aber er sieht doch auch seine schöne Utopie schwinden. Seit Jahren prangert er den Aufwand der DDR für die Krippen einschließlich medizinischer Fachschulen für die qualifizierte Ausbildung der Betreuerinnen als "eine der grandiosesten Fehlinvestitionen der deutschen Geschichte" an. Nach seiner Rechnung wäre es "für den Staat billiger und für die Entwicklung der Kinder besser", wenn er die "Arbeit" der Mütter von Kindern unter drei Jahren direkt bezahlen würde. Was in der DDR zumindest theoretisch durch eine schlichte Umverteilung der Mittel möglich wäre, gilt in der vermögenden Bundesrepublik als unbezahlbarer Luxus.
Richter ist vor allem deshalb ein engagierter Gegner von Krippen, weil sich dort die Kleinen mit ihrem noch unreifen Immunsystem reihenweise anstecken und öfter krank sind als Familienkinder: durchschnittlich viermal im Jahr, wie er an über 30 000 Kindern studierte. Dennoch räumt er ein, daß durch die sorgfältige medizinische Überwachung - mindestens einmal in der Woche kommt ein Arzt in die Krippe und sieht sich jedes Kind an - manches tragische Lebensschicksal abgewendet wird. In der Bundesrepublik kümmert sich der Staat um die Gesundheit seiner Kinder erst bei der schulärztlichen Pflichtuntersuchung - zu spät für diverse Kinder, zumal für die aus sozial desolaten Verhältnissen.
Zu mager oder der süßen Sucht verfallen, verfettet, Löcher in den Milchzähnen - in so einem traurigen Zustand befinden sich etliche Wohlstandskinder des Westens. Lustvoll mag das kollektive Essen im Osten ja nicht immer sein, aber fast die ganze Kindergeneration wird in den Horten gesund nach wissenschaftlich genau ausgeklügelten Kriterien mit viel Rohkost ernährt. Versorgungsschwierigkeiten bekamen die Kinder kaum zu spüren, sie kamen immer zuerst. Das frischeste Gemüse der Saison tauchte stets in den Horten auf, bevor es, wenn überhaupt, in den Läden angeboten wurde.
Die gesundheitliche Fürsorge ist allumfassend vorgeschrieben. Bewegen sich Kinder nicht altersgemäß, so sind ihre Betreuerinnen gehalten, mit ihnen spezielle Übungen zu machen. Haben sie Schwierigkeiten beim Sprechen, soll ein Logopäde eingeschaltet werden.
"Ihr in der Bundesrepublik macht ja so vieles besser", sagt der Arzt Richter, "aber manches machen wir besser." Er zählt dazu auch eine "engmaschige Kinder- und Jugendhilfe". Die staatlichen Betreuerinnen sind geeicht, auf das Wohlbefinden der Kinder zu achten und, sofern einer ihrer Schützlinge verstört wirkt, dem nachzugehen durch Befragung der Eltern oder auch Hausbesuche. Daß Prügel nicht zum sozialistischen Erziehungsideal passen, wird den Familien sehr deutlich gemacht.
Das Klima der sozialen Kontrolle bewirkt, daß sich Mütter und Väter im Kindergarten vorsichtshalber entschuldigen, wenn ihnen einmal die Hand ausgerutscht ist. Dererlei pflegt gnädig vergeben zu werden mit der Mahnung "bitte nicht wieder", aber wenn Erzieherinnen auch nur einem Anflug von Mißhandlung auf die Spur kommen, werden sie in der Regel sehr rabiat und schalten alle Instanzen, von der Fürsorge über den Bezirksarzt bis zum Staatsanwalt ein.
Der Kinderschutz ist natürlich in der DDR auch nicht lückenlos, aber immerhin entwickelte die Gesellschaft ein sensibles System zum Aufspüren der wehrlosesten Opfer: ein Vorteil im Schnüffelstaat mit seinen vielen Entsetzlichkeiten. Der Respekt vor der familiären Intimsphäre - eine zivilisatorische Errungenschaft des Westens - hat die Nachtseite, daß womöglich 400 000 Kinder durch Mißhandlung und Verwahrlosung leiden und nur die wenigsten in ihrem Elend entdeckt werden.
Außerdem ist in der Bundesrepublik aus den antiautoritären Impulsen eine weitverbreitete Laisser-faire-Erziehung geworden mit der Folge, daß immer mehr rast- und ruhelose Kinder Verhaltensstörungen und Anpassungsschwierigkeiten haben: Ein Viertel der Schüler zeigt schließlich derartige Probleme. Die DDR bietet das andere Extrem auf: eine Kinderschar, die nach überholten Vorstellungen der fünfziger Jahre diszipliniert wurde.
Immerhin wurde die quälende Sauberkeitserziehung von Anno dazumal abgeschafft; ein Kleinkind länger als fünf Minuten auf dem Töpfchen sitzen zu lassen ist in den Krippen untersagt. Aber schon die Windelkinder müssen vor dem Füttern die Hände gewaschen bekommen, und vom 19. Lebensmonat an heißt es nach dem roten Buch: "Sauber essen, nicht kleckern und schlürfen", "ruhig sitzen, nicht mit dem Stuhl schaukeln", "nicht mit den Tellern, Bechern und dem Löffel spielen", "achtgeben, daß die Kleidung nicht befleckt wird".
Nach unzähligen Ermahnungen sitzt schließlich ein frisch gewaschenes, frisch gekämmtes Kinderkollektiv in gerader Haltung bei Tisch, reicht einander mit "bitte" und "danke" zu, benutzt die Bestecke gesittet, ißt zügig, aber ohne Hast, kaut mit geschlossenem Mund und macht ihn zu leiser Unterhaltung nur auf, wenn er nicht mehr voll ist. Nach dem Mittagessen läuft wie am Schnürchen, genauso wie im blauen Buch vorgeschrieben, "die ruhige, geordnete Vorbereitung auf den Schlaf", der für Kinder, die ihn nicht herbeizwingen können, zu einem zwanghaften Stilliegen, eineinhalb bis zwei Stunden, auf einem schmalen Feldbett wird.
Der "Tagesablaufplan" muß konsequent eingehalten werden, damit die Kinder an "Stabilität und Regelmäßigkeit" gewöhnt werden. Spiel und Anspannung sollen im minutiösen Rhythmus wechseln. Bei sogenannten Beschäftigungen werden die Kinder gezielt unterwiesen, etwa über Sonne, Regen, Wolken und Wind, die Tiere und die Pflanzen, Farben und Formen, in Sport und Musik, über mathematische Grundbegriffe und den richtigen Gebrauch des Dativs. Vor der Revolution standen 20 Minuten Ideologie für die Dreijährigen und 45 Minuten für die Fünfjährigen auf dem Wochenarbeitsplan, genannt "Bekanntmachen mit dem gesellschaftlichen Leben".
Besonderer Wert wird in der sozialistischen Erziehung auf die ästhetische Bildung gelegt, "schöne Dinge" sollen die Kinder sehen lernen, aber ihre Umgebung ist vielfach durch ein häßliches Dekor geprägt. Zwar stimmt der Lichtquotient, aber statt heiterer Töne dominiert ein ödes Beige. Tapeten mit fahlen Blumenmustern, wie sie in der Bundesrepublik älteren Damen während der fünfziger Jahre gefielen, lassen selbst moderne Kindergärten wie antiquierte Altersheime wirken, Gummibäume inklusive.
Kunststoffspitzengardinen und Schabracken mit Troddeln gelten als Errungenschaft für das Zimmer der Leiterin in einem standardisierten Neubaumodell. Ein Ordnungsfetischismus drückt sich in vielen Details aus.
So müssen etwa die Habseligkeiten der Kinder und ihre Garderobe in Regalen hinter Vorhängen verschwinden, die zigmal am Tag hin und her bewegt werden. Mit einer zwanghaft wirkenden Geste zieht so manche Erzieherin die unpraktischen Dinger immerfort nachträglich korrekt zu, damit alles fein ordentlich aussieht in der sozialistischen Tristesse, die allen Ernstes als "unser schöner Kindergarten" gilt. Ein Geruch von Desinfektionsmitteln liegt in der Luft wie ein Beweis, daß die staatlich verordnete Hygiene eingehalten wurde.
"Sauberkeit und Ordnung" zieht sich als beherrschender Wert durch den Kindergarten, so daß kein Raum für den Gedanken bleibt, ein Kind könnte um seiner selbst willen und gerade auch dann geliebt werden wollen, wenn es verdreckt und verrotzt ist, seine Sachen schlampig hinschmeißt und auch noch den Vorhang nicht richtig zuzieht.
Im Gegenteil sind nach dem blauen Buch "die Kinder so zu führen, daß sie die Erfahrung erwerben, daß umsichtiges, fleißiges, pünktliches und sorgfältiges Arbeiten Anerkennung findet und Freude bereitet, während gegenteiliges Verhalten Mißfallen und Ablehnung hervorruft". Zur Pflicht auch noch die Pflicht zur Freude, wenn einem Kind zum Heulen zumute ist.
Während im Westen nach dem Lustprinzip und seinen törichten Übersteigerungen viele kleine Hedonisten mit nimmersatten Konsumbegierden produziert werden, erzieht der Ost-Kindergarten fortwährend zur "Bescheidenheit". Besonders begehrtes Spielzeug allerdings ist aus Prinzip in einer ausreichenden Anzahl da, damit ein sozialistisches "Jedem das Gleiche" gelernt wird. Mit den knapperen Dingen aber wird geübt, daß kein Kind einem anderen etwas wegnehmen darf. Die Erzieherinnen geben vorschriftsmäßig acht, daß sich ihre Schützlinge "untereinander rücksichtsvoll" benehmen. Für eine Ellbogengesellschaft ist kein Rüstzeug vorgesehen.
Rührend wirkt bei vielen Kindern die Bereitschaft, eigenes Spielzeug herzugeben. Da schleppen sie die überzählige Puppe oder den heißgeliebten Teddy an und packen in kollektiven Aktionen alles ein für die Kinder, die in anderen Ländern, wie sie so oft gehört haben, noch in "Armut und Elend" vegetieren, während sie eingetrichtert bekamen, daß in ihrer Heimat "alle glücklich und in Frieden leben". Untrennbar verschmolz die Erziehung zum Mitgefühl mit der Erziehung zum kleinen Politruk. f
Von Ariane Barth

DER SPIEGEL 9/1990
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