05.03.1984

PORNOGRAPHIENackt im Hemd

In einer niedersächsischen Kleinstadt entscheidet der Verwaltungschef, was „Schweinkram“ ist. *
Im Städtchen Burgdorf bei Hannover herrschen außer den Christ- und Freidemokraten, die im kommunalen Parlament die Mehrheit haben, seit Mitte vergangener Woche auch wieder Sitte, Anstand und Ordnung.
Die Wende in der bislang lediglich durch Spargel bekannten Gemeinde am Heiderand besorgte der auf dem Papier parteilose Stadtdirektor Horst Bindseil, 56. In den zuständigen Ratsausschüssen setzte er durch, das Arbeitsverhältnis des Leiters der Stadtbücherei fristlos zu kündigen.
Bindseil und sein christlich-demokratischer Bürgermeister Hans-Jürgen Huth haben den Diplom-Bibliothekar Hans-Peter Mieslinger, 36, in Verdacht, ein Straftäter zu sein, der in den Regalen der städtischen Ausleihe pornographische Schriften schwersten Kalibers öffentlich ausgestellt und sogar Jugendlichen zugänglich gemacht hat.
"Wie in der Kießling-Affäre", so CDU-Huth, langte den kleinstädtischen Politikern der schiere Glaube an "Schweinkram" (Bindseil) in einem ihrer öffentlichen Häuser. Und weil erste Berichte über die Angelegenheit schon erschienen waren, fanden sie, daß Mieslinger, nicht nur Mitglied der SPD, sondern auch des Personalrats, solche Gebote wie Treuepflicht, Gehorsamspflicht und Amtsverschwiegenheit verletzt und "ein Negativbild von Burgdorf verursacht" habe.
Der Fall begann mit einer Sammelbestellung, die Mieslinger bei der gewerkschaftseigenen "Büchergilde Gutenberg" aufgegeben hatte. Als das Paket ankam, fehlte ein Buch, und der Gewerkschaftsklub schickte es als Briefsendung hinterher. Adresse: Stadt Burgdorf, Postfach 229.
Anfang Februar landete das Buch auf dem Schreibtisch des Bindseil-Vertreters Werner Becker (CDU), der Mieslinger umgehend zum Rapport antreten ließ. Vor ihm lag "Barbara", ein erotischer Roman von Frank Newman, in gekürzter Fassung.
Ungekürzt hatte das Buch vor anderthalb Jahrzehnten ein Schöffengericht in Darmstadt beschäftigt, das aber "den Einwand, das Buch sei ein Kunstwerk, nicht entkräften" konnte. Die Verlesung besonderer Stellen hatte damals abgebrochen werden müssen, wegen Ermüdung des Gerichts.
Munter dagegen war offenbar bei der Burgdorfer Verwaltung in der Neuerwerbung geblättert worden. Der städtische Direktor Becker jedenfalls beschied Mieslinger, so dessen Erinnerung: "Es handelt sich um Pornographie", und da die städtische nicht Mieslingers persönliche Bibliothek sei, müsse überlegt werden, ob "Barbara" dort etwas zu suchen habe. Der Bibliothekar hielt dagegen: "Ich bin nicht Vormund meiner Leser."
Danach geschah vierzehn Tage lang nichts, bis Anfang vorletzter Woche sich eine Art Rollkommando der Stadtverwaltung Zugang zur Bücherei verschaffte und Mieslinger, der in seinem Büro arbeitete, alte Bücherrechnungen unter die Nase hielt, auf denen einzelne Teile gelb markiert worden waren.
Mit der Warnfarbe gekennzeichnet waren etwa "Bikini", "Vom Sklaven der Liebe" und "Evas Töchter werden mündig" - Titel, die bei den mit der Sache befaßten Rathausbediensteten offenbar die Phantasie hatten durchgehen lassen. Das eine Buch handelt von Atombombenversuchen
auf dem Bikini-Atoll, das andere enthält Geschichten aus 1001 Nacht, das dritte schrieb SPIEGEL-Redakteur Rolf Lamprecht über "Die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft".
Am Ende transportierten die Fahnder 54 Bücher ab, deren Titel auf Schweinkram hinwiesen. Brieflich erhielt Mieslinger von Stadtdirektor Bindseil die Mitteilung, "daß das von Ihnen für die allgemeine Ausleihe beschaffte Buch 'Barbara' eine pornographische Schrift im Sinne des Paragraphen 6 des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften ist".
Die Feststellung, ob nach diesem Gesetz ein Buch unter "schwer gefährdende Schriften" und damit unter die Strafandrohung der Paragraphen 131 ("Verherrlichung von Gewalt") und 184 ("Verbreitung pornographischer Schriften") fällt, obliegt freilich keinem Stadtdirektor, sondern ordentlichen Gerichten nach Anklage der Staatsanwaltschaft, die auf eine Anzeige hin tätig wird.
Allerdings hatte sich Stadtdirektor Bindseil an die Bonner "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften" gewandt und von deren Chef Rudolf Stefen die Auskunft erhalten, daß "Barbara" (ungekürzt) in der Liste von Schriften aufgeführt sei, "die geeignet sind, Kinder oder Jugendliche sittlich zu gefährden", daß über "Barbara" (gekürzt) aber erst noch entschieden werden müsse. Den Bescheid nach Burgdorf gab der Bundesprüfer denn auch in der Annahme, es gehe Bindseil darum, "seinen Bibliothekar vor Schwierigkeiten zu bewahren", so Stefen zum SPIEGEL.
Von wegen. Bindseil entdeckte nicht nur weitere "über 20 Schriften" mit Porno-Verdacht, sondern ließ, so Mieslinger, in der Entleiherkartei auch nachforschen, ob und an wen derlei Literatur ausgegeben wurde. So weit hatten sich andere Bücherei-Zensoren bislang nicht vorgewagt. In Lübeck wurde zwar ein DDR-Kinderlexikon aus der Kinder- in die Erwachsenenabteilung verbannt, dann aber wieder an den alten Platz zurückgestellt. Und im bayrischen Krailling ließ die Behörde den SPIEGEL, aber auch den "Bayernkurier" aus der Bücherei entfernen.
Auf die Frage nach den mehr als zwanzig Titeln, die Bindseil auf seinen Index gesetzt hat, mag der Verwaltungschef nicht antworten: "Ich will mich nicht tiefer hineinbegeben in diese Situation." Er hält es nur "für selbstverständlich, daß die in den Giftschrank wie in der Apotheke kommen".
In sechs Fällen, die Bindseil als "harte Pornographie" vorverurteilt hat, ließ er die Urteilsbegründung gleich mitliefern. Beispiel: "Bjoerneboe, Nackt im Hemd (Pornographie mit Gewalttätigkeiten, Vergewaltigung durch Polizisten)".
Wie man im Burgdorfer Rathaus auf das Votum gekommen ist, erläuterte Bürgermeister Huth: "Ganz einfach, wir haben die Bücher gelesen."

DER SPIEGEL 10/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PORNOGRAPHIE:
Nackt im Hemd

  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg
  • Volocopter: Flugtaxi-Versuch in Stuttgart geglückt
  • Verblüffende Erklärung: Warum Trumps Gesicht (eigentlich nicht) orange ist
  • Das Tier im Menschen: Warum manche führen und andere folgen