26.02.1990

KunsthandelKratzer im Kessel

Unter geheimnisvollen Umständen kaufte sich ein englischer Earl einen römischen Silberschatz. Jetzt will er ihn wieder loswerden - für einige 100 Millionen Mark.
Das Motto seiner Familie lautet "Ich suche nur das Einzigartige". Spencer Douglas David, Earl Compton, 43, seines Zeichens siebter Marquis derer von Northampton, läßt kaum etwas unversucht, dem ererbten Sinnspruch zu genügen.
Seine Lordschaft bekennt sich zu Buddha und lauscht auf mitternächtlichen Seancen nach Stimmen aus dem Jenseits. In seinen beiden prächtigen Familienschlössern, von denen er eins gerade zum Hotel umbauen läßt, jagt der in Eton erzogene Adlige - erfolglos, wie es heißt - Poltergeister.
Vier Frauen hat er schon geehelicht und sich von allen leichten Herzens wieder getrennt. "Mir wurde prophezeit, ich werde fünfmal heiraten", kommentierte er vergangenes Jahr die Blitzscheidung von Ehefrau Nummer vier.
Mehr Glück als im Umgang mit Frauen und Gespenstern scheint der Earl, dessen Familie unter den 100 reichsten des Vereinigten britischen Königreichs auf Platz 94 rangiert, mit der Kunst zu haben; mit alter, die er geerbt hat, mehr noch aber mit uralter, die er, heimlich sammelnd, gekauft hat und jetzt - das Leben eines Earl ist teuer - wieder verkaufen will.
Über geheimnisvolle Mittelsmänner, die sich ihm unter Decknamen näherten, brachte sich Earl Compton 1981 und 1987 in den Besitz eines "unvergleichlichen Silberschatzes", dessen Wert nur schwer zu beziffern ist: "Seit Menschengedenken hat es nichts gegeben", was dem Silber seiner Lordschaft auch nur "annähernd gegenübergestellt" werden könnte.
So vollmundig preist das Londoner Auktionshaus Sotheby das 14teilige Silber-Set an, das es jetzt im Auftrag des Marquis von Northampton auf den Markt gebracht hat. Elf Tage lang waren die kunstvoll getriebenen und fein verzierten Teller, Becher, Kannen und Henkelgefäße jetzt in Sothebys New Yorker Dependance ausgestellt.
Zwischen 70 und 130 Millionen Pfund Sterling, umgerechnet 200 bis 370 Millionen Mark, hoffen die englischen Auktionatoren für den vermutlich etwa 1500 Jahre alten Silberschatz erzielen zu können. Wenn möglich soll die antike, rund 100 Kilogramm schwere Sammlung en bloc verkauft werden, an ein Museum etwa, wenn nicht, kommen die Stücke im Herbst dieses Jahres einzeln bei Sotheby in Zürich auf den Block.
Ein Earl, ein rätselhafter Schatz und viele, viele Millionen - das ist genau der Stoff, nach dem das Publikum lechzt. Über die "wichtigste spätantike Silbersammlung, die je zum Verkauf stand", wie Sotheby trommelt, tuschelt seit der Ankündigung des Auktionshauses weltweit die Kunstszene.
Auslöser waren die Versteigerungsexperten von der Londoner New Bond Street selbst, mit einer absichtsvoll-legeren Bemerkung: "Wir sind zu 99 Prozent sicher", ließ eine Sotheby-Sprecherin verlauten, daß bei der angebotenen Ware alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Doch genau die einprozentige Restunsicherheit schließt nicht aus, daß Earl Compton womöglich der unrechtmäßige Eigentümer ist.
Vage Hinweise auf einen enormen Fund antiken Silbers waren in der Kunstszene erstmals Ende der siebziger Jahre aufgetaucht. Angeblich sei der Schatz in einem osteuropäischen Land gefunden worden. 1981 vermittelte der in London tätige deutsche Kunsthändler Rainer Zietz, 45, im Auftrage eines Libanesen, dessen Name bis heute unbekannt ist, Earl Compton zehn Silberstücke römischer Provenienz. Der Earl war nach dem Verkauf antiker Vasen aus dem Familienschloß Castle Ashby gerade flüssig. Er wurde mit Zietz handelseinig, der ihm auch eine gültige Exportlizenz aus dem Libanon aushändigte.
Im Jahr darauf bot der englische Adelsmann dem Getty-Museum im kalifornischen Malibu das Silber aus der Zeit der Soldatenkaiser zum Kauf an - ohne Erfolg. Auch mit dem Antikenmuseum in Berlin kam er nicht ins Geschäft. Der Preis war zu hoch.
Nach weiteren Absagen entdeckte der Marquis plötzlich "meine ererbte Sammelleidenschaft". Ihm wurde zudem "immer klarer", daß die zehn Stücke in seinem Besitz nur "Teile eines gewaltigen Schatzes waren, den ich vollständig kaufen wollte".
Es traf sich, daß Händler Zietz dem Earl sechs Jahre nach dem ersten Deal vier weitere Silberstücke anbieten konnte. Der Preis von etwa 15 Millionen Mark, einschließlich eines großen Bronzekessels, in dem der Schatz angeblich gefunden worden war, schien angemessen. "Hoch befriedigt" entwickelte der Adlige nun "ein enormes Verantwortungsgefühl für den gesamten Schatz", an dem sich "eine größere Gruppe von Menschen erfreuen" sollte.
Fachleute von drei anerkannten britischen Laboratorien untersuchten den Silberschatz und sein mutmaßliches Aufbewahrungsgefäß. Sie stellten einen hohen Reinheitsgehalt des Silbers fest, entdeckten ausgebesserte Stellen und winzige Risse. Unter dem Elektronenmikroskop wurde die uralte Technik des Gravierens sichtbar, und mit dem Plasmaspektrometer gelang der Beweis, daß der Schatz nicht ungeschützt in der Erde verbuddelt war. Tatsächlich fanden sich im Bronzekessel Kratzspuren von Silber, die beim Verstauen der großen Platten (Durchmesser: bis zu 71,6 Zentimeter) entstanden sein könnten.
Darüber hinaus gelang mit Hilfe der Radiokarbonmethode eine Altersbestimmung. Fazit der Wissenschaftler: Der Schatz ist echt.
Eine von Sotheby beauftragte Silberexpertin hielt für wahrscheinlich, daß das Silber ursprünglich einem Statthalter oder Feldherrn in römischen Diensten gehörte. Der Mann hieß Seuso, wie aus einer Inschrift hervorgeht, war Germane oder Kelte und lebte in der damaligen römischen Provinz Pannonia, im Gebiet des heutigen Ungarn.
Da anzunehmen ist, daß Seuso und seine Nachfahren ihr kostbares Tafelsilber in den damaligen unruhigen Zeiten der Völkerwanderung und Hunnenüberfälle bei ihren Umzügen mitnahmen, ehe der Schatz irgendwie und irgendwo verschüttging, mühte sich Sotheby, den rechtmäßigen Eigentümer - das Land, wo das Silber im Bronzekessel gefunden wurde - ausfindig zu machen.
An insgesamt 29 Länder, deren Gebiete in der Mitte des ersten Jahrtausends zum Römischen Reich gehört hatten, verschickten die Londoner Versteigerer Fotos und eine detaillierte Beschreibung des Schatzes. Vorsorglich kontaktierten die Briten Interpol, die Unesco und weitere Organisationen, die Hinweise dafür haben konnten, daß das Silber womöglich gestohlen war.
Darüber hinaus ließ sich das Auktionshaus von der Kulturabteilung der libanesischen Botschaft in der Schweiz bestätigen, daß die vorliegenden Ausfuhrlizenzen echt seien.
Doch die Geschichte bleibt dunkel: Während sich Sotheby als "Modellfall größter Sorgfalt" charakterisiert, halten einige Altertumsexperten die bisherige Beweisführung für unzureichend.
"Warum sollte der Libanon einen solchen geschichtsträchtigen Schatz wohl außer Landes gehen lassen?" fragte etwa Hugh Chapman, Generalsekretär der britischen Altertumsgesellschaft. Und Camille Asmar, Direktor der antiken Abteilung des Nationalmuseums von Beirut, verwies darauf, daß seit Beginn des Bürgerkriegs vor 15 Jahren überhaupt keine Ausfuhrlizenz erteilt worden sei.

DER SPIEGEL 9/1990
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