05.03.1984

Ein Päckchen Tabak und das Grundgesetz

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über DDR-Ausreisende im Notaufnahmelager Gießen *
Wie geblendet steht Wilfried Breitfeld am späten Dienstagabend auf der unteren Bahnhofstraße in Gießen zwischen den Schaufenstern von "Möbelstadt Sommerlad", "Mode-Treff" und "Backparadies Jöst". Für welche der ihn von beiden Seiten anspringenden Auslagen soll er sich da entscheiden, wo zuerst hinrennen?
Der Fleischergeselle Breitfeld, 34, aus Mildenau im Erzgebirge, verharrt so einen langen Moment auf der Fahrbahnmitte. "Mensch, träum' ich?" Nein. Natürlich nicht. Was er sieht, ist für ihn "traumhafte Wirklichkeit" - Endstation Sehnsucht nach dreieinhalb Jahren unablässigen Drängens, sich in den Westen verabschieden zu dürfen.
Der Busfahrer Helmut Ulitsch, 35, aus dem thüringischen Pößneck erlebt den Augenblick seines höchsten Glücksgefühls als Triumph, "so, als wenn mir gerade ein Kunststück gelungen wäre": Da habe er "unaufhörlich etwas probiert, was im Grunde gar nicht geht, und jetzt ist es doch gegangen".
Neunundzwanzigmal seit 1981 bemühte sich der zähe Arbeiter, des realen Sozialismus überdrüssig, per Antrag um Ausreise aus der DDR. Neunundzwanzigmal ohne Echo.
Dann, am Freitag vorletzter Woche, erhält er innerhalb weniger Stunden alles, was er sich über die Jahre gewünscht hat: vom "VEB Kraftverkehr" seinen "Arbeitsaufhebungsvertrag zwecks Wohnsitzveränderung", vom zuständigen Rat des Kreises seine "Entpflichtung" aus der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik, eine Ersatz-Identitätskarte - und vom Stasi den Wink, sich "geräuschlos" davonzumachen.
Kein "Kunststück" mehr? So sieht es mittlerweile tatsächlich aus. Nahezu zweihundert Übersiedler werden an einem einzigen Tag im Notaufnahmelager in Gießen begrüßt. Als Ulitsch und Breitfeld, beide mit Ehefrau, dort am 28. Februar ein gemeinsames Zimmer beziehen, vermeldet der Lagerleiter Heinz Dörr einen "wahren Ausreisenden-Boom".
Und wirklich hat es so etwas nicht mehr gegeben, seit in Berlin die Mauer gebaut wurde. Derart stark ist an diesem Abend der Andrang, daß auch die dutzendweise aufgestellten Notbetten nicht ausreichen. Eine Situation, die in dem hessisch gemütvollen Herbergsvater eine in dreißig Jahren erprobte Beweglichkeit wachruft. Der Familie Trentsch aus Dresden mit der zweijährigen Tochter Claudia öffnet Dörr den Sitzungssaal.
Ossi Brauner, der Organisationsleiter, macht bei der Essensausgabe in der Kantine vor der Schlange der Wartenden Stimmung: "Bitte haben Sie Verständnis, wenn wir ein bißchen zusammenrücken müssen. Aber in der Freiheit verträgt man auch die Enge."
Zuweilen hat es den Anschein, als seien die schlimmen Zeiten zurückgekommen. Wann immer in Gießen ein Zug aus Bebra eintrifft, formiert sich auf dem Bahnsteig ein Troß von Männern, Frauen und Kindern, die sich mit ihren Habseligkeiten, verstaut in Koffern, Taschen und Kartons, in Richtung Lager bewegen. Flüchtlingsbilder wie vor vierzig Jahren in Deutschland - und noch immer Gegenwart.
Viele von denen, die von Ost nach West wechseln, sind zwischen 25 und 40, also im besten Lebensalter. Erstaunlich hoch auch die Zahl jener, die sich als qualifizierte Fachkräfte erweisen.
Warum gerade sie jetzt der DDR den Rücken kehren dürfen - manche zwei Jahrzehnte nach der ersten Antragstellung, manche bereits nach drei Monaten -, wird wohl bis auf weiteres ein Geheimnis bleiben. Folgt die nächste Milliarde, soll das Protestpotential abgebaut werden? Oder ist die Führung des Arbeiter-und-Bauern-Staats gar schon drauf und dran, den eigenen Arbeitsmarkt zu entlasten?
Dankbarkeit, fast Devotheit, ist das Merkmal dieser Tage in Gießen. Als sei Wohlverhalten eine erwünschte Voraussetzung für rasche Einbürgerung, bereitet es den Ankommenden keine Mühe, ab sofort die DDR nur noch "Zone" zu nennen. Unaufgefordert bekunden sie Parteinahme: "Grenada, was soll's, was gibt es dagegen einzuwenden?"
Der Fleischer Breitfeld hat sich geschworen, zu lernen und die deutsche Obrigkeit nicht zu verunsichern. Namentlich gegen die Regierung werde er "nie ein Wort sagen, denn die hat mich aufgenommen", und er will statt dessen die Kommunisten befehden. "Wenn da so ein DKP-Mensch daherkommt, den blas' ich an"; darauf dürfe sich dieser Staat allzeit verlassen.
"Realitätsbezogen" nennt Karl Mai, der Referatsleiter für Umsiedlerfragen im hessischen Sozialministerium, die Mitbürger aus Deutschland Ost, die sich auf ihre Integration vorbereiten. Bestens unterrichtet über den West-Fernsehkanal 7, sind sie bereit, die meisten Positionen zu adaptieren und sich den neuen Verbündeten anzupassen.
Vom Begrüßungsgeld, 150 Mark, kauft sich der Maschinenbaumeister Eberhard Kern, 41, aus Karl-Marx-Stadt ein Päckchen Pall-Mall-Tabak und das Grundgesetz. Das eine "für den Genuß", das andere "für den Kopf, weil
man sich in der Verfassung auskennen muß".
Aber frei nach Marx weiß Kern zugleich auch, "daß das Kriterium der Wahrheit die Praxis ist". Was er erwartet, ist "ein Land der Macher" und der vom Ballast der Ideologie befreiten Produktionsverhältnisse, die sich allein an der Steigerung des Bruttosozialprodukts orientieren.
Dennoch: Allen, die kommen, ist klar, daß sie "in kein Schlaraffenland einziehen werden" (Breitfeld). Auch hier tat der West-Kanal seine Wirkung. Auf die in der Bundesrepublik herrschende Arbeitslosigkeit mußte sie nicht erst die SED-Propaganda verweisen.
Vorbei jene schönen Zeiten, in denen sich vor den Toren des Lagers die obligatorischen Schlepper die Hand gaben. Allein aus Dieburg hat sich eine Firma gemeldet, die bereit ist, ein paar Schlosser zu übernehmen. Der Rest ist Schweigen.
Nachgrübelnd über berufliche Perspektiven, signalisieren die neuen West-Bürger, daß sie sich bescheiden verhalten wollen. Niedere Dienste werden angeboten, um zunächst mal über die Runden zu kommen. So geht der Student aus Cottbus "gern erst mal zwei, drei Jahre Fenster putzen, um sich auf dem Markt zu behaupten". Als Deutsche hoffen sie zudem auf die Hilfe ihrer Landsleute, "den Türken notfalls die Müllabfuhr streitig machen zu können".
Die überwiegende Mehrheit derer, die in Gießen das gesetzlich vorgeschriebene Notaufnahmeverfahren durchlaufen, hat einen Zielpunkt und eine Ahnung vom Anfang. Auch wenn der Ausreisegrund "Familienzusammenführung" arg strapaziert wird, auf einen Onkel in Detmold oder eine Tante in Berchtesgaden können sie sich allemal noch berufen.
Michael Ulbricht, 24, aus Großenhain bei Riesa, hat nur Inge, eine Brieffreundin aus Nürnberg, die "mich aber jetzt nicht mehr sehen möchte". Er wollte auch gar nicht raus. Dem Wehrdienstverweigerer, in seiner Ortschaft "Mitglied der antisozialistischen Subkultur", präsentierten die DDR-Behörden seine Ausbürgerung ohne Antrag.
Seinen ersten Abend im Westen verbringt der einsame Former aus Sachsen in einer Disco in Gießen. Zunächst entsteht da auch Neugierde, ein bißchen Geplänkel, dann jähe Zurückweisung - so erlebt er seine Gesprächspartnerin hinter der Theke. "Kommunistenärsche", giftet das Mädchen ihn an, "sind hier nicht gefragt. Zieh Leine, Mann."
"Und für so was", sagt er anderntags deprimiert, "hat man sich nun in die Politik eingemischt." In der Lagerkantine hockt er tief über dem Bierglas, so lassen sich die feuchten Augen besser verbergen. Nein, Ulbricht hat mit diesem gelobten Land nichts am Hut. Es ist ihm egal, wo er am Ende landet.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 10/1984
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