05.03.1984

„Wir suchen die Lösung in Verhandlungen“

SPIEGEL-Interview mit dem IG-Metall-Vizechef Franz Steinkühler über Streiks und die 35-Stunden-Woche *
SPIEGEL: Herr Steinkühler, weshalb hat die IG Metall so große Probleme, ihre Mitglieder für den Kampf um die 35-Stunden-Woche zu mobilisieren?
STEINKÜHLER: Probleme gab es immer, diesmal allerdings mehr als sonst. Grund dafür ist, daß die hohe Arbeitslosigkeit auf die Stimmung drückt. Außerdem kämpfen wir gegen eine wirkungsvolle Koalition aus Kapital und Kabinett ...
SPIEGEL: ... meinen Sie den Bundeskanzler Kohl, der Ihre Forderung für absurd und dumm hält?
STEINKÜHLER: Ja, außerdem verlangt unsere Forderung eine sehr differenzierte Argumentation, differenzierter als jemals zuvor.
SPIEGEL: Bislang hat sich keine Seite in den Tarifverhandlungen bewegt. Wann wird denn nun was passieren?
STEINKÜHLER: Die Verhandlungen haben nichts gebracht, nullum. Wir werden noch eine Weile alle nur denkbaren Möglichkeiten in den Verhandlungen ausschöpfen, um einen Kompromiß zu erreichen. Wir können die Arbeitgeber allerdings nur bewegen, wenn wir sie von unserer Kampfkraft überzeugen. Wir werden beweisen müssen, daß wir kampffähig und kampfbereit sind. Aber nochmals: Wir suchen die Lösung am Verhandlungstisch.
Auf allen Versammlungen, die ich besuche - und ich bin jeden Abend im ganzen Bundesgebiet auf einer anderen -, ist die Stimmung gleich. Die Säle sind proppenvoll, und die Stimmung ist ganz hervorragend. Wenn das ein zuverlässiger Indikator wäre, bräuchten wir uns um unsere Kampfkraft überhaupt keine Sorgen zu machen.
SPIEGEL: Sorgt es Sie wirklich nicht, daß bei manchen Mitgliedern die Argumente der Arbeitgeber und Wissenschaftler Eindruck machen, wonach die 35-Stunden-Woche den Aufschwung abwürgt?
STEINKÜHLER: Mit Sicherheit kann ich Ihnen sagen, daß die Wissenschaftler kein großes Gewicht bei den Mitgliedern haben. Aber natürlich: Wenn man eine solche Auseinandersetzung vor sich hat - und das ist diesmal etwas anderes als eine reine Lohnrunde, das ist eine Forderung von gesellschaftspolitischer Dimension -, dann wäre wohl jeder Gewerkschafter am falschen Platz, der sich keine Sorgen macht.
SPIEGEL: Die Friedenspflicht ist jetzt abgelaufen, wird jetzt Ihre Basis mehr Druck machen?
STEINKÜHLER: Ja, es wird in den nächsten Wochen Warnstreiks geben.
SPIEGEL: Die letzten Verhandlungstermine sind für März angesetzt. Soll danach schon richtig gestreikt werden?
STEINKÜHLER: Es kann auch noch im April Verhandlungen geben. Sicher ist, daß es nicht ewig so weitergehen kann. Verhandlungen verlieren ihren Sinn, wenn die Arbeitgeber dabei bleiben, daß vier Wochen Streik besser sind als eine Minute Arbeitszeitverkürzung. Eine Schlichtung lohnt sich nur, wenn die Arbeitgeber kompromißbereit sind.
SPIEGEL: Und die IG Metall doch wohl auch?
STEINKÜHLER: Wenn wir nicht kompromißbereit wären, würden wir doch nicht verhandeln, sondern den Arbeitgebern einen Brief schreiben und mit Streik drohen. Unsere Forderung heißt 35-Stunden-Woche, das bedeutet aber nicht, daß wir nicht auch mit der 35,5-Stunden-Woche einverstanden wären. Ich kann mir eine ganze Reihe von Lösungsmöglichkeiten vorstellen.
SPIEGEL: Welche sind das?
STEINKÜHLER: Das ist Verhandlungssache. Nur, das setzt voraus, daß die Arbeitgeber bereit sind, sachdienliche Gespräche zu führen.
SPIEGEL: Die 40-Stunden-Woche muß auf jeden Fall weg?
STEINKÜHLER: Ja, das ist unverzichtbar.
SPIEGEL: Heißt das: Bei einer Verkürzung unter 40 Stunden beginnt Ihre Kompromißbereitschaft?
STEINKÜHLER: Das werde ich Ihnen jetzt nicht sagen. Das wird sich am Verhandlungstisch herausstellen.
SPIEGEL: Lassen Sie über den Lohnausgleich mit sich reden?
STEINKÜHLER: Wir reden über Metallarbeiter mit 1740 Mark netto, die drei Jahre Reallohnverlust hinter sich haben. Weiterer Lohnverzicht ist da unmöglich.
SPIEGEL: Flexiblere Arbeitszeiten sind kein Tabu?
STEINKÜHLER: Nein, durchaus nicht, es gibt ja jetzt schon flexible Arbeitszeiten: Überstunden, Kurzarbeit, gleitende Arbeitszeiten, auch Samstagarbeit - das alles waren und sind keine Tabus. Über all diese Dinge kann auch geredet werden, aber zunächst muß das Tabu der 40-Stunden-Woche fallen.
SPIEGEL: Das klingt, als bewegten Sie sich auf die Arbeitgeber zu. Glauben Sie denn nicht, daß ein Streik am Ende überflüssig wird?
STEINKÜHLER: Mit zunehmender Dauer der Verhandlungen schätze ich die Möglichkeiten, einen Streik zu vermeiden, als immer geringer ein. Unsere Forderung nach Arbeitszeitverkürzung ist offensichtlich für die Arbeitgeber nur das Vehikel, die Generalauseinandersetzung zu suchen, um uns kaltzustellen. Die 35-Stunden-Woche ist nur noch ein Vorwand. Die wollen zahnlose Gewerkschaften, um dann ungehindert ihre Interessen durchzusetzen.

DER SPIEGEL 10/1984
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DER SPIEGEL 10/1984
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