02.01.1984

Der Sohn von Lieschen Müller

SPIEGEL-Redakteur Jürgen Leinemann über den „Stern“-Gründer Henri Nannen *
Geschichten, Geschichten. Kennen Sie die vom beruflichen Ende seines Vaters? Wie Gneisenau sah der Alte aus. Dabei war er nur Polizeisergeant oder Schutzpolizist oder Kriminalkommissar oder so was in Emden. Aber er besaß eine Uniform mit "einem wundervollen Kragen, rot ausgeschlagen", und einen Tschako, der nicht glänzte, einen Tuchtschako. Und er hatte einen Degen.
An dieser Stelle muß Henri Nannen, der Sohn, ein paar störende Anmerkungen zur Realität einfügen. Er tut das hastig, fast die letzten Sätze verschluckend.
Denn leider, nicht wahr, der Alte war ja nicht Gneisenau. Vielmehr warteten 1938 "oder so" zwei Nazi-Beamte auf seinen Vater, um ihn "mit Schimpf und Schande" aus dem Amt zu jagen. Weil der Sohn doch was hatte mit diesem jüdischen Mädchen und wegen dieser Münchner Geschichte - Widerstand gegen die Staatsgewalt und alles und "blablabla und so weiter, und so weiter".
Pause. Aber dann: "Der Alte zog den Degen heraus, wollte ihn zerbrechen. Aber der bog sich. Das war ja kein Damaszenerstahl. Und das schrecklich aussehende Ding, das übergab er dann den beiden." Henri Nannen lacht und hustet, und in seinen Augen schimmert es feucht. Gleich wird er sagen: "Das vergeß'' ich mein Leben nicht wieder." Er sagt es. Hätte er nur eine so schöne Geschichte über seinen eigenen Abschied als Herausgeber des "Stern".
Der fand zum Jahreswechsel sozusagen in aller Stille statt und ist auch nicht frei von Schimpf. Die Abfeierei in Presse und Funk zu seinem 70. Geburtstag am 1. Weihnachtstag, den Nannen gar nicht feiern wollte ("Das ist ja wie Muttertag, wo sich plötzlich alle erinnern"), ist davon geprägt.
"Ja, ja", seufzt Nannen, "die Hitler-Scheiße." Er meint die gefälschten Tagebücher, die auch er für echt gehalten hat. Dafür übernimmt er die volle Verantwortung - mit Pathos. Er richtet seine zwei Zentner auf im weichen Ledersofa, die 1,89-Meter-Größe wird sichtbar. Seine Stimme ist sonor, sein Hans-Albers-Blick gerade. "Was ich als mein persönliches und politisches Versagen ansehe, ist - ich hätte aufstehen müssen und sagen: mit mir im Vorstand nicht! Dann wäre es nicht geschehen."
Das ist aber fast schon wieder eine dieser Geschichten, fein gemischt aus Berechnung und tiefer Empfindung, die sich an der Realität reiben. Denn erstens meinen die "Kinder" seiner "Stern"-Redaktion, wenn sie von Schimpf oder Schande reden, nicht so sehr das Versagen ihres "Alten" in der Fälschungsaffäre. Sie haben ihn vielmehr an der Spitze ihres Aufstandes gegen Johannes Gross und Peter Scholl-Latour erwartet, als die ihnen von den Bertelsmännern als neues Chefredakteurs-Gespann aufgedrückt werden sollten. "Verräter" nennen viele ihr einstiges Idol jetzt.
Und zweitens hat sich bei dieser Gelegenheit herausgestellt, daß zuletzt Entscheidungen gefällt wurden, obwohl Henri Nannen im Vorstand sagte: "Ohne mich, und zwar in jeder Weise ohne mich." Tatsächlich hat er ja sich und seinen Ruf, wie er selbst erzählt, nur deshalb für die Redaktion "geopfert", weil sein Einspruch nichts bewirkte.
Die hätten eben nicht nur ihn entlassen, sondern auch jeden aufmüpfigen Kollegen, der behauptet: "Ich hatte doch nur die Alternative, mich selbst zu zerstören, oder ich mußte die Redaktion kaputtgehen lassen." Daß dieses Opfer auch von Leuten nicht begriffen wird, "die eigentlich Verstand haben", geht ihm "schon ein bißchen unter die Haut". Aber das räumt er nur widerwillig ein.
Der "Stern"-Gründer Henri Nannen, der nur dreihundert Schritte vom Redaktionshaus an der Alster entfernt eine Kunstgalerie betreibt, möchte sich schon vor Weihnachten einreden: "Es ist mir sehr weit weg alles." Um zu erläutern, wie er das geschafft hat, muß er schnell wieder eine Geschichte erzählen: Als Junge habe er einmal beim Milchholen fünf Mark von der Brücke ins Wasser fallen lassen, "das war damals viel Geld", und gleich gewußt: "Das kannst du nicht wieder ändern. Und für mich war damit das Problem gelöst."
Für den Fall, daß einem das vielleicht doch ein bißchen zu simpel vorkommt, schiebt er noch eine zweite Geschichte nach: darüber, wie er begriffen hat, was "Zeit und Ewigkeit sind", was "nie mehr" bedeutet. Da wollte er einmal Halma spielen, aber er mußte ins Bett, und sein Vater sagte: "Du kannst morgen wieder spielen." Gewiß hat der Knabe Henri da gelernt, das ist wahr - "aber dieses eine Spiel, dieses besondere Spiel, das findet nie mehr statt, nie
mehr". Ein Zufall ist es wohl nicht, daß der nun 70jährige Henri Nannen darauf beharrt, seine entscheidenden Lebenserfahrungen als kleiner Junge gemacht zu haben. In einem Alter, da Kinder lernen, ihre Träume und Phantasien der Realität der Erwachsenenwelt anzupassen, hat er sich offensichtlich erfolgreich verweigert.
Das hat er weitgehend durchhalten können im Leben - sein Erfolg als Blattmacher des "Stern", der zeitweise attraktivsten und erfolgreichsten Illustrierten der Welt, wurzelt hier.
Der Umgang mit Realität ist Nannens Stärke nie geworden. Von Geld, sagt er, verstehe er nichts, außer natürlich, daß man viel davon haben muß, um sich solche Koketterie leisten zu können. Für Menschen, soweit sie ihm nicht als bewunderndes und bestätigendes Publikum lebensnotwendig sind, hat er keine Ader: "Ich habe ja kein Personengedächtnis in dem Sinne, da passieren die fürchterlichsten Sachen."
Sein Gefühl für Zeit ist so unausgebildet, daß ihm selbst das Todesjahr seines Vaters, des wichtigsten Menschen in seinem Leben, nicht geläufig ist: "Ach, ich weiß ja mit Daten immer nicht so Bescheid." Dafür weiß er aber noch, daß er damals schon einen Mercedes 300 hatte, "mit Flügeltüren". Erleichtert beruft er sich dieser Tage fortwährend auf "die Gnade des Vergessens".
An die Stelle der Wirklichkeit hat Nannen viele kleine selbstgeklitterte Welten gesetzt, dargeboten auch vor sich selbst in Form von Geschichten und Anekdoten. Die sind prall und farbig, sensationell, sentimental, märchenhaft und vor allem: immer wieder anders. Der Tiffanylampen-Sammler Nannen blickt aufs Leben durch lauter bunte Glassegmente, den farbigen und fragmentarischen Abglanz nimmt er für das Ganze. Und das ist allemal sicher: Er glaubt selbst, was er sieht und sagt, wenigstens im Augenblick der Umdichtung.
Jeder, der mit ihm zusammengearbeitet hat beim "Stern", gerät ins Schwärmen über die besondere Art, mit der "Sir Henri" Woche für Woche aus Bildern und Geschichten die Welt neu zusammensetzte. Am Boden hockend oder liegend in seinem Arbeitszimmer, füllte er die "Wundertüte" (Nannen), den "Stern", mit der rechten Mischung: gierig auf neue Reize, maßlos in seinen Forderungen an seine Mitarbeiter, aber souverän in der Sicherheit seines Urteils, wann "eine Nackte oder ein Tier" hermußten, um zwischen zwei ernsten Themen das Blatt aufzulockern.
Zum 1. August 1948 hat er damit begonnen. Da erschien "unter Zulassung Nr. 109 der Militärregierung" in Hannover der erste "Stern" (früher "Zick-Zack") mit einer züchtigen Hildegard Knef auf der Titelseite und einer nur zur Hälfte abgesetzten Auflage von 130 000.
Doch dann stieg der Verkauf schnell. "Sensationen und Katastrophen, Entdeckungen und Erfindungen, Präsidentenwahlen und Modenschauen, Autorennen und Filmbälle" - so Henri Nannen 1949 - sollten sich zu einer aktuellen Wochenschau mit Bildern zusammenfügen. Dahinter stand der Anspruch, auch zu fühlen, "was unter der Oberfläche des Tagesgeschehens an unausgesprochenen Gefühlen, Ängsten und Sehnsüchten lebendig ist".
Nannen war immer überzeugt, das richtige Rezept "im Bauch" zu haben. Warum? "Die Leute interessieren sich dafür, ich glaub''s jedenfalls; denn ich interessiere mich dafür." Er ist sicher, "weil ich", wie er noch heute sagt, "irgendwo Lieschen Müller bin".
Er ist aber vor allem der Sohn von Lieschen Müller. Denn die Ernsthaftigkeit des spielenden Kindes, dessen Neugier und Naivität, dessen Mitteilungsdrang, Charme und Rücksichtslosigkeit hat Nannen nie verloren.
Die Redaktion hat diese Mischung aus Kindlichkeit und ausladender Machtallüre stets durchschaut und zugleich bewundert. 1978, zum 30. Geburtstag des "Stern", bildete sie auf einer internen Jubiläumsausgabe (Auflage 1000 Stück) ihren Chef auf Vor- und Rückseite als Cover-Figur ab: Den Knaben Henri im Matrosenanzug und den Herrscher Henri im Hermelin des Sonnenkönigs.
Im richtigen Leben ließ sich Nannen von den "Erwachsenen" im Zeitschriften-Geschäft wie Gerd Bucerius sein Spielzeug "Stern" schnell und billig abnehmen. Für ganze 375 000 Mark erwarb der "Zeit-Verlag" des Hamburger Rechtsanwalts Bucerius schon 1951 die restlichen 37,5 Prozent des Nannen-Anteils am "Stern", 12,5 Prozent hatten Bucerius und Co. dem "Stern"-Macher bereits zwei Jahre zuvor abgeluchst.
Die neuen Besitzer ließen Nannen weiterspielen, denn immerhin steigerte er den Jahresgewinn auf bis zu 60 Millionen Mark. Aber bis zum Schluß hat Nannen noch getan, als sei er der eigentliche _(Vom 1. August 1948. )
Boß. Ihn täuschten Glanz und Wirkung seiner Schöpfung, sie machten ihn zu einem mächtigen Mann. Je bunter und reizvoller die Welt des "Stern" wurde, desto größer war der Erfolg, und je größer der Erfolg, desto selbstherrlicher und fordernder wurde Henri Nannen.
Er schrieb wöchentliche Briefe an seine Leser, urteilte, höhnte, schnulzte und warb um Einfluß auf die Wirklichkeit der Bundesrepublik und der Welt. Er griff Kanzler an, kanzelte Präsidenten ab, rettete die geraubte Riemenschneider-Madonna von Volkach durch Lösegeld und half Hungernden in Äthiopien.
Keine Utopie und - Nannens bestgehaßtes Wort - keine Ideologie leiteten seine Arbeit. Durch ein verbindliches Weltbild, gültige und verläßliche Normen, zeichneten sich seine "Stern"- Bilder nie aus.
Eher war es eine Baukastenwelt voller Hintertürchen, in der ihr Schöpfer mit eigener Logik schaltete und waltete, mit sicherem Instinkt für die Wünsche seiner "Lieben Stern-Leser" und scheinbar legitimiert durch die Erfahrungen seiner eigenen Sippe - seine Großmutter und sein Sohn, seine Frau Martha und seine Schwiegermutter wurden ständig als Kronzeugen bemüht für die intuitive Weltsicht des Herausgebers.
Nicht daß der konkrete Alltag der Bundesrepublik nicht tatsächlich Niederschlag gefunden hätte im Blatt. Im Gegenteil - in seiner fragmentierten Welt legte Nannen großen Wert auf Genauigkeit und Realitätsnähe im Detail: "Warum schreibt ihr ''Er ist krank'', wenn ihr wißt, daß er Halsschmerzen hat?" hämmerte er seinen Redakteuren ein.
Früh schon ging Henri Nannens Ehrgeiz dahin, mehr zu sein als der Kapitän eines "Musikdampfers", wie Rudolf Augstein laut Nannen den "Stern" zu nennen pflegte. Eigenhändig und sehr zum Mißbehagen seiner "Zeit"-Kollegen erfand Nannen Politik als Thema des "Stern" hinzu - nicht weil er ein politischer Mensch gewesen wäre, sondern weil Politik auch Leben ist, unterhaltsam und schicksalsträchtig.
Nur mußte Politik eben hautnah und einfach dargeboten werden. Die Aussöhnung mit dem Osten, als unterschwelliger Wunsch der Deutschen früh erwittert, fand im "Stern" nicht im Thesen-Stil Egon Bahrs statt, sondern wurde praktisch vorgeführt am Beispiel des Lebens der Menschen von Darlowo (Rügenwalde) in Polen.
Spätestens in der Regierungszeit Willy Brandts bekam der "Stern" so ein liberal-progressives Image. Nannens immer auf Wirkung bedachter Stil half der Politik. Nur war es ein Irrtum, den Herausgeber für einen verkappten Sozialrevolutionär zu halten. Er paßte einfach vorzüglich in die reformbegeisterte Zeit, weil es zu seinem kindlichen Naturell gehört, an das Neue zu glauben und sich für seine Durchsetzung zu begeistern. Immer ist Henri Nannen Feuer und
Flamme, wenn Dinge in Bewegung geraten, wenn Leben in die Bude kommt.
Viele der damals vom "Stern" angelockten Überzeugungslinken in der Redaktion verwechselten die fast hysterische Besessenheit, mit der Henri Nannen das Blatt gestaltete, mit sozialliberaler Gesinnung. Er kämpfte, aber er kämpfte nicht so sehr für eine neue Welt als vielmehr gegen die Unzulänglichkeiten seiner eigenen Schöpfung. Denn Henri Nannen ist ein Perfektionist.
Wie er den "Stern" machte, oft im Alleingang, ärgerte die Redaktion bis zur Weißglut und imponierte ihr. Daß er wieder und wieder das Blatt umbaute, von Hamburg zur Druckerei nach Itzehoe raste, um noch nachts ein letztes Mal alles umzuschmeißen, ist Legende in der Branche. Der "Alte" hatte fast immer recht; meist wurde es besser - aber nie gut genug für ihn. "Einen fertigen ''Stern'' habe ich nie mehr angesehen", sagt Henri Nannen, "daran konnte ich ja nichts mehr ändern."
Die Rolle des Blattmachers, wie sie Henri Nannen verkörperte, ist eine Herrgotts-Rolle. Einer wie er, der seine Träume und Phantasien gegen die Wirklichkeit behaupten will, zumindest sie dort einzupassen versucht, muß stark sein - ein Meister der Suggestionskraft und ein rempelnder Überrumpler im Konkurrenzkampf.
Er war ein chaotischer Chef, der willkürlich und übertrieben belohnte und strafte. Seine Mannschaft liebte ihn, auch wenn er sie schurigelte, weil er das Blatt ernst nahm. Er liebte sie, solange sie ihn bewunderten und bestätigten. Dann konnten sie in der Sache mit ihm streiten, ihm sogar im Zorn die Tür eintreten. Zumindest hinterher war er begeistert: "Fabelhaft, Kinder."
Henri Nannen war ein rauher Vater. Er redet, als müsse er die Drei Musketiere in einer Person darstellen. In seiner Arbeits-Welt wird ausgekeilt und Feuer unterm Arsch gemacht, an die Wand gedrückt und in die Fresse gehauen. "Blutbäder" anzurichten gehörte zum internen redaktionellen Tagesgeschäft, den Leuten "die Wahrheit wie einen nassen Lappen ins Gesicht" zu schlagen zum Stil nach außen.
Ein Partner ist Nannen nie gewesen, auch kein Gesprächspartner. Wer ihn kurz vor seinem offiziellen Abtritt über sein Leben schwadronieren hört, wie er fast zwanghaft Anekdote an Anekdote reiht, nur hin und wieder auftaucht aus seinen Glanznummern mit verwirrtem Blick ("Warum habe ich das jetzt erzählt? Wo waren wir gleich stehengeblieben?"), der fragt sich, was von diesem Mann bleibt ohne den "Stern".
Von der legendären Story, wie er sich beim Besuch Adenauers 1955 in Moskau zum Gruppenphoto in die erste Reihe neben Nikolai Bulganin drängelt, bis zum verwegenen Ritt auf dem Schreibtisch von Leonid Breschnew kreisen seine Lebensgeschichten um "das Blatt".
Und selbst wenn Nannen in breiter Rechtfertigungsrede sein schillerndes Verhalten während der Nazi-Zeit ausbreitet - von seiner glühenden Liebe zum jüdischen Mädchen Cilly Windmüller, die ihm Prügel von der SA einbrachte und sechs Platzwunden, bis zu seinen schwülstigen Tiraden auf "den Führer", der "aus unserer innersten Mitte gleichsam als Verdichtung unseres ganzen Volkes wunderhaft heraufgestiegen ist" -, dann erscheint das alles wie ein Abfallprodukt seiner "Stern"-Aktivität, heraufbeschworen durch fragmentarische Nazi-Verdammung im Heft und nachfolgende Auseinandersetzungen.
"Nannens ''Lebenswerk'' ist sein Leben", hat Erich Kuby bei seiner polemischen Abrechnung mit dem "Stern" in leidender Liebe über seinen früheren Chef geschrieben, "ein Leben, das auf den großen Erfolg hin geführt worden ist und das daher auf den großen Erfolg des _(Vor- und Rückseite. )
''Stern'' angewiesen war." Was bleibt, wenn der wegfällt? Er fällt nicht weg. Nach alter Blattmacher-Art versucht Henri Nannen nun seiner Lebensgeschichte ein wirkungsvolles Layout zu geben, setzt zusammen, was er erzählend in gefällige Form gebracht hat, verbessert hier, aktualisiert da und schmeißt raus, was ihm nicht ins Bild paßt. "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern", war schon immer einer seiner Lieblingssprüche.
Aber diese Ausgabe mit der Titelgeschichte "Henri Nannen - mein Leben" will ihm nicht recht gelingen. Hinter der routinierten Darbietung der alten Erfolgsknüller wird jene Unsicherheit deutlich, mit der Nannen früher immer nur zu kokettieren schien. Mit Verwunderung hat er die gleichen Anzeichen bei Breschnew entdeckt, den er als "laut und unsicher" erlebte: "Was der für eine Show abzieht. Hat der das denn nötig?" Nannen, dessen Selbstbewußtsein stets des Beifalls bedarf, hatte es immer nötig. Jetzt jammert er, weil er leidet, und er leidet, weil er jammert. Nicht alle Widersprüche lassen sich wegretuschieren, nun holt ihn die Binsenwahrheit ein: daß Handlungen Folgen haben und Unterlassungen auch. Er ist dieser Situation nur schlecht gewachsen, rettet sich in Vorwürfe gegen andere, in Vergessen und zur Not - "Ich bin ja ein großer Hypochonder" - durch Flucht in Krankheit.
Nein, erfolgreich war das Ende seiner "Stern"-Laufbahn vor allem in dem Sinne, daß er jetzt, wie er einräumt, "sozusagen finanziell abgesichert" ist. Aber sein Ziel, das "Blatt in die richtigen Hände zu bringen", hat er nicht erreicht.
Seinen linken Ziehsohn Manfred Bissinger hat er fallengelassen, als der sich mit der rechten Verlagsleitung anlegte. Die glücklosen Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt waren nie in der Lage, die Legende Nannen zu verdunkeln. Bei Peter Scholl-Latour hat er schon nach dessen erstem komplizierten Leitartikel angerufen und sich beschwert, daß seine Schwiegermutter nicht alles verstanden habe.
Natürlich gesteht Nannen seinen Fehlschlag nicht direkt ein. "Der Bucerius hat ja mal was ganz Dummes gesagt: Ich hätte absichtlich nur schwache Nachfolger gewollt, damit es keinen zweiten Nannen geben könne. Wahnsinn, der ''Stern'' ist doch mein Kind. Das sollte ich selbst ruinieren?" Als wenn es je rational zugegangen wäre in seinem Leben.
Grund zum Feiern sieht Henri Nannen jedenfalls nicht beim Abschied nach über 35 "Stern"-Jahren. Zur Weihnachtsparty der Redaktion ist er nach einiger Ziererei noch gegangen, es war ihm aber, sagt er, zu nostalgisch. Ein offizielles Abschiedszeremoniell wollte er jedoch auf keinen Fall. Da müsse er zu vielen Leuten die Hand schütteln, denen er lieber in den Arsch treten würde, grummelt er vor Freunden.
Lieber hat er sich die für das Fest veranschlagten 50 000 Mark von seinen Arbeitgebern für den Kauf eines Gemäldes von Ludolf Backhuysen (1631-1708) spenden lassen. Das ist ein anderer großer Sohn Emdens, seiner ostfriesischen Heimatstadt, die Henri Nannen jetzt, nachdem er sich "in der Welt herumgetrieben hat wie ein bunter fremder Hund", wiederentdeckt hat. "Meine Heimatstadt" - das Wort zerschmilzt ihm heiser im Munde. Wie so oft, wenn er zu Geschichten anhebt, kommen einem fast die Tränen. Aber wie noch öfter, sind seine früher da.
400 000 Mark hat er zusammengebettelt für das Ölbild seines Landsmannes aus dem Jahre 1671 - "Die Übergabe des Oberbefehls der niederländischen Flotte an den Admiral von Holland und West-Friesland Michiel De Ruyter am 18. August 1665 vor Texel". 126,4 mal 163,2 Zentimeter ist es groß. Aber das ist erst der Anfang. Denn Kunsthandelei und Emden sollen Henri Nannens "drittes Leben" bestimmen: "Ich habe noch viel vor."
Und wie er unter seinen Pechsteins, Otto Muellers und Picassos die Pläne ausbreitet für ein Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts in Emden, so schwungvoll und begeistert, daß die Milch umkippt, da ist er für einen Augenblick so, wie er wohl beim Blattmachen gewesen sein muß: umwerfend. Er ruft seine Mitarbeiterin: "Wir haben, ich habe die Flasche umgeworfen." Er übernimmt die Verantwortung. Aber beim Aufwischen rührt er keinen Finger.
Vom 1. August 1948. Vor- und Rückseite.
Von Jürgen Leinemann

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