05.03.1984

FLICK-AFFÄREFink und Schwein

Der Untersuchungsausschuß wird zum Kabarett. Ex-Kanzler Schmidt und der CDU-Abgeordnete Hüsch wechselten wüste Beschimpfungen. *
Heinz Günther Hüsch aus Neuss ist Rheinländer von Geblüt und Anwalt von Beruf. Deshalb liegt es ihm nicht, einem Mann wie dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt, dem er "innerlich eine gewisse Sympathie" entgegenbringt, offen ins Gesicht zu sagen, er sei "ein Schwein".
Am Mittwoch vergangener Woche, einen Tag vor der närrischen Weiberfastnacht, tat er es aber doch.
Die Frohnatur Hüsch - Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Flick-Ausschuß - und der als Zeuge geladene Schmidt gerieten in einer Vernehmungspause aneinander. Der Hanseat ("Wer ist eigentlich dieser Husch oder Hübsch oder Hüsch?") ließ sich den CDU-Mann zeigen und ging direkt auf ihn los.
"Sie haben die minimalen Regeln des kollegialen Anstands verlassen. Das ist eine Schweinerei", herrschte der Ex-Kanzler den CDU-Abgeordneten an. Und: "Sie sind ein Dreckfink."
Hüsch, der den Grund für Schmidts Erregung nur zu genau kannte, konterte matt: "Dazu haben Sie keinen Anlaß, das können Sie nicht beweisen." Als Schmidt dann noch einen Schritt näher trat und noch einmal "Sie sind ein Dreckfink" zischte, antwortete der: "Dann sind Sie ein Schwein."
Auslöser des ganz unparlamentarischen Disputs war eine von Springers "Bild am Sonntag" rechtzeitig losgetretene Kampagne mit der Schlagzeile: "Noble Flick-Geschenke auch an Willy Brandt und Helmut Schmidt?"
CDU-Obmann Hüsch hatte die Meldung begierig aufgegriffen und in einer Presseerklärung Aufklärung verlangt: "Ich fordere Willy Brandt und Helmut Schmidt auf, eindeutig zu erklären, ob sie darüber hinaus weitere Zuwendungen von Flick erhalten haben, seien es Geldzuwendungen oder Geschenke wie der erwähnte silber-vergoldete Münzhumpen und das Paar 4flammige Silber-Girandolen (Kronleuchter)."
In Wahrheit haben weder Schmidt noch Brandt privaten Nutzen aus den Gaben gezogen, die ihnen der Flick-Konzern 1978 - dem Jahr der großen Steuerbefreiung - zum Geburtstag übersandt hatte. Der Brandt zugedachte silber-goldene Münzhumpen (Wert: 19 000 Mark) verstaubt im Bundeshaus-Büro des SPD-Vorsitzenden und kann, so SPD-Sprecher Wolfgang Clement, "dort jederzeit besichtigt werden". Helmut Schmidt hatte das ihm überreichte Paar vierflammiger Silber-Girandolen (Leuchter) unverzüglich im Kanzler-Fundus abgeliefert. Clement: "Dort ist es ordnungsgemäß inventarisiert."
Der mißglückte Versuch von Hüsch, dem Ex-Kanzler ein Bein zu stellen, kam den SPD-Ausschußmitgliedern recht. SPD-MdB Dieter Spöri: "Da hat der Hüsch, der Dummkopf, dem Schmidt doch eine Steilvorlage geliefert."
Die konnte allerdings nur dank der tätigen Mithilfe des stellvertretenden Ausschuß-Vorsitzenden Wilfried Penner (SPD) verwandelt werden. Hüsch und seine Unionskollegen zogen es während der Vernehmung des Zeugen vor, das peinliche Thema nicht aufzugreifen. _____" Penner: "Es ist von einem Geschenk von Flick an Sie " _____" anläßlich Ihres 60. Geburtstages berichtet worden. " _____" Erinnern Sie sich daran? Welche Bewandtnis hatte es mit " _____" diesem Geschenk?" " _____" Schmidt: "Sie reden von der 'Armleuchter-Affäre'?" " _____" Penner: "Ich wußte bis zu diesem Zeitpunkt nicht, was " _____" Girandolen waren, aber inzwischen weiß ich es besser." " _____" Schmidt: "Leuchter mit vier Armen. Und der Ausdruck " _____" 'Armleuchter' ist erstens zutreffend und zweitens " _____" charakterisierend." "
Jeder im Saal verstand, wen Schmidt meinte. Der Ex-Kanzler blickte, eine Prise Schnupftabak nehmend, gelangweilt in die Richtung, wo er den Abgeordneten Hüsch vermutete.
Der fühlte sich, auch nach seinem Wortwechsel mit dem Ex-Kanzler, durchaus im Recht. Seine Reaktion, so Hüsch zum SPIEGEL, sei "die Beantwortung einer Beleidigung auf der Stelle zum Zwecke der Ehrennotwehr" gewesen. Hüsch: "Zu meinem großen Bedauern kann ich das auch nicht zurücknehmen."

DER SPIEGEL 10/1984
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