05.03.1984

35-STUNDEN-WOCHESchub durch Rock

Die heiße Phase im Konflikt über kürzere Wochenarbeitszeit hat begonnen. Ein Streik scheint unvermeidlich. *
Anfang April, bei viel Sonne vielleicht schon eher, werden die Mitarbeiter der Frankfurter IG-Metall-Zentrale eine hübsche Überraschung erleben.
In den Blumenbeeten vor dem Verwaltungsgebäude in der Wilhelm-Leuschner-Straße werden Tulpen und Krokusse aus dem Boden wachsen. Die Pflanzen sind so gruppiert, daß sie die Zahl 35 erblühen lassen: das Wunschziel der Gewerkschaft im Kampf für kürzere Wochenarbeitszeiten.
Die Blumen-Werbung ist eine der netteren Aktionen aus dem Repertoire der IG Metall. Daß die Gewerkschafter es nicht bei so gefälligen Gags belassen werden, daß sie im Streit um die 35-Stunden-Woche alle Kampfmittel einsetzen werden - dies führten sie letzte Woche, nach dem Auslaufen der Friedenspflicht, schon vor.
Im Ruhrgebiet, wo Metallindustrielle und Gewerkschafter sich zu einer neuen Verhandlungsrunde trafen, legten Metallwerker die Arbeit nieder und zogen in einem Protestmarsch vor das Verhandlungslokal in Gelsenkirchen. Mit Spruchbändern und Sprechchören forderten sie die Arbeitgeber auf, ihren Widerstand gegen die 35-Stunden-Woche aufzugeben.
In Hamburg, wo Arbeitgeber und Gewerkschaft ebenfalls zusammentrafen, fuhren Metaller in einem Autokorso zum Verhandlungsort und sprengten die Gesprächsrunde.
Mit Superlativen wird in dieser Zeit nicht sparsam umgegangen. "Im Jahr 1984", schrieb IG-Metall-Chef Hans Mayr an seine Mitarbeiter, "werden wir den voraussichtlich schwersten Tarifkampf seit 1945 zu bestehen haben."
Das kann durchaus so kommen. Noch nie wohl seit dem Wiederaufbau standen sich die Tarifparteien so unversöhnlich gegenüber. Noch nie auch war der Streitpunkt von so grundsätzlicher Bedeutung.
Zur Debatte steht nicht nur, ob die Deutschen ein paar Stunden weniger arbeiten. Zur Debatte steht auch die Zukunft der bundesdeutschen Industriegesellschaft - ob die Bürger bereit sind, die knapper werdende Erwerbsarbeit auf mehr Köpfe zu verteilen; oder ob sie weiter auf ungebremstes Wirtschaftswachstum setzen.
Die Gewerkschaften haben lange gezögert, ehe sie sich zum Kampf für die 35-Stunden-Woche entschieden. Erst jetzt, im neunten Jahr der Millionen-Arbeitslosigkeit, sehen sie in kürzeren Schaffenszeiten "den entscheidenden Ansatz, um Arbeitslose von der Straße zu holen" (DGB-Chef Ernst Breit).
Was bisher lief, waren nur Vorgefechte. Richtig heiß soll der Streit um die Zeit erst nach dem Ende der närrischen Tage werden. Von Aschermittwoch an will die IG Metall die gesamte Republik mit einer Serie von Warnstreiks überziehen.
Und nicht nur das: Neben den bundesweiten Kurzstreiks sollen vielerlei Aktionen gestartet werden. In einer Aktion "Unternehmer auf dem Prüfstand" etwa sollen die IG-Metall-Vertrauensleute den Kollegen am Beispiel ihres Betriebes vorrechnen, daß die von den Metallindustriellen angebotene Vorruhestandsregelung nicht so viele Arbeitsplätze schafft wie die 35-Stunden-Woche.
Die Aktion "Jetzt hättest Du Feierabend" soll helfen, die Werktätigen von den Vorzügen kürzerer Arbeitszeiten für sie selbst zu überzeugen. Eine Stunde vor Schichtende werden die Vertrauensleute der IG Metall die Kollegen in den Betrieben darauf aufmerksam machen, daß sie bei einer 35-Stunden-Woche schon Feierabend hätten. Die Botschaft sei am besten, empfiehlt die IG-Metall-Zentrale, durch Weckergeklingel zu verbreiten.
Neben dem PR-Rummel in den Betrieben plant die Gewerkschaft ein öffentliches Veranstaltungsprogramm. So wollen die Metaller sowohl auf dem Internationalen Frauentag am Donnerstag dieser Woche als auch auf den Ostermärschen der Friedensbewegung für ihre Ziele werben. Pop-Konzerte sollen ebenso für Schub sorgen wie Aufrufe von prominenten Künstlern, Ärzten und Politikern.
Die Kampagnen haben einen doppelten Zweck. Zum einen sollen sie die Metallindustriellen unter Druck setzen. Zum anderen dienen sie dazu, die Basis in den Betrieben für die Gewerkschaftsforderung mobil zu machen.
Das tut not, denn bislang haben die Gewerkschaftsführer für ihre Forderung noch wenig Rückendeckung. Bei einem Treffen der Tarifexperten aus den IG-Metall-Bezirken zogen die Funktionäre eine ernüchternde Bilanz: Nur eine Minderheit der Mitglieder, so ergab eine Übersicht, unterstützt die Gewerkschaftsforderung.
Meinungsumfragen bestätigen dies. Allenfalls ein Drittel der Werktätigen, so die wöchentlichen Befragungen des Emnid-Institutes, befürworten die 35-Stunden-Woche.
Die Reserve gegenüber der IG-Metall-Forderung ist nicht verwunderlich: Viele Arbeitnehmer fürchten, daß weniger Arbeit letztendlich auch weniger Geld bedeutet. Das Gewerkschaftsargument, Arbeitszeitverkürzung helfe neue Jobs zu schaffen und die alten zu sichern, leuchtet längst nicht allen ein.
Seit Monaten hämmert überdies eine große Koalition aus Regierenden, Unternehmern und konservativen Wirtschaftsprofessoren den Deutschen ein, die 35-Stunden-Woche sei ein Irrweg. Sie gefährde die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie und produziere mehr statt weniger Arbeitslose.
Zudem haben sich die Metallarbeitgeber eine wirksame Strategie zurechtgelegt. Statt stur jede Art von Arbeitszeitverkürzung abzulehnen, konterte Gesamtmetall-Geschäftsführer Dieter Kirchner die Gewerkschaftsforderung mit einem attraktiven Gegenangebot. Schon Ende letzten Jahres bot Kirchner der IG Metall Verhandlungen über die von Arbeitsminister Norbert Blüm propagierte Vorruhestandsregelung sowie über flexible Arbeitszeiten an.
Die IG Metall dagegen beharrte auf der 35-Stunde-Woche. Weder klärte sie
die Öffentlichkeit darüber auf, daß dies eine Maximalforderung ist, die nicht in einem Schlag verwirklicht werden soll. Noch stellte sie klar, daß die Metallarbeiter für kürzere Schaffenszeiten auf einen Teil ihres Lohnzuwachses verzichten wollen.
Die Gewerkschaftsfunktionäre propagieren bis heute die mißverständliche Formel vom vollen Lohnausgleich. Sie erwecken damit den Eindruck, die IG Metall schere sich nicht um die Lohnkosten, die rein rechnerisch bei fünf Stunden weniger Arbeit in der Woche und bei gleicher Bezahlung wie bisher um mindestens 14,3 Prozent steigen müßten.
Während die Gewerkschaften noch unverdrossen für fünf Stunden weniger trommeln und die Unternehmer verbissen die 40 Wochenstunden verteidigen, zeichnet sich in manchen Betrieben schon eine Kompromißlinie ab. Dabei würde die Arbeitszeit etwas verringert; gleichzeitig erhielten die Betriebe die Möglichkeit, ihre Maschinen länger laufen zu lassen und so die Kapitalkosten zu senken.
In den Gummiwerken Fulda handelten die Manager mit der IG Chemie aus, daß die Betriebszeit des Unternehmens um etwa zehn Prozent verlängert wird. Die persönliche Schaffenszeit der Arbeitnehmer wird nun von 40 auf 38,5 Stunden herabgesetzt, bei vollem Lohnausgleich. Für die zusätzliche Produktionszeit werden 150 Leute neu eingestellt.
Aufmerksam notierten Arbeitgeber und Gewerkschafter Vorschläge der Münchner BMW-Werke. Die bayrischen Autobauer würden gern die tägliche Schichtzeit verlängern und wollen auch an Sonnabenden die Bänder laufen lassen. Statt zweimal acht Stunden an fünf Wochentagen sollen künftig sechs Tage lang zwei Neun-Stunden-Schichten gefahren werden.
Diese Lösung brächte allen Seiten Vorteile. Die Fließbänder wären um 35 Prozent besser ausgelastet, weil die Betriebszeit von 80 auf 108 Stunden pro Woche verlängert würde. Die Arbeitnehmer müßten statt bisher 40 nur noch 36 Stunden arbeiten, weil das Unternehmen bei 108 Betriebsstunden eine dritte Schicht einstellen müßte. Es würden also auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
Für Kompromisse dieser Art ist es jetzt noch zu früh. Der Arbeitgeber-Verband Gesamtmetall und die Gewerkschaft haben sich so tief vergraben, daß wohl nur ein Arbeitskampf die Fronten auflockern kann. Noch in diesem Monat werden die Metaller wohl das Scheitern der Verhandlungen erklären. Anschließend werden die Arbeitgeber wahrscheinlich eine Schlichtung beantragen. Erst danach darf die IG Metall ihre Mitglieder zur Urabstimmung rufen.
Die müßte entweder noch vor Ostern oder in der Woche nach dem Fest stattfinden, damit es bei dem von der IG Metall anvisierten Streikbeginn bleibt - Anfang Mai, pünktlich zum Kampftag der Arbeiterklasse. _(Letzten Freitag in Hamburg. )
Letzten Freitag in Hamburg.

DER SPIEGEL 10/1984
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